Zigeuner, der

GrammatikSubstantiv (Maskulinum) · Genitiv Singular: Zigeuners · Nominativ Plural: Zigeuner
Aussprache
WorttrennungZi-geu-ner
Wortbildung mit ›Zigeuner‹ als Erstglied: ↗Zigeunerbande · ↗Zigeunerfeindlichkeit · ↗Zigeunerin · ↗Zigeunerkapelle · ↗Zigeunerkarawane · ↗Zigeunerkind · ↗Zigeunerlager · ↗Zigeunerleben · ↗Zigeunermusik · ↗Zigeunerprimas · ↗Zigeunerromantik · ↗Zigeunerschnitzel · ↗Zigeunersprache · ↗Zigeunertonleiter · ↗Zigeunerwagen · ↗zigeunerfeindlich · ↗zigeunerhaft · ↗zigeunerisch
 ·  mit ›Zigeuner‹ als Grundform: ↗zigeunern
DWDS-Vollartikel, 2018

Bedeutungen

1.
(häufig) diskriminierend (männliche) Person, die der Bevölkerungsgruppe der Sinti bzw. der Roma2 angehört
Im heutigen, besonders im öffentlichen Sprachgebrauch gilt die Bezeichnung Zigeuner für Angehörige (ursprünglich) romanisprachiger Minderheiten in europäischen sowie einigen anderen Ländern überwiegend als diskriminierend. Sie ist häufig mit der Zuschreibung negativer, teils auch folkloristischer oder verklärender Stereotype verbunden, wie z. B. der Assoziation mit einer nomadisierenden Lebensweise. Statt des Ausdrucks Zigeuner werden heute die Selbstbezeichnungen Sinto bzw. allgemeiner ²Rom verwendet, meist im Plural in der Paarformel Sinti und Roma.
Beispiele:
Der »Zentralrat Deutscher Sinti und Roma« findet es beleidigend, wenn man von Zigeunern spricht, deshalb hat sich in Deutschland im offiziellen Sprachgebrauch »Sinti und Roma« eingebürgert. […] [Spiegel, 17.01.2013 (online)]
Viele der Vorurteile – die »Zigeuner« seien schmutzig, stählen […] – entwickelt man bereits im 15. Jahrhundert, als die aus Indien stammenden Roma in einer Art späten Völkerwanderung im Abendland erscheinen. [Die Zeit, 09.02.2012, Nr. 07]
Dann geht es hinaus aus der Stadt [im Süden Serbiens], vorbei an den Siedlungen der Zigeuner, wo Frauen in langen bunten Röcken die Wäsche in großen Metalltrögen waschen, Männer mit Schnurrbärten plaudern und rauchen und Scharen von Kindern herumtollen. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.12.2000]
Flamenco wurde durch die andalusischen Zigeuner, die gitanos, ausgeprägt. […] [Süddeutsche Zeitung, 26.03.1997]
Schluchzende Geigen, schwarze Augen, leidenschaftlicher Gesang, schöne Mädchen, feurige Burschen alles, was sich für uns mit dem Begriff »Zigeuner« verbindet, können die Berliner gegenwärtig [auf der Bühne] im Friedrichstadt-Palast antreffen. Auch die Zigeunerromantik, die sich in Lagerfeuer, Planwagen und Mondscheinstimmung ausdrückt […]. [Berliner Zeitung, 31.05.1972]
übertragen Yehudi Menuhin hat gesagt, in jedem echten Geiger stecke stets auch ein Zigeuner, also die Lust am sinnlichen, hexenmeisterlichen Violinspiel [als eine Sinti bzw. Roma stereotyp zugeschriebene Eigenschaft]. [Süddeutsche Zeitung, 04.11.2006]
Kollokationen:
in Präpositionalgruppe/-objekt: Vorurteile gegen Zigeuner
mit Prädikativ: Zigeuner sind eine Minderheit [im Land]
als Genitivattribut: die Sprache, Welt, Musik der Zigeuner; die Diskriminierung, Verfolgung der Zigeuner
in vergleichender Wort-/Nominalgruppe: [jmdn., Sinti, Roma usw.] als Zigeuner bezeichnen, beschimpfen, verfolgen
a)
allgemeiner, (gelegentlich) diskriminierend (männliche) Person, die einer anderen, ohne festen Wohnsitz lebenden, umherziehenden Bevölkerungsgruppe angehört
Beispiele:
»Obwohl die Jenischen eine andere Volksgruppe [als die Sinti und Roma] sind«, […] zählen auch sie zu den »reisenden Volksgruppen«, im Volksmund »Zigeuner« genannt. [Der Standard, 14.07.2008]
Die Aktion entzog zwischen 1926 und 1972 rund 600 jenische Kinder ihren Eltern. […] Ziel war es, die Kinder der als »Zigeuner« und »Gesindel« an den Rand der Gesellschaft gedrängten Jenischen zu »brauchbaren Bürgern« zu machen. [Neue Zürcher Zeitung, 28.11.2016]
In aktuellen Produktionen [des britischen Kinos] rücken […] vermehrt auch andere Randgruppen in den filmischen Blick: So zeigt Perry Ogdens »Pavee Lackeen« das Leben irischer Zigeuner […]. [Neue Zürcher Zeitung, 26.04.2006]
Claude […] und Yolanda […] sind Schweizer und Zigeuner oder genauer: Jenische. […] Das Paar hausiert mit Besen, Schürzen, Wäscheklammern und ist nie länger als 14 Tage an einem Ort. [die tageszeitung, 29.07.1998]
Wanderer [der sog. Irish Travellers oder Pavees] mit ihren Wagen sind seßhaft […] gemacht, ihre Plätze mit sanitären Anlagen versehen, die Kinder in die Schule geschickt worden. Wer da um das bunte alte Irland trauert, wird auch für das Wandervolk fürchten: sozialisierte Zigeuner sind nicht romantisch. [Die Zeit, 16.06.1967, Nr. 24]
b)
übertragen, umgangssprachlich jmd., der ein ungebundenes, unstetes, häufig den Wohnort wechselndes Leben führt
Dieser Wortgebrauch gilt wegen der mit diskriminierenden oder verklärenden Stereotypen verbundenen Hauptbedeutung von Lesart 1 in zunehmendem Maß als nicht akzeptabel.
Beispiele:
Aber was man normalerweise unter einem Heimatgefühl versteht, so was habe ich nicht. […] Ich bin ein Zigeuner, war immer gern unterwegs. [Berliner Zeitung, 12.02.1992]
[…] Virtuosentum gibt es wohl erst seit [dem Geiger] Paganini, dem Zigeuner unter ortsfest braven Italienern. [Der Standard, 17.09.2010]
Bei Filmemachern denken sie [die Kulturpolitiker] offenbar, wir seien eh Zigeuner, die mal hier und mal dort arbeiten […]. [Der Spiegel, 28.06.2004, Nr. 27]
»Ich bin ein moderner Zigeuner«, sagt Wolfgang N […], der allein seit seiner Hochzeit 1969 […] 20 Mal umgezogen ist, »immer mit Sack und Pack«, von Kontinent zu Kontinent. […] [Die Welt, 21.05.2002]
2.
landschaftlich Bezeichnung unterschiedlicher Speisepilzarten wie Flockenstieliger Hexen-Röhrling oder Reifpilz
Beispiele:
Der Reifpilz, auch Zigeuner genannt, der Safranschirmling, der amethystblaue Lack-Trichterling, aber auch Steinpilze, Pfifferlinge und diverse Champignonarten entfalten derzeit im Forst ihre Pracht. [Frankfurter Rundschau, 16.09.2000]
Obwohl ein Hexenröhrling, ist dies [der Flockenstielige Hexen-Röhrling] ein hervorragender Speisepilz […]. Der Geruch ist angenehm, der Geschmack ist mild. Vielleicht auch deshalb die zahlreichen Volksnamen, wie Tannen-, Schuster-, Donnerpilz oder Zigeuner. [Flockenstieliger Hexen-Röhrling, aufgerufen am 11.09.2015]
Gute Marktpilze und zugleich gute Speisepilze sind dagegen Steinpilz, Maronenpilz, Rotkappe, Maischwamm, Grünling, Zigeuner, Grünscheckiger Täubling […] und andere. [Ulbrich, Eberhard: Essbar oder giftig?, Berlin: Grüne Post 1937, S. 13]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Zigeuner · zigeunerisch · zigeunern · Zigeunerleben
Zigeuner m. Angehöriger eines ursprünglich nomadisierenden, über viele Länder verstreut lebenden indoeuropäischen Volkes, das etwa im 10. Jh. aus Nordindien ausgewandert ist, in Gruppen vor allem auf dem Wege über den Iran, Armenien und die Balkanländer, teilweise wohl auch über Syrien, Nordafrika und Spanien nach Europa gelangt und Anfang des 15. Jhs. (urkundlich zuerst 1417 nachweisbar) deutschen Boden betritt. Der mit Selbstbezeichnungen wie zigeuner. sinto (meist sinti, sindhi Plur.), auch rom (eigentlich ‘Mann, Gatte’), manusch (eigentlich ‘Mensch, Mann’) nicht in Zusammenhang stehende dt. Name findet sich in seiner heute üblichen Lautgestalt schon in den frühesten hd. Zeugnissen als frühnhd. (bair.) Zigeuner (1418), Cigäwnär (1. Hälfte 15. Jh.). Der Diphthong der zweiten Silbe dieser Form setzt einen Tonvokal -u- (umgelautet -ü-) voraus, der auch in frühnhd. (westmd.) Ziguner, mnd. sēgūner (beide 15. Jh.) begegnet, aber noch der Erklärung entbehrt. Daneben stehen Varianten wie frühnhd. (schweiz.) Ziginer (15. Jh., mit Entrundung des -ü-, vielleicht begünstigt durch Anklang an frühnhd. Sarraciner ‘Sarazene, Heide’, das in der Schweiz zunächst gleichfalls Benennung für die umherziehenden fremdartigen Menschen ist), (obd.) Zingyner (16. Jh.) und in verschiedenen Landschaften bis ins 18. Jh. verbreitetes Zigäner, auch (umlautlos) Ziganer (vgl. mnd. sīgēner, vereinzelt sīgāner), sämtlich mit der im Dt. für Stammesnamen gebräuchlichen Endung -er. Die Form mit dem Tonvokal -a- schließt sich an mnd. sēkāne ‘Zigeuner’ (15. Jh., vgl. mlat. secanus, sechanus) an, das seinerseits Entlehnung aus dem Slaw. ist und Herkunft des Ausdrucks aus dem südosteuropäischen Raum erkennen läßt, vgl. atschech. cikān, cigān (tschech. cikán), slowak. cigán, serbokr. cȉgan(in) Sing., cȉgani Plur., mbulg. aciganinъ Sing., acigane Plur. (bulg. cíganin, циганин), ferner rumän. țigan, ungar. cigány. Zugrunde liegt wohl das (in ital. zingaro, älter auch zingano ebenfalls fortlebende) gleichbed. mgriech. tsínganos (τσίγγανος), älter atsínganos (ἀτσίγγανος, latinisiert mlat. acinganus), das wahrscheinlich auf mgriech. Athínganoi (Ἀθίγγανοι) Plur., den Namen einer ketzerischen Sekte in Phrygien und Lykaonien (erwähnt seit Anfang 9. Jh.), zurückzuführen ist; dieser wurde möglicherweise auf die durch Kleinasien ziehenden, gleichermaßen verabscheuten Zigeuner übertragen. Von der 2. Hälfte des 16. Jhs. an wird Zigeuner im Dt. auch metaphorisch für ‘ein unstetes Leben führende, wie ein Zigeuner lebende Person’ verwendet. zigeunerisch Adj. ‘nach Art von Zigeunern, unstet, unbekümmert’ (1. Hälfte 16. Jh.). zigeunern Vb. ‘ein Zigeunerleben führen, unstet hin und her wandern’ (Frühbeleg 1588, geläufig seit dem 18. Jh.). Zigeunerleben n. ‘Wanderleben der Zigeuner’ (um 1600), ‘unstetes, ungebundenes Leben’ (1. Hälfte 19. Jh.).

Thesaurus

Synonymgruppe
Gitano (span.) · Roma (Plur.) · Sinti und Roma (dt., Plur.)  ●  Gypsy  engl. · Tatern  norddeutsch · Zigan  veraltet · Zigeuner  abwertend
Oberbegriffe
Unterbegriffe
  • Manusch · Sinti
Assoziationen

Typische Verbindungen
computergeneriert

Asoziale Ausrottung Bettler Farbige Flamenco Geisteskranker Genozid Homosexueller Jude Landfahrer Landstreicher Neger Rumäne Schmuggler Slawe Slowake Teufelsanbeter Ukrainer Umherziehen Zigeuner Zigeunermischlinge Zirkusleute andalusisch asozial deportieren dreckig reinrassig rumänisch seßhaft verfolgt

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Zigeuner‹.

Zitationshilfe
„Zigeuner“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Zigeuner>, abgerufen am 19.10.2018.

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