Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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angst, f.

angst, f.
angor, anxietas, ahd. angust, mhd. angest, m. und f., nnl. angst m., unser pl. lautet ängste = ahd. angustî, fehlerhaft ängsten:
des lebens ängsten, er wirft sie weg.
Schiller 330;
mein weib und meine kinder in ängsten
und gefahren zu stürzen.
Göthe 40, 47,
aus unnöthiger furcht vor dem hiatus. Beneckes behaupteter unterschied in der bedeutung des mhd. angest und nhd. angst (1, 43ᵇ) übertreibt; warum sollte nicht auch heute den mutigsten krieger manches ängsten, ohne dasz ihn die geringste feigheit anwandelt? es kann ihm angst sein, dasz die nacht zu früh einbreche, das pulver ausgehe. angst ist nicht blosz mutlosigkeit, sondern quälende sorge, zweifelnder, beengender zustand überhaupt, von der wurzel enge, ahd. angi, engi, goth. aggvus, und angan, engen, lat. angere, goth. aggvjan, woher angida, goth. aggviþa; die ableitung -ust entspricht aber der des lat. adj. angustus, neben anxius, und des subst. angustia, neben angor und anxietas. bange ist hervorgegangen aus beange, beengt. vielleicht, dasz auch ahd. ango cardo, die enge fügende, drängende thürangel dazu gehört. Angst im ebraischen lautet als das enge ist, wie ich achte, das im deudschen auch angst daher komme, das enge sei, darin einem bange und wehe wird und gleich beklemmet, gedruckt und gepresset wird, wie denn die anfechtungen und unglück thun, nach dem sprichwort, es war mir die weite welt zu enge. Luther 5, 49ᵃ.ᵇ.
wie sölche weisen angst und schwaisz
erhalten in der tugent streit,
das macht zu melden lange zeit.
Schwarzenb. 157, 1ᵃ;
wir sahen die angst seiner seelen. 1 Mos. 42, 21; weil denn nu das geschrei der kinder Israel fur mich komen ist und hab auch dazu gesehen ir angst, wie sie die Egypter engsten. 2 Mos. 3, 9; aber sie höreten in nicht fur seufzen und angst und harter erbeit. 6, 9; angst kam die Philister an. 15, 14; gott meiner gerechtigkeit, der du mich tröstest in angst. ps. 4, 2; sei nicht ferne von mir, denn angst ist nahe. 22, 12; die angst meines herzen ist grosz. 25, 17; wenn mein herz in engsten ist, so rede ich. 77, 4; wenn sie aber das kind geboren hat, denket sie nicht mehr an die angst. Joh. 16, 21; in der welt habt ihr angst. 16, 33; denn ich schreibe euch in groszer trübsal und angst des herzen. (goth. us managai aglôn jah aggviþai hairtins.) 2 Cor. 2, 4; in nöten, in engsten (goth. in nauþim, in aggviþôm). 6, 4; so ein reicher kaufmann in engsten krank ligt. Frank weltb. 202ᵇ; vor ängsten. Garg. 6;
ja auch die götter selbst hat oftmals weiber angst (sehnsucht nach weibern)
aus ihrer burg gejagt, dasz sie ihn giengen nach.
Fleming 154;
die Wolge hier hat nicht so viel der tropfen,
als ängste mir an meine seele klopfen.
486;
was darf er nun in ängsten sitzen?
Hagedorn 2, 34;
in groszen ängsten.
Wieland 10, 345;
das bild ist ungeschickt grosz, und dieses metall, dieses glas macht mir tausend ängste, wenn sie ein kind in die höhe heben. Göthe 17, 83; jedermann war von furcht und ängsten gepeinigt. 30, 195; ich würde in ewigen ängsten sein. 42, 88; der ort ist einsam und abgelegen, ihr allein, ihr kennt meine angst für euch. Klingers th. 4, 120; ihr habt nicht nöthig solche ängste. Für angst machen, schaffen sagte man früher auch angst thun: diese fliegen waren schier vol und sat, das sie mir nicht mehr so angst thaten. Luther 3, 321ᵇ, wie schon Otfried angust giduan hat (Graff 1, 342). Die unsicherheit und gefahr, das risico bei transport und sendung hiesz sonst gleichfalls angst: da haent die hoifslude gewist, so weilch hoifsman sein reicht (sein recht, seine abgabe) uf den vurschreben dunrisdaich nit engeve, ee die sonne geseisze (untergienge), de sal id uf sine kost und anxt leveren zu Mendich. weisth. 2, 453; item weist auch der scheffen, dasz der zehende, so er von den nachpurn gedragen oder bestanden wird, sal er sein der pfarren angst und verlust ... in der bestender fahr und sorgen. 2, 601; sollen sie den (wein) füren gen Merl uf ihre angst zwischen der herren vier mauern. 3, 805. Endlich findet sich auch angst in der schwurformel potz angst! gleichsam gottes angst und marter; botz angst! Garg. 57ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1852), Bd. I (1854), Sp. 358, Z. 27.

angst

angst,
angustus, anxius, sollicitus. ein übergang aus dem subst. in das adj. entspricht der gewohnheit anderer wörter. gramm. 4, 243. 244 wurde gewiesen, dasz in den unpersönlichen redensarten: mir ist not, mir ist zorn, mir ist ande und ähnlichen mehr ursprüngliche substantiva anzunehmen sind, die dann in adjectiva oder adverbia ausarten und gleich diesen der comparation fähig werden. gerade so verhält sich auch mir ist angst, mir wird angst, es macht mir angst, welchen das offenbar unsubstantivische bange = beange zur seite tritt, und aus welchen ein comp. ängster hervorspringt, da doch schon im einfachen angst, angust = lat. angustus superlativisches st erscheint. es ist mir fast angst. 2 Sam. 24, 14; mir ist fast angst. 1 chron. 22, 13; wenn er gleich die fülle und genug hat, wird im doch angst werden. Hiob 20, 22; wenn mir angst ist, rufe ich den herrn an. ps. 18, 7; Sin sol angst und bange werden. Ezech. 30, 16; und macht im angst und bange. Sir. 4, 19; also viel engster sol dir werden, wenn du Christus leiden bedenkest. Luther 1, 168ᵃ; wem war ängster denn dem guten pfaffen? Wickram rollw. 60ᵇ; wie angst wird mir. Gryphius 2, 360; wem war ängster, als dem guten geistlichen? Abr. a s. Clara 2, 298; er ist gefährlich, mir ist angst und bange. Göthe 14, 159; es war mir angst und bange, er möchte sich in diesen ergieszungen aufzehren. 23, 187; sie küste ihn mit solcher inbrunst, dasz ihm die heftigkeit dieser aufkeimenden natur oft angst und hange machte. 19, 103. Entschiedner tritt auszer solchen unpersönlichen phrasen das adj. auf, es heiszt nicht blosz einem angst machen, einem angst einjagen, sondern auch einen angst machen, anxium reddere:
dein falscher grund der seichten und der tiefen
hat uns ja oft angst, bleich und nasz gemacht.
Fleming 103;
mach mich nur nicht angst.
Immermann Card. 48;
nicht blosz es ist, es wird mir angst, sondern auch ich bin, werde angst: es ist von ungefähr drittehalb jahre her, dasz sie auf diese art anfieng, einige von ihren lieblingsgedanken, wenn ich abwesend sein muste, aufzuschreiben, und immer roth und angst wurde, wenn ich sie dabei antraf und sie mir es vorlesen muste. Klopstock 11, 9; süszes mädchen, sei so beklemmt nur nicht, so angst, so schüchtern! Lessing 2, 345; ich war so angst, ich zitterte, ich betete, da riefs und ich verstands. Göthe 20, 89. Dennoch dringt das adj. nicht vollends durch, es wäre unzulässig zu sagen: er ist ein angster mann für furchtsamer, ein angstes ereignis f. ängstliches, angsterregendes. zwar schon Ringwald evang. Ff 6ᵃ wagte: dein angster tod, das hat aber in die sprache keinen eingang gefunden.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1852), Bd. I (1854), Sp. 359, Z. 24.

angsten

angsten,
angi, ahd. angustên (Graff 1, 343), mhd. angesten (Ben. 1, 44ᵃ): mit ihren zähnen fungen ein geklapperes an, dasz mir angstet (angst wurde). Philand. 1, 643.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1852), Bd. I (1854), Sp. 360, Z. 6.

ängsten

ängsten,
angere, ahd. angustan. wie sie (eos) die Egypter engsten. 2 Mos. 3, 9; wenn du geengstet sein wirst. 5 Mos. 4, 30; und David ward ser geengstet. 1 Sam. 30, 6; die risen engsten sich unter den wassern. Hiob 26, 5; denn ich bin der rede so vol, das mich der odem in meinem bauche engstet. 32, 18; ängsten und bemühen sich. Kirchhof wendunm. 56ᵃ; deine feind werden dich ängsten allenthalb. Reiszner Jerus. 2, 132ᵃ;
weil ich mit meiner lieb aufs grimmst ihn ängsten will.
Gryphius 1, 669;
der den das theure blut des lammes hat besprenget,
wird von den wölfen zwar geängstet und bedränget.
Logau 1, 6, 13;
dort ängstet mich ein wild.
Fleming 113;
warum zitterst du, geängstete seele, vor dieser
deiner einzigen ruhe zurück?
Klopst. Mess. 14, 328;
ihr sehet, wie viel der geängstete leidet.
14, 835;
vergäsz ich auch der feinde,
die seines lebens morgen ängsteten.
Gotter 2, 198;
ich geängstete.
2, 460;
die aber mich auch so geängstet,
mich so gequält!
Lessing 2, 348;
diesem erbeb ich im herzen und ängste mich was ihn betreffe.
Voss Od. 4, 820;
diese märchen, die den gläubgen pöbel ängsten.
Schiller 418;
verbannung, tod, entwürdigung umschlieszen
mich fest und ängsten mich einander zu.
Göthe 9, 372.
in der prosa ist ängstigen mehr gebraucht. ängsten intr. für angsten oder sich ängsten:
ein mensch, wie ich, musz ängsten, schmachten, siechen.
Herder.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1852), Bd. I (1854), Sp. 360, Z. 9.

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Zitationshilfe
„ängsten“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/%C3%A4ngsten>, abgerufen am 18.06.2021.

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