Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

übergehen, v.

übergehen, v.,
got. ufargaggan; ahd. ubargân, ubari, ubiri gân; ags. ofergangan; mhd. ubergân; mnd. overgân; mnl. overgaen.
I.
in untrennbarer verbindung, transitiv.
1)
über etwas hingehen, perambulare, peragrare, permeare Diefenbach gloss. 424ᵇ, 428ᵃ; einen acker quer übergehen, cross a field Ludwig teutsch engl. wb. (1765) 1789; schon ahd.:
mit thiu er daʒ lant al ubargiang
Otfried 4, 20, 30.
belege aus dem mhd. bei Lexer handwb. 2, 1614, aus dem mnd. bei Schiller Lübben 3, 257; die schwären finstern weg und die enge pfadt die sy übergangen hond Tauler sermones (1508) 183ᵃ; (man macht den kameelen lederne schuhe) damit sie den rauchen weg desto füglicher übergehen können Heyden Plinius (1584) 113. bildlich: eine solche schönheit überging ihre züge, dasz selbst Johanna scheu zu ihr hinüberblickte Stifter 1, 282. durch prägnanten, bezw. metaphor. gebrauch wird ü. in dieser bedeutung für die neuere sprache fruchtbar:
a)
ein feld übergehen, um es zu besichtigen Adelung 4, 753; eine schrift übergehen, een geschrift overloopen, doorlopen Kramer hochniederd. wb. (1719) 218ᵇ; eine rechnung übergehen, nachsehen Ludwig teutsch-engl. wb. a. a. o.; ein buch übergehen, durchblättern ebenda; ich glaube, dasz es nothwendig ist, ihr keinen (roman) in die hand zu lassen, den nicht vorher sie ganz übergangen haben Sonnenfels ges. schr. 4, 141.
b)
ein kunstwerk übergehen, retuschieren Jacobsson 4, 466ᵃ; nachbessern, die letzte hand an dasselbe legen Bucher 416ᵃ; man überging dieselben (statuen) von neuem mit dem eisen Winckelmann 5, 103; einige alte künstler, welche musze und geduld gehabt, ihre werke von neuem zu übergehen 5, 104; nach unserm vernehmen ist das bild ohnehin noch nicht vollendet, ... dann dürften auch die hände noch einmal zu übergehen sein Stifter 14, 189.
c)
die dächer ü., ausbessern Schmeller 1, 860, sodann versehen, ausstatten mit etwas:
etlich das tach beschlossen klug,
und es mit ziegeln übergiengen
Spreng Ilias (1610) 12ᵃ.
2)
von oben herab auf jem. kommen, supervenire. dann weiter superare, vincere; vgl. mhd. wb. 1, 473ᵃ; ebenso auch mnd. Schiller-Lübben a. a. o., nl. z. b. dijn gramschap heeft my overgaen de Vreese woordenboek 11, 1691 und ags.: mec slæp ofergonged Grein-Köhler 244ᵇ.
a)
überdecken. mhd.:
(daʒ gold) daʒ der mist ubirgât
unde eʒ niht schînen lât
die hochzeit 49 Waag;
ouch was ime sîn antlitze
von der trene hitze
dicke übergangen
passional 156, 47;
die (wangen Jesus') waren ubergangen
mit speicheln und mit slime
Heinr. v. Neust. gottes zukunft 3032 Singer.
nhd.: wasser übergehet die felder Steinbach 1, 551; eine laube mit gesträuch übergehen (= überwachsen) lassen Campe 5, 19ᵃ.
b)
überkommen, übereilen, erfassen. von Heynatz antibarb. (1796) 2, 489 und Adelung a. a. o. als oberdeutsch bezeichnet; heute schriftsprachlich veraltet; vgl. aber Schmeller 1, 860; Staub-Tobler 2, 12; bei Otfried als trennbare verbindung, sonst stets untrennbar:
flihemes thio ubili, thiu unsih geit hiar ubiri
Otfried V 23, 75.
mhd.:
unz in diu müede übergie
Greg. 3049;
nun hett des guoten weines kraft
den pfaffen übergangen ser
Kaufringer ged. 13, 159;
von brandes und schaden wegn, der die stad daselbens übergangen hat quelle (a. 1361) bei Haltaus (1758) 1815; das sie (des kaisers gesandte) bedrachtin, wilche noit, wilch bedrupnisse ... sie uwergee Gerstenberg chronik 104 Diemar; der (wahrsager) sagte ym (J. Casar) ... es wurde yhn eyn ungluck ubergehen Agricola sprichw. 471; ob mich die liebe so vast beweget und übergieng das ich unwissenlich und nit verstäntlich redet Hartlieb Ovids de amore (1482) 15ᵃ; so aber die lieb ein man gantz übergangen und gefangen hat Eyb ehebüchlein 13 Herrmann; und haut sy der hunger und der durst übergangen historienbibeln 507 Merzdorf;
bisz mich der schlaf gar ubergieng
Hans Sachs 1, 425 Keller;
kein solche forcht ich noch nie hett,
wie mich jetzt eine ubergeht
Ayrer dramen 1401;
wie sol ich das von euch verstehen,
das yhr so traurig ytzt thut sehen
und euern kopf last nieder hangen,
als het euch unglück übergangen
Rebhun Susanna A iiii.
übermannen:
des manns weiszheit ein ende hat,
wen groszer zorn ihn übergat
Petri d. Deutschen weiszheit 2 P VIIᵃ;
Socrates wuste wol die lehre, dasz man sich den zorn nicht sol übergehen lassen Harsdörffer gesprechspiele 6, x 8ᵃ; ach wolte gott, das mich eine ohnmacht über gienge und mir das hertz abstiesze Heinr Julius v. Braunschweig Susanna 3, 3; indem errötete die tapfere Soluçka und übergieng sie eine kleine ohnmacht medic. maulaffe (1719) 237. bedrängen: ich Herman unde ich Ermentrut ensollen noch enwollen dy vurgnante frawe Guden ... nit obergan oder oberstan in irem huise Limburg. chron. 124. überlisten, verleiten:
her, mich hat die pöse schlange
mit iren listen übergangen
altdeutsche passionssp. 212 Wackernell.
mhd. auch mit gen. der sache: jemanden zu etwas bewegen:
mit râte si in beviengen,
daʒ si in sîn ze jungest ubergiengen,
daz er ze Megenze gerait
kaiserchronik 16970;
mit bete er si des ubergie,
daʒ si im begunde sagen,
wie ...
Wigalois 4945.
c)
für coire, treten, occasionell:
schaut dann den pfawen zu, siht wie die stolzen hanen
die hüner übergehn
Opitz 1, 161.
3)
über etwas hinausgehen. in sinnlicher, bildlicher und abgezogener bedeutung; seit dem 18. jahrh. durch übersteigen, überschreiten, übertreten groszentheils verdrängt. die abgezogenen bedeutungen überwiegen weitaus.
a)
weisz und masz ubergon, kein masz halten, modum exire Maaler 443ᵇ; mir ist denne, wie ich habe übergangen stat und zit, und stande in dem vorhove ewiger selikeit Suso deutsche schr. 234, 4 Bihlmeyer; er (Tancredus) vil jar übergangen hett, das er ihr kein mann gab Montanus 217, 13; als nu die sonn den mittag übergangen hett buch der liebe (1587) 141ᵇ; wo ditz tzil wirt ubergangen, und das fasten ... hoher trieben, dan das fleysch leyden mag ..., do nehm yhm niemandt fur, das er gut werck than habe Luther 6, 246 Weim.; du hast ein ziel gesetzt, das wird er nicht ubergehen Hiob 14, 5; alle ding werden von gott auff sein termin gesetzt, und den mag kein heilig ubergehn Paracelsus opera (1616) 1, 44ᵃ Huser; dein ziel wird dir in mutterleibe gestecket, das magstu nicht übergehen Böhme schr. (1620) 3, 244; es wundert mich, wie Amelise nicht lenger gelebt hatt ..., aber die stunden seindt gezehlt, die übergeht man nicht E. Ch. v. Orleans br. 3, 208;
niemand dem todt entlauffen kann,
niemand sein ende kan übergahn
Albertinus hirnschleiffer (1664) 526;
wie zürnst du, Florida, so ohne masz und ziel,
dasz meine zunge hat die gräntzen übergangen?
Hoffmannswaldau u. a. deutsch. gedichte 2, 8;
deines (Jesu) königreiches thron übergehet alle
zeiten
Schmolcke trost- u. geistr. schr. 1, 487.
schon im 12. jahrh.:
als er sine kintliche dage hatte übergangen
Albanus 43 Kraus.
b)
übertreffen, excellere. übertreffen, überhöhen, überwegen Schöpper syn. (1550) f 5ᵇ; noch ist ain ander mirr die verr ubergeet die ersten. das ist die mirr die got gibt Tauler sermones (1508) B 1ᵇ; es sey denn ... das üwer gerechtigkeit ... übertreff, überschwell, überleng oder übergang die gerechtigkeit der schrifftgelerten Keisersberg post. 3, 56ᵇ; (Maria) übergot all himelschen burger an tugenden bilgersch. 34ᵇ; aber du (Maria) hest sie all übergangen in gnoden ebd.; setze deine füsze in den weg des glaubens fort, damit du ... die engel selbst an vortreflichkeit übergehen mögest Olearius pers. baumgarten 9, 20; das vergnügen zu sammlen übergeht alles andre vergnügen Gottsched deutsche schaubühne 3, 131; eine alle andere übergehende edition Leibnitz deutsche schr. 2, 389;
dasz ihrer augen glantz die sternen übergehet
Rachel satyr. ged. 81 neudr.;
ihr gebäu bestehet
klar aus golde, dessen preisz,
was man weisz,
weit, weit übergehet
Dach 238 Österley;
leute, die dasz lob der singekunst verstehen,
auch sonst in wissenschaft viel tausend übergehn
Rist Parnasz 215;
ist auch ein schmertze wol, der meinen übergeht?
Neumark lustwäldchen 207;
der (laut) sich an ungestüm so wie die fluth erhöhet
und ihr gethön dennoch an brausen übergehet
Pietsch (1740) 13:
gipfel deren steile höhen
selbst die wolken übergehn
Brockes ird. vergnügen in gott 1, 268;
nichts ist, was diesen schmuck an schönheit übergeht
König ged. (1745) 252;
er überging den vater hoch an kraft
Bürger Ilias 1, 573.
c)
excedere, sünden, übertreten voc. theut. (1482) h h 5ᵇ; 7ᵃ; überfaren, fürfaren, fürgon, überträten Frisius dict. 1325ᵇ s. v. transgredior; das gesetz übergehen Kramer (1678) 1069ᵇ; übertreten, sündigen Frisch dict. (1719) 567; Ludwig teutsch-engl. wb. (1765) 1789; Teller beurteilung (1794) 80; Adelung a. a. o.; schon ahd.: bi hiu ir ubargangent gotes bibot (transgredimini) Tatian 84, 2; thin bibot ni ubargeng (praeterivi) ebenda 97, 7; mhd.:
nu si gotes gebot ubergiengen
kaiserchron. v. 11244;
Pharô aber übergie
daʒ gebot der gotheit
Jansen Enikel weltchron. v. 7945.
nhd.: er ... gebot das im nyemant, weder zu essen noch ze trincken geb, und wer das übergieng, den solt man töten summerteil der heiligen leben (1472) 48ᵇ; ich nicht übergangen oder übertreten het das gepot der heiligen ee Arigo decam. 71, 16 Keller; wenn nu eyn vater seyn kind zur ehe dringet, da das kind nicht lust noch liebe hyn hat, da tritt er uber und ubergehet seyne gewalt Luther 15, 164 Weim.; warumb ubergehet ir also das wort des herrn? (vulgata: transgredimini; vgl. o. die Tatianstelle) 4 Mos. 14, 41; bedacht ich desz anderen tages an meinem beth, dasz ich die zwey gebott meines vatters ubergangen hette buch der liebe (1587) 314ᵇ; ich bin gewesen da der herr dem meer das ziel setzete und den wesseren, dasz sie nicht übergehen seinen befehl Harsdörffer gesprechspiele 4, 467;
du waiszt selb, das ich bin
und was gehorsam ie
und gotz gebott nie übergie
schausp. des mittelalters 1, 173 Mone;
... dasz ich sundt wider got
und ubergieng sein gepot
fastnsp. nachlese 232, 31.
4)
praeterire, omittere.
a)
fürlassen und nit sagen Maaler 443ᵇ; Schönsleder prompt. a. a. o.; unterlassen Garthius 520ᵃ ; nicht berühren, nicht melden, negligere Frisch dict. (1719) 567; mit stillschweigen übergehen, praeterire silentio Garthius 597ᵇ; Kramer (1678) 1069ᵃ; Stieler 628; Dentzler clavis ling. lat. 295ᵃ; Steinbach 1, 551ᵃ; Adelung 4, 754; Campe 5, 19ᵃ. allgemein: ich übergee vyl geschichten mit vorsatz und willig, dan es ist genug Hutten opera 391 Böcking; welche (ketzerische artikel) er ... mit dem wenigsten wort nit angerürt, besonder alle stillschweygend ubergangen Luther 30, 3, 186 Weim. ich will der unserigen geschweigen, ... will auch die Zwinglianer übergehen Nas das antipap. eins und hundert 3, 82ᵃ; darum ichs um kürz willen ubergan will Knebel chron. v. Kaisheim 79; J. F. G. aber wollten von nichts wissen und übergingen es mit einem lachen Schweinichen denkwürd. 443; lasz uns dies unglück mit stillschweigen übergehen Lessing 6, 184; gar manchen schönen zug ... musz ich übergehen: denn wie liesze sich alles beschreiben! Göthe I 24, 38 Weim.; das reglement ... übergeht alle weniger wesentlichen detailbestimmungen Wilhelm I. militär. schr. 1, 5. bei Lessing (vergl. Campe a. a. o.) und sonst vereinzelt findet sich perfectumschreibung mit sein: er (Pope) mag die übrigen um so viel eher übergangen sein, da es ohnedem die pflicht eines dichters nicht ist, alles zu erschöpfen Lessing 6, 417. subst. inf.: die VII. (figur) ist das übergehen (praeteritio) worin man sich stellet, als wollte man etwas nicht anführen, welches man eben dadurch erwähnet Gottsched versuch einer crit. dichtkunst (1751) 321.
b)
mit acc. der person, verengt für vernachlässigen, hintansetzen: wir mussen unsz ... beklagen, das die h. h. fürsten ... uns als den ersten stand des landes ubergangen, auszgeschlossen ... haben acta publica 1, 59 Palm; die andern erhielten ihr geschenk, und ich wurde übergangen Chamisso 1, 307; herr Milbert fühlte sich übergangen, zurückgesetzt Kürnberger novellen 1, 229; übergangen wird in sonderheit von einem kinde gesagt, dessen sein vater ... in seinem testament keine erwähnung gethan hat Chomel 8, 2194; jedem, den ein verwandter im testament übergangen hat Mommsen röm. gesch. 2, 459; einen bei beförderungen übergehen, omittere aliquem in conferendis honoribus Nierenberger (1753) A aaaaa 4ᵇ; er befürchtete, dasz man ihn bei der rathswahl übergehen würde Rabener sämtl. werke 2, 281: ich bin viel gebraucht, zum dank übergangen, gehudelt, wieder gebraucht, und immer wieder übergangen worden Iffland theatr. werke 2, 244.
5)
eine krankheit übergehen, überwinden, überstehen. ein kranckheit übergon, impugnare morbum Frisius dict. 664ᵃ; manchmal ... wird sie (die schwere krankheit) bei einer guten und robusten natur übergangen allgem. haushaltungs-lex. 2, 275ᵇ. ähnlich: das essen, den schlaf übergehen Adelung a. a. o.; etliche frawen sorgen mehr für sich ... dann für das kind, als die ... die schmertzen gern übergehen wolten Luther 17, 1, 25 Weim.; wenn sie (die pferde) die stallung oder urination übergehen Walther pferde u. viehzucht (1658) 66.
6)
intransitiv für vergehen: ee uberget himel und erden, ein punkt oder ein buchstab uberget nit von der ee (vulgata: transeat; Zainerbibel: wirt nit zergeen, ebenso Luther) Matth. 5, 18 erste deutsche bibel.
7)
part. prät.: übergangen, betagt, zu 3) a). (Zacharias und Elisabeth) waren ubergangen in iren jahren (vulgata: ambo processissent in diebus suis; Luther: wohl betagt) Luc. 1, 7 erste deutsche bibel.
8)
in der jägerspr.: der hund übergehet nicht, so er richtig alle fährten anfällt Döbel jägerpraktika 1, 88, aus 4) erwachsen: übergehen nennt man es, wenn ein jäger oder jagdhund eine fährte nicht bemerkt hat und darüber hingegangen ist Dombrowski 8, 34. zu 3) a): übergangener frischling oder übergehendes säulein sind junge sauen, welche in das zweite jahr gehen Heppe (1779) 372ᵇ; vgl. Döbel jägerpractica 1, 25.
9)
mundartlich bilden sich verschiedene sonderverwendungen aus, z. b. zu 3) a): das alter von drei jahren überschreiten, vollwüchsig werden (vom rindvieh) Martiny wb. der milchwirtsch. 132, zu 5): ausfallen lassen: d'kalwe hets johr üwergange Martin-Lienhart 1, 190; besonders part. präs.: d' chue ist übergent, wird nicht brünstig Hunziker 269; übergehende stiere Staub-Tobler 2, 11; vergl. auch Danneil 9ᵃ; Hertel 104.
II.
in trennbarer verbindung.
1)
überflieszen, überlaufen. in alter u. neuer sprache in breiter verwendung, eigentlich u. bildlich. redundare Diefenbach gloss. 489ᵃ; überlauffen Megiserus thes. 1, 745ᵃ; überflieszen Kramer a. a. o.; Stieler a. a. o.; exundare, inundare Kirsch (1723) 298ᵇ; Steinbach a. a. o.; Adelung a. a. o.
a)
wie das wasser Tygris, wenn es ubergehet im lentzen Jes. Sirach 24, 35; ain brunn, der was als rich an wasser, das er übergieng historienbibeln 248 Merzdorf; als der Arno überging und das wasser ... stieg Göthe I 44, 199 Weim.; occasionell als untrennb. verbindung: alle flüsz geend in das meer und das meer übergeet nit (vulgata: mare non redundat) pred. 1, 7 erste deutsche bibel; wasser, milch, suppe etc. geht über im sieden: wie ein heysz wasser ym sieden ubirgeht und schewmet Luther 7, 572 Weim.;
das fleisch ungwaschen sie zusetzt.
den lest siesz ungefaumet sten
oder zu letzt gar ubergehn
Hans Sachs 5, 185 Keller;
die gall geht ihm uber, bilis ei redundat Schönsleder prompt. (1647) S 2ᵃ. in allen diesen verwendungen auch in der neueren sprache allgemein.
b)
ein fasz, ein topf etc. geht über: er macht die masz also überflieszende ... das sy an allen enden übergeet Tauler sermones (1508) N 6ᵃ; ehre den herrn von deinem gut, ... so werden deine scheunen vol werden, und deine kelter mit most ubergehen spr. Salom. 3, 10; das der kessel nicht ubergehe, wann es erwallet Thurneysser magna alchymia (1583) 42; der heilige geist ist gar voller wörter, er gehet gar uber mit rühmen, gleich wie ein fasz, darinnen ein most gieret Luther 16, 203 Weim.; die zisternen füllten sich und gingen über Stifter 3, 54.
c)
mund, auge, herz geht über (mhd. untrennbar, vergl. mhd. wb. 1, 473ᵃ): wes das hertz vol ist, des gehet der mund uber Matth. 12, 34 und Luc. 6, 45; ich langweile dich mit politik ..., aber der mund geht über von der fülle Bismarck br. a. s. braut 112;
und welcherlay das hertz vol stee,
das des der mund übergee
fastnachtsp. 1123;
die zunge geht mir über
von dem, was ausz dem hertzen quillt
Stieler geharnschte Venus 16 neudr.;
die augen giengen mir über Alberus (1540) Nnjᵇ; sye macht mir ... mit irem klagen die augen übergon Wickram 1, 159; mir gingen ... die augen über do ich sein bryve lase, die er mir geschrieben Hutten opera 60 Böcking; do gewan Joseph so grossen yomer, das ime die ougen übergingent historienbibeln 692 Merzdorf; und Jhesu giengen die augen uber Joh. 11, 35; so er dann müde ist worden, laszt sie ihn trinken, das im die augen übergehn Eyb Philogenia 114ᵇ; ihm vor frewden die augen ubergiengen Ayrer hist. processus juris (1600) 477; als sie nun ein wenig wieder zu rechte kam, fieng Thusznelda mit übergehenden augen an Lohenstein Arminius 2, 456ᵇ;
die augen gingen ihm über,
so oft er trank daraus
Göthe I 1, 171 Weim.;
giengen im dü ogen uf, und daʒ herze gieng über und flussen die inbrünstigen trehen über abe Suso deutsche schr. 18, 28 Bihlmeyer; (Christus) ist das fröliche kind, das da lachen macht, das alle hertzen ... fur freuden müssen ubergehen Luther 24, 422 Weim.; dass mir dann hertz und augen übergiengen auss erbärmde Moscherosch gesichte (1650) 2, 593; da ging dein mütterliches herz über in freuden maler Müller 1, 355;
sein hertz gleich ubergieng von sorgen
Spreng Ilias (1610) 124ᵃ;
und um mich war's gar bald gethan,
die sinnen gingen mir über
Göthe I 2, 187 Weim.
d)
(sie) sind so vol büberei, das sie oben ubergehen und nichts bey ihn behalten können, sonder mus alles heraus Luther 14, 83 Weim.; die ... neyds ... so voll stecken, das sie übergehen Nas das antipap. eins und hundert 4, 137ᵇ;
was wölt ir mit dem lappn anfangen,
der stets vol schalckheit stecken thet,
dass er gleich oben ubergeht?
Hans Sachs 17, 84 Götze;
denn wenn sich meine herrlein schon
volsauffen, das sie ubergohn
Fischart von S. Dominici artl. leben 226 v. 3706 Kurz.
ohne ergänzung für excedere: der hencker fürt in ... zur leiche; als er hinzu wil gehn, fahet die frav an überzugehn und ein wilden schawm von ir zu werfen Franck chron. Germ. (1538) 235ᵇ.
e)
weil alles von kriegsunruhe unter und übergieng Brandis gesch. d. landeshauptleute von Tirol 10; als sie aber merkte, dasz drauszen alles bunt übergieng Musäus 2, 251; beim stockerwirte lieszen wir's noch einmal toll übergehen Rosegger schr. 9, 199.
2)
hinübergehen.
a)
transire, transmeare Diefenbach gloss. 593ᵃ. ᵇ; ein platz do man uber fert oder geet 415ᵃ; eyn steg da man uber get 604ᶜ; allwo ich ... zu schiffe ... nach Engelland übergieng Schnabel insel Felsenburg 396, 22 Ullrich; wir wollen sogleich, liebste miss, nach Frankreich übergehen Lessing 2, 277; wer aus der tageshelle in einen dämmrigen ort übergeht, unterscheidet nichts in der ersten zeit Göthe II 1, 3 Weim.; wegen der Franzosen konnten wir diese (brücke) zum übergehen nicht benutzen Laukhard leben u. schicksale 3, 320;
auf der lippe, geliebter, war mir im kusse die seele;
ängstlich schwebte sie schon, überzugehen in dich
Herder 26, 106.
b)
in der seemannsspr.: der ballast geht über, wenn er beim schlingern des schiffes nach der geneigten seite hinüberrollt Bobrik 88; Röding 2, 816ᵃ; das übergehen, gleiten eines giekbaums etc. Stenzel seem. 432ᵇ.
c)
in bildlichem gebrauch ganz allgem.: übergehen zum feind, zu einer anderen religion oder partei, in den besitz eines anderen u. ä., ferner von einer tätigkeit zu einer andern, aus einem zustand in einen anderen.
α)
zum feinde übergehen, überlaufen Kramer a. a. o.; deserter, changer de parti Frisch dict. (1719) 567; ad hostes transfugere Kirsch (1723) 298ᵇ; der feldherr kriegt nachricht, dasz ... Segesthes zum feinde übergegangen sey Lohenstein Arminius 1, 2; man hat hoffnung, dasz Barcelonne baldt übergehen wirdt E. Ch. v. Orleans br. 1, 178; hier ist auch ein verräther, der mit mehreren regimentern zum feind übergeht Göthe I 40, 325 Weim.; den aus römischem gebiet zum feinde übergegangenen (wurden) die hände abgehauen Mommsen röm. gesch. 2, 11; indessen ist auch Frankfurt an die Franzosen übergegangen Göthe IV 11, 128 Weim.;
und von den Preussen geht keiner nicht zum feinde nicht über
Böhme volksthüml. lieder der Deutschen etc. 70.
auch prägnant, von pflichtvergessenen personen einer armee, die sich auf die feindliche seite machen Eggers lex. (1757) 2, 1227; die meisten officiere waren unter sich schon einig, ... überzugehen Häusser deutsche gesch. 4, 503.
β)
es (das angebinde Voigts) soll neben dem wappen liegen bleiben und als eine schöne blume in dem diplomatischen gefäsz zu meinen nachkommen übergehen Schiller br. 6, 430; diese einzelne erfahrungen giengen durch tradition vom groszvater zum urenkel über werke 1, 155; er soll bedenken, dasz die krone von einem würdigen haupt auf ein unwürdiges übergeht Göthe I 7, 80 Weim.; die herrschaft ..., welche ... an Theodorich könig der Ostgothen übergieng Eichhorn deutsche staats u. rechtsgesch.³ 1, 72; als des reiches krone an andere stämme übergegangen Görres ges. schr. 2, 35; mit übergabe der verkauften sache geht die gefahr ... auf den käufer über bürgerl. gesetzb. § 446; der palast ist längst in fremde hände übergegangen Justi Winckelmann 1, 1, 294; wenn die tochter aus der hand des vaters übergeht in die hand des mannes Mommsen röm. gesch. 1, 56; Kurhessen und Nassau waren ... in nationalliberalen besitz übergegangen Bennigsen die nationalliberale partei 23.
γ)
übertreten: lust der protestanten zum katholicismus überzugehen Göthe III 4, 301 Weim.; Israeliten, die zum christenthum übergehen Schleiermacher I 5, 11; in friedlicher eintracht wohnt ... der heidnische Wotüke ... mit seinem zur christlichen kirche übergegangenen bruder in einer hütte zusammen Schubert verm. schr. 2, 257.
δ)
sich zu etwas wenden: man fing mit getreidebau an, ging aber bald zur ölkultur ... über Moltke schr. u. denkwürdigk. 1, 172; ich geh' nun straks zur sache selbst über Bode Tristram Schandi (1774) 3, 107; wir wollen vom weinen doch noch lieber zum lachen als zum gähnen übergehen Lessing 9, 243; ich hielt es für gerathen, zum angriffe überzugehen H. Laube ges. schr. 1, 91; damit dieser brief gleich fortkomme, gehe ich von so traurigen betrachtungen gleich zu einer bitte über Göthe IV 19, 30 Weim.;
ich kann
so schnell nicht aus der tiefe meines elends
zur hoffnung übergehen
Schiller 12, 417.
so bald das gespräch auf eine andere materie überging I 22, 137 Weim.; ich ging plötzlich aus der defensive in die offensive über E. Th. A. Hoffmann 10, 221 Grisebach; ehe ich zu meinem gegenstande übergehe Hufeland kunst d. menschl. leben zu verlängern (1797) 6; die kammer ging schlieszlich zur tagesordnung über Bismarck polit. reden 2, 47 Kohl. so jetzt allgemein.
ε)
in etwas eindringen: desto mehr wird der gesang in sein herz übergehen Herder 12, 210; dein geist war in mich übergegangen Hölderlin 2, 192. formelhaft: dann ward das abgefundene in der zweiten klasse ... wiederholt, damit es nach dem schulsprüchlein gehörig verdaut in saft und blut überginge Vosz antisymb. 210; weil das schöne, das sie gefunden, uns in das blut übergegangen ist Freytag 14, 8; die freude am gehorchen war ihm in fleisch und blut übergegangen Polenz Grabenhäger 1, 239; diese erfahrungssätze waren nicht hinlänglich in fleisch und blut übergegangen Barth aus d. nördl. Kalkalpen 150;
du ... sagst mir dinge,
die mir beinahe nur das ohr berühren
und in die seele kaum noch übergehn
Göthe Tasso 1, 1.
ζ)
sich umwandeln, sich verändern: thiere, ... die in pflantzen übergehen Lichtenberg br. 2, 183; seine ruhe ging in verlangen über Göthe I 21, 110 Weim.; dasz das weisze nach und nach in das schwarze übergehe II 2, 258 Weim.; asbest, der in amiant übergeht III 3, 273 Weim.; gezänk, das ... überging in tolles schreien E. Th. A. Hoffmann 12, 28 Grisebach; die harten winde gingen in mildere lüfte über Stifter 5, 1, 320; sobald die körper in fäulnisz übergiengen F. Th. Schubert verm. schr. 1, 262. landschaftlich absolut für faul, sauer werden, z. b. die milch ist übergegangen (sauer geworden). part. präs. in adj. function: nach meiner weise bin ich nicht abgeneigt zu glauben, dasz es ebensowohl stationäre als übergehende larven geben könne Göthe IV 19, 326 Weim.
3)
vorbeigehen, vorübergehen, örtlich und zeitlich, heute veraltet und durch vorübergehen, bezw. vergehen verdrängt: übergan, pretergradi Diefenbach gloss. 458ᵃ.
a)
vor jem. übergehen: da der herr fur seinem angesicht ubergieng 2 Mos. 34, 6; byn offt mit guten gesellen ... vor deym hause ubergangen Hutten opera 2, 186; da der geist für mir ubergieng, stunden mir die haar zu berge an meinem leibe Dannhawer catechismusmilch 4, 414; die frau sahe ohngefehr herrn Festus vor ihrer herberge übergehen Bucholtz Herkuliskus etc. (1665) 42.
b)
und do sy frü ubergiengen, sy sachen den feigbaum gemacht durr von der wurtzeln Marc. 11, 20 erste deutsche bibel (Luther: am morgen giengen sie fur uber);
kein garbenbinder füllet seinen arm,
dem nicht die übergehenden sagen:
'segen auf euch'!
Herder 10, 122.
c)
temporal: evanescere, abolescere, dilabi Schönsleder prompt. (1647) T 2ᵇ.
α)
und do der samsstag waʒ ubergangen (Luther: vergangen) Marc. 16, 1 erste deutsche bibel; wo der paroxismus nicht übergeht, so bin ich des todes Gottsched deutsche schaubühne 6, 374; da sie sich ... nicht weit von einem kruge befanden, erhielt R. durch inständiges bitten von herrn Jones, dasz sie hineingingen, um das schauer übergehen zu lassen Bode Thomas Jones 4, 407; wer will denn immer einen zornigen Jupiter sehen, da sein zorn doch mit dem ungewitter übergeht? Herder 3, 56; wart' ein weilchen. ich hoffe, diese fromme laune soll übergehn Shakespeare 9, 55; lasz mich, ... es wird schon übergehn Lenz ges. schr. 1, 67 Tieck; matt bin ich, aber das geht über Iffland 6, 144; es gingen wohl noch acht tage über, eh' es ihm einfiel ... Jung Stilling 1, 92; geht dir diese kleine schneiderlaune über? Bismarck br. a. s. braut 1, 38;
harr, bis das wetter übergatt
Hätzlerin liederb. 190;
der gottlos gleicht eim wetter sehr,
das uberget und ist nicht mehr
Hans Sachs 19, 264 Götze;
als der geschwinde sturm der wetter übergieng
Gryphius trauersp. 228 Palm;
frisch auf, das wetter ist vorbei,
das donnerschaur ist übergangen
Rist friedejauchz. Teutschland 53;
drum dück dich und lasz übergan,
das wetter will sein willen han
Moscherosch ges. (1650) 2, 43;
ducke dich! lasz übergan!
unglück will sein willen han
findlinge 447.
β)
part. praes. adjectivisch und adverbial für vorübergehend, transitorisch: die beleidigte wird ... den rächer finden: einen rächer, der eine übergehende wollust mit dauerhaftem wehe vergelten wird Sonnenfels ges. schr. 2, 30; nichts übergehendes also wähle die kunst zum augenblicke ihres gegenstandes Herder 3, 75; er (der zorn) ist übergehend, er ist eine vorbeiziehende wolke 3, 57; jener (Homer) erzählt episch, übergehend 3, 310.
4)
vorgehen, mit dat.:
doch ist mir meine herzliebste lieber,
denn sie geht alle den andern über
Voigtländer oden u. lieder (1642) 25, 4;
wisset, dasz mein glücke steht
und euch allen übergeht
Paul Fleming 520.
III.
refl., untrennb.:
1)
sich übergehen, eundo fatigari Schönsleder a. a. o.; Dentzler clavis ling. lat. (1716) 295ᵃ; se fatiguer trop à force de marcher Frisch dict. (1719) 567; Ludwig teutsch-engl. wb. (1765) 1789; sie scheinen sich übergangen zu haben, mein herr! Thümmel reise 2, 91; übergeh' dich nicht, Franz! Rosegger schr. II 8, 327.
2)
sich mit trinken übergehen, zu viel thun Schönsleder a. a. o.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1918), Bd. XI,II (1936), Sp. 257, Z. 16.

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Zitationshilfe
„übergehen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/%C3%BCbergehen>.

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