überstehen v
Fundstelle: Lfg. 4 (1925), Bd. XI,II (1936), Sp. 573, Z. 1
A.
untrennbare verbindung.
1)
ausharrend überwinden, perferre. seit dem 16. jahrh. in breiter verwendung. der einzige in den mhd. wbb. nachgewiesene beleg (gesamtab. 1, 12 v. d. Hagen) zeigt den ausgangspunkt der nhd. verwendung: er überstuont die vierzig tage er stand durch 40 tage (im wasser des Jordan). vgl. noch: wann einer mit war her auf den markt fert ... so sol er den markt damit übersteen österr. weisth. (1521) 11, 290. dieser gebrauch des compositums überstehen, wobei -stehen die sinnlich durative bedeutung behält und der acc. ein acc. der zeitausdehnung ist, stirbt noch im 16. jahrh. ab; dagegen wird die daraus abgezogene verwendung, die sich dem sprachgefühle auch durch anlehnung an perfectives stehen, 'sich stellen' (th. 10, 2 sp. 1509, 13) und composita wie bestehen, ausstehen empfehlen mochte, rasch beliebt und verdrängte eine reihe von anderen bedeutungen des verbums, für welche sich ansätze in der älteren sprache zeigen (s. u. 2—5). die sinnliche bedeutung von -stehen ist verblaszt, der acc kein acc. der zeitausdehnung mehr, sondern nähert sich dem werthe eines afficierten objectes; dasz der acc. aber fast durchaus ein abstractum ist (zeitmasz, ereignis) und nur selten secundär eine person (z. b. verkehrssprachlich einen examinator überstehen), weist auf den oben genannten ursprung hin. je nach dem zusammenhange erscheint ü. synonym mit 'ertragen, erdulden', bzw. 'bestehen', 'hinter sich bringen', 'überwinden'. von den wbb. wird ü. in diesen bedeutungen seit dem 17. jahrh. regelmäszig gebucht, s. Wiederhold (1669) 351ᵃ; Stieler 2129; Kramer (1702), 2, 939ᶜ; Ludwig teutschengl. lex. (1716) 2071; Steinbach 2, 678; Adelung 4, 778.
a)
auch wo sich ü. mit acc. eines zeitmaszes verbindet, ist die sinnliche kraft des simplex verwischt, wie folgende belege zeigen: man maynet, sie wurd kain nacht mer überstehen Nas das antipap. eins u. hundert (1567—9) 2, 225ᵃ; ein guter vorrath vom laudano litterarischer ... zerstreuungen wird mir einen tag nach dem andern schon ganz leidlich überstehen helffen Lessing 18, 263 M.; noch waren ... einige böse tage zu überstehen Treitschke deutsche gesch. d. 19. jahrh. 4, 402; das strafjahr war überstanden Schiller 4, 66 G.
b)
kummer, angst, trübsal, eine arbeit, mühe, ein examen, eine reise u. s. w. überstehen, duldend, oder kämpfend hinter sich bringen:
α)
wie der edel Teurdank ... abermalen ein gefärlicheit überstund (capitelüberschrift) Teuerdank 132 Gödeke; als ... wir ... manchen schweren scharmützel und hertten stand überstunden Schaidenreiszer Odyssea (1537) 11ᵇ; wie Annibal ... die reisz überstanden Xylander Polybius (1574) 157; nachdem er das examen ... überstanden Ferd. Alber Ign. Loyola (1591) 110; hab ich biszher nit gnugsam müh und kummer erlitten und überstanden? Amadis 1, 227 K.; unterdessen lernete ich ... hunger ... überstehen Grimmelshausen Simpl. 31 ndr.; etliche so die marter nicht überstehen konnten, bekannten alles A. U. v. Braunschweig Octavia 2 185; möge doch Karl auch die masern glücklich überstehen Göthe IV 10, 265 W.; sobald sie ihre niederkunft überstanden haben würde H. v. Kleist 3, 274 E. Schm.
das gericht must ir alle ubersteen
Haller Passion 427 Wackernell;
so bisz auch du getrost mein hertz,
und übersteh des glückes schertz
Opitz teutsche poem. 52 ndr.;
kein unfall unter allen
wird mir zu harte fallen,
ich will ihn überstehn
P. Fleming dtsch. ged. 1, 237 lit. ver.;
β)
determiniert mit: mannlich und dapffer Xylander Polybius 434; gedultig Schmolck trost- u. geistr. schr. 1, 341; glücklich discourse der mahlern 1, 7; gut A. Ruge briefw. u. tageb. 2, 309; siegreich Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. 1, 341; mit sanftmut Guarinonius grewel der verw. (1610) 382; mit stoischer vestigkeit Herder 27, 350; mit ausdauer Droysen Alexander d. Gr. 140.
γ)
anthropomorph auch bei sachsubj.: das so ein kleines schifflein so vil wintbraus ... und wasserwellen überstehen kan Nas antipap. eins u. h. 4, 106; die welt wird viele trübsale zu überstehen haben Tieck schr. 16, 111; die pappeln weinen vor freude, dasz sie den gewaltigen sturm überstanden haben F. M. Klinger w. 8, 86.
δ)
part. überstanden, überwunden, hinter sich gebracht: alle noth ist überstanden A. v. Arnim 22, 159; von einer überstandenen anstrengung sich erholen Herder 16, 118; die erinnerung überstandener schmerzen ist vergnügen Göthe IV 1, 142 W.; (die philosophen) wünschen sich glück zu der überstandenen gefahr Fr. Schlegel Athenäum 1, 2, 101; nach überstandener ohnmacht Ziegler asiat. Banise 235; krankheit Tieck schr. 4, 109; lehrzeit Lichtenberg erkl. d. Hogarth. kupferstiche 5, 187.
2)
die aus gleicher grundvorstellung erwachsene entwicklung zu 'versäumen, unterlassen' stirbt noch im 16. jahrh. ab: so ligend ... güter ... vergeben ... werden, mögen die nechsten ... freunde ... solche ... innerhalb einem jar ... an sich nemen ..., und so der ... erbe überstünde oder verzöge solch losung zu thun, so mögen die andern ... solchs erfordern und an sich nemmen statutenbuch (Franckfurt 1572) 91ᵇ; (die Deutschen haben ablasz gekauft), das sy doch alles (wa sy nit stocknarren gewesen) überstanden werend, dieweyl es inen vor got weder nutz noch nott was Philadelphus Regius von luther. wunderzaychen (1524) B i jᵃ. vgl. auch Schöpper syn. g i jᵈ.
3)
die von Lexer handwb. 2, 1661 aus diplom. Habsburg. des 15. jahrh. belegte verwendung ein reht überstan, es vertreten, ist aus mhd. verwendungen des simplex als bewegungsverbum 'sich über etwas stellen' (s. o. th. 10, 2, sp. 1513 ζ) abgezogen, ohne im gebrauche üblich zu werden.
4)
zu perfectivem stehen, 'sich stellen' gehören auch die localen verwendungen jem. oder etwas überstehen, jem. überbieten, eine ware überbieten bei Schmeller 2, 714 und schon im 14. jahrh.: welchir uns überstunde ..., dasz wir den muszen penden umb einen gulden (a. 1355) Frankfurter zunfturk. 1, 424. hieher auch wohl den richter überstan, ihm zu nahe treten: welcher den richter unbillicher weisz überstat, oder ein fuͦsz an die gerichtsschrancken bringt, der verfellt dem schultheiszen ein gülden Fronsperger kriegsordn. (1564) 70ᵇ; dasz keiner vorm rechten abtrett, auch der umbstandt sie (d. richter) nicht überstehe Dilich kriegsb. (1607) 153.
5)
etwas ü., beaufsichtigen, nur mehr dialectisch, s. Schmeller a. a. o. und das nomen agentis übersteher.
6)
reflex. sich ü., zu lange stehen, durch stehen steif, krumm werden (vom vieh gesagt): man soll sie (die pferde) auch mit spatzieren und ausreuten fleiszig üben, damit sie sich im stall nicht überstehen Hohberg georg. cur. 2, 160ᵇ; von pflanzen für 'überreif werden': wie das abgeschnittene grasz mehr wüchse als das sich überstünde, also verarmte kein fürst von freygebigkeit Lohenstein Arminius 2, 1277ᵃ. hiezu das part. überstanden in breiter verwendung: was zu lange gestanden hat, überständig. α) vom holz für schlagbar, bzw. überjährig: zu dem zimerholz (sollen) ... die alten überstandnen stämb ... hergenomben (werden) österr. weisth. (1590) 10, 90; an alten und überstandenen bäumen Döbel jägerpractica (1754) 3, 76. enger als term.: ü. nennt man scheinbar gesunde, doch ... innen faule bäume Mothes ill. baulex. 4, 389. β) vom erz: verwittert Mothes a. a. o. γ) vom wasser u. ä., was überschlagen, lau: gieb ihm (dem gaul) nur überstandenes wasser zu saufen Thomas allgem. vieharzneib.⁵ 1, 71. δ) von mädchen, die über das heirathsalter hinaus sind: das ... Sterzinger-Moos wird ... als versammlungsort der alten jungfern genannt, daher sagt man von überstandenen mädchen, sie gehörten ins Sterzinger-Moos Steinitzer wand. durch Tirol u. Vorarlberg (1905) 135. vgl. überständig.
7)
überstanden sein für bestanden, bepflanzt sein: sie (die stelle) war von den dicksten und höchsten stämmen überstanden Immermann 4, 13 Boxb.
B.
in trennbarer verbindung.
1)
oberhalb stehen: in superiori loco positum esse Stieler 2129; der stern ... stund oben über, da das kindlin war Matth. 2, 9 (ebenso Emser); um die zeit des Nielischen überlaufs werden ... schwere schlagregen erzielet: darzu die gerade überstehenden sonnenstrahlen ... helfen Dapper Africa (1671) 56ᵇ; das öl sinkt zu boden, während das überstehende wasser ... abflieszet Muspratt chemie 1, 61.
2)
überhängen, überkragen, vorstehen. übersteen, preeminere voc. theut. (1482) h h 7ᵇ. überstet oder abstet, extat ebenda; auch dürfen sie (die handgriffe eines turngeräthes) an keiner seite überstehen Fr. L. Jahn 2, 37; überstehende felsen Göthe 19, 290 W. als term., z. b. von dachschiefern: to lap over Hoyer-Kreuter technol. wb. 1, 787. s. auch Lueger 7, 750.
3)
landschaftlich für übrig sein, bleiben: was an der kirwei übersteet (an lebensmitteln) badische weist. (1556) 1, 1, 65.
4)
zu lange stehen (s. o. die reflex. verwendung der untrennbaren verbindung): stehet er (der hopfen) etwas lange über, fället der saame hin Prätorius Katzenveit J 1ᵇ.
5)
zu stehen 'sich stellen', s. o. A 3 (bayrisch-österr.): der priester steht über, tritt zum altar (um mit dem introitus der messe zu beginnen), s. Schmeller 2, 714; Unger-Khull steir. wortschatz 604ᵃ; Stelzhammer ausgew. dicht. (1884) 1, 100, 24.
Zitationshilfe
„überstehen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/%C3%BCberstehen>, abgerufen am 25.08.2019.

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