überall raumadv.
Fundstelle: Lfg. 1 (1913), Bd. XI,II (1936), Sp. 126, Z. 54
per totum, ubique. ahd. ubaral; uberal; mhd. überal; mnd. overal; mnl. u. nnl. overal, schwed. öfveralt; dän. overalt (schwed.-dän. aus dem mnd. entlehnt); ags. ofereall; engl. overall; fries. ural. uneigentliche composition aus über all = über alles hin (vgl. oben über c. acc. 1). die adverbielle verwendung ist zwar schon für das 8. jahrh. durch glossen erwiesen (Graff 1, 215 f.), doch bleibt das gefühl für die präpositionale verbindung noch in mhd. zeit und drüber hinaus durchaus lebendig (vgl. Wiessner beiträge 27, 39). die späte zusammenrückung zur composition überall erklärt auch das schwanken in der betonung: Adelung, Weigand, Heyne u. a. wbb. betonen überáll, Campe, Sanders nennen den wortaccent schwankend; die dialecte verhalten sich verschieden, vgl. z. b. Hunziker 268; Martin-Lienhart 1, 28. dreisilbige formen vereinzelt: überale Schede ps. 90, 18 neudr.; überalle P. Gerhart in Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 378; überallen Rosegger schr. 7, 76.
1)
local: über alles hin: uuas thiu tuniha unginait fon obanentigi ubar al giuueban, desuper per totum Tatian 203, 2;
der palas unt die wende was allez überal
gezieret gegen den gesten
Nib. 565, 1;
(er) lûte die glocken, die er vant
vaste ze sturme, daz der schal
quam in daz dorf überal
Reinhart Fuchs 1574;
Gunterfay sein bek erschal,
daz man es höret überal
ring 3, 1;
(die raupen vertreibt man durch einen rauch), der überal durch den garten gehet, durch den wind hin und her getriben Herr feldbau (1551) 144ᵇ; sie ... lassen auch die schuch überal mit perlen besetzen Heyden Plinius 378; er schauet überall und sorgt, ein liebreicher vater maler Müller werke 1, 26; die allwirkende überallergoszene quelle alles lebens Herder 10, 324;
schaut hin, dort liegt in finstern stall,
des herschaft gehet überall
Paul Gerhardt 4, 8;
in der neueren sprache meist determiniert: überallhin (s. u.).
2)
gänzlich, vollständig, in jeder hinsicht, auch ohne locale beziehung; schon ahd.:
er uuas goteforahtal ioh rehto er lebêta ubaral
Otfrid 1, 15, 3;
nun aller getrüwester vatter thu mir überall das du wilt der ewigen wiszheit betbüchlin (1518) 31ᵃ; der tisch war ... mit ausgehungerten und an kleidungen überall zerlumpten kindern besetzt Grimmelshausen vogelnest 410, 26 Keller; in derselben zit ... verbrann ze Lucern die pfistergass überall Tschudi chron. Helvet. 2, 623; sagen sie doch dem (seine critisiersucht ausgenommen) sonst überall guten mann, dasz ich Gleim an Bürger (1771) 1, 37 Strodtmann; das glück verliesz den könig und wandte sich überall zu herzog Heinrich Grimm deutsche sagen 2, 88;
schaw, mein Kargas! wie sichst so schmal?
du bist entstellet überal,
gefarbt wie all verdorben rosen
Hans Sachs 9, 28 Keller;
und bin ein kind, in sünden blind,
zum guten gar ersterbet,
und überall, durch Adams fall,
an leib und seel verderbet
Ringwalt handbüchlin A 8ᵃ;
so darf sie in das fegfeur nicht:
und wird gefreiet überal
von desz fegfeurs schmertzlicher qual
W. Spangenberg ausgewählte dicht. 48;
gib, dasz die böse rott
nicht treib ihren spott
aus mir und meinem fall,
als hätt ich überall
verspielet und verloren
Gerhardt in Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 379ᵃ;
nun dämpfet der trompeten schall
zwar sonst der musen sanfte flöten;
jedoch die lieder der poeten
verstummen noch nicht überall
Gottsched gedichte (1751) 68;
dieser mann dünkt überall
dem ... Diomed mir gleich
Bürger 1, 160 Bohtz.
3)
insgesamt: mhd. findet sich über die streng locale function als richtungs-adv. hinaus überall sehr häufig zu collectiver zusammenfassung, besonders in der aufzählung verwendet: vgl. auch Schiller-Lübben 3, 252;
nu gê wir in den sal,
sô wænent des die Hiunen, daz wir sîn überal
tôt von dirre quâle, diu an uns ist getân
Nib. 2121, 2;
ir was nâch der rehten zal
vierzig und hundert überal
Erec 1697;
carptim, und uniuersi, opposita: in sunderheit oder in stücken und überal Frisius dict. 194ᵇ; in summa Calepinus undecim ling. 744ᵇ; alle miteinander, allesamptlich Stoer (1650) 495ᵃ; sämmtlich Kramer (1678) 1066ᵇ; heute ungebräuchlich. item an nuwer schult obirall 550 m. Marienb. treszlerbuch 46, 27; also hette man überal fünf stück der gantzen christlichen lere Luther 30¹, 132 Weim.; diser vier angelwind hat jeder noch zwen nebenwind, machen also überal zwölff Sebiz feldbau 6; es sind aber in dieser collection überall hundert und etliche dreiszig stücke zu finden Leibniz deutsche schrift. 2, 390;
ir sein doch überall nit mer
dann sechs, die wellen in bestan
Teuerdank 99, 30;
hört, ir herren überall!
fastn. 468, 14;
Abner du treuer diener mein,
gehe zu den frembden juden hin.
der seindt noch hie ein zimblich zahl,
ihr namen weist du überal
Endinger judenspiel 26 neudr.;
der menner waren überall
fünf tausent und nicht minder
Ringwalt evangelia M 4ᵇ.
4)
im allgemeinen, überhaupt; allgemeinklich Maaler (1561) 441ᵈ; generatim Calepinus undecim ling. 610ᵇ; gehört nach Heynatz antibarb. 2, 486 schon im 18. jahrh. nicht mehr zum guten gebrauch, findet sich aber noch im 19. jahrhundert. Paul (wb.² 566) bezeugt landschaftlichen gebrauch bei negativen fügungen, frage- und bedingungssätzen. doch überall ist das affenhaar dicker und rauher dann anderer thier Gesner thierbuch 1; sie mögen vielleicht überall in zweifel ziehen, ob sie weiber seelen haben Wieland Agathon 2, 344; wenn überall etwas dabei zu denken übrig bleiben soll Kant 5, 430 Hartenstein; es entstand schon vorher die frage, ob überall ein christ das theater besuchen dürfe Göthe 40, 175, 26 Weim.; Newton behauptet, in dem weiszen farblosen lichte überall, besonders aber in dem sonnenlicht, seien mehrere farbige lichter wirklich enthalten II 2, 8 Weim.; geiz stand ihm gleichfalls ferne, wenn er überall einen fehler hatte, so war es ein wenig adelstolz Höfer aus der weiten welt (1861) 152;
herr, ich beschwöre dich, wenn's überall
dein wille ist, den prinzen zu begnadigen:
tu's, eh' ein höchstverhaszter schritt geschehn!
Heinr. v. Kleist 3, 106.
5)
in negativen sätzen häufig, wo überall zur bloszen verstärkung der negation dient. schon mhd.:
lât einen ûz dem hûse nicht komen überal
Nib. 2109, 1;
nequaquam, keinsfalls, überall nit Schöpper syn. (1550) h 6ᵃ; du solt kein mitlyden oder erbermd haben über den tüfel, nein, überal nit Keisersberg bilgersch. 46ᵈ; es ist bemerkenswerth, dasz da, wo diese begrüszungen seltner, oder überall nicht üblich sind, im ganzen genommen, weniger religion und menschenliebe herrschend zu seyn scheint Lavater Philemon (1785) 1, 32; er dachte auch überall nicht mehr daran Storm 6, 155; überall nirgend, nusquam gentium Garthius 501ᵃ; ain schwein ist überal nyenar zu gut, die weil es lebet Keisersberg schiff der penitenz 69ᵈ; du solst mir nichts überal geben 1 Mos. 30, 31; aber solch gespöt der gottlosen gefellet gott nichts überall Sirach 34, 22; nichts überal ist die gestalt verendert Kirchhof wendunmuth 138ᵇ; verspotten den geist gotes, und glauben gar überall nichts Thomas Müntzer schutzrede (1524) 21; und, damit wir ia unser seits überall nichts unterlaszen, damit der liebe friede dem verderblichen kriege vorgezogen werden möchte acta publica verhandl. d. schles. fürsten u. stände 2, 11; was haben aber wir catholische damit gewonnen: nichts überal postreuter (1620) 48; lasset den kriegs-leuten keinen mangel, nach dem andern allen fraget nichts überall Moscherosch ges. 2 (1666), 562;
nun mag der todt kommen zu mir
und in mich schieszen seinen stral!
ich fürcht in nichts mehr überal
Hans Sachs 6, 181, 19 Keller;
Xanthus fragt: „was kanstu wol?“
er sprach: „ich kan nichts überal“
Waldis Esopus 1, 12 Kurz;
was von döchterlin geboren wurdent, die solte man lebendig lossen, und der knaben keinen überal historienbibel 702 Merzdorf; findend wir je, dasz keiner überall so grecht ist in der ganzen menge Zwingli deutsche schr. 1, 88; so (ist) es gantz still, und überall kein wind Aitinger jagd u. weidbüchlein (1681) 91; mir ist überall kein schriftsteller aus dem fache dieser kenntnisse vorgekommen Lessing 11, 53; ohne das würden sie überall keine dichter seyn Schiller 10, 468, 22; es gibt überall kein dauerndes, weder auszer mir, noch in mir Fichte 2, 245; ist auch yemands, der heut glücklicher leb dann ich? bey Hercle niemands überal Boltz Terenz deutsch 58ᵃ
und was ghört in des tüffels zal,
das nimbt im nieman überal
Brant narrenschiff 14, 34;
kein thier lebet überall
es hat seinen feind und unfall
Rollenhagen froschmeuseler D 7ᵃ;
ist dann kein hoffnung überal,
dasz sie genesen möcht disz mahl?
Dähnhardt griechische dramen 1, 81.
6)
ubique Diefenbach 608ᵃ; in ogni luogo Hulsius 143ᵃ; ubivis, quolibet loco Garthius 776ᵇ; ubicunque terrarum Schönsleder prompt. (1647) kkk 5ᵇ; an allen orten und enden Stoer 495ᵃ. der übergang aus dem richtungsadverb in das adv. der ruhe, die im heutigen schrift-deutsch alleinherrschende bedeutung, dürfte erst im 15. jahrh. begonnen haben. mittelhochdeutsche construction (s. o. 1) liegt noch vor in allen fällen wie: nun was in derselben gegendt ein könig, welches lob weit und überal erschalle Montanus schwankbücher 19. vom 16. jahrh. ab gewinnt die verwendung als adv. der ruhe rasch boden.
a)
als adv. der ruhe: also bistu gern überal, uszgenummen bei dir selber Keisersberg brösamlin 1, 40ᵈ; ja so es in dorffen, merckten und etlich steten müglich ist ... warumb solt es nit überal müglich sein? Luther 6, 262 Weim.; das man dir zu spott überall davon werde sagen und singen Eberlin von Günzburg 3, 133 neudr.; weil ich ihr überall nachschliche Grimmelshausen vogelnest 363, 4 Keller; Ellenbogen besuchte ich zweymal, Schlackenwerth, Engelhaus, Aich waren nicht versäumt; überall steine geklopft Göthe IV 32, 51, 17 Weim.; der himmel ist uns überall gleich nahe Reinsberg-Düringsfeld 1, 732; häufig in gegensatz zu nirgends gestellt: wo sind die schwestern, fragte Fabel. — überall und nirgends, gab die sphinx zur antwort Novalis 4, 194; jenes genuszes ..., den ich nirgend fand, und überall doch ahnete und suchte Bettine Günderode 1, 100; dieses volk (die zigeuner) ist überall und nirgends Riehl kult. nov. 367; in weitester verwendung, local und übertragen: der glaube ..., dasz dort wie überall die erste bevölkerung dem boden entsproszen sei Mommsen röm. gesch. 1, 8; die gegensätze von natur und kunst, ... begegnen uns in Heinse's schriften überall Gervinus gesch. d. deutschen dichtung 5, 4; bei aller anerkennung und billigkeit fühle ich jederzeit und überall, dasz ich fortan auf vermissen ... angewiesen bin Pückler briefwechsel u. tageb. 3, 205; wie überall und stets im leben Holtei 40 jahre 5, 186;
der diener hat er überal
in aller welt ein grosze zal
Scheit frölich heimfart D 4ᵇ;
bald dort, bald da, ja überall
ist krieg, aufruhr und grosz trübsal
Opel-Cohn dreiszigjähr. krieg 18;
ich fürcht mich nichts im finstern thal,
denn got ist bei mir überall,
auf allen meinen wegen
Ringwalt handbüchlin B 10ᵇ;
ein zelt, das man von orte rückt
um überall zu wohnen
Göthe 6, 12 Weim.
b)
prägnant: allgegenwärtig: gott ist überall Keisersberg brösamlin 2, 34ᵃ;
ich hebe mein aug' auf, und seh,
und siehe, der herr ist überall!
Klopstock oden 1, 124, 58.
c)
substantiviert: es ist Wagners genie der wolkenbildung, sein greifen, schweifen und streifen durch die lüfte, sein überall und nirgendswo Nietzsche 8, 34; während sonst ... sich alles wie ortlos in einem überall und nirgends wüst anhäuft Hildebrand sprachunterricht 212; als personenname und appellativ: der verleumbder sey wie der Überall ... halte sich fast bey jederman auf und habe ihn niemand ungerne Christstein weltmann (1675) 60; dasz, bey der erscheinung des Jon, der parteigeist des herrn Überall seine flügel regen dürfte, war vorauszusehen Göthe IV 16, 4, 14; bald war's (das erbtheil) auch wieder vergeudet und ich heimathlos, ... ein überall und nirgend Holtei erzähl. schr. 20, 190;
man weisz ja wohl, frau Überall (sonne),
warum sie diesen (den mond) zum gemahl
vor allen auserlesen —
weil er stockblind gewesen
Blumauer ged. (1782) 68;
gott ist der Überall,
gott ist der Ohnegrund
Arndt werke 5, 30;
d)
oeverall für überrock nach dem franz. surtout Müller Aachen. ma. 174; vgl. auch nl. overal woordenboek 11, 1613 und engl. overall Murray 7¹. 290ᵇ.
7)
immer. überall schlieszt in die locale zugleich auch temporale bedeutung ein: er hat sich überall als ein zuverlässiger mensch bewiesen heiszt zu allen zeiten und an allen orten Rumpf 347; die gelehrsamkeit findet überall, so wohl in kriegs- als friedens- zeiten seinen wehrmann mediz. maulaffe (1719) 61; wahrheit ist und bleibt überall wahrheit Herder 22, 12;
der winter folgt ihm bald, scheint hart, als ein tyrann
der überall verheert, nie glücklich machen kann
Giseke poet. werke 6.
8)
determiniert: überallher, undique, ex omni parte Hederich (1729) 2397; du hast grosze anfechtung von dem tüffel, von der welt, von deim eignen fleisch, überalher Keisersberg brösamlin 2, 63ᶜ; ein pandämonium überallher zusammengehäufter mythen und superstitionen Nietzsche 1, 163; in der neueren sprache häufiger von überallher: von überallher nur gute und wohlwollende zeugnisse für ihn einliefen Keller 5, 61. überallhin, quoquoversus Kirsch (1723) 298ᵃ; (die tabakpflanzen sind) in unsern landen so gemein, dasz sie überall hin verführet werden mediz. maulaffe 85; leider kommen die zeitungen überallhin Göthe IV 10, 6 Weim.; überallhin waren laub- und blumengirlanden gezogen Fontane I 6, 205.
9)
mundartlich durch -ig-ableitung in die adjectivgruppe übergeführt: überallig, vgl. zeitschr. f. d. alt. 36, 28; Wunderlich sprachleben i. d. ma., wissensch. beihefte 12, 58.
Zitationshilfe
„überall“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/%C3%BCberall>, abgerufen am 21.09.2019.

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