Zigeunerleben, das

GrammatikSubstantiv (Neutrum) · Genitiv Singular: Zigeunerlebens · Nominativ Plural: Zigeunerleben · Verwendung im Plural ungebräuchlich
Aussprache
WorttrennungZi-geu-ner-le-ben
WortzerlegungZigeunerLeben
DWDS-Vollartikel, 2018

Bedeutung

leicht abwertend unstetes, ungebundenes Leben, Wanderleben
  wie es nicht sesshaften Bevölkerungsgruppen, wie z. B. ziehenden Gruppen der Roma², klischeehaft zugeschrieben wird
Da die Bezeichnung Zigeuner (1) anstelle der Selbstbezeichnungen Sinto bzw. Rom im heutigen, besonders im öffentlichen Sprachgebrauch überwiegend als diskriminierend gilt und häufig mit negativen Stereotypen verbunden ist, werden auch die Zusammensetzungen mit diesem Wort zunehmend vermieden.
Beispiele:
Norman, Vater von sechsjährigen Zwillingstöchtern, möchte sich wieder mehr um die Familie kümmern, statt rund 20 Wochen pro Jahr [als Trainer] ein Zigeunerleben an der Seite eines Tennisstars zu führen. [Neue Zürcher Zeitung, 25.10.2017]
»Ich lebe dort, wo ich singe. Ich bin zwei, drei Monate im Jahr in New York, zwei, drei Monate in Wien, offiziell wohne ich in Zürich«, sagt er: »Auf dem Level, auf dem ich singe, ist es eben auch ein Zigeunerleben«. [Die Welt, 01.11.2013]
Wie das oft besungene »lustige Zigeunerleben« [der Roma] wirklich aussieht, beschreibt Kurt Holl am Schicksal einer Frau[…]: Mileva hat Jugoslawien vor 25 Jahren als Kind mit der Mutter verlassen. Jahrelang lebte sie auf Parkplätzen, an Stränden, an Autobahnkreuzen, zuerst in Italien, dann in Frankreich, Spanien, Belgien. […] Mal konnte sie eine Woche bleiben, mal drei Monate. [Die Zeit, 07.09.1990, Nr. 37]
Ich wollte wieder weg, zurück ins Hotel »Königshof« am Stachus in München, und pries das Zigeunerleben und fluchte jeder Art von Besitz[…] [.] [Salomon, Ernst von: Der Fragebogen, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1961 [1951], S. 416]
[…] gestern ist ein erfreulichster Umschwung in meinen Finanzen eingetreten […], u. so sehe ich der Zukunft ruhiger entgegen u. fühle mich auf ein paar Monate geborgen u. beheimatet. Eine Pause in unserm Zigeunerleben. [Klemperer, Victor: [Tagebuch] 1919. In: ders., Leben sammeln, nicht fragen wozu und warum, Berlin: Aufbau-Taschenbuch-Verl. 2000 [1919], S. 65]
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: das lustige Zigeunerleben
als Akkusativobjekt: ein Zigeunerleben führen
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Zigeuner · zigeunerisch · zigeunern · Zigeunerleben
Zigeuner m. Angehöriger eines ursprünglich nomadisierenden, über viele Länder verstreut lebenden indoeuropäischen Volkes, das etwa im 10. Jh. aus Nordindien ausgewandert ist, in Gruppen vor allem auf dem Wege über den Iran, Armenien und die Balkanländer, teilweise wohl auch über Syrien, Nordafrika und Spanien nach Europa gelangt und Anfang des 15. Jhs. (urkundlich zuerst 1417 nachweisbar) deutschen Boden betritt. Der mit Selbstbezeichnungen wie zigeuner. sinto (meist sinti, sindhi Plur.), auch rom (eigentlich ‘Mann, Gatte’), manusch (eigentlich ‘Mensch, Mann’) nicht in Zusammenhang stehende dt. Name findet sich in seiner heute üblichen Lautgestalt schon in den frühesten hd. Zeugnissen als frühnhd. (bair.) Zigeuner (1418), Cigäwnär (1. Hälfte 15. Jh.). Der Diphthong der zweiten Silbe dieser Form setzt einen Tonvokal -u- (umgelautet -ü-) voraus, der auch in frühnhd. (westmd.) Ziguner, mnd. sēgūner (beide 15. Jh.) begegnet, aber noch der Erklärung entbehrt. Daneben stehen Varianten wie frühnhd. (schweiz.) Ziginer (15. Jh., mit Entrundung des -ü-, vielleicht begünstigt durch Anklang an frühnhd. Sarraciner ‘Sarazene, Heide’, das in der Schweiz zunächst gleichfalls Benennung für die umherziehenden fremdartigen Menschen ist), (obd.) Zingyner (16. Jh.) und in verschiedenen Landschaften bis ins 18. Jh. verbreitetes Zigäner, auch (umlautlos) Ziganer (vgl. mnd. sīgēner, vereinzelt sīgāner), sämtlich mit der im Dt. für Stammesnamen gebräuchlichen Endung -er. Die Form mit dem Tonvokal -a- schließt sich an mnd. sēkāne ‘Zigeuner’ (15. Jh., vgl. mlat. secanus, sechanus) an, das seinerseits Entlehnung aus dem Slaw. ist und Herkunft des Ausdrucks aus dem südosteuropäischen Raum erkennen läßt, vgl. atschech. cikān, cigān (tschech. cikán), slowak. cigán, serbokr. cȉgan(in) Sing., cȉgani Plur., mbulg. aciganinъ Sing., acigane Plur. (bulg. cíganin, циганин), ferner rumän. țigan, ungar. cigány. Zugrunde liegt wohl das (in ital. zingaro, älter auch zingano ebenfalls fortlebende) gleichbed. mgriech. tsínganos (τσίγγανος), älter atsínganos (ἀτσίγγανος, latinisiert mlat. acinganus), das wahrscheinlich auf mgriech. Athínganoi (Ἀθίγγανοι) Plur., den Namen einer ketzerischen Sekte in Phrygien und Lykaonien (erwähnt seit Anfang 9. Jh.), zurückzuführen ist; dieser wurde möglicherweise auf die durch Kleinasien ziehenden, gleichermaßen verabscheuten Zigeuner übertragen. Von der 2. Hälfte des 16. Jhs. an wird Zigeuner im Dt. auch metaphorisch für ‘ein unstetes Leben führende, wie ein Zigeuner lebende Person’ verwendet. zigeunerisch Adj. ‘nach Art von Zigeunern, unstet, unbekümmert’ (1. Hälfte 16. Jh.). zigeunern Vb. ‘ein Zigeunerleben führen, unstet hin und her wandern’ (Frühbeleg 1588, geläufig seit dem 18. Jh.). Zigeunerleben n. ‘Wanderleben der Zigeuner’ (um 1600), ‘unstetes, ungebundenes Leben’ (1. Hälfte 19. Jh.).

Typische Verbindungen
computergeneriert

lustig

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Zigeunerleben‹.

Zitationshilfe
„Zigeunerleben“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Zigeunerleben>, abgerufen am 17.11.2019.

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