Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

äuszern

äuszern,
auszer sich geben, thun, ist gebildet von auszer wie nnl. uiten, ahd. ûʒôn von uit und ûʒ, mhd. sagte man ûʒeren, mnd. nach Ssp. 2, 62 üteren, engl. utter. es kommt meistentheils mit sich verbunden vor.
1)
weidmännisch, das wild äuszerst sich, gleichsam thut sich aus dem holze, kommt zum vorschein; als wir auf der jagd waren, äuszerte sich kein wild. Steinbach 1, 51.
2)
von andern dingen, die sich zeigen: die blattern äuszern sich, brechen aus; die gröszte verlegenheit äuszerte sich in der gesellschaft; ein betrug, ein verdacht äuszerte sich in diesem geschäft; eine gelegenheit äuszert sich;
als wenn beim amtsetat
ein minus sich statt plus geäuszert hätte.
Gökingk 2, 201;
ich schlief nicht, ich wachte nicht, ich schlummerte. ich vernahm alles was um mich vorgieng sehr deutlich, und doch konnte ich mich nicht regen, mich nicht äuszern. Göthe 11, 369; eine gleiche schwierigkeit äuszert sich. Kant 8, 22.
3)
sich äuszern, sich aussprechen, ore prodere, mit worten zu erkennen geben: er hat sich dahin geäuszert; ich mag mich darüber nicht zu frühe äuszern; er äuszert sich so deutlich, dasz man ihn nicht misverstehen kann. auch ohne sich mit dem acc.: er äuszerte folgendes; er hat den wunsch geäuszert (ausgesprochen); er äuszert seine meinung stets unverholen; Forskaal hatte meinem vater geäuszert, dasz er wünsche. Niebuhr kl. schr. 1, 20. selten sich äuszern mit dem gen., in diesem sinn: überdem hat man noch nie gehört, dasz ein wegen mordes zum tode verurtheilter sich beschwert hätte, dasz ihm unrecht geschehe, jeder würde ihm ins gesicht lachen, wenn er sich dessen äuszerte. Kant rechtsl. 1798 s. 231.
4)
äuszern mit persönlichem acc. ist ungewöhnlich: sondern euszert sich selbst und nahm knechtsgestalt an (ἑαυτὸν ἐκένωσεν, goth. sik silban uslausida, vulg. semetipsum exinanivit). Philipp. 2, 7. in anderm sinn: im marchieren äuszerten mich ehrliche weiber. Simpl. 2, 145, d. h. vermieden mich, enthielten sich meiner. Sehr häufig sagte man sich eines dinges äuszern = enthalten, abthun. mhd. wil er sich sîn ûʒern. Schw. sp.; mnl. wel he ir (der schädlichen thiere) sik üteren name (nach dem) scaden. Ssp. 2, 62; andere belege dieses sich äuszern abstinere für den rechtsgebrauch gibt Haltaus 83. welchs beides (cujus utriusque) der römisch bischof sich bisher geeuszert hat. Luther 1, 62ᵃ; so viel genanter doctor Martinus befunden würde, das er in einigem artikel geirret hette, so wöllen wir die ersten sein, die sich sein euszern. 1, 135ᵇ; das ir euch in dieser sachen euszert des christlichen namens und rhümens des christlichen rechtes. 3, 118ᵇ; das sie sich des meszhaltens aller ding euszern und enthalten. 3, 194; das die natur gewartet des, das sie nirgend sihet noch empfindet, und sich des euszere, das sie sichtlich empfindet. 3, 295; so ists auch kein fahr, das ir euch der unterthanen damit euszert, so ir die güter verkauft. 4, 318ᵃ; solche leut für keine Christen zu halten sind, die sich so lange des sacraments euszern und entziehen. 4, 428ᵃ; da ist hohe zeit, das sich alle frome Christen ir (der falschen lehre) euszern. 6, 178ᵇ; so müste er (gott) warlich zuvor sich seiner rechten gottheit euszern. 8, 3ᵃ; denn ich bei mir genzlich beschlossen, ich wolle mich hinfurt ewers hofs gar euszern. 8, 173ᵇ; werden wir gezwungen, den christlichen namen euch absagen und euer ganz zu euszern. Luthers br. 2, 355; haus und hof verlassen und sich der vorberhürten stück euszern. Melanchthon augsb. conf. im corp. doctr. chr. s. 9; das er darin nichts heimlichs fürgenommen, oder sich der leut geeuszert, sondern alles am liecht gehandelt. Melanchth. rede von herzog Ernsten, deutsch von Lauterbeck. Ff. 1563. s. 23; herzog Ott und herzog Albrecht euszerten sich solches krieges. Aventin 485;
ganz in aller demütigkeit
(hat Christus) sich geeuszert seiner gottheit.
H. Sachs II. 1, 56ᵈ;
wenn man mich hett zu gvattern gbetten,
zum kind und bei die tauf zu tretten,
euszert ich mich derselben leut.
B. Waldis 4, 69;
doch euszerst du dich meiner klag
ein antwort zu verleihen.
Weckherlin 86;
wer lebet, der nicht geht des bleichen todes bahn?
wer ist es, der sich selbst des grabes euszern kan?
Opitz ps. s. 172;
im fall er ein gebot nun etwan ewig nennt,
bezeugt er, dasz er disz von jenen andern trennt,
so dasz es unrecht sich zu euszern dessen bürde,
bis er es, der es gab, auch selbst verendern würde.
Hugo Grot. s. 381;
dasz gott sich äuszert der gewalt.
Lohenstein geistl. ged. 76, 1394;
dasz er sich meiner gesellschaft in etwas euszern müste. Philand. 2, 776; sobald sie aber wind bekamen, dasz der zaar mich im land zu behalten entschlossen, wurden sie alle zu stummen an mir, ja sie äuszerten sich auch meiner. Simpl. 1, 539; doch wollte ein solcher mensch sich der gesellschaft ganz euszern. Weise erzn. 395. Stieler 70 hat noch folgende beispiele: sich seiner gewalt euszern auf eine zeitlang; sich seines rechts euszern; sich der leute gesellschaft euszern; sich eines freundschaft euszern; ich werde mich nicht euszern (nicht enthalten) zu euch zu kommen; geeuszerte sachen, res separatae. Frisch 1, 43 sich eines äuszern, eines umgang meiden. später erlischt der gebrauch dieses worts, und theilweise an seine stelle getreten ist entäuszern w. m. s.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1853), Bd. I (1854), Sp. 1036, Z. 5.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
ausstehlich
Zitationshilfe
„äuszern“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/%C3%A4uszern>, abgerufen am 18.06.2021.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)