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Wohlfahrtsstaat, der

Grammatik Substantiv (Maskulinum) · Genitiv Singular: Wohlfahrtsstaat(e)s · Nominativ Plural: Wohlfahrtsstaaten
Aussprache  [ˈvoːlfaːɐ̯ʦˌʃtaːt]
Worttrennung Wohl-fahrts-staat
Wortzerlegung Wohlfahrt Staat1
ZDL-Vollartikel

Bedeutung

gelegentlich abwertend Staat, der sich in umfassender (und häufig zugleich bevormundender, abhängig machender) Weise um das Wohl seiner Bürger kümmert
Teilweise synonym mit Sozialstaat, teilweise zur Bezeichnung eines Versorgungsstaates im Gegensatz zum freiheitlichen Sozialstaat verwendet.
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: der moderne, sozialdemokratische, klassische, großzügige, umfassende, soziale, europäische, deutsche, schwedische Wohlfahrtsstaat
als Akkusativobjekt: den Wohlfahrtsstaat reformieren, erhalten, finanzieren, ausbauen
in Präpositionalgruppe/-objekt: Kritik am, Abschied vom Wohlfahrtsstaat
als Genitivattribut: die Reform, der Ausbau, die Krise, die Zukunft, das Modell, die Idee, die Segnungen, die Kosten des Wohlfahrtsstaates
Beispiele:
[Der] Wohlfahrtsstaat ist eine der größten zivilisatorischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts. Dies gilt insbesondere für eine angemessene Altersversorgung. Unser Wohlfahrtsstaat darf daher nicht durch Überdehnung und Überforderung gefährdet werden. [Der Standard, 18.10.2012]
Diesen modernen Wohlfahrtsstaat nennt Sloterdijk – in Abgrenzung von der gewohnten Rede von Vater Staat – den »quasitotalen Allomutterstaat des 20. Jahrhunderts«. Dieser befiehlt und diktiert nicht, sondern umsorgt und pflegt. Die Bürger werden wie Kinder behandelt, die alles umsonst bekommen und dadurch mental abhängig werden von der allgebenden Verwöhnungsinstanz. [Neue Zürcher Zeitung, 10.02.2021]
In den europäischen Wohlfahrtsstaaten ist ein positiver Freiheitsbegriff bestimmender, die Vorstellung, dass man Menschen durch Absicherung erst ermöglichen muss, frei zu sein. In den USA herrscht eher ein negativer Freiheitsbegriff vor – man ist frei von etwas. [Der Tagesspiegel, 25.10.2020]
Zur Bilanz des Wohlfahrtsstaates gehört ja auch die Erkenntnis, dass ein garantiertes Einkommen die Menschen nicht automatisch zu freien und sozial verantwortlichen Bürgern macht[…]. [Die Zeit, 17.03.2005]
Eine führende sozialwissenschaftliche Enzyklopädie definiert den Wohlfahrtsstaat als »institutionellen Ausdruck der Übernahme einer legalen und damit ausdrücklichen Verantwortung einer Gesellschaft für das Wohlergehen aller ihrer Mitglieder in grundlegenden Belangen«. Allerdings trifft diese Umschreibung auch auf die Struktur »sozialistischer« Gemeinwesen zu. Von diesen unterscheidet sich der europäische Weg in die Moderne durch die Autonomie des marktwirtschaftlichen Systems. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.2002]
86 Prozent der dreieinhalb Millionen Singapurer wohnen in preisgünstigen staatlichen Wohnungen, die in regelmäßigen Abständen kostenlos renoviert und modernisiert werden. Aber eben nur, wenn sich die Wähler auch erkenntlich zeigen. Der Wohlfahrtsstaat, der in Singapur um seine Bürger besorgt ist wie wohl nirgends sonst, gibt der Regierungspartei äußerst wirksame Druckmittel in die Hand. [Süddeutsche Zeitung, 03.11.2001]
Deutschland braucht keinen Wohlfahrtsstaat, der seinen Bürgern unbegrenzte Sicherheit garantiert und jedes Risiko abnimmt, aber gerade dadurch zum Staate des Gängelbands wird, der die Initiative zu eigener Leistung und Verantwortung erstickt. Zuviel Sicherheit wird immer mit zuwenig Freiheit bezahlt. Was wir wirklich brauchen, ist ein Staat der sozialen Gerechtigkeit, der jedem seiner Bürger eine faire Chance gibt und gönnt. [Die Zeit, 15.09.1949]

letzte Änderung:

Typische Verbindungen zu ›Wohlfahrtsstaat‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Wohlfahrtsstaat‹.

Zitationshilfe
„Wohlfahrtsstaat“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Wohlfahrtsstaat>.

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