begnadigen

GrammatikVerb
Aussprache
Worttrennungbe-gna-di-gen
GrundformGnade
Wortbildung mit ›begnadigen‹ als Erstglied: ↗Begnadigung
eWDG, 1967

Bedeutungen

1.
jmdm. eine Strafe erlassen, nachlassen
Beispiele:
einen Verbrecher begnadigen
der König begnadigte seinen Feind
einen zu Tode Verurteilten zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigen
2.
veraltet jmdn. begnaden
Beispiel:
ein Glück ... mit dem sonst nur wenige Sterbliche begnadigt sind [Freytag16,209]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Gnade · begnaden · begnadet · begnadigen · gnädig · Gnadenbrot · Gnadenfrist · gnadenreich · Gnadenstoß
Gnade f. ‘verzeihende Güte, Nachsicht, Schonung, herablassende Gunst, Strafnachlaß’, in der christlichen Religion ‘Barmherzigkeit Gottes, Sündenvergebung’, ahd. gināda ‘göttliches Erbarmen, Gottes Hilfe, Wohlwollen, Gunst’ (8. Jh.), mhd. g(e)nāde ‘das Sichniederlassen, um auszuruhen, ruhige Lage, Glück(seligkeit), Gunst, Huld, Gottes Hilfe und Erbarmen’, asächs. (gi)nāða, mnd. genāde, mnl. ghenāde, nl. genade, anord. (aus dem Asächs. oder Mnd.) nāð ‘Gnade, Frieden, Ruhe’ sind dehnstufige Feminina zu einem nur in got. niþan ‘helfen’ belegten Verb unbekannter Herkunft. Eine Verbindung zu aind. nā́thatē ‘sucht Hilfe, fleht’ und griech. oninánai (ὀνινάναι) ‘nützen, helfen’ ist zweifelhaft. Als Ausgangsbedeutung für das Verb wird ‘sich in Ruhelage begeben, sich niederlassen, um auszuruhen’ und für das Substantiv entsprechend ‘Ruhe, ruhiges Leben, Friede, Glück’ angenommen (vgl. spätmhd. diu sunne gēt ze genāden ‘die Sonne geht unter, begibt sich zur Ruhe’). Gnade im Sinne von ‘huldvolles Zugeneigtsein’ wird in der süddeutschen Mission Übersetzungswort für kirchenlat. grātia und auf das Verhältnis Gottes zu den Menschen bezogen. Die als Zusatz bei Herrschertiteln erscheinende Formel von Gottes Gnaden ist die seit dem 13. Jh. geläufige Übersetzung von lat. grātiā deī, griech. cháriti theū́ (χάριτι θεοῦ), zurückgehend auf Paulus (1. Kor. 15, 10), der sein Apostelamt auf der Gnade Gottes aufbaut. Sie wird von Karl dem Großen dem weltlichen Herrschertitel hinzugefügt. Die Anrede Euer Gnaden, mhd. iuwer gnāde, daneben Ihr(e), Ihro Gnaden (16. Jh.) an fürstliche oder hochgestellte Personen entwickelt sich unter Einwirkung von spätlat. tua bzw. vestra clēmentia. Ferner vgl. Redewendungen wie Gnade geht vor Recht, mhd. gnāde gēt vür daʒ reht; sich auf Gnade und Ungnade ergeben ‘sich bedingungslos ausliefern’ (15. Jh.); die Gnade haben (‘geruhen’), etw. zu tun (18. Jh.); zu Gnaden halten ‘gnädig sein’ (18. Jh.); Gnade ergehen lassen ‘Nachsicht üben’ (19. Jh.). begnaden Vb. ‘eine Gnade zuteil werden lassen, mit hohen Gaben beschenken’, mhd. begnāden ‘Gnade erweisen, ein Privileg erteilen, Almosen geben’; dazu begnadet Part.adj. ‘hochbegabt, genial’, eigentlich ‘durch Gnade mit besonderen Gaben beschenkt’, vgl. ein begabter vnd begnadter Mensch (17. Jh.). begnadigen Vb. ‘Strafnachlaß, Straferlaß gewähren, Gnade erweisen, beschenken’ (16. Jh.), spätmhd. begnādigen, begnedigen ‘mit einer Gnade versehen, begaben, beschenken’; mit Umlaut (begnädigen) noch im 18. Jh. Als Part.adj. begnadigt im Sinne von begnadet (s. oben) vereinzelt bis ins 19. Jh. gnädig Adj. ‘Gnade übend, gewährend, barmherzig, gütig, nachsichtig, freundlich’, ahd. ginādīg ‘wohlwollend, liebreich, barmherzig, mild, geneigt’ (8. Jh.), mhd. genædec; zunächst (seit ahd. Zeit) vornehmlich Attribut Gottes. Dann häufig (14. Jh.) in der Anrede adliger, später (18. Jh.) auch bürgerlicher Personen, vgl. gnädiger Herr, gnädige Frau, gnädiges Fräulein, auch substantiviert die Gnädige, meine Gnädigste (18. Jh.). Gnadenbrot n. ‘aus Barmherzigkeit, Dankbarkeit für geleistete Dienste im Alter gewährter Unterhalt’ (18. Jh.). Gnadenfrist f. ‘aus Gnade gewährte Zeit der Schonung, Zeit der Strafaussetzung, letzte Frist’ (um 1800), zuvor im religiösen Sinne ‘Zeit der Gnade für die Seele vor dem Jüngsten Gericht’ (um 1600). gnadenreich Adj. ‘voller Gnade, huldreich, gesegnet’, mhd. genādenrīche, aus der genitivischen Verbindung mhd. der genāden rīche. Gnadenstoß m. ‘Stoß, Stich zur Beendigung der Todesqual (eines verwundeten Tieres)’, anfänglich ‘vom Henker ausgeführter Todesstoß ins Genick oder Herz des Verurteilten, um ihm die Qualen der nachfolgenden Räderung zu ersparen’ (um 1700); vgl. mhd. genādenstōʒ ‘Anstoß der göttlichen Gnade’.

Thesaurus

Synonymgruppe
amnestieren · begnadigen · ↗entschuldigen · ↗nachsehen · ↗vergeben · ↗verzeihen  ●  ↗exkulpieren  fachspr.
Synonymgruppe
(jemandem) die Schuld erlassen · (jemandem) die Strafe erlassen · (jemandem) seine Reststrafe erlassen · (jemanden) begnadigen · Gnade vor Recht ergehen lassen  ●  ↗(jemanden) amnestieren  fachspr.
Assoziationen
  • (etwas) nicht ahnden · (etwas) nicht bestrafen · (jemandem etwas) durchgehen lassen · (jemandem) etwas nachsehen · (jemandem) nicht böse sein (können) · (sich) nachsichtig zeigen · Gnade walten lassen · Milde walten lassen · Nachsicht üben · auf (eine) Bestrafung verzichten · auf (eine) Strafe verzichten · barmherzig sein · gnädig sein · nicht zu streng sein · von einer Bestrafung absehen  ●  Gnade vor Recht ergehen lassen  floskelhaft · beide Augen zudrücken  fig. · dann woll'n wir mal nicht so sein  ugs., Spruch · etwas mit dem Mantel der Nächstenliebe zudecken  ugs., sprichwörtlich
  • freisprechen · für unschuldig befinden · für unschuldig erklären · ↗lossprechen (von) · von jeder Schuld freisprechen
  • (jemandem) die Freiheit schenken · (jemandem) die Freiheit wiedergeben · (jemanden) aus der Haft entlassen · auf freien Fuß setzen · ↗entlassen · ↗freilassen · ↗freisetzen · in die Freiheit entlassen · ↗laufen lassen · ↗losgeben · ↗loslassen
  • (die) Reststrafe zur Bewährung aussetzen · (die) Strafe zur Bewährung aussetzen  ●  (eine) Bewährungsstrafe bekommen  ugs. · ↗(jemanden) auf Bewährung (wieder) laufen lassen  ugs. · auf Bewährung (früher) rauskommen  ugs.
  • (das) Verfahren einstellen · (die) Anklage fallenlassen · (die) Klage zurückziehen · (es) kommt nicht zur Anklage

Typische Verbindungen
computergeneriert

Bundespräsident Delinquent Ex-RAF-Terrorist Ex-Terrorist Festungshaft Gefangene Haft Häftling Inhaftierte Kammerdiener Khan Kremlchef Lebenslängliche Papst-Attentäter RAF-Mitglied RAF-Terrorist Strafgefangener Straftäter Sultan Todeskandidat Truthahn Verbüßung Verurteilte Zuchthaus Zuchthausstrafe Zwangsarbeit ausreisen freilassen rehabilitieren verurteilen

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›begnadigen‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Wir verurteilen sie zum Erschießen und dann begnadige ich sie.
Die Zeit, 28.01.2013, Nr. 04
Danach begnadigen wir ihn, sollte er alles Geld dem Volk zurückgeben.
Die Welt, 20.10.1999
Personen, die zum Tode verurteilt, aber begnadigt wurden, können in die Liste aufgenommen werden.
o. A.: Zweiundvierzigster Tag. Donnerstag, den 24. Januar 1946. In: Der Nürnberger Prozeß, Berlin: Directmedia Publ. 1999 [1946], S. 17837
Am Ende dieses kleinen Schauprozesses wurde ich schließlich nur begnadigt.
Stadler, Arnold: Sehnsucht, Köln: DuMont Literatur und Kunst Verlag 2002, S. 93
Im Juli 1948 wurde Kappler in Rom zum Tode verurteilt, aber später zu lebenslanger Haft begnadigt.
o. A.: Enzyklopädie des Nationalsozialismus - F. In: Enzyklopädie des Nationalsozialismus, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1997], S. 9263
Zitationshilfe
„begnadigen“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/begnadigen>, abgerufen am 06.12.2019.

Weitere Informationen …

alphabetisch vorangehend alphabetisch nachfolgend
begnadet
begnaden
Beglückwünschung
beglückwünschen
Beglückung
Begnadigung
Begnadigungsgesuch
Begnadigungsrecht
Begnadung
begnügen