Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

anscheinend

Grammatik Adverb
Aussprache 
Worttrennung an-schei-nend
Wortzerlegung anscheinen -end2

Bedeutungsübersicht+

  1. 1. dem Anschein nach, wie es scheint
  2. 2. scheinbar
eWDG

Bedeutungen

1.
dem Anschein nach, wie es scheint
Beispiele:
anscheinend ist niemand zu Hause
er hat anscheinend kein Geld
Vrenchen hatte anscheinend einen schlimmern Stand als Sali [ G. KellerRomeo6,85]
2.
scheinbar
Grammatik: adjektivisch
Beispiele:
ein anscheinender Zufall
seine anscheinende Kühle
»Es sei!« sagte Herr Pineiß mit anscheinender Gutmütigkeit [ G. KellerSeldwyla6,251]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

scheinen · erscheinen · Erscheinung · wahrscheinlich · anscheinend · anscheinen · Schein · bescheinigen · Bescheinigung · scheinbar · unscheinbar · scheinheilig · scheintot · Scheintod · Scheinwerfer
scheinen Vb. ‘leuchten, glänzen’, übertragen ‘aussehen als ob, zu Vermutungen Anlaß geben’. Das mit Nasalformans gebildete gemeingerm. Verb ahd. skīnan (8. Jh.), mhd. schīnen ‘strahlen, glänzen, leuchten, erscheinen, sichtbar werden, dem Schein nach (aber nicht in Wirklichkeit) sein’, asächs. skīnan, mnd. schīnen, mnl. scīnen, nl. schijnen, afries. skīna, aengl. scīnan, engl. to shine, anord. skīna, schwed. skina, got. skeinan (verwandt mit Schemen, schier2, schimmern, s. d.) führen auf germ. *skīnan und stellen sich (wie Schein, s. unten) mit aind. chāyā́ ‘Schatten, Widerschein’, griech. skiá (σκιά) ‘Schatten’, aslaw. sěnь, russ. sen’ (сень) ‘Schatten’, aslaw. sịjati, russ. siját’ (сиять) ‘strahlen, glänzen’ zu einer Wurzel ie. *sk̑āi-, *sk̑i- ‘gedämpft schimmern, Schatten’. scheinen bezeichnet anfangs vor allem das Leuchten der Himmelskörper, steht dann (bereits ahd.) für ‘zum Vorschein kommen, sichtbar werden’ (im Nhd. dafür erscheinen, s. unten). Aus der Wendung mir scheint, mhd. eʒ schīnet mir ‘mich dünkt’ und aus Vergleichen ‘aussehen wie etw. (ohne Übereinstimmung mit der Wirklichkeit)’ entwickelt sich der moderne Gebrauch ‘den Eindruck erwecken, zur Vermutung Anlaß geben’. erscheinen Vb. ‘zum Vorschein kommen, sichtbar werden, hervortreten, veröffentlicht werden’, ahd. irskīnan ‘offenbar werden, sich zeigen, leuchten’ (um 800), mhd. (stark) erschīnen, daneben (schwach und kausativ) erscheinen ‘leuchten lassen, deutlich machen, zeigen’; Erscheinung f. ‘Aussehen, Aufmachung, Vision, Gespenst, Veröffentlichung, Wahrnehmung’, spätmhd. erschīnunge. wahrscheinlich Adj. ‘vermutlich’ (17. Jh.), nach nl. waarschijnlijk, einer Übersetzung von frz. vraisemblable, das seinerseits dem lat. vērī similis nachgebildet ist, wofür im Dt. zuvor der Wahrheit gleich, wahrähnlich (16. Jh.), der Wahrheit ähnlich (17. Jh.). anscheinend Adv. ‘offenbar, offensichtlich’ (18. Jh.), eigentlich Part. Präs. zu anscheinen Vb. ‘beleuchten, -strahlen’, älter ‘sichtbar werden, sich zeigen’, ahd. anaskīnan (um 1000), mhd. aneschīnen ‘bescheinen, beleuchten, sichtbar sein bzw. werden’. Schein m. ‘Lichtstrahl, Glanz, Schimmer, äußeres Aussehen, Trugbild, schriftlicher Nachweis, Bestätigung, Banknote’, ahd. skīn (9. Jh.), mhd. schīn ‘Strahl, Glanz, Helligkeit, Sichtbarkeit, sichtbarer Beweis’, woraus ‘schriftlicher Beweis, Urkunde, Dokument, schriftliche Bestätigung’ (15. Jh.), asächs. skīn ‘Licht, Glanz’, mnd. schīn, mnl. scijn, nl. schijn, aengl. scīn, engl. shine, (ablautend) anord. skin, schwed. sken. bescheinigen Vb. ‘(durch eine schriftliche Bestätigung) bezeugen’ (18. Jh.), ‘(mit Hilfe von Schriftstücken) beweisen’, mnd. beschēnigen (14. Jh.), niederrhein. bescheinigen (15. Jh.), seit dem 16. Jh. geläufig; Bescheinigung f. ‘Nachweis, Beweis’ (16. Jh.), ‘schriftliche Bestätigung’ (18. Jh.). scheinbar Adj. ‘nicht wirklich, nur vorgetäuscht’, ahd. skīnbāri ‘glänzend, leuchtend, offenbar, sichtbar’ (um 1000), mhd. schīnbære. unscheinbar Adj. ‘unauffällig’, eigentlich ‘nicht glänzend’ (15. Jh.). scheinheilig Adj. ‘sich heilig stellend, Aufrichtigkeit oder Frömmigkeit vortäuschend, heuchlerisch’ (um 1580), nl. schijnheilig (1557), nach die scheynenden heilgen (Luther 1518). scheintot Adj. ‘nur dem Schein nach, nicht wirklich tot’, Scheintod m. ‘Zustand, in dem alle Lebensäußerungen aufgehört zu haben scheinen’ (beide 19. Jh.). Scheinwerfer m. ‘einen gebündelten Lichtstrahl aussendende Lichtquelle’ (Campe 1791 für frz. réverbère ‘Reflektor, Hohlspiegel’).

Thesaurus

Synonymgruppe
anscheinend · aussehen nach · hindeuten (auf) · möglicherweise · offenbar · offenkundig · offensichtlich · scheinen zu · vermutlich · wahrscheinlich · wohl · womöglich  ●  (alles) spricht für  variabel · ich könnte mir vorstellen (dass ...)  floskelhaft · scheinbar  ugs., fälschlich
Assoziationen
  • allem Anschein nach · augenscheinlich · dem Augenschein nach · dem äußeren Anschein nach zu urteilen · nach allem Anschein · offenbar · offensichtlich · so wie es aussieht · wie es scheint · wie es schien · äußerlich betrachtet
  • (nur) auf den ersten Blick (... scheinend) · (nur) zum Schein · Schein... · in Wirklichkeit nicht · vermeintlich  ●  scheinbar  ugs.
Synonymgruppe
anscheinend · es scheint (so zu sein) dass · es scheint an dem zu sein, dass · es scheint sich so zu verhalten dass · nach allem was man hört · so scheint es · so scheint's (Einschub)
Assoziationen

Typische Verbindungen zu ›anscheinend‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›anscheinend‹.

Verwendungsbeispiele für ›anscheinend‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Anscheinend war es ihnen angenehm, dieses schätzbare Recht auch stets vor Augen zu haben. [Brief von Arthur Groeben vom 19.03.1915. In: Witkop, Philipp (Hg.), Kriegsbriefe gefallener Studenten, München: Müller 1928 [1915], S. 78]
Anscheinend kommt das hier alles meinem wahren Wesen viel mehr entgegen. [Simmel, Johannes Mario: Es muß nicht immer Kaviar sein, Zürich: Schweizer Verl.-Haus 1984 [1960], S. 42]
Es gleitet anscheinend über die Objekte, die seinem Ziel niemals passen, achtlos hinweg. [Jung, Carl Gustav: Psychologische Typen. In: ders., Gesammelte Werke, Bd. VI, Zürich u. a.: Rascher 1967 [1921], S. 420]
Äußerst großzügig hat er anscheinend in Ur geplant, doch konnte er die Bauten nicht vollenden. [Soden, Wolfram von: Der Nahe Osten im Altertum. In: Propyläen Weltgeschichte, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1962], S. 17905]
Sie wissen anscheinend, daß drei plus vier größer ist als zwei plus drei. [Die Zeit, 20.08.1998, Nr. 35]
Zitationshilfe
„anscheinend“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/anscheinend>.

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