Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

barmen

Grammatik Verb
Aussprache 
Worttrennung bar-men
Wortbildung  mit ›barmen‹ als Erstglied: barmherzig  ·  mit ›barmen‹ als Letztglied: Gebarme  ·  mit ›barmen‹ als Grundform: erbarmen

Bedeutungsübersicht+

  1. [landschaftlich] ...
    1. 1. [abwertend] klagen, jammern
    2. 2. jmdn. erbarmen, mit Mitleid erfüllen
eWDG

Bedeutung

landschaftlich
1.
abwertend klagen, jammern
Beispiele:
sie barmt den ganzen Tag
sie hatte lange um ihren Verlust gebarmt
ich will dir nicht die Ohren voll barmen
2.
jmdn. erbarmen, mit Mitleid erfüllen
Beispiele:
die Kranken barmen uns
er barmt mich
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

barmen · erbarmen · Erbarmung · Erbarmen · erbärmlich · barmherzig · Barmherzigkeit
barmen Vb. ‘mit Mitgefühl erfüllen’ (selten), ‘jammern, klagen, lamentieren’ (nordd. und omd.). Die got. Kirchensprache bildet zur Übersetzung von griech. eleé͞in (ἐλεεῖν) ‘bemitleiden, Mitleid, Erbarmen haben’ nach dem Muster von gleichbed. lat. miserēre bzw. miserērī (zu lat. miser ‘elend, kläglich, bejammernswert, arm’) ein von got. arms ‘beklagenswert, elend’ abgeleitetes Verb got. arman ‘sich erbarmen’. Ein an das Adj. ahd. arm ‘gering, hilflos, schwach, besitzlos, arm’ (s. arm) sich anschließendes Verb ahd. armēn (9. Jh.) bedeutet ‘arm werden, Not leiden’, so daß die Kirchensprache zur Wiedergabe von ‘sich erbarmen, Mitleid erregen’ präfigiertes ahd. *bi-armën benutzt, belegt (10. Jh.) in der adverbial gebrauchten Partizipialform barmēnto ‘erbarmend, voll Erbarmen’ (für lat. miserando); vgl. mit anderem Präfix und anderer Stammbildung aengl. ofearmian ‘mitleidig sein, Erbarmen zeigen’ (zu aengl. earmian ‘bemitleiden, bedauern’, von aengl. earm ‘arm’). Zusammengezogenes und darum als Einheit empfundenes ahd. barmēn wird im Hinblick auf seine durativ-inchoative Bedeutung erneut präfigiert, so daß ahd. irbarmēn, nhd. erbarmen (s. unten) entsteht. Diese Weiterbildung wird zum geläufigen Verb im Dt.; mhd. barmen ‘(sich) erbarmen, Mitleid erregen’ bleibt selten, nhd. barmen wird weithin in die Mundarten abgedrängt und entwickelt im Nordd. und Omd. die oben angegebene Bedeutung ‘jammern, klagen, kläglich tun’, mit der es im 19. Jh. auch in die Literatursprache eingeht. erbarmen Vb. ‘jmds. Mitleid erregen, jmdm. leid tun’, (reflexiv) ‘sich aus Mitleid und Barmherzigkeit jmds. annehmen, mildtätig sein’. Ahd. irbarmēn ‘sich zu jmdm. herablassen, sich die Not eines anderen zu eigen machen, Mitleid empfinden oder erregen’ (9. Jh.), mhd. erbarmen ‘Mitleid haben, gerührt werden, rühren’. Weiterbildung mit dem Präfix ahd. ir- (s. er-) von ahd. barmēn (s. oben). Erbarmung f. ‘Barmherzigkeit, Mitleid’, ahd. irbarmunga (10. Jh.), mhd. erbarmunge. Erbarmen n. ‘Mildtätigkeit, Mitleid’, mhd. erbarmen, substantivierter Infinitiv. erbärmlich Adj. ‘elend, ärmlich, nichtswürdig’ (16. Jh.), ahd. irbarmalīh ‘Erbarmen erregend’ (um 1000); vgl. mhd. erbarmeclich ‘barmherzig, erbarmenswert’. barmherzig Adj. ‘mitfühlend, mitleidsvoll, mildtätig’ (gegenüber Bedürftigen), mhd. barmherzec, Weiterbildung von mhd. barmherze, ahd. barmherzi ‘voll Erbarmen’, eigentlich ‘ein barmendes Herz habend’ (11. Jh.), das unter dem Einfluß von ahd. (ir)barmēn aus ahd. armherz ‘barmherzig’ als Eigenschaft Gottes und der nach seinem Willen handelnden Menschen (9. Jh.) hervorgegangen ist (vgl. auch ahd. armherzīg, 11. Jh.). Dies ist eine Bildung aus ahd. arm (s. oben) und ahd. herza (s. Herz) unter dem Einfluß der got. Kirchensprache, die einem nach dem Muster von lat. misericors ‘mitleidig’ (eigentlich ‘ein mitleidiges Herz habend’, zu lat. miserēre, -ērī bzw. miser und cor ‘Herz’) entstandenen got. armahaírts folgt; vgl. auch aengl. earmheort neben (umgebildetem) anord. aumhjartaðr. Weitere Überlegungen zur Bildungsweise des got. Adjektivs bringt Beck in: ZfdPh 98 (Sonderheft 1979) 109 ff. Barmherzigkeit f. ‘Erbarmen, Mitgefühl, Mildtätigkeit’, mhd. barmherzekeit; vgl. daneben got. armahaírtiþa, ahd. armherzida (8. Jh.), mhd. barmherzede sowie got. armahaírtei, ahd. armherzī (9. Jh.).

Thesaurus

Synonymgruppe
bejammern · klagen · wehklagen · zetern  ●  jammern  Hauptform · lamentieren  abwertend · barmen  geh., veraltend, regional, literarisch · heulen  ugs. · janke(r)n  ugs. · raunzen  ugs., österr.
Assoziationen
Synonymgruppe
(es) fließen Tränen · Tränen vergießen · jammern · schluchzen · schreien (Baby) · weinen (vor) · wimmern  ●  (jemandem) laufen die Tränen (über das Gesicht)  variabel · weinen (über)  Hauptform · (jemandem) kullern die Tränen (über das Gesicht)  ugs., fig., variabel · (sich) ein Tränchen verdrücken  ugs. · barmen  geh., poetisch · bläken  ugs., abwertend, regional · das heulende Elend haben  ugs. · flennen  ugs., regional · greinen  ugs. · heulen  ugs. · leise weinend (in der Ecke)  ugs., floskelhaft · plieren  ugs. · plinsen  ugs., norddeutsch · plärren  ugs., abwertend, regional
Oberbegriffe
Assoziationen
  • Tränchen  abwertend · Träne  Hauptform · Zähre  veraltet
  • Traurigkeit heucheln  ●  (den) Traurigen mimen  ugs. · (sich) ein paar Tränchen verdrücken  ugs. · Krokodilstränen vergießen  ugs., Hauptform · Krokodilstränen weinen  ugs. · auf traurig machen  ugs.
  • bejammern · klagen · wehklagen · zetern  ●  jammern  Hauptform · lamentieren  abwertend · barmen  geh., veraltend, regional, literarisch · heulen  ugs. · janke(r)n  ugs. · raunzen  ugs., österr.
  • gefühlig · gekünstelt · im Überschwang der Gefühle · melodramatisch · seelenvoll · sentimental · theatralisch  ●  gefühlsbetont  Hauptform · gefühlskitschig  abwertend · kitschig  abwertend · larmoyant  abwertend · mit reichlich Herz und Schmerz  scherzhaft-ironisch · rührstückhaft  abwertend · schmalzig  abwertend · tränenselig  ironisierend · gefühlsbesoffen  ugs., abwertend · gefühlsduselig  ugs., abwertend · mit Pipi inne Augen  ugs., ruhrdt.
  • herumjanken · janken · keine Ruhe geben  ●  (rum)knöttern  ugs., ruhrdt. · (rum)quaken  ugs. · herumquengeln  ugs. · quengeln  ugs., Hauptform
  • (sich die) Augen aus dem Kopf weinen · Rotz und Wasser heulen · Ströme von Tränen vergießen · dicke Tränen vergießen · heiße Tränen vergießen · heiße Tränen weinen · hemmungslos weinen · heulen wie ein Schlosshund · in Tränen aufgelöst sein · in Tränen schwimmen  ●  (die) Tränen laufen jemandem (nur so) übers Gesicht  variabel · (sich die) Augen ausweinen  fig. · (sich) in Tränen auflösen  fig. · alle Schleusen öffnen  fig · bittere Tränen vergießen  veraltend · heftig weinen  Hauptform · in Tränen zerfließen  fig. · hemmungslos losheulen  ugs.
  • (sich) ausweinen (bei jemandem)  auch figurativ · (sich) ausheulen (bei jemandem)  ugs., auch figurativ
  • (jemandem etwas) vorweinen  ●  (jemandem etwas) vorjammern  abwertend · (jemandem etwas) vorheulen  ugs.
  • (sich) eine Träne aus dem Augenwinkel wischen · feuchte Augen bekommen · nasse Augen bekommen  ●  dem Weinen nahe sein  Hauptform · Pipi in die Augen bekommen  derb
  • (jemandem) stehen die Tränen in den Augen · (jemandem) steht das Wasser in den Augen · Tränen in den Augen haben · feuchte Augen haben  ●  nasse Augen haben  Hauptform · Pipi in den Augen haben  derb
  • (sich) in den Schlaf weinen · (sich) müde weinen
  • fiepen · jaulen · wimmern · winseln
  • (jemandem / einer Sache) hinterhertrauern · (jemandem) nachhängen · (sich) (wehmütigen Gedanken) hingeben · nachtrauern · nachweinen
  • bei jeder Kleinigkeit weinen · immer gleich weinen · oft weinen · schnell weinen · sofort weinen (müssen)  ●  nah(e) am Wasser gebaut haben  Hauptform, fig.
  • gefühlsbeladen · gefühlsselig · gefühlvoll · rührselig · schmalzig · schnulzig · sentimental  ●  auf die Tränendrüse drücken(d)  ugs., fig.

Verwendungsbeispiele für ›barmen‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Bitte, bitte, barmte all die Statistik nachgerade, wir brauchen jetzt dringend eine vierteilige Dokumentation über die Geschichte der DDR. [Die Welt, 30.08.2005]
Der Bürger darf zwar maulen und barmen, doch entscheiden tut der Beamte. [Die Zeit, 24.06.2002, Nr. 25]
Wer barmt, hofft auf irgend jemanden, der sich erbarmen möge. [Süddeutsche Zeitung, 05.03.1994]
Da können die Reporter, die Politiker noch so sehr barmen, die Spieler bleiben stumm. [Süddeutsche Zeitung, 08.06.2002]
Demütig, verzweifelt, glückselig, um Gerechtigkeit barmend, es ist alles dabei. [Die Zeit, 11.11.2004, Nr. 49]
Zitationshilfe
„barmen“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/barmen>.

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