Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

überlegung, f.

überlegung, f.
1)
zu überlegen, v. I u. II (s. o.).
a)
der bedeutungsentwickelung des verbums analog ist heute die alte sinnliche bedeutung verloren gegangen, sie läszt sich erschlieszen aus einzelbelegen der älteren sprache wie überlegung, summa Diefenbach gloss. 566ᵃ; oder überlegung, molestia, onus Scherz gloss. (1784) 1701; heute nur noch in landschaftlicher sonderentwicklung, so bucht Staub-Tobler 3, 1198 ü. in der wendung überlegung der gemeinen alpen für 'zu starken viehauftrieb' fürs schweiz. und Unger - Khull 603ᵃ für älteres steirisch ü. in der bedeutung: anwesenheit von mehr handwerkern derselben richtung an einem ort als sich gut halten können.
b)
die heutige schriftsprache kennt ü. nur in der bedeutung reflexion, pensitatio, s. Frisch dict. (1719) 569; Steinbach 1, 1021; item, sinds moraste, so kann überlegung gemacht werden, auff was arth und weise solche können des nachts verstellet werden Joh. Täntzer Dianen hoh. u. nied. iagtgeh. (1682) 1, 27; der schritt ist bedenklich und will überlegung haben Schiller 3, 566; überlegung sagt uns nicht, was gut, sondern was besser ist F. H. Jacobi werke 6, 137. selten im plur.: (der genusz eines kunstwerkes ist so grosz) da (es) ... dem geist anlasz zu überlegungen und betrachtungen giebt Breitinger critische dichtkunst (1740) 1, 71; und was hilft es, sich selbst zum märtyrer seiner überlegungen zu machen? Lessing 2, 116. mit ü. etwas tun u. s. w.: bücher ..., welche mit überlegung gelesen seyn wollen die vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 43; die tochter ... ermordete ihren vater .., nicht im zorn, sondern mit überlegung Archenholz England u. Italien (1785) 2, 250. determiniert: nach weiterem nachsinnen und reiffer überlegung Neumark neuspr. teutsch. palmb. (1668) 14; mit voller ü. Bettine dies buch gehört dem könig (1843) 320; bey näherer ü. Göthe IV 10, 347 Weim.; bei ruhiger ü. Lange gesch. d. materialismus 417; meine gedanken sind das resultat von meiner, wens möglich ist, bei kaltem blut angestellten überlegung Caroline (1871) 1, 3 Waitz. auch kurz: kalte ü. Wieland Agathon (1766) 1, 82; nach langer ü. Immermann 2, 98 Hempel; ohne grosze ü. Göthe I 33, 158 Weim.; ohne alle ü. Klinger werke 3, 96; ohne viel ü. Justi Winckelmann 1, 444. in ü. nehmen, ziehen: er beantwortete sie (die fragen) ihnen, entweder sogleich, oder nahm sie bis auf den folgenden sonntag in überlegung Lenz ges. schr. 3, 63 Tieck; der könig hiesz ihn (Mozart) den vorschlag (kapellmeister in Berlin zu werden) in nähere überlegung nehmen Jahn Mozart 3, 187; ich habe nicht unterlassen ... in überlegung zu ziehen, wie gegenwärtig ew. durchl. (des herzogs) höchste absicht (in Jena eine botanische anstalt zu errichten) so bald ... als möglich erreicht werden könnte Göthe IV 10, 137 Weim.; die sache in überlegung ziehen Spielhagen 1, 12.
c)
als habituelle eigenschaft: Franz ... besasz diese überlegung nicht und es fehlte ihm die beständigkeit im verfolgen der unternehmungen Grimm Michelangelo 2, 10.
2)
zu überlegen, v. II, so viel wie auflegung: die wassersüchtigen mer und grösser hilff entpfahen von euszerlicher überlegung, pflaster und dergleichen Ryff spiegel u. regiment d. gesundh. (1544) 114ᵃ; der augenröte mag man wehren mit überlegung eines tüchlins Sebiz feldbau (1579) 74; doch ist von nöten, dasz in uberlegung aller obgemeldten wasser, dahin fleissig gedacht werde: dasz man sie siedigheisz mache Gäbelkower artzneybuch (1595) 2, 172.
3)
compp. zu ü. 1: überlegungsfrist, f.: eine kurze überlegungsfrist bringt ihn zur vernunft Knigge roman meines lebens (1781) 4, 80. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1921), Bd. XI,II (1936), Sp. 389, Z. 69.

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Zitationshilfe
„überlegung“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/%C3%BCberlegung>, abgerufen am 01.12.2020.

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