Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

ölgötze, m.

ölgötze, m.
ein mit öl gesalbtes oder mit ölfarben angestrichenes götzenbild. vor dem 16. jahrh. nicht nachweisbar und in der reformationszeit als spottwort gegen die holzbilder der katholiken (Zwingli 2, 52), auch gegen die anbeter derselben, sowie gegen die mit dem heiligen öl geweihten katholischen priester gebraucht. vgl. myth.⁴ 12 anm. und nachtr. 9.
1)
der mönch Joh. Lindner nennt in seinem ums j. 1530 verfaszten onomaticum den Crodo (myth.⁴ 171. 205. 640 und nachtr. 74) einen ölgötzen: Crodo, ein ölgöcz, stunt auf der Hartesburck auf einer sewlen barfus, einen perck undern fussen, gegort mit einem leinenen schurztuch, in der linken hant ein rat u. s. w. Mencken script. 2, 1509 (nicht 1519, wie bei Frisch steht); auch Agricola sprichw. nr. 186 versteht darunter ein mit ölfarben angestrichenes hölzernes götzenbild, kennt aber schon die auf einen steifen, dummen menschen angewendete bedeutung: ein stock und ein holtz das geferbt ist und ölgetrenkt, auf das die farb bleibe und vom regen nicht abgewaschen werd, ist ein ölgötz. götze kompt von gott und ist etwas, das ein bildnusz hat on leben, on seele, darumb ist ein ölgötze ein mensch, der nirgends zu nütz ist, da weder verstand noch witze bei ist (darnach bei Schottelius 1131ᵇ); ähnlich bei Stieler 688 mit anlehnung an ölberger 2: ölgötze statua ex ligno, lapide vel aere facta, qualis est Petrus etc. in monte olivarum dormientis, alias ein ölberger, qui etiam de negligente et somnolento dicitur. daher in vergleichungen und sprichwörtlichen redensarten (Wander 3, 1142, vgl. bildsäule und klotz II, 2 ff.): du stehst wie ein klotz, ölgötz. Frank sprichw. 2, 51ᵃ; die reichen bleiben dumm und ein ölgötz. 160ᵃ u. oft; wenn wir in der kirchen sind unter der mess, da stehen wir wie die ölgötzen, wissen nichts auf zu bringen noch zu klagen. Luther 1, 241ᵃ, vergl. 336ᵇ; wann er (papst) in seinen pontificalibus wie ein ölgötz umbgetragen wird. Fischart bienenk. 149ᵃ; der ehrt ein ölgötzen, der den gemeinen wahn in ehren helt. Lehmann 356, 2; man sitzt in gesellschaft von euch herren immer da, wie ein ölgötze. Engel 1, 47; unser einer, der in seiner jugend nichts als reiten und fechten gelernt, steht (bei der unterhaltung der mädchen über künste und wissenschaften) wie ein stummer ölgötze dabei. Langbein schriften 14, 64; als er zurück blickte, sah er die frau mit offenem munde mitten in der strasze stehen, wie ein ölgötze, und ihm nachsehen. Gotthelf schulm. (1859) 2, 10; baslerisch dosto (da stehen) wie nen ölgöz, verblüfft, ohne sich zu rühren und etwas sagen zu können. Seiler 228ᵇ; vgl. noch Weinhold schles. wb. 27ᵃ. Schambach 147ᵇ (auch trângötze). Danneil 149ᵇ.
2)
henneb. ölgötz 'ursprünglich und noch in einigen hennebergischen gegenden ein pfosten, an den man die lampe aufhängt. dazu wurden in den ersten zeiten des eingeführten christenthums alte abgenutzte hölzerne götzen gebraucht.' Reinwald 1, 112, vgl. Spiesz 177. auch das kärnt. der paule (leuchterknecht Lexer 19) scheint identisch zu sein mit Paule (Paulus), also ursprünglich die figur desselben darstellend (die holzbilder von Petrus und Paulus zieren den hochaltar der meisten dorfkirchen). auf diesen ölgötzen scheint sich die redensart zu beziehen den ölgötzen tragen, einem hinten nach tragen (niedrige und schmutzige dienste verrichten, in allem unterwürfig sein):
hewer will ich unverheirat bleiben,
das ich mich nit thu uberweiben,
und muͤst auch den ölgötzen tragen.
H. Sachs 5, 65, 23;
dieweil sie lebt auf dieser erd,
ward ich ir veracht und unwerd,
must all mal den ölgötzen tragn.
270, 36;
du hast dir ein weib gnummen, ..
derhalb must nun bei all dein tagen,
weil du lebst, den ölgötzen tragen.
14, 130. 33. 271, 6;
musz doch mit ir (meinem weibe) erschlagen sein,
den ölgötzen ir hindn nach tragen.
9, 107, 6;
und wenn er ist ein göckelmann,
so musz er uns den ölgötzen tragn.
Ayrer 2369, 28;
er hat ein bösz weib uberaus,
die öl und fegefewer im haus,
die in herscht und ubel thut plagen,
mus allzeit den ölgötzen tragen.
Eyering 2, 406.
3)
die figurenartig geschnitzte abfluszröhre des öls in den ölmühlen heiszt thüring. ölgötze (in den getreidemühlen kleienköker d. i. kleienspeier, s. auch theil 5, 1086). schles. provinzialblätter 1872 s. 255. — thüringisch wird auch ein gebäck ölgötze genannt (also wol auch ursprünglich eine götzenfigur darstellend) myth.⁴ 51 und nachtr. 9, vgl. Weinhold schles. wb. 27ᵃ (die dort gegebene erklärung von ölgötze hält Weinhold nach brieflicher mittheilung nicht mehr aufrecht).
4)
von Luther und dessen anhängern ist ölgötze häufig als schimpf auf die mit dem heiligen öl geweihten katholischen priester, auf die bischöfe und den papst angewandt worden (vgl. die beschornen und geöleten götzen, kathol. priester Luther 2, 12ᵇ; ein gesalbter, geschmirter und wol geölter pfaffe. Alberus bei ölen 4, vergl. auch die stelle aus Aventin. bei öltränken): der bapst ... macht aus den bischoffen nur cifferen und olgotzen. Luther an den adel 31 neudr.; er (weihbischof) weihet glocken .. und macht sechs oder siben mal im jar ölgötzen. Schade sat. 3, 172, 13 (vom j. 1525); es muͤst die weltlich oberkeit den bischoffen gebieten, dasz sie kein ölgötzen mer machten. 188, 30; o ja schöne heiligen des romischen ölgotzens! G. Nigrinus papist. inquisit. 564; nicht wie die öhlgötzen und öhlpfaffen im blinden bapstthumb. Dannhauer ev. mem. 525; ich bin kein geschmirter oder beschorner ölgötze, sondern ein ... gleubiger christ. S. Dilbaum gesprech zwischen zweien landsknechten (Augsb. 1605) A 4ᵇ.
5)
auch sonst von einem eingebildeten, hochmütigen und dabei dummen menschen (vgl. 1), der verehrung beansprucht: bist du Mose? du bist ein eitler ölgötze. Hamann 3, 69; hat nicht der Hamburger ölgötze (pastor Göze) bei aller dummheit im grunde recht gehabt (mit seinen angriffen auf Lessing)? an J. H. Jacobi in Jacobis werken 1, 390.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1885), Bd. VII (1889), Sp. 1278, Z. 73.

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Zitationshilfe
„ölgötze“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/%C3%B6lg%C3%B6tze>, abgerufen am 13.08.2020.

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