übertreiben v
Fundstelle: Lfg. 4 (1925), Bd. XI,II (1936), Sp. 607, Z. 26
I.
in untrennb. verbindung, mhd. übertrîben.
A.
zu viel treiben, jagen, sodann überanstrengen: labore, cursu frangere, fatigare Wiederhold (1669) 351ᵇ: nimium exagitare, immodice urgere Stieler 2322; müd machen Dentzler clavis ling. lat. (1716) 2, 298ᵇ;
1)
ein pferd u. ä. ü., s. Kramer (1702) 2, 1128ᵃ; Rädlein (1711) 909ᵃ; du erkennest, das ich zarte kinder bey mir habe, dazu vieh und seugende küe; wenn sie einen tag übertrieben würden, würde mir die gantze herde sterben 1 Mos. 33, 13; ebenso Zürcher bibel (1531); so ein muͦterpfärdt empfangen hatt, so sol man acht haben, dasz man sölche nit mit arbeit übertreybe Forer Gesners thierbuch (1563) 134ᵃ; wann du eynen zugochssen kaufft hast, so übertreibe in nit bald das erste jar Sebiz feldbau (1579) 124; des ersten ... tages wolten sie ihre last- und reitthiere nicht übertreiben, sondern sie algemach zu solcher reise angewehnen Bucholtz Herkuliskus (1665) 484. sprichwörtlich: willige rosz sol man reiten, doch nit übertreiben S. Franck sprichw. (1541) 1, 34ᵃ; Seb. Brant narrensch. 59, 10 Z.; Murner narrenbeschw. 227 ndr.; Fischart Eulensp. 461 H.; W. Spangenberg ausgew. dicht. 341 M.
2)
in weiterer verwendung: plus aequo urgere, injustum jugum imponere Schönsleder prompt. (1647) J ii 7ᵃ.
a)
die kargen hausherrn, die ir gesinde übertreiben Luther zu Jesus Sirach 4, 36 (Bindseil 7, 538); (leute,) welche ... ihr gesind und pferd kaum mögen ... ruhen sehen sonder on auffhör ... sie übertreiben Sebiz feldbau (1579) 26; 36; F. Rhot Jesus Sirach 1, 856ᵇ; Opel-Cohn dreiszigjähr. krieg 385.
b)
jem. ungebührlich drängen, bedrängen, belästigen, mhd. s. R. v Ems Wilh. v. Orlens 10 473; ob ain holzknecht ain nachpaurn übertrib, das der nachpaur geweisen mecht, ob gott dem nachpaurn hülfe, das er die oberhant gewunn und den holzknecht wundet ..., das wär dem nachpaurn gen dem gericht unschedlich tirol. weisth. 2, 313 (a. 1303). nhd.:
α)
wo er (d. herrscher) nit übertriben und gleichsam gemüssiget war, leget ers allwege in die langen kisten S. Franck Germ. chron. (1538 im augst) 273ᵇ. vom drängenden gläubiger dem schuldner gegenüber gesagt: Altprager stadtrecht 103 Rössler; Th. Platter 106 Boos.
β)
mit arbeit überladen, zu viel zumuthen, mit pers. u. abstract. object:
last eur mann eur maister nit beleiben,
das si euch nit übertreiben
fastnachtsp. 1, 490, 17 K.;
E. Alberus fabeln 191 ndr.; schweiz. schausp. d. 16. jahrh. 1, 24, 196 B.: Scheit Grobianus 559 ndr.; (er starb) von seinem geylen weib übertrieben in oder gleich nach sollichem werck Guarinonius grewel d. verw. (1610) 1140; doch soll man das männlein nicht zu sehr übertreiben und ihm nicht zu viel zumuthen Cl. Brentano ges. schr. 6, 431; die jungen kräfte ü., s. E. M. Arndt s. w. 1, 75; zum andern söll er (d. erzieher d. kinder) ... die zarten gemüther nicht übertreiben Hohberg georg. cur. (1682) 1, 96; Rabener s. w. 4, 165. mit sachobj.: die säge übertreiben, ihr zu viel zumuthen, sie über gebühr anstrengen, s. Ryff chirurgie 11ᵇ.
γ)
reflex.:
fein mäszig essen, tranck und arbeit auff sich laden,
disz macht es, dasz der mensch wohl bey gesundheit bleibt:
so bald er aber sich mit einem übertreibt,
so stirbt er eh als sonst
Opitz opera (1690) 1, 356.
δ)
synonym mit überbieten, übersteigern: Hohberg georg. cur. (1682) 1, 15; J. Fr. Löwen schr. 3, 14.
ε)
aufreizen: mit gelächter und gespött übertreyben und widerweysen, risu obruere Frisius 895ᵇ; (der bisem bringt die fallend sucht,) wo er hitzige höupter mit seinem geruch übertreybt Forer Gesners thierb. (1563) 30ᵇ. vgl. noch Göthe 9, 108 W.
3)
eine pflanze übertreiben. schnell, bzw. zu schnell wachsen machen: der bôm wirfet uf daʒ saffe in die schössling; der denne den bôm übertriben wil, der muͦss daʒ saff in den bôm twingen Georgener pred. 15 R.; eine pflanze ... verwelket ... früher, wenn sie durch dünger übertrieben wird Bremser 52; Dehn weinbaubuch (1629) 51. auch reflexiv: diejenigen bäume, welche im vollmonden gepfropfft werden, ... übertreiben sich zu zeitlichen schles. wirthschafftsbuch (1712) 215; Ratzeburg standortsgewächse (1859) 225. bildlich: sein verstand hatte sich übertrieben, wie eine frühzeitige frucht, welche welkt, wenn sie reifen soll Rabener s. w. 4, 284;
diesen bäumen gleicht der witz, sucht ihn nicht zu übertreiben,
ehrt die wirkende natur
Hagedorn poet. w. (1757) 2, 26.
4)
formelhaft gebunden: eim die augen übertreiben, ihn weinen machen, s. Frisius 495ᵃ s. v. excio; Aler dict. (1727) 2, 1951ᵇ; Kramer-Moerbeck (1768) 354ᶜ; N. Manuel Barbali 1636 B.; welches (geschenk) dem könig Vladislao die augen übertrieben hat Megiserus annales Carinthiae (1612) 1292; Moscherosch ges. (1650) 2, 616; (trinken) bis der dampf die augen übertreibt U. Bräker s. schr. 2, 98; die galle ü. Guarinonius grewel d. verw. (1610) 494.
5)
in der sprache der alchymie und chemie: destillieren, s. Jacobsson 4, 470ᵃ; to sublimate Hilpert 2, 648ᵃ; zu lange schmelzen: jedoch sollen die silber auffm test nicht übertrieben werden, dann die test werden von übriger hitz weich Ercker beschr. aller mineral. ertzt (1580) 31ᵃ; einkochen: bey dem übertreiben (des caffees) gieng ... ein grünliches wasser ... über allgem. d. bibl. 6, 2, 178. bildlich: Kant 6 (1839), 24 Hart.
6)
in der handwerkerspr. der schlosser: eisen, blech ü., zu sehr in die breite hämmern, so dasz es reiszt.
B.
in abgezogenem gebrauche aus 2, bzw. 3 und 6 entwickelt und in der neueren sprache in breiter verwendung.
1)
ein ding ü., der sache zu viel thun Kramer (1702) a. a. o.; modum excedere in re Dentzler a. a. o.; man übertreibt eine sache, wenn man ihr etwas zuschreibet oder zumuthet, was die schranken ihrer art überschreitet und entweder unmöglich oder doch unnatürlich ... ist Sulzer theorie d. sch. künste 4, 618. vgl. auch Frisius 652ᵇ s. v. immodicus; man soll guͦt ding nit übertreiben Gengenbach 296 G.;
die freuden, die man übertreibt,
verwandeln sich in schmerzen
volksthüml. lieder d. Deutschen 472 Böhme;
so übertrieb Patroklus seine bestimmung und sank ... von Apollo ... getroffen Herder 17, 179; seinen fleisz ü. Chr. Weise d. drey klügsten leute (1675) 349; seine gebärden Wackenroder an Tieck 2, 19; den ausdruck Caroline 1, 110 W.; seine rolle Lessing 6, 144 M.; H. Steffens was ich erlebte 2, 81; übertreibe deine sparsamkeit nicht! Hebbel br. 3, 22; die gesetzmacherei ü. Bismarck ged. u. erinn. 2, 207;
wie magst du deine rednerei
nur gleich so hitzig übertreiben?
Göthe 14, 83 W.
2)
mit unbestimmtem obj.: man übertreibts, übermachts Aventin 1, 459, 5 L.; wenn ir ... es mit mir übertreyben wöllend, si porro esse odiosi pergitis Frisius 909ᵃ; er (d. schriftsteller La Bruyère) übertreibt alles Gottschedin br. 1, 195 R.; übertreib es ... nicht mit tanzen Göthe an Christiane IV 16, 260 W.; man musz nichts übertreiben Immermann 2, 138.
3)
elliptisch ohne ergänzung.
a)
sie übertreiben und fallen ins lächerliche Miller briefw. 3 ak. fr. (1778) 1, 16; keine gebärde war mehr richtig, sie (die kinder) übertrieben wie schauspieler, die nichts empfinden Göthe 25¹, 194 W.
b)
übertreibend erzählen: man erfährt nie etwas ordentliches durch ihn, weil er meistens übertreibt Göthe IV 20, 153 W.; zeitungsberichte, die nach der einen oder andern richtung übertreiben Moltke ges. schr. u. denkw. 4, 213; ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dasz ... Göthe IV 21, 232 W.; Wieland Lucian (1788) 1, 267. die gefahr ü. Schiller 8, 48 G.; die plünderungen in ... Hessen sind sehr übertrieben worden Herwegh br. 330 H.
4)
part. präs. in adj. function: die heldin, eine ... Engländerin, wie sie sich der übertreibenden fantasie einer Französin darstellt W. Schlegel in Athenäum (1798—1800) 2, 322; übertreibende gerüchte Ranke² 14, 342; grobe menschen ... erzählen ... mit stark übertreibenden worten Nietzsche w. I 2, 84; übertreibender witz Gödeke grundrisz² 5, 547; Bücher arbeit und rhythmus² 242. bei concreten: ein übertreibender dichter Herder 3, 67.
5)
part. prät. übertrieben als adj. u. adv.
a)
zu hoch getrieben, taxiert: so gehören in diese diebsrodel alle übersetzte und übertriebene anschläg der wahren und victualien Dannhawer catechismusmilch (1657 ff.) 2, 328; eine übertriebene rechnung Bode Tristram Schandi (1774) 1, 68; J. Möser s. w. 1, 191 A.; übertriebene preise Dahlmann gesch. d. franz. revolution (1845) 94; G. Keller 6, 290.
b)
allgemein für übermäszig, übersteigert, überspannt, seit dem 18. jahrh.: übertrieben ist das, dessen übermäszigkeit eine wirkung der freyheit ist Eberhard synonymik (1795—1802) 6, 185; freilich ist in diesem werk (Spinozas) ... alles hart gesagt und vieles übertrieben Herder 16, 418; die ode (von Denis) ist ... zu übertrieben, schwülstig für meine ohren Mozart bei O. Jahn 3, 344; der ausdruck der grösze in den zügen (einer hl. familie v. M. Angelo) ... ist ganz übertrieben und unnatürlich Fr. Schlegel s. w. 6, 148; 4, 34; ihr verbittert ihnen dieses elende leben durch ... übertriebene arbeit und schläge J. M. Miller pred. fürs landvolk (1776) 1, 9; übertriebne genauigkeit Gerstenberg schlesw. lit. br. 126, 33; bedenklichkeit Wieland Agathon (1766/67) 1, 205; freundschaft S. v. Laroche gesch. d. frl. v. Sternheim (1771) 1, 34; strenge Tieck schr. 1, 244; höflichkeit E. Th. A. Hoffmann 1, 26 Gr.; vorsicht Grabbe 3, 485 Bl.; sorge Storm w. (1899) 7, 98; übertriebenes misztrauen J. Möser s. w. 5, 43 A.; pathos R. Wagner ges. schr. u. dicht. (1897) 9, 179; übertriebene hoffnungen Hippel ü. d. ehe (1774) 117; Schleiermacher pred. (1801) 3; forderungen Göthe 22, 238 W.; ansichten Schnitzler Anatol (1901) 33; in übertriebenem masze Göthe 49¹, 34 W. comp. u. sup.: eine übertriebnere bescheidenheit habe ich nie gesehen Iffland theatr. w. 3, 54; in die übertriebenste manier fallen Göthe IV 15, 63 W.; in den übertriebensten ausdrücken Heine w. 3, 318 E. seltener attributiv bei concreten: doch war er (Logau) kein übertriebener purist Lessing 7, 353 M.; übertriebene zeloten H. L. Wagner theaterst. (1779) 20; poeten Göthe 45, 187 W. substantivisch: das übertriebene des ausdrucks Kant 3, 249 akad. ausg.; Gerstenberg schlesw. lit.-br. 126, 10; bis zum übertriebenen gütig Bode gesch. d. Th. Jones (1786/8) 6, 455; Ritter erdk. (1822) 1, 1011; Immermann 1, 169; lust am übertriebenen u. unglaublichen Droysen gesch. Alex. d. Gr. (1833) 275. adv.: übertrieben schildern Jung-Stilling s. schr. 1, 66; ein liebenswürdiges kind, mit dem sie (d. mutter) übertrieben paradirte Göthe 23, 231 W.; Tieck schr. 4, 42; ü. eigensinnig Lessing 1, 354 M.; empfindlich Gerstenberg recens. 383, 31; fromm Miller Siegwart 2, 545; ehrbar Göthe 8, 280 W.; grosz 27, 232; theuer Schubart bei Strausz 8, 1, 109; Hebbel tageb. 2, 234.
C.
einen ort übertreiben, vieh oder wild über ihn hintreiben, vgl.: zustellen ... heisset so viel als einen übertriebenen ort mit dem zeuge dergestalt verstellen, dasz das wildpret an solchen ort nicht wieder zurückkomme Chomel öc. phys. lex. 8, 2448; allgem. d. bibl. anh. b. 53—86, 1393. verengt: einen markt mit schönem vieh ü., beschicken, s. Berlepsch Alpen 295. prägnant in der älteren rechtsspr. vom 15. jahrh. ab: eine alpe ü., zu viel vieh auftreiben, s. urkundenb. d. klosters Heiligenkreuztal 2, 382; quellen zur rechtsgesch. d. stadt Marburg 1, 298; mittheil. d. hist. vereins f. Steiermark 37, 185; Unger-Khull 602ᵃ; indessen wurde der Kohlwald von den immer zunehmenden gaissen übertrieben U. Bräcker s. schr. 1, 39. sodann auch: vieh auf fremden grund treiben, s. weisth. 1, 44; Egger gloss. 934ᵇ.
D.
in der bergwerkspr.
1)
einen ort übertreiben, weiter aufschlieszen: will er andere örtter in derselbigen zech geweltigen und übertreiben, dasz mag er thun quelle (a. 1548) bei Lori bergrecht 247ᵇ.
2)
fördergefäsze ü., über die seilscheiben hinausbefördern Veith bergwb. 511.
II.
in trennb. verbindung.
A.
intr. vorüber treiben: der strom treibt an den gränzen des landes über Dusch verm. krit. u. satyr. schr. (1758) 217.
B.
trans. über etwas hintreiben: hier darf kein vieh übergetrieben werden Hilpert 2, 648ᵃ; hierauf drosch man ... die ähren durch übergetriebene lastthiere J. H. Vosz Virgils ländl. ged. 3, 101. hinübertreiben: schlangen, welche fliegen und durch den westwind aus der libyschen wüste übergetrieben werden Dapper Africa (1671) 121ᵃ.
C.
spontan für untrennb. verbindung in bedeutung I A 4: es habe ihr oft das augenwasser übergetrieben, wenn er (der sohn) sie so bedient, als wäre sie eine herrenfrau J. Gotthelf ges. schr. 4, 299. in bedeutung I A 5 neben untrennb. verbindung häufig: die essentiae vegetabilium sollen mit mittelmäsziger hitze in einem balneo übergetrieben werden Glauber de Elia artista (1668) 22; Basilius Valentinus chymische schr. (1677) 1, 407; achthundert retorten ... braucht man, das quecksilber überzutreiben Valvasor ehre d. herzogthums Crain (1689), 1, 408; destillirte und übergetriebene wasser J. Chr. Sturm kurtzer begriff d. physic (1713) 134; branntwein ... dreimal überzutreiben Gneisenau br. 26. noch in der modernen chemie, s. Muspratt chemie 1, 35; 925; 6, 1734. —
Zitationshilfe
„übertreiben“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/%C3%BCbertreiben>, abgerufen am 18.06.2019.

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