bürgerlich

GrammatikAdjektiv
Aussprache
Worttrennungbür-ger-lich
WortzerlegungBürger-lich
Wortbildung mit ›bürgerlich‹ als Erstglied: ↗Bürgerlichkeit  ·  mit ›bürgerlich‹ als Letztglied: ↗altbürgerlich · ↗antibürgerlich · ↗gutbürgerlich · ↗spätbürgerlich · ↗unbürgerlich · ↗vorbürgerlich
eWDG, 1967

Bedeutungen

1.
Jura den Staatsbürger betreffend, Zivil-
Beispiele:
das Bürgerliche Gesetzbuch
das bürgerliche Recht
ein bürgerlicher Prozess
eine bürgerliche Ehe
dem Staatsbürger zustehend
Beispiele:
jmdm. die bürgerlichen Ehrenrechte aberkennen
der Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte
der bürgerliche Tod (= Verlust der persönlichen Rechtsfähigkeit)
2.
entsprechend der Bedeutung von Bürger (Lesart 2)
a)
dem Bürgerstand angehörig
Beispiele:
sie hatte bürgerliche Eltern, stammte aus bürgerlichem Hause, war von bürgerlicher Abkunft
er hatte eine Bürgerliche geheiratet
dem Bürgerstand entsprechend
Beispiele:
ein bürgerliches Leben, Dasein führen
die Eltern führten einen bürgerlichen Haushalt
eine bürgerliche Beschäftigung, Stellung, Existenz haben
ein bürgerlicher Mittagstisch
gute bürgerliche Küche
in Bürgerkreisen spielend
Beispiel:
ein bürgerliches Schauspiel, Trauerspiel
abwertend spießerhaft
Beispiele:
eine bürgerliche Beschränktheit, Behäbigkeit
bürgerliche Vorurteile haben
[er] der immer nur hausbacken bürgerlich auf eine auskömmliche Existenz hinarbeitete [G. Hauptm.Quint1,225]
b)
DDR, Marxismus der Weltanschauung des Bürgertums verhaftet, nichtmarxistisch
Beispiele:
ein bürgerlicher Politiker, Wissenschaftler, Schriftsteller
die bürgerliche Geschichtsauffassung, Philosophie
sich mit einer bürgerlichen Anschauung, Lehre, Ideologie kritisch auseinandersetzen
eine bürgerliche Demokratie
ein bürgerlicher Staat
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Bürger · bürgerlich · Bürgerschaft · Bürgertum · Bürgermeister · Großbürger
Bürger m. ‘Bewohner einer Stadt, Angehöriger eines Staates’, ahd. burgāri, burgeri (9. Jh.), mhd. burgære, burger ‘Bewohner einer Burg, einer Stadt’. Mnl. borgher, burgher, nl. burger und vielleicht auch mnd. börger(e) sind Entlehnungen aus dem Hd. Gleichbed. aengl. burgwaran, -ware, -waras (Plur.) legt nahe, daß es sich auch bei der dt. Bildung ursprünglich um ein Kompositum handelt. Aengl. -waran, -ware, -waras (auch in ceasterwaran, -ware, einem Synonym von burgwaran), anord. -veri, Plur. -verjar (in skipverjar ‘Schiffsleute, Schiffsbesatzung’) gehören als Nomina agentis zu der unter ↗wehren (s. d.) dargestellten Wortgruppe. Die Kompositionsglieder erscheinen auch in Eigennamen, vgl. aengl. Rōmware, -waran, anord. Rōmverjar ‘Römer’ und die in latinisierter Form bei antiken Schriftstellern überlieferten germ. Volksnamen wie Ampsivāriī (eigentlich ‘Emsanwohner’), Baiovāriī (Plur.). In ahd. Zusammensetzungen fällt ein w im Anlaut des zweiten Teils oft aus, dadurch ist Übergang zu den häufigen Suffixbildungen auf ahd. -āri, -eri (nhd. -er) möglich. Die Ausgangsbedeutung von Bürger wäre danach ‘Burgverteidiger’, daraus entwickelt sich ‘Bewohner einer Burg, einer Stadt, eines Staates’. Im Zusammenhang mit der Herausbildung der deutschen Städteverfassungen im 11./12. Jh. bezeichnet Bürger das freie, vollberechtigte Mitglied einer Stadtgemeinde. Mit der Entwicklung des Bürgertums als einer durch Besitz ausgezeichneten Gesellschaftsschicht wird Bürger (im Sinne von lat. cīvis) zum ↗Staatsbürger (s. d.). Sofern Bürger (oder Großbürger, s. unten) ausdrücklich Bezeichnung des ‘Besitzbürgers’, zumal des Besitzers an Produktionsmitteln ist, wird es seit dem 19. Jh. vielfach durch ↗Bourgeois (s. d.) verdrängt. bürgerlich Adj. ‘den Staatsbürger betreffend, dem Bürgertum zugehörig, verpflichtet, seiner Weltanschauung verhaftet’, spätmhd. burgerlich, mnd. börgerlīk, Suffixbildung zum Substantiv, dem es in zahlreichen Verwendungen folgt, vgl. im rechtssprachlichen Bereich bürgerliches Recht für lat. iūs cīvīle. Bürgerschaft f. ‘Gesamtheit der Bürger’, mhd. burgerschaft, auch ‘Bürgerrecht’, mnd. börgerschop, auch ‘Abgabe für die Erlangung des Bürgerrechts’. Auf das Nd. bzw. Nordd. beschränkt ist die Verwendung ‘Bürgerausschuß, Stadtparlament’. Bürgertum n. ‘Bourgeoisie, Gesamtheit der Bürger, Mittelstand, Mittelschicht’ (Ende 18. Jh.), s. auch ↗Bourgeoisie. Bürgermeister m. ‘Vorsitzender einer Gemeinde-, Stadtverwaltung’, mhd. burgermeister neben burgemeister, Zusammensetzung aus burger und meister. Burgemeister, Bürgemeister (noch mundartlich) ist wohl dissimilierte Form, kaum Kompositum mit dem alten Genitiv Sing. von Burg (mhd. burge) als Bestimmungswort. Mit Bürgermeister setzt sich im Nhd. die von Luther bevorzugte Form durch. Großbürger m. ‘mit besonderen Privilegien, mit bestimmtem Besitz ausgestatteter Stadtbewohner’ (17. Jh.; in Preußen, d. h. im Ordensgebiet, älter), dann allgemein ‘Besitzbürger, Bourgeois’; s. auch ↗Kleinbürger.

Thesaurus

Synonymgruppe
bürgerlich · nicht adelig · unadelig · unedelig · von niedrigem Rang · von niedrigem Stand

Typische Verbindungen
computergeneriert

Beruf Demokratie Ehrenrecht Elternhaus Existenz Freiheit Gesellschaft Gesetzbuch Herkunft Ideologie Konvention Lager Milieu Mitte Moral Name Opposition Oppositionspartei Partei Presse Recht Rechte Revolution Schicht Trauerspiel Tugend Ungehorsam Wohlanständigkeit Wähler Zeitalter

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›bürgerlich‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Dann würde wirklich eine klare Alternative zum bürgerlichen Block sichtbar.
Die Zeit, 10.12.2012 (online)
Wenn man die Häuser von außen betrachtet, ist auch der Norden bürgerlich.
Süddeutsche Zeitung, 22.10.2004
Es sei ein besonderes Moment proletarischer Solidarität gegenüber uns bürgerlichen Studenten betont.
o. A.[Autorenkollektiv am Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin]: Sozialistische Projektarbeit im Berliner Schülerladen Rote Freiheit. Frankfurt: Fischer Bücherei 1971, S. 115
Eine christlich orientierte bürgerliche Kultur entsteht, die von den Städten getragen wird.
Flemming, W.: Reformationszeit. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1961], S. 571
Die Literatur dieser Zeit war voll von der kommenden Auflösung der bürgerlichen Welt.
Barraclough, Geoffrey: Das europäische Gleichgewicht und der neue Imperialismus. In: Propyläen Weltgeschichte, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1960], S. 4519
Zitationshilfe
„bürgerlich“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/bürgerlich>, abgerufen am 18.06.2019.

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