überfall m
Fundstelle: Lfg. 2 (1918), Bd. XI,II (1936), Sp. 202, Z. 15

Unterbegriffe in diesem Artikel

1)
oppressio. als nomen actionis erst vom 15. jahrh. an literarisch belegt: interventus, zufall Frisius dict. 725ᵃ; superventus, zukunft Maaler 442ᵇ; überfall des Nili, inundatio Mathesius Sarepta 57ᵃ. meist verengt: oppressio Frisius 923ᵃ; Maaler a. a. o.; occupatio, obsessio, oppugnatio Schönsleder a. a. o.; invasio Dentzler clavis ling. lat. 294ᵇ; incursus Steinbach 1, 376; in disem krieg und uberfall Knebel chron. v. Kaisheim 325; rauberischer völcker einbruch und überfall Hohberg georgica curiosa (1682) 1, 8;
ich sach von oben ab,
wie sie lieden zu mal
vom feind grosz uberfal
Hans Sachs 3, 476 Keller.
in d. neueren sprache allgemein in dieser verengten bedeutung, meist mit dem nebensinne des unvermutheten, plötzlichen: inopinatus accessus, impetus Stieler 424; Adelung 4, 750; surprise, hostium impetus improvisus Fäsch (1735) 938ᵇ.
a)
überfälle und streifereien, so die flüchtigen von den benachbarten Polen ... auszustehen hatten neuest. aus d. anmuth. gelehrsamkeit 6, 382; nordwärts war das jüdische land den mächtigsten und drohendsten überfällen ausgesetzt Herder 12, 137;
brücken, warten, zinnen, wälle ...
sicherten für überfälle
diese burg
Stolberg ges. werke 1, 186;
wir standen, keines überfalls gewärtig,
bei Neustadt schwach verschanzt in unserm lager
Schiller 12, 352.
mit subject. genetiv: es haben die überfäl der Teutschen ... den Römern vil zu schaffen geben Münster cosmogr. 310; der adel ... ist angestelt worden ... die christliche kirch wider den uberfall der unglaubigen zu bewaren Albertinus zeitkürtzer 64; bei jedem überfall feindlicher partheien musz er zittern Möser 1, 157 Abeken. mit object. genetiv: da geschach der überfal Italie von den Teutschen Franck chron. Germ. (1538) 33ᵇ; die insurgenten ... planten einen überfall Makedoniens Mommsen röm. gesch. 5, 35.
b)
es kam wie ein überfall auf völlig unvorbereitete friedliche leute J. Grimm schr. 1, 52; Mailand ... ward durch einen nächtlichen überfall ... eingenommen M. J. Schmidt gesch. d. Deutschen 5, 107; dieser eroberte die stadt durch überfall Raumer gesch. d. Hohenstaufen 1, 130; die Hiberen von dort her sich keines überfals versehen hatten A. U. von Braunschweig Octavia 1, 154; Marienborn, als hauptquartier, liege viel zu nahe an der blockierten ... stadt, man habe sich gar wohl eines überfalls zu versehen Göthe I 33, 282 Weim. das moment der überraschung wird aber auch häufig durch ein attribut ausdrücklich betont, z. b. geschwinder ü. Lohenstein Arminius 1, 21ᵃ; unversehener ü. ebenda 26ᵇ; gählicher ü. Brandis des tirol. adlers ehrenkränzlein (1678) 200; unerwarteter ü. Schiller 4, 218; unvermutheter ü. Nicolai reise durch Deutschland 7, 138; schleuniger ü. Tieck schr. 9, 79; schneller ü. Freytag 9, 93; plötzlicher ü. Ranke 4, 102. daraus kann sich weiter die vorstellung des bösartigen, gehässigen ergeben: wo ja ein unredlicher überfall eine tapfferkeit zu nennen ist Ziegler asiatische Banise 283; jede art von untreue, wortbruch, tückischem überfall wurde allgemein Freytag 18, 36.
2)
besuch, zudrang, aus 1 entwickelt, vgl. Frisius a. a. o. s. v. oppressio. nur in der älteren sprache und mundartlich: Anthonius der forcht, das des laufs und des überfals von den siechen menschen ze grosz würd Keisersberg Emeis (1516) 12ᵈ; dasz gottshausz wurd hart beschwert ... mit groszem uberfall der gastung Knebel chron. v. Kaisheim 341; er hat auch teglichen groszen uberfal von frembden leuten gehabt, die er alle aus seiner kuchen gespeiset C. Spangenberg Mansfeldische chron. (1572) 148ᵃ; aber wir sindt ein furst des reichs unndt haben täglich mehr uberfalls als andere fursten quelle (a. 1582) bei Diefenbach-Wülcker 879; schweiz. belege aus dem 16. u. 17. jahrh. bei Staub-Tobler 1, 737.
3)
anfall einer krankheit, einer gemüthsbewegung: man trincke ... von jedem ein untz, drei stunden vor überfall des kalten weh Sebiz feldbau 67. dadurch (durch einen raserei-anfall) ihm (Tasso) das gemüth so gesaubert worden, dasz er nach solchem überfall die herrlichsten ... carmina geschrieben Morhof unterricht (1682) 1, 200; der plötzliche überfall eines hitzigen fiebers Schnabel insel Felsenbg. 6, 17 Ullrich; der plötzliche überfall von freude oder frohheit Herder 5, 7; unerwartete anwandlungen des phantasten heiszen überfälle der phantasterei (raptus) Kant 7, 519. in dem überfall des heftigsten schmerzens Göthe I 38, 79 Weim.; ich erhole mich kaum von dem bösen krankhaften überfall IV 20, 327 Weim.; prägnant für epileptischen anfall Stürenburg (1857) 7.
4)
überfall zum feind, transitio ad hostes Kirsch (1723) 298ᵇ; overloopen tot den vyand Kramer deutsch-holl. wb. (1787) 466ᵃ.
5)
in der älteren rechtssprache das hinüberfallen des obstes über die grenze eines grundstückes, dann concret das hinübergefallene obst selbst Lexer handwb. 2, 1671; Hugo lehrb. d. heut. röm. recht (1826) 85, 15; in den maa. lebendig: Staub-Tobler a. a. o.; Martin-Lienhart 1, 104ᵇ; lux. ma. 194ᵇ; Follmann lothr. ma. 262ᵇ; Schmidt westerwäld. idiot. 275.
6)
der absturz des wassers, das eine gewisse höhe übersteigt und davon herunterfällt Jacobsson 4, 465ᵇ; weiter das wasser selbst, endlich der damm, die wehre über die der abflusz erfolgt Heynatz syn. 1, 399ᵃ; Benzler 2, 172; Staub-Tobler a. a. o.; auch ndl. in dieser bed., vgl. woordenboek 11, 2155; die Meteritz, das ist nur ein abflusz oder überfall vom deutschen born ebenda 125ᵇ; so erfordert der überfall, den das wasser ... überströmt eine ... sorgfältige befestigung Alten handbuch für heer und flotte 1, 392; die Warthe steigt, ... beide überfälle des Berdychower dammes sind bereits überschwemmt tägl. rundsch. 1901 nr. 604, 1. beilage 2ᵃ. zum nom. propr. geworden, z. b.: die Überfälle in den Isarauen bei München. compp.:
überfallsdeich m.
Benzler 2, 239. —
überfallhöhe f.
höhenunterschied zwischen der wehrkrone und dem ungesenkten oberwasserspiegel Lueger 7, 749. —
überfallwehr
Chomel 8, 2193; Stenzel seemannsspr. 432ᵇ.
7)
concret für gegenstände, die herabhängend etwas bedecken, verschlieszen. a) mantelkragen, überwurf mhd. wb. 3, 223ᵃ; Lexer handwb. a. a. o.; sie (Aphrodite) trägt unterchiton und oberchiton, der einen überfall hat Furtwängler vasenbeschrbg. 149; auch in composition: Lewin trug einen mantel mit einem weiten überfallkragen Fontane I 1, 39. b) kehldeckel, epiglottis. der überfal heiszt zu latein epiglottis Megenberg 17, 11; vgl. Diefenbach nov. gloss. 152ᵃ s. v. epiglotum; auch Adelung 4, 750 merkt landschaftlichen gebrauch für zäpfchen des gaumensegels an. c) eisenklammer an kisten, thüren, luken Stürenburg 163ᵃ; Stenzel 432ᵃ; seine hand zitterte jetzt so stark, dasz er sie an dem eisernen überfall des schlosses blutig gestoszen hatte Storm 17, 246; ähnlicher gebrauch auch in der schweiz Staub-Tobler a. a. o.
Zitationshilfe
„überfall“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/%C3%BCberfall>, abgerufen am 19.02.2019.

Weitere Informationen …