ansehen

GrammatikVerb · sieht an, sah an, hat angesehen
Aussprache
Worttrennungan-se-hen (computergeneriert)
Wortzerlegungan-1sehen
Wortbildung mit ›ansehen‹ als Letztglied: ↗mitansehen  ·  mit ›ansehen‹ als Grundform: ↗Ansicht · ↗angesehen
eWDG, 1967

Bedeutungen

1.
jmdn., etw. anblicken, die Augen auf jmdn., etw. richten
a)
Beispiel:
jmdn. fest, scharf, durchdringend, prüfend, fragend, erwartungsvoll, groß, erstaunt, verwundert, starr, bittend, freundlich, lächelnd, spöttisch, finster, böse ansehen
bildlich
Beispiele:
du siehst alles durch eine goldene Brille an [H. MannSchlaraffenland1,149]
Die Stadt ... gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht (= wenn man sie verläßt) [HeineHarzreise3,15]
übertragen
Beispiele:
jmdn. scheel ansehen
jmdn. von oben herab, über die Achsel, die Schulter ansehen (= auf jmdn. herabsehen)
umgangssprachlich das Geld nicht anseheneine Geldausgabe nicht scheuen
Beispiel:
er hat die Kosten (dabei) nicht angesehen
salopp Ausdruck des Erstaunens
Beispiele:
sieh mal (einer) an! (= was du nicht sagst!)
sieh mal einer den Faulpelz, diesen Gernegroß an! (= so ein Faulpelz, Gernegroß!)
b)
etw. ist hübsch anzusehenetw. ist ein hübscher Anblick
Beispiel:
der vom Unwetter zerstörte Stadtteil war schrecklich anzusehen
umgangssprachlich etw. sieht sich hübsch an
Beispiel:
[das Nachahmen des Lehrers] sah sich sehr komisch an [HesseCamenzind1,238]
bildlich
Beispiel:
umgangssprachlich etw. sieht sich an wie ... (= kommt einem vor wie ...)
c)
sich [Dativ] etw., jmdn. ansehenetw., jmdn. eingehend, prüfend betrachten
Beispiele:
sich ein Buch, ein Gemälde, ein Bauwerk (genau, interessiert, fachmännisch) ansehen
sich eine Veranstaltung, Theaterstück, einen Film, eine Ausstellung ansehen (= besuchen)
der Arzt sieht sich den Patienten an
ich sehe mir Ihren Sohn (zur Einstellung als Auszubildenden) erst einmal an
verhüllend wenn Sie sich demnächst den Rasen von unten ansehn (= wenn Sie gestorben sind) [FontaneStechlinI 5,433]
bildlich
Beispiele:
ich werde mir den Fall, diese Sache einmal näher ansehen (= werde mich eingehender damit befassen)
salopp sieh dir das mal an! (= das ist doch allerhand!)
2.
jmdm., einer Sache etw. ansehenetw. am Äußeren eines Menschen, einer Sache erkennen
Beispiele:
jmdm. die überstandene Krankheit, die großen Strapazen, das schlechte Gewissen ansehen
jmdm. seine Unzufriedenheit, Freude, seinen Kummer, Ärger (am Gesicht) ansehen
man sieht dir dein Alter nicht an
es war seiner Miene, seinen Augen anzusehen, dass ...
salopp man sieht es ihr an der Nasenspitze an
einem Buch ansehen, dass es viel benutzt wird
man sah ihren Händen doch die Arbeit an [ViebigBerliner Novellen144]
3.
jmdn., etw. ansehen für, alsjmdn., etw. für jmdn., etw. halten
a)
nach dem Augenschein
Beispiele:
jmdn. für einen Ausländer, Gelehrten, als einen Künstler ansehen
ein Gemälde als das Original, eine Kirche für ein spätbarockes Bauwerk ansehen
man hatte ihn für seinen Bruder angesehen
b)
aus innerer Überzeugung
Beispiele:
jmdn. für seinen besten Freund, als einen verlässlichen Menschen, einen leichtfertigen Burschen ansehen
umgangssprachlich wofür siehst du mich an?
etw. als, für eine Beleidigung, einen Scherz, ein gutes Zeichen ansehen
ich sehe es als meine Pflicht an
umgangssprachlich jmdn. nicht für voll ansehen (= jmdn. nicht ernst nehmen, nicht anerkennen)
Damit sehe ich die Sache als erledigt an [H. MannUntertan4,300]
4.
etw. beurteilen, einschätzen
Beispiele:
ich sehe die Sache so an
wie man den Fall auch ansehen mag
etw. ganz anders, von einem anderen Standpunkt aus ansehen
Wie du nur ... alles so falsch ansehen kannst [FontanePetöfy153]
5.
meist verneint
umgangssprachlich etw. ertragen, dulden
Beispiele:
ich kann diese Zustände, Ungerechtigkeiten nicht (länger, ruhig) mit ansehen!
ich habe mir diese Unordnung, Bummelei, dieses (schlechte) Benehmen lange genug (mit) angesehen!
Ich kanns nicht mehr mit ansehen, wie du abmagerst [O. LudwigHimmel u. Erde1,156]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

sehen · Sehe · Seher · sehenswürdig · Sehenswürdigkeit · Sehkraft · absehen · absehbar · ansehen · Ansehen · Ansicht · Ansichtskarte · angesehen · ansehnlich · aufsehen · Aufsehen · Aufseher · Aufsicht · beaufsichtigen · aussehen · Aussehen · Aussicht · nachsehen · Nachsicht · vorsehen · Vorsehung · Vorsicht · vorsichtig · versehen · Versehen · Zuversicht
sehen Vb. ‘mit dem Gesichtssinn wahrnehmen’. Mit ahd. sehan (8. Jh.), mhd. sehen, asächs. sehan, mnd. sēn, mnl. sien, nl. zien, afries. sia, aengl. sēon, engl. to see, anord. sjā, schwed. se, got. saíƕan (germ. *sehwan) sind verwandt ahd. gisiuni ‘Anblick, Erscheinung, Aussehen’ (8. Jh.), asächs. siun ‘Auge’, aengl. sīen ‘Aussehen’, anord. sjōn ‘Blick, Auge’, got. siuns ‘Gesicht, Gestalt’; s. auch die Verbalabstrakta ↗Sicht und ↗Gesicht. Außergerm. sind vergleichbar air. rosc (aus *prosk‐ͧo-) ‘Auge, Blick’, alban. sheh ‘sieht’, hethit. šakuwa (Plur.) ‘Augen’ sowie auch griech. hépesthai (ἕπεσθαι) ‘folgen, begleiten’, aind. sácatē ‘begleitet, steht zur Seite, geht nach, folgt’, lat. sequī ‘(nach)folgen, begleiten, verfolgen, gehorchen’, air. sechithir ‘folgt’. Man nimmt daher eine Bedeutungsentfaltung ‘folgen, mit den Augen folgen, sehen’ an, hervorgegangen aus der Wurzel ie. *seku̯- ‘wittern, spüren’ (vom Hund bei der Jagd), die sich in einem zweiten Bedeutungsstrang zu ‘zeigen, ankündigen’ (s. ↗sagen) entwickelt hat. Sehe f. ‘Pupille, Sehvermögen, Ansicht’, ahd. seha (9. Jh.), mhd. sehe; heute noch landschaftlich. Seher m. ‘Prophet’ (16. Jh.); vgl. mhd. sternseher. sehenswürdig Adj. ‘berühmt, außergewöhnlich und daher des Ansehens wert’ (18. Jh.); Sehenswürdigkeit f. (Anfang 19. Jh.). Sehkraft f. ‘Sehvermögen des Auges’ (Anfang 18. Jh.), älter Sehenskraft (Ende 17. Jh.). absehen Vb. ‘durch Beobachtung erlernen, woraus erkennen, merken, überblicken’ (16. Jh.), ‘auf etw. abzielen’ (17. Jh., dazu s. ↗Absicht), ‘verzichten’ (18. Jh.), mhd. abesehen ‘hinabsehen’; absehbar Adj. ‘überschaubar, erkennbar’ (18. Jh.), in absehbarer Zeit ‘bald’ (Ende 19. Jh.). ansehen Vb. ‘seinen Blick auf etw. richten, betrachten’, ahd. anasehan (8. Jh.), mhd. anesehen; Ansehen n. ‘Erscheinung’, auch (seit 16. Jh.) ‘Achtung, Wertschätzung’, mhd. anesehen ‘Anblick, Angesicht’; Ansicht f. ‘Seite, von der etw. betrachtet wird, Anblick, Bild’, auch (seit 19. Jh.) ‘Meinung’, ahd. anasiht (9. Jh.), mhd. anesiht ‘Anblick’; Ansichtskarte f. ‘Postkarte mit Landschaftsbild’ (Ende 19. Jh.); angesehen Part.adj. ‘geachtet’ (Anfang 18. Jh.); frühnhd. angesehen, (daß) … ‘in Anbetracht’. ansehnlich Adj. ‘angesehen, stattlich, wohlgefällig anzusehen’ (Ende 15. Jh.). aufsehen Vb. ‘emporschauen’, ahd. ūfsehan (um 900), mhd. ūfsehen; Aufsehen n. ‘(öffentliche) Beachtung’, spätmhd. ūfsehen; Aufseher m. ‘Aufsichtführender, Wächter’, spätmhd. ūfseher; Aufsicht f. ‘das Aufpassen, Kontrolle’ (16. Jh.); beaufsichtigen Vb. ‘(über etw.) die Aufsicht haben, kontrollieren’ (Anfang 19. Jh.). aussehen Vb. ‘einen bestimmten Anblick bieten’ (16. Jh.), vgl. mhd. ūʒsehen ‘hinaussehen’; Aussehen n. ‘äußere Erscheinung’ (17. Jh.), ‘Aussicht, Ausblick’ (16. Jh.); Aussicht f. ‘Blick in die Ferne’ (17. Jh.), ‘Zukunftsmöglichkeit, Erwartung’ (18. Jh.). nachsehen Vb. ‘hinterherschauen’, mhd. nāchsehen, auch ‘nachforschen’ (17. Jh.), ‘duldend geschehen lassen, verzeihen’ (16. Jh.); Nachsicht f. ‘verzeihende Haltung’ (18. Jh.), ‘Beaufsichtigung’ (17. Jh.). vorsehen Vb. ‘sich in acht nehmen, planen, in Aussicht nehmen’, ahd. furisehan ‘vorhersehen’ (8. Jh.), forasehan ‘vorhersehen, bedenken’ (9. Jh.), mhd. vür-, vorsehen ‘vorwärts sehen, sich in acht nehmen, wofür Sorge tragen’; Vorsehung f. ‘Schicksal’, mhd. vürsehunge ‘Obsorge, Schutz, Schicksal’; Vorsicht f. ‘Achtsamkeit, Behutsamkeit’, ahd. forasiht ‘Voraussicht, Vorsehung’ (um 1000, für lat. prōvidentia), spätmhd. vorsiht; vorsichtig Adj. ‘achtsam, behutsam’, ahd. forasihtīg ‘vorherschauend, voraussehend’ (um 1000), mhd. vür-, vorsihtic ‘voraussehend, einsichtig, verständig’. versehen Vb. ‘sich um etw. kümmern, ausstatten, ausrüsten, sich irren’, ahd. firsehan ‘verachten, verschmähen’ (8. Jh.), sih firsehan ‘bedacht sein’ (9. Jh.), mhd. versehen ‘vorhersehen, vorherbestimmen, besorgen, ausstatten, versorgen, übersehen, verachten, hoffen auf’; Versehen n. ‘Irrtum, unbeabsichtigter Fehler’ (17. Jh.), häufig aus Versehen ‘ohne Absicht’ (Anfang 19. Jh.). Zuversicht f. ‘Vertrauen in die Zukunft’, ahd. zuofirsiht ‘ehrfurchtsvolles Aufschauen, Hoffen’ (um 1000), mhd. zuoversiht.

Thesaurus

Synonymgruppe
angucken · ↗anschauen · ansehen · ↗beobachten · ↗besehen · ↗betrachten · ↗blicken · ↗gucken · ↗mustern · ↗schauen · ↗untersuchen · ↗zugucken  ●  ↗glotzen  abwertend · ↗kieken  berlinerisch · ↗(sich etwas) reinziehen  ugs. · ↗beaugapfeln  ugs. · ↗beäugen  ugs. · ↗lugen  ugs. · spannern  ugs.
Unterbegriffe
Assoziationen
Synonymgruppe
(sich) anschauen · (sich) ansehen · (sich) umschauen bei · ↗(sich) umsehen · ↗sichten
Synonymgruppe
(einen Film / eine Sendung) sehen · ↗(sich) anschauen  ●  (sich) ansehen (Film)  Hauptform · ↗(einen Film / eine Sendung) gucken  ugs. · ↗(sich) angucken  ugs. · ↗(sich) reinziehen  ugs., salopp
Synonymgruppe
(jemandem) ins Gesicht sehen · (jemanden) ansehen  ●  (jemandem) in die Augen schauen  variabel
Assoziationen
  • (jemandes) Blicke kreuzen sich · (jemandes) Blicke treffen sich · Blickkontakt haben
  • (einander) mit Blicken durchbohren · (einander) mit den Augen fixieren · ↗(sich) (gegenseitig) anstarren · (sich) in die Augen starren · (sich) mit (den) Blicken fixieren
Synonymgruppe
(sich) anschauen (gehen) · (sich) ansehen · ↗besichtigen · ↗besuchen  ●  live dabei (gewesen) sein  ugs.

Typische Verbindungen
computergeneriert

Aufgabe Auge Bedrohung Fernsehen Film Gericht Landgericht Pflicht Richter Video Voraussetzung als du einmal er erstaunt erwiesen es fragend genau hübsch ich mal man nicht nur schön sehen sie wir

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›ansehen‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Das klingt beeindruckend, doch ist es gar nicht so leicht, sich das auch anzusehen.
Die Zeit, 27.08.2013, Nr. 34
Sie sah das Haus nicht einmal als ein Haus von uns beiden an.
Gaiser, Gerd: Schlußball, München: Hanser 1958 [1958], S. 205
Sie hätten es als notwendig angesehen, jede Opposition zu unterdrücken.
Archiv der Gegenwart, 2001 [1946]
Ich bin selbst dort gewesen, alles habe ich mir angesehen.
Fallada, Hans: Wer einmal aus dem Blechnapf frißt - Bd. 1, Berlin u. a.: Aufbau-Verl. 1990 [1934], S. 60
Auch sah er die Lage noch nicht so schlimm an.
Meyer, Eduard: Geschichte des Altertums, Bd. IV,2. In: Geschichte des Altertums, Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1901], S. 11508
Zitationshilfe
„ansehen“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/ansehen>, abgerufen am 22.10.2019.

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