überdenken v.
Fundstelle: Lfg. 1 (1913), Bd. XI,II (1936), Sp. 157, Z. 31
überlegen, mhd. überdenken, überdâhte, überdâht mhd. wb. 1, 348ᵇ; nl. overdenken, engl. overthink, dän.-norweg. overtænke; schwed. öfvertänka. untrennbare verb., part. überdacht, landschaftlich überdenkt z. b. einen überdenkten plan Sonnenfels 2, 165.
1)
mit gedanken umfassen, ermessen, vgl. Lexer 2, 1612; wenn wir eine sache uns vorstellen, ... und richten unsere gedancken auf einen theil nach dem andern, daraus sie bestehet ..., so überdencken wir dieselbe sache Wolff vernünftige gedanken von gott (1720) 131; überdenke: stelle dir alle einzelnen theile deutlich vor und erwäge ihre verhältnisse und beziehungen gegeneinander und auf das ganze Mendelssohn schr. 1, 119; die sie überwunden hant, und nu mit groszer süssikeit überdenkent die strengen jar Suso deutsche schr. 241; liebs kindt also soltu das hailige leiden unsers lieben herren üben und überdencken Tauler sermones (1508) 130ᵇ; wann ich alle diejenigen überdenke, die nach dieser würde stehen, so finde ich keinen dazu geschickter noch würdiger, als eben den Salvius Otto A. U. v. Braunschweig Octavia 3, 954; mit einemmal überdachte er sein kurzes und mühseliges leben Jung-Stilling 1, 180;
wer wolt nun überdencken,
der vielen vögel zahl?
Spee trutznachtigall 115;
herr, wenn mein hertz recht überdenckt
mein ellend sündlich leben, ...
kan ich mich nicht erheben
kirchenlied 3, 677 Wackernagel;
gott, gott! so unermeszlich ist diesz unglück,
dasz ich es jetzt nicht überdenken kann
Schiller 12, 126.
2)
verallgemeinert: überlegen, bedenken Kramer (1678) 1067ᵃ; seit dem 17. jahrh. ganz allgemein: da überdacht er dise ding winterteil der heiligen leben (1471) 36ᵇ; die menschen, die sich nit also gewent hond, ir gebresten an dem abent zu überdenken Keisersberg baum d. seligkeit (1518) 33ᵈ; und indem sie ihren zustand etwas genauer überdachten, befand man, dasz sie soliche grosze ursachen, sich zu freuen, nicht hatten Olearius reisebeschreib. (1696) 80; ich habe ... die sache von allen seiten überdacht Göthe IV 16, 31, 5 Weim.; formelhaft: wenn wir es recht überdenken, so Heine 3, 97; ohne objectsergänzung: man trug ihm den handel vor, er überdachte und sprach Klinger werke 5, 101;
die kleine mausz kroch in das grasz,
heimlich mit listen überdocht,
wie sie dem feindt abbrechen mocht
Burkard Waldis 1, 18 Kurz;
das part. erscheint häufig vom verb. losgelöst in präd., attributiver und adverbieller function, auch zu comp. und superl. gesteigert für 'klug, besonnen': sie fanden die sach' an sich sehr überdacht Hippel lebensläufe 2, 315; die antwort ist, ... bey aller ihrer scheinbaren eilfertigkeit überdacht Lichtenberg briefe 2, 140; aber du weiszt, wie flüchtig er damals und wie wenig überdacht er war Thümmel reise 5, 332; ruhiger überdachter entschlusz Göthe IV 9, 130, 13 Weim.; es sind sehr bestimmte überdachte worte Herder 12, 142; ihr beifall und ihr überdachtes urtheil hat mich recht gestützt Solger nachgel. schr. u. br. 1, 337; die wohl überdachte composition Tieck schr. 16, 391; mein wohl überdachter vorsatz Sternberg werke 133, in bibl. d. schr. a. Böhmen; überdachte, berechnete bosheit Ludwig 2, 594; ihr plan ist einfach, aber nur desto weiser und überdachter Pfeffel an Jacobi, in Alsatia 10, 7; die überdachtesten versuche Voss antisymb. 2, 173; unsere feurigste theilnahme und überdachteste wachsamkeit Gutzkow 10, 198; adverbiell: er ermordete seinen haushofmeister und zwar nicht in einem anfalle von zorn, sondern überdacht und wohl vorbereitet Archenholz England etc. 1², 277; wie vorsichtiger, überdachter und gehöriger würde man zum publicum sprechen, wenn Herder 17, 307. der inf. wird häufig substantiviert: das überdenken, meditation Hilpert 635ᵃ; nach langem überdenken A. U. v. Braunschweig Octavia 1, 783; jede art des lernens, des beobachtens und des überdenkens Schleiermacher Platon 6, 201; nach einem kurzen überdenken ... fuhr er fort Göthe 24, 181, 7 Weim.; fleisziges überdenken Novalis 2, 161.
3)
auszer acht lassen, vergessen, vgl. Lexer 2, 1612; Schmeller 1, 523; animus aberrat a sententia Schönsleder prompt. (1647) L 1ᵇ; auch reflexiv: sich überdenken, sich vergessen; dieser gebrauch läszt sich über das 17. jahrh. nicht nachweisen:
ich hett mich heut weit überdacht
Hans Sachs 21, 244 Keller-Götze.
Zitationshilfe
„überdenken“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/%C3%BCberdenken>, abgerufen am 18.02.2019.

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