artikulieren

GrammatikVerb · artikulierte, hat artikuliert
Aussprache
Worttrennungar-ti-ku-lie-ren
HerkunftLatein
Wortbildung mit ›artikulieren‹ als Erstglied: ↗Artikulierung
Duden GWDS, 1999 und DWDS, 2017

Bedeutungen

1.
jmd. artikuliert (etw.) (in einer bestimmten Weise)(Silben, Wörter, Sätze) deutlich, in bestimmter Weise (Lesart 1) aussprechen
Beispiele:
Marina Weisband spricht druckreif, artikuliert sehr deutlich. Die frühe Übung, wie man sich im politischen Rampenlicht optimal präsentiert, hat sich ausgezahlt. [Die Welt, 09.09.2016, Nr. 212]
[…] ich[…] formulierte meinen vorbereiteten Satz, laut, deutlich, gut artikuliert und vor allem höflich: »Das wird nicht gehen. Ich werde Verena heiraten, im März.« [Hermann, Judith: Sommerhaus, später, Frankfurt a. M.: Fischer-Taschenbuch-Verl. 2000 [1998], S. 81]
Er riß den [Telefon-]Hörer ans Ohr, wobei er den Blick nicht von mir ließ. »Terroristenüberfall!«, artikulierte er bemüht deutlich. [Loest, Erich: Völkerschlachtdenkmal, München: Dt. Taschenbuch-Verl. 1987 [1984], S. 284]
Kollokation:
mit Adverbialbestimmung: [etw.] verständlich, deutlich, überdeutlich artikulieren
2.
bildungssprachlich
a)
jmd. artikuliert etw.(Gedanken, Gefühle) in Worte fassen, (formuliert) zum Ausdruck1 (Lesart 3 a) bringen
Beispiele:
Das aktive Diskutieren – eine eigene Meinung artikulieren, jemandem zuhören und seine Gedanken dadurch neu formen – wurde uns in der Schule nicht wirklich beigebracht. [Die Zeit, 16.07.2016 (online)]
Als Seelsorger kümmert er sich um die Familie des [ermordeten] Jungen, als Dechant um die gesellschaftliche Entwicklung seines Stadtteils. Der Geistliche artikuliert auch deutlich die Empörung in der Bevölkerung über die Situation in Bad Godesberg. [Die Welt, 06.06.2016, Nr. 130]
[…] wir spüren und ahnen ja manchmal etwas im Gemüt – einen Groll, ein Gefühl, das reifen muss, bis es plötzlich Gestalt annimmt und artikuliert werden kann: Ich bin verliebt. [Neue Zürcher Zeitung, 31.08.2015]
Die Protagonistin aus Egon Günthers Meisterwerk Der Dritte von 1972, die als Mathematikerin in einem betrieblichen Rechenzentrum arbeitet, artikuliert den gesellschaftlichen Paradigmenwechsel [zu mehr Individualität] noch deutlicher: »Wie wird das Werk in zehn Jahren aussehen? – Das Werk? – Wie werde ich in zehn Jahren aussehen!« [Engler, Wolfgang: Die Ostdeutschen, Berlin: Aufbau-Taschenbuch-Verl. 2000 [1999], S. 288]
Kollokationen:
mit Akkusativobjekt: Unbehagen, Unmut, Betroffenheit, Bedürfnisse, Zorn artikulieren
mit Adverbialbestimmung: [etw.] schärfer, klar, unmissverständlich artikulieren
b)
jmd. artikuliert sich (in einer bestimmten Weise)sich angemessenen Ausdruck verschaffen
Beispiele:
Viele schwer demente Menschen können sich […] kaum noch artikulieren. [Süddeutsche Zeitung, 26.11.2016]
Man muss [den brasilianischen Fußballspieler] Bernardo, 22, nur auf Englisch […] parlieren hören, um eine Ahnung davon zu bekommen, dass da einer steht, der sich überlegt zu artikulieren weiß. [Süddeutsche Zeitung, 20.12.2016]
Die Homosexuellen [der US-Künstler], unter denen bald Aids ausbrach, artikulierten sich. [Neue Zürcher Zeitung, 17.12.2006]
Kollokation:
mit Adverbialbestimmung: sich lautstark, vernehmlich, politisch, künstlerisch, öffentlich artikulieren
c)
etw. artikuliert sichzum Ausdruck kommen
Beispiele:
Unbehagen am System artikulierte sich in Frankfurt recht harmlos. [Die Zeit, 16.04.2014, Nr. 17]
[…] der Widerstand gegen Chinas Allmacht hat sich in den vergangenen Monaten immer lauter artikuliert. [Spiegel, 03.10.2011 (online)]
Auf diesem Fest [in Hambach] artikulierte sich der Zorn über die Zerstückelung Deutschlands, den Druck der Fürsten und die materielle Not der unteren Schichten. [Spiegel, 18.02.2008 (online)]
In ihnen [den Butter-Krawallen im Ersten Weltkrieg] artikulierte sich Kriegsmüdigkeit und Friedenssehnsucht, aber auch Hass auf die oberen Klassen, die sich auf dem Schwarzmarkt noch fast alles kaufen konnten. [Der Spiegel, 22.03.2004, Nr. 13]
[…] in Hochhuths Stücken artikuliert sich zaghaft das Unterbewußtsein des Kleinbürgertums – seine physische Not und seine […] Sehnsüchte. [Die Zeit, 01.03.1974, Nr. 10]
Kollokationen:
mit Aktiv-/Passivsubjekt: Unmut, Protest, Selbstbewusstsein artikuliert sich
mit Adverbialbestimmung: sich laut artikulieren
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Artikel · Artikulation · artikulieren
Artikel m. ‘Warengattung, Abhandlung, Gesetzesabschnitt, Geschlechtswort’ gelangt in seinen Hauptverwendungen durch mehrfache Entlehnung ins Dt. Lat. articulus ‘kleines Gelenk, (Finger)glied, Abschnitt’, Deminutivum zu lat. artus ‘Gelenk, Glied’, wird in mhd. Zeit im Sinne von ‘Gesetzes-, Vertragsabschnitt’ übernommen. Über Zwischenstufen wie ‘Abschnitt, Teil eines Textes’, auch ‘(Streit)punkt, Verhandlungsgegenstand’ (geläufig vom 16. bis 18. Jh.), entwickelt sich im 18. Jh. die Bedeutung ‘(kleinere) Abhandlung, (Zeitungs-, Zeitschriften)aufsatz’. Im 16. Jh. wird der grammatische Terminus aus lat. articulus ‘Rede-, Satzteilchen’ (eigentlich ‘syntaktisches Gelenkstück’) entlehnt, der sich seit dem 17. Jh. als Bezeichnung für den Substantivbegleiter durchsetzt. Die Abhängigkeit vom Lat. dauert über Jahrhunderte an. Neben bereits eingedeutschtem mhd. artikel (1291 artikeln Dativ Plur.) begegnen bis ins 18. Jh. Formen (zum Teil in lat. Flexion) wie Articul (Sing. und Plur.), Articulen (Dativ Plur.), Articulos (Akkusativ Plur.). Schließlich wird im 17. Jh. die kaufmannssprachliche Verwendung ‘Warengattung’ aus gleichbed. frz. article entlehnt, das ebenfalls auf lat. articulus zurückgeht. Artikulation f. ‘deutliche, gegliederte Aussprache, Lautbildung’; nur fachsprachlich bzw. veraltet sind Verwendungen wie ‘Abgrenzung der Töne gegeneinander’ (Musik), ‘Gelenk’ (Anatomie), ‘Stellung der Zahnreihen zueinander’ (Zahnmedizin). Entlehnt (vereinzelt 17. Jh., geläufig seit 2. Hälfte 18. Jh.) aus lat. articulātio (Genitiv articulātiōnis) ‘Knotenansatz’ (an Bäumen), spätlat. ‘gegliederter Vortrag’. artikulieren Vb. ‘deutlich aussprechen, in Worte fassen’ (2. Hälfte 16. Jh.), älter ‘gliedern, (in Artikel) einteilen’ (um 1500), aus lat. articulāre ‘gliedern, deutlich aussprechen’.

Thesaurus

Synonymgruppe
artikulieren · ↗ausdrücken
Synonymgruppe
(etwas) kommentieren · (seine Meinung) zum Ausdruck bringen · (sich) artikulieren  ●  (seine) Meinung sagen  Hauptform · (den) Mund aufmachen  ugs., auch figurativ · (etwas) sagen zu  ugs. · (seinen) Senf dazugeben  ugs., fig.
Oberbegriffe
  • (sich) äußern zu · reden über · sprechen von
Assoziationen
  • (etwas) klar aussprechen · (ganz) offen sein · (jemandem) nichts vormachen · (mit etwas) nicht hinterm Berg halten · (mit jemandem) Fraktur reden · (sich) unmissverständlich ausdrücken · auf den Punkt bringen · auf den Punkt kommen · deutlich werden · deutliche Worte finden · deutlicher werden · klare Worte finden · offen reden · offen und ehrlich seine Meinung sagen · unbeschönigt seine Meinung äußern · unverblümt benennen  ●  die Karten offen auf den Tisch legen  fig. · kein Blatt vor den Mund nehmen  fig. · offen aussprechen  Hauptform · (eine) klare Ansage (machen)  ugs. · (etwas) auf gut Deutsch sagen  ugs. · ↗Klartext (reden)  ugs. · Klartext reden  ugs. · Tacheles reden  ugs. · aus seinem Herzen keine Mördergrube machen  ugs. · das Kind beim Namen nennen  ugs. · nicht (lange) um den heißen Brei herumreden  ugs. · nicht drumherum reden  ugs. · reinen Wein einschenken  ugs., fig. · zur Sache kommen  ugs.

Typische Verbindungen
computergeneriert

Bedenken Bedürfnis Befürchtung Betroffenheit Frust Lebensgefühl Meinung Mißbehagen Protest Ressentiment Silbe Sorge Unbehagen Unmut Unwille Unzufriedenheit Volkszorn Vorbehalt Wunsch Wut Zorn deutlich durchartikulieren lauter lautstark phrasieren pointiert sprachlich vernehmbar vernehmlich

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›artikulieren‹.

Zitationshilfe
„artikulieren“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/artikulieren>, abgerufen am 26.03.2019.

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