Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Zyniker, der

Grammatik Substantiv (Maskulinum) · Genitiv Singular: Zynikers · Nominativ Plural: Zyniker
Aussprache  [ˈʦyːnikɐ]
Worttrennung Zy-ni-ker
Wortbildung  mit ›Zyniker‹ als Erstglied: Zynikerin
Herkunft aus kynikósgriech (κυνικός) ‘hündisch, bedürfnislos wie Hunde’ < kýōngriech (κύων) ‘Hund’
DWDS-Vollartikel

Bedeutungen

1.
Person, die geltende Wert- und Moralvorstellungen bewusst, meist unverhohlen missachtet
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: ein abgebrühter, kalter Zyniker
in Koordination: Zyniker und Skeptiker
Beispiele:
Sobald […] Soldaten sterben, muss deren Opfer einen Sinn haben, sonst stehen die Politiker als Zyniker da, die über Leichen gehen. [Neue Zürcher Zeitung, 14.04.2011]
Zyniker fragen [im Hinblick auf politische Entscheidungen während der Corona-Pandemie]: Sollen wir die gesamte Weltwirtschaft ruinieren, bloß um Leute zu schützen, die ohnehin bald sterben? [Welt am Sonntag, 22.03.2020]
In der Gestalt des inzwischen zum Premierminister aufgestiegenen Urquhart fesselt er [der britische Schauspieler Ian Richardson] die Nation dieser Tage wieder an den Bildschirm. Eiskalt, voll Arglist und ohne Skrupel, ein Zyniker, der buchstäblich über Leichen geht, um die Karriere zu fördern. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.12.1995]
Der Zyniker setzt sich mit Willen über die übliche Ausdrucksform der S.haftigkeit (= Schamhaftigkeit) hinweg und tut, als gehe ihm jedes S.gefühl (= Schamgefühl) ab; und doch handelt er gerade aus einem überempfindlichen S.gefühl heraus, indem er trotzig gegen die herrschenden und leeren Formen des S.gefühls protestiert […]. [Løgstrup, K. E.: Scham. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Bd. 5. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1961]]
2.
bissiger, taktloser, die Gefühle anderer bewusst verletzender Spötter
Beispiele:
Heute bezeichnet man als Zynismus zum einen die sich durch teils absichtlich verletzende Äußerungen zeigende Haltung einer Person (des Zynikers)[…]. [Freud und Leid, 23.11.2006, aufgerufen am 31.08.2020]
Die meisten Dinge in unserem Leben tun wir […] aus Feigheit und Furcht, würde der Zyniker sagen. [Der Standard, 22.10.2016]
Newman gibt [in einem Spielfilm] jedoch nicht nur den scharfzüngigen Zyniker, der seinen beißenden Spott über sich und seine Mitmenschen ausgießt, sondern auch den hoffnungslosen Romantiker. [Allgemeine Zeitung, 05.11.2015]
Selbst die sonst so träge ARD gedenkt nun ernsthaft darüber zu diskutieren, ob sie die von Zynikern als Pharmaschau verspottete und mit deutschen Gebührengeldern alimentierte Tour de France nächstes Jahr tatsächlich noch live im Fernsehen zeigen will, nachdem der nächste deutsche Fahrer nach Patrik Sinkewitz offenkundig enttarnt ist. [Die Welt, 08.10.2008]
Er [der Autor Ilja Ehrenburg] entpuppte sich als die frechste Spottdrossel des Kontinents: Ironiker, Satiriker und Zyniker in einem, ohne Respekt vor heiligen Kühen, selbst nicht vor der Oktoberrevolution. [Die Zeit, 12.12.1997]
3.
historisch Anhänger einer Strömung der antiken Philosophie, deren prägendes Merkmal ein ethischer Skeptizismus verbunden mit Bedürfnislosigkeit war
Beispiele:
Die alten Griechen kannten mehrere philosophische Schulen, z. B. die der Zyniker, […] der Epikureer usw. [Neues Deutschland, 19.02.1958]
Das Wort Zynismus entstammt der Denkrichtung der Zyniker der griechischen Antike. Es ist eine Philosophie, die durch materiellen Verzicht Reinheit und Unabhängigkeit zu erreichen suchte – ein Gedanke, der, weil er auch etwas Zwingendes hat, immer wieder in der Geschichte auftaucht, man denke nur an Franz von Assisi, an Jesuiten, an die Fastenbewegung heute … Zynismus (Kynismus) leitet sich vom griechischen Wort für Hund ab – es bedeutet Hündigkeit, leben wie ein Hund, wegen der dem Kynismus eigenen Bedürfnislosigkeit. [Juni 2016 – Henrik Geyer – spirituell-philosophischer Blog, 18.06.2016, aufgerufen am 01.09.2020]
Die Überspannung des Prinzips der Bedürfnislosigkeit führte die Zyniker bald zu einer Oppositionsstellung gegenüber aller Zivilisation, einer Verherrlichung des die Tiere und den Urmenschen zum Muster nehmenden Naturzustandes, wie sie in der kulturgeschichtlich so bekannten Gestalt des Diogenes von Sinope († 323 zu Korinth) sich darstellt: jenes Sonderlings mit seinem Bettlerleben, ohne feste Wohnung, mit dürftigster Kleidung und Gerät und diese Bedürfnislosigkeit gern zur Schau tragend, dabei derbwitzig, schlagfertig und willensstark. [Vorländer, Karl: Geschichte der Philosophie. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1913], S. 7145]
Meníppus, Zyniker, geb. in Gadara in Palästina, wahrscheinlich im 3. Jahrh. v. Chr., behandelte Gegenstände aus dem Gebiete der praktischen Philosophie in heiterm Tone. [Brockhaus’ Kleines Konversations-Lexikon. Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1906], S. 47920]

letzte Änderung:

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

zynisch · Zyniker · Zynismus
zynisch Adj. ‘die geltenden Wert- und Moralvorstellungen mißachtend und verhöhnend, spöttisch, bissig’ (1. Hälfte 19. Jh.), ‘die Regeln des Anstands verletzend, schamlos, unordentlich, grob’ (Mitte 18. Jh., wohl beeinflußt von frz. cynique), ‘zur kynischen Philosophie gehörend’ (1. Hälfte 18. Jh.), zuvor (selten) ‘ärmlich essend, ohne Wein’ (2. Hälfte 16. Jh.), entlehnt aus lat. cynicus, griech. kynikós (κυνικός) ‘hündisch, bedürfnislos wie Hunde’, zu griech. kýōn (κύων) ‘Hund, Hündin’, substantiviert (lat. Cynicus, griech. Kynikós, nhd. Kyniker) Bezeichnung für einen Anhänger der von Antisthenes gegründeten Philosophenschule, deren Ziel die Rückkehr zum Naturzustand und zu einem bedürfnislosen Leben ohne Ansprüche ist (vgl. die frühe dt. Bedeutung ‘ärmlich, anspruchslos, ohne Wein essend’). Auch Anknüpfung an das Gymnasium Kynósarges (Κυνόσαργες), wo Antisthenes lehrte, kann bei der Namengebung mitgespielt haben. Zyniker m. ‘Anhänger der kynischen Philosophie’ (2. Hälfte 16. Jh., geläufig 18. Jh.), vornehmlich aber, dem Gebrauch des Adjektivs folgend, ‘zynischer, spöttischer, bissiger, ehrfurchtsloser Mensch’ (um 1800), aus lat. Cynicus (bis zur Mitte des 18. Jhs. nur in dieser lat. Form in dt. Texten, seit der 2. Hälfte des 18. Jhs. Cyniker, dann Zyniker, um 1900), griech. Kynikós (Κυνικός) ‘kynischer Philosoph’. Zynismus m. ‘Moral- und Wertvorstellungen mißachtende Gesinnung, Unsauberkeit, Schamlosigkeit, Spottsucht’ (2. Hälfte 18. Jh.), ‘schamlose Redeweise’ (Mitte 19. Jh.). Vgl. spätlat. cynismus, griech. kynismós (κυνισμός) ‘der kynischen Philosophie entsprechende Denk- und Handlungsweise’.

Thesaurus

Synonymgruppe
Oberbegriffe
Assoziationen

Typische Verbindungen zu ›Zyniker‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Zyniker‹.

Zitationshilfe
„Zyniker“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Zyniker>.

Weitere Informationen …

alphabetisch vorangehend alphabetisch nachfolgend
Zynegetik
Zymotechnik
Zymologie
Zymogen
Zymbal
Zynikerin
Zynismus
Zypergras
Zypresse
Zypressenart