Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

bedürftig

Grammatik Adjektiv · Komparativ: bedürftiger · Superlativ: am bedürftigsten
Aussprache  [bəˈdʏʁftɪç]
Worttrennung be-dürf-tig
Wortbildung  mit ›bedürftig‹ als Erstglied: Bedürftigkeit  ·  mit ›bedürftig‹ als Grundform: -bedürftig · Bedürftige
Wahrig und ZDL

Bedeutung

häufig Sozialversicherung Mangel, Not leidend, arm; mittellos, nicht in der Lage, für seinen Unterhalt oder den der anvertrauten Personen zu sorgen und deshalb materielle Hilfe benötigend
Kollokationen:
als Adjektivattribut: bedürftige Kinder, Menschen, Familien, Studenten, Länder, Regionen
mit Adverbialbestimmung: sozial, finanziell bedürftig
als Adverbialbestimmung: als bedürftig gelten
Beispiele:
Zwei Drittel der 1,8 Millionen sogenannten Ein‑Eltern‑Familien gelten als bedürftig; 640.000 Alleinerziehende leben von Hartz IV. [Zu viel Hilfe, 07.10.2010, aufgerufen am 18.01.2021]
Immer mehr Menschen sind im Alter aufgrund unzureichender Altersvorsorge oder durch hohe Heimkosten bedürftiger als in den vergangenen Jahrzehnten. [Neue Westfälische, 05.11.2015]
Zudem werde [in Italien] auch die Einführung eines Mindesteinkommens für bedürftige Familien mit Kindern geprüft. [Neue Zürcher Zeitung, 30.04.2013]
Wir [Großbritannien] sind derzeit der zweitgrößte Geber von Entwicklungshilfe in Simbabwe, wir stellen annähernd 40 Millionen Pfund (umgerechnet ca. 60 Mio. Euro) jährlich für humanitäre Hilfe und HIV/AIDS‑Behandlung für die bedürftigste Bevölkerungsgruppe bereit. [Der Standard, 17.11.2007]
Das Wohngeld für bedürftige Mieterhaushalte stagniert bereits seit 1990. [Die Zeit, 13.01.2000]
allgemeiner, gehoben
Phrasem:
jmds., einer Sache bedürftig sein (= jmdn., eine Sache brauchen, nötig haben)
Beispiele:
Um die Jahrhundertwende, als [der Soziologe Max] Weber seinen psychischen Zusammenbruch erlitt[…], da brauchte er seine Frau, da war er[…] ihrer ständigen Fürsorge und Gegenwart bedürftig[…]. [Süddeutsche Zeitung, 17.06.1995]
Kirchenrechtlich war es seit jeher kaum zu halten, ein nach dem Glauben stärkendes Sakrament [aufgrund dogmatischer Moral] ausgerechnet denen vorzuenthalten, die in ihrer schwierigen Lebenssituation dieser Stärkung bedürftig waren. [Süddeutsche Zeitung, 02.02.2017]
vergleichend Am Freitag letzter Woche trug der trutzig‑gequälte Applaus der SPD‑Fraktion im Deutschen Bundestag Johannes Rau vom Rednerpult, als sei er einer Bahre bedürftig. [Der Spiegel, 06.10.1986]

letzte Änderung:

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

bedürfen · Bedürfnis · bedürfnislos · Bedürfnislosigkeit · bedürftig · Bedürftigkeit · Bedarf
bedürfen Vb. ‘brauchen, nötig haben’, ahd. bithurfan ‘bedürftig sein, brauchen, bedürfen’ (um 800), mhd. bedurfen, bedürfen, mnd. bedörven, bederven, bedarven stimmen mit der alten Bedeutung des Simplex dürfen (s. d.) überein; auch sie werden von Anfang an vor allem mit dem Genitiv verbunden (es bedurfte keiner Worte, der Ruhe bedürfen). Bedürfnis n. ‘Verlangen, Wunsch’, frühnhd. bedürfnisse (15. Jh.), mnd. bederfnisse, auch ‘Mangel, Dürftigkeit’; verhüllend sein Bedürfnis (‘seine Notdurft’) befriedigen, verrichten (19. Jh.). bedürfnislos Adj. ‘genügsam’ (Ende 18. Jh.); Bedürfnislosigkeit f. (Anfang 19. Jh.). bedürftig Adj. ‘arm, Mangel leidend, mittellos’, in der Wendung einer Sache, jmds. bedürftig sein ‘etw., jmdn. brauchen, nötig haben’; ahd. bithurftīg (Hs. 13. Jh.), spätmhd. bedurftic. Vgl. zu Anfang des 17. Jhs. bezeugtes, heute untergegangenes Bedurft f. ‘Bedürfnis’. Im Sinne von ‘notleidend’ begegnet das Adjektiv oft substantiviert die Bedürftigen Plur. Zu der letztgenannten Bedeutung ist Bedürftigkeit f. ‘Mangel, Armut’ (Mitte 16. Jh.) gebildet. Bedarf m. ‘Erfordernis, Nachfrage’, das die gleiche Ablautstufe wie der Singular des präterital gebildeten Präsens von bedürfen aufweist, wird im 16. Jh. aus mnd. bedarf, bederf ‘Notdurf, Mangel’ ins Hd. übernommen. Anfangs nur in der Kanzleisprache üblich, setzt sich Bedarf im 18. Jh. als Ausdruck der Handelssprache im Sinne von ‘Dinge, derer man bedarf’ allgemein gegenüber der alten Bedeutung ‘Mangel’ durch.

Thesaurus

Synonymgruppe
bedürftig · hilfsbedürftig
Assoziationen
Synonymgruppe
(finanziell) nicht gut dastehen · arm · auf öffentliche Unterstützung angewiesen · bedürftig · dürftig · einkommensschwach · finanzschwach · hilfebedürftig · mittellos · notleidend · ohne das Nötigste · prekär · sozial schwach · unvermögend · verarmt · ärmlich
Assoziationen
  • (ein) kümmerliches Leben fristen · in ärmlichen Verhältnissen (leben) · kümmerlich leben · unter ärmlichen Bedingungen  ●  (sein) Leben fristen  Hauptform · unter äußerst bescheidenen Verhältnissen leben  positiv, verhüllend · zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig (haben)  Spruch · äußerst bescheiden leben  positiv, verhüllend · vegetieren  ugs.
  • (schon) bessere Tage gesehen haben · abgewirtschaftet · an den Bettelstab gekommen · arm geworden · auf den Hund gekommen · heruntergekommen · ruiniert · verarmt · verelendet  ●  in Armut abgesunken  geh. · in Armut gesunken  geh. · prekarisiert  fachspr., Jargon
  • arbeitslos (sein) · arbeitssuchend · beschäftigungslos · erwerbslos · nicht erwerbstätig · ohne Arbeit · ohne Arbeitsverhältnis · ohne Beschäftigungsverhältnis · unbeschäftigt  ●  brotlos  fig. · keine Arbeit haben  variabel · ohne Job (dastehen)  ugs.
  • abgehalftert · abgerissen · abgetakelt · abgewirtschaftet · am Ende · desolat · in einem schlechten Zustand · marode · mies · ruiniert · schäbig · ungepflegt · verdorben · verkommen · verlottert · verludert · verlumpt · verschlissen · verwahrlost · verwildert · zerfasert · zerfleddert · zerlumpt · zerschlissen  ●  (äußerlich) heruntergekommen  Hauptform · schleißig  österr. · (herumlaufen) wie ein Penner  derb, abwertend · abgefuckt  derb, jugendsprachlich · abgeranzt  ugs. · abgerockt  ugs., salopp · abgewrackt  ugs. · auf den Hund gekommen  ugs. · gammelig  ugs. · muchtig  ugs., berlinerisch · vergammelt  ugs.
  • alles ausgegeben haben · kein Geld mehr haben · keinen Cent mehr haben · nicht einen Cent haben  ●  auf dem Trockenen sitzen  fig.

Typische Verbindungen zu ›bedürftig‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›bedürftig‹.

Zitationshilfe
„bedürftig“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/bed%C3%BCrftig>.

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