demokratisieren

GrammatikVerb · demokratisierte, hat demokratisiert
Aussprache
Worttrennungde-mo-kra-ti-sie-ren
HerkunftGriechisch
Wortzerlegungdemokratisch-isieren
Wortbildung mit ›demokratisieren‹ als Letztglied: ↗entdemokratisieren
Duden GWDS, 1999 und DWDS, 2017

Bedeutungen

1.
jmd. demokratisiert etw.
etw. demokratisiert sich
(einen Staat) nach den Grundsätzen der Demokratie einrichten, gestalten; demokratisch machen, werden
Beispiele:
Der nun abtretende Staatschef Stjepan Mesic hat Kroatien in den letzten zehn Jahren demokratisiert. [Süddeutsche Zeitung, 11.01.2010]
So gebe es in vielen Köpfen die Idee, dass China sich mit der wirtschaftlichen Entwicklung automatisch demokratisieren werde. [Neue Zürcher Zeitung, 23.03.2017]
Das Ziel der westlichen Intervention in Afghanistan war, das Land nach über 20 Jahren Dauerkrieg zu stabilisieren und zu demokratisieren. [Spiegel, 19.05.2007 (online)]
Nach internationalen Abkommen sollte ganz Deutschland entnazifiziert, entmilitarisiert und demokratisiert werden. [Berliner Zeitung, 09.04.1952]
Kollokation:
mit Akkusativobjekt: das Land demokratisieren
2.
jmd. demokratisiert etw.(eine Institution, Behörde o. Ä.) demokratisch machen, gestalten
Beispiele:
So wurde die Leitung demokratisiert und als Zweck des Vereins wurde deutlich die Förderung der diversen Interessen der Arbeiter festgelegt. [Berliner Zeitung, 31.01.1987]
Ähnlich wie der große Bereich der Wirtschaft dringend demokratisiert werden muss, muss auch der Verfassungsschutz in unseren […] Rechtsstaat eingebunden werden. [Süddeutsche Zeitung, 26.05.2007]
Die Armee und andere bewaffnete Organe seien in antinationale Instrumente verwandelt worden und müßten aufgelöst oder demokratisiert werden. [Berliner Zeitung, 26.07.1986]
Die klösterliche Hierarchie sollte dezentralisiert, demokratisiert und die Ordensregel von überholten Traditionen freigelegt werden. [Die Zeit, 19.02.1971, Nr. 08]
Dringend notwendig ist es, das Bildungswesen zu demokratisieren und zu modernisieren, das Recht auf Bildung für alle durchzusetzen […]. [Neues Deutschland, 22.04.1966]
Kollokation:
mit Akkusativobjekt: die Gesellschaft, Wirtschaft demokratisieren; Entscheidungsprozesse demokratisieren
spezieller eine Entscheidung oder Handlung (nachträglich) der demokratischen Willensbildung unterwerfenQuelle: DWDS, 2017
Beispiele:
In einem zweiten Schritt müssten Brüsseler Entscheidungen demokratisiert und »vollständig der Willensbildung und Kontrolle der europäischen Bürger und Mitgliedstaaten unterworfen« werden. [Die Zeit, 16.11.2016, Nr. 45]
Aber nicht nur das Verhältnis der Eltern demokratisiert sich; mit dem Abbau der väterlichen Autorität werden auch die Kinder an Entscheidungen der Familie mehr beteiligt. [Der Spiegel, 12.02.1979, Nr. 7]
3.
jmd. demokratisiert etw.etw., was Privilegierten vorbehalten war, allgemein zugänglich, erreichbar o. ä. machen
Beispiele:
Bis 1660 ist das Speiseeis Königlichen vorbehalten, dann verrät sein Enkel das Rezept und demokratisiert damit die Köstlichkeit. [Neue Zürcher Zeitung, 09.05.2017]
Bekannt ist, dass Karl August Lingner die Mundpflege demokratisierte und mit Odol ein Mundwasser herstellte, das bezahlbar war […]. [Süddeutsche Zeitung, 15.07.2016]
Dennoch sei Bildung nicht das Privileg von kaufkräftigen Kunden, sondern werde mehr und mehr demokratisiert, ein Vorgang, der ohne Internet nicht denkbar wäre. [Süddeutsche Zeitung, 15.12.2001]
Und so wurden denn die ersten Autos in Deutschland entwickelt, in Frankreich vollendet, in Amerika demokratisiert: als Konkurrenten zu Fahrrädern, Pferden und Eisenbahnen. [Die Zeit, 31.01.1986, Nr. 06]
Mit dem Fließband und seinem Modell T, der »Blechliesel«, demokratisierte […] [Henry Ford] das Auto. [Der Spiegel, 17.09.1979, Nr. 38]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Demokratie · Volksdemokratie · Sozialdemokratie · demokratisch · demokratisieren · Demokratisierung · Demokratismus · Demokrat
Demokratie f. ‘Herrschaft der Mehrheit eines Volkes, Staat mit demokratischer Regierungsform’, meist ungenau oder vereinfachend mit ‘Volksherrschaft’ wiedergegeben. Ins Dt. Ende des 16. Jhs. über lat. dēmocratia aus griech. dēmokratía (δεμοκρατία) entlehnt, entstanden aus griech. dḗmos (δῆμος) ‘Volk’ und kraté͞in (κρατεῖν) ‘herrschen’ als Gegenbegriff zu oligarchía (ὀλιγαρχία) ‘Herrschaft der wenigen’, zu griech. árchein (ἄρχειν) ‘herrschen’ (s. ↗Oligarchie), der Bezeichnung der durch die Demokratie verdrängten Staatsform (s. Debrunner in: Festschr. Tièche (1947) 15). Als Muster der Demokratie gilt der Antike die von Kleisthenes nach dem Sturz des Tyrannen Hippias 510 v. u. Z. geschaffene Verfassung. Im Dt. wird Demokratie bis in die 2. Hälfte des 18. Jhs. vorwiegend in Übersetzungen antiker Autoren (Thukydides, Polybios) verwendet, jedoch seit dem 17. Jh. in theoretisierenden Schriften auf deutsche Verhältnisse bezogen (Micraelius 1639, Dielhelm 1740). Erst Ende des 18. Jhs. setzt sich das Wort unter dem Einfluß der französischen Revolution in unterschiedlichen Bedeutungsvarianten durch. Die bis in jüngste Zeit fortbestehenden Sach- und Begriffsunterschiede finden ihren sprachlichen Ausdruck in zahlreichen Attribuierungen wie direkte, repräsentative, soziale, parlamentarische Demokratie oder bürgerliche bzw. sozialistische Demokratie und in Zusammensetzungen wie Volksdemokratie f. (1947), der Entsprechung von russ. naródnaja demokrátija (народная демократия), sowie Sozialdemokratie f. (seit etwa 1850, nach frz. démocratie sociale) zunächst im Sinne von ‘soziale Demokratie’, dann für die Gesamtheit der Anhänger der sozialdemokratischen Bewegung. Dazu die Ableitungen demokratisch Adj. ‘den Grundsätzen der Demokratie entsprechend, freiheitlich, nichtautoritär’ (Ende 16. Jh.), im wesentlichen dem Gebrauch des Substantivs folgend, demokratisieren Vb. ‘demokratisch gestalten oder umgestalten’ (Ende 18. Jh.), aus frz. démocratiser entlehnt, Demokratisierung f. (um 1850) sowie Demokratismus m. frz. démocratisme, engl. democratism entsprechend, seit den 90er Jahren des 18. Jhs. bezeugt und weithin gleichbed. mit Demokratie. Demokrat m. ‘Anhänger der Demokratie, Mitglied einer demokratischen Partei’; aus frz. démocrate um 1760 entlehnt. Neben Demokratie, ↗Aristokratie (s. d.) und ↗Bürokratie (s. d.) spielen in der Literatursprache einige Wortschöpfungen dieses Typs eine gewisse Rolle, darunter solche, die auf das Griech. zurückgehen wie Autokratie, Plutokratie, Theokratie (alle 19. Jh.); weitere sind aus anderen Sprachen entlehnt: Physiokratie (18. Jh.) aus dem Frz., Technokratie (1932) aus dem Amerik.-Engl. Das zweite Kompositionsglied ist, wie zahlreiche Gelegenheitsbildungen und Modeausdrücke zeigen, zur Kennzeichnung vermeintlicher Herrschaftsformen reihenbildend geworden: Bankokratie (M. Heß 1850), Logokratie (Hiller 1920), Expertokratie (1970), Telekratie (1976), Filzokratie (1977).

Thesaurus

Politik
Synonymgruppe
allgemein verfügbar machen · demokratisch gestalten · demokratisieren · erreichbar machen · zugänglich machen

Typische Verbindungen
computergeneriert

Demokratie Entscheidungsprozeß Fliegen Gesellschaft Globalisierung Institution Internet Luxus Mode Osten Privileg Regime Revolution Sozialismus Struktur System Wahlrecht Wissen Zugang befreien befrieden dezentralisieren grundlegend liberalisieren modernisieren popularisieren reformieren stabilisieren weiter öffnen

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›demokratisieren‹.

Zitationshilfe
„demokratisieren“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/demokratisieren>, abgerufen am 22.08.2019.

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