Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

überwältigen, v.

überwältigen v.
untrennb. verbindung. nebenform übergeweltigen, ältere sprache (z. b. Achatius, Wickram, Fischart, Tschudi, Stumpf, Abr. a S. Clara, Megiser) und in d. ma. vgl. Schmeller 2, 909. die umlautlose form überwaltigen spontan (z. b. bei Schaidenreiszer Od. 67ᵇ; Wickram rollw. 71; E. Alberus, B. Faber, Lindenborn Diogenes 1, 155; 214) neben der in alter und neuer zeit herrschenden umgelauteten. das verb. ist erst vom 15. jahrh. ab litterarisch belegt, gelangt aber, besonders in der neueren sprache, zu breiter verwendung.
bedeutung.
1)
jemanden ü., ihm gewalt zufügen: violare, suggillare, tremare Diefenbach gloss. 621ᵃ; 565ᶜ; 594ᵃ; vergewaltigen, laedere, offendere, violare, per vim affligere aliquem Stieler 2426; Kramer teutsch-ital. (1678) 1076ᵇ.
a)
das sie sich derjenigen ... erbarmen, die durch die bauren überweldigt, beraubt, geschendet ... werden Luther 18, 391 W.; Hans Sachs 19, 336 K.-G.; da hat zuͦletst der keiser ... gebotten, das man von wegen der religion niemand überweldigen (solle) Achatius chr. Sleidani (1557) 110ᵃ; thiere ü., miszhandeln, s. J. Walther pferde- u. viehzucht (1658) 20; viehbüchlein (1667) 88. heute veraltet.
b)
verengt für nothzüchtigen: die Dina ... ward von Sichem ... übergeweltiget Wickram w. 2, 96; schweiz. schausp. d. 16. jahrh. 1, 109 B.; J. Ayrer dramen 1, 870 K.; jungfrawen ... zwingen und überweltigen Hennenberger preusz. landtafel (1595) 47; Schupp schr. 146; Ziegler asiat. Banise (1689) 888; Herder 15, 167; ein ungeheuer ... ergriff die badende königin und überwältigte sie br. Grimm dtsche sagen (1891) 2, 46.
2)
bewältigen, überwinden, bezwingen, meist perfectiv; die bedeutung 'stärker sein', 'die oberhand behalten' (praeposse B. Faber thes. [1587] 817ᵇ; praevalere Garthius [1679] 595ᵃ; predominarlo Kramer [1702] 2, 1244ᶜ) bleibt fast immer eine den perfectiven gebrauch des verbs blosz begleitende nebenvorstellung.
a)
supprimere E. Alberus nov. dict. genus (1540) 69ᵃ; Hulsius (1618) 254ᵃ; vincere, superare Stieler 2426; Steinbach 2, 922.
α)
durch körperkraft, bzw. im kampfe überwinden: überweltigen und unter sich zwingen Mathesius Sarepta (1571) 8ᵇ; überweltigen und binden Kirchhof wendunmuth 1, 174 Ö.; Pape garteteuffel (1586) D 4; Abr. a S. Clara Judas (1695) 4, 361;
ich hab mit ihm gerungen nie,
dasz ich sein stärck erfahren hett,
ob er mich überweltiget
L. Sandrub hist. u. poet. kurtzweil 117 ndr.;
Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 275; Schiller 12, 536 G.; Göthe 43, 361 W.; die reiter haben den gensdarm überwältigt und gebunden G. Freytag ges. w. 5, 42; br. Grimm kinder- und hausmärchen (1812 ff.) 2, 233. auch im kampf mit thieren oder von thieren untereinander: da ging der schäfer ihm (dem verwundeten wolf) nach und gedachte ihn ganz zu überwältigen br. Grimm dtsche sagen (1891) 1, 151; Sebiz feldbau (1579) 147; H. F. v. Göchhausen notabilia venatoris (1741) 341; Triller poet. betracht. (1750) 2, 606.
β)
den feind ü., besiegen, atterere hostes E. Alberus a. a. o. 60ᵇ; graf Hugen von Montfort den übergwältigt er, dass er sich ... ergeben musst Tschudi chr. helvet. 1, 30; Stumpf Schwytzerchr. (1606) 22ᵃ; Fischart geschichtklitt. 425 ndr.; (so) habe er die endlich mit siegreicher handt übergewaltiget und zu gehorsam bracht Megiser annales Car. (1612) 123; mit sturm Chemnitz schwed. kr. (1653) 2, 250; den dritten tag ward könig Hermanfried von den Francken überweltiget Binhardus thür. chr. (1613) 18; sodann ein heer, eine stadt, ein land ü.: lasst uns hinauffziehen und das land einnemen, denn wir mügen es überweldigen 4 Mos. 13, 31; da die ... burger ... das capitolium überweltigten und anzündeten S. Franck chron. zeytb. (1531) 70ᵃ; da Constantinopel ... eröbert und dasselbe keyserthumb durch die feinde des christlichen glaubens uberweldiget worden Schütz hist. rerum pruss. (1592) 5, B 4 f; Olearius reisebeschr. (1696) titel; die Tusker sollen dreihundert städte überwältigt haben K. O. Müller die Etrusker (1828) 1, 104; Deutschland ü. Ranke s. w. 30, 307. in elliptischer fügung ohne object:
rettet euch! die feinde überwältigen
Göthe 8, 155 W.
γ)
geistlich gewendet in der spr. der bibel u. theologen vom kampf des guten u. bösen, bzw. der anfechtung des teufels: aber ich wil yhn setzen, er sol starck und gewis stehen, die feinde sollen yhn nicht überweldigen Luther 20, 552 W.; du bist Petrus und auf diesen fels wil ich bawen meine gemeine und die pforten der hellen sollen sie nicht überweldigen (vulg.: non praevalebunt) Matth. 16, 18; Güttel von evang. warheyt (1523) C 3ᵇ; Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 1, 264; Herder 19, 75; 23, 127; G. Forster s. schr. 8, 298; wenn der verfluchte geist desz menschen hertz überwältiget Widmann Fausts leben 540 K.;
wiewol sichs der bös understan,
ihn dermassen zu fechten an,
und hat es auch versucht manchfaldt,
das er ihn krieg in sein gewalt.
hat ihn gleichwohl noch nie kein mal
überweldigt in diesem fal
Thym Thedel von Wallmoden v. 56 ndr.
δ)
in abgezogenem sinne.
1))
bei abstractem subj.: der wein, eine arbeit, ein geschehnis u. ä. überwältigt jemanden, drückt ihn zu boden: (er) ward von dem siessen wein überweltiget, dasz er alle viere von sich strecket Schaidenreiszer Od. (1537) 38ᵃ; Hippel kreuz- u. querzüge (1793) 1, 157; vom trunk überwältigt H. L. Wagner theaterstücke (1779) 93; die beständigkeit bestehet ... in dem ... das man sich von ungewitter nicht überwältigen lasse Butschky Pathmos (1677) 456; (Sully) war von dem was geschehen war ... gleichsam betäubt und überwältigt Ranke s. w. 9, 121; der starke duft ... berauschte, überwältigte mich Herder 16, 468; Göthe schweigt, ... weil ihn geschäfte überwältigen Lenz (an Lavater) br. 1, 92; Immermann 19, 7; ein körperlicher oder seelischer zustand ü. jemanden: der schlaf H. Sachs 2, 258 K.; Göthe 23, 9 W.; eine krankheit Bode Tristram Schandi (1774) 6, 63; der jammer Gottsched ged. (1751) 1, 145; verzweiflung Bürger 258ᵇ B.; der schrecken Schiller 3, 418 G.; die wehmuth F. H. Jacobi w. (1812 ff.) 5, 172; beschämung und unwillen G. Keller 6, 344. auch mit unpersönl. neutralen pron.: einen augenblick drohte es ihn zu überwältigen Hauptmann bahnw. Thiel (1892) 20.
2))
mit abstract. obj.: welches wort noch der teuffel noch der Luther umbwerffen oder überwaltigen wirt Dietenberger das ander buch ... von der heymlichen orenbeycht (1524) f 3ᵇ; wer den zorn nicht überweltigen kan, der ... J. Barth weiberspiegel (1565) L 3ᵇ; die wollüste Reinicke fuchs (1650) 258; seine leidenschaften J. A. Cramer d. nord. aufseher (1758) 1, 184; so kämpft der unglückliche mit seinem hasse, ihn bald überwältigend, ihm bald unterliegend Börne ges. schr. 1, 138. eine arbeit ü., bewältigen: sein nachbar ... hülft ihm sie (die arbeitslast) zu überwältigen Sonnenfels ges. schr. 2, 10; Stifter s. w. (1901 ff.) 14, 115; W. Raabe d. hungerpastor (1864) 1, 138; schwierigkeiten ü. Barth Kalkalpen (1874) 600.
3))
die bosheit überweldiget die weisheit nimmermehr weish. Sal. 7, 30; Sparta zeigte ..., dasz die tugent von dem glücke nicht überweltigt werden kann F. H. Jacobi w. (1812 ff.) 5, 417; lass das mitleid ... den unwillen überwältigen Lessing 10, 50 M.; dieser neue kummer überwältigte die geringen lebenskräfte des ... Sebaldus Nicolai Seb. Nothanker 3, 4; Göthe IV 8, 144 W.; I 44, 89; Eichendorf 3, 144.
4))
in weiterer verwendung: doch sol die fraw (beim aderlasz) nicht zu viel blut lassen, dieweil das geblüt die cholerische feuchtigkeit überwältiget und dempft Ruoff hebammenbuch (1580) 167; der liebliche biesengeruch (wird) vom gestank des knoblauchs überweltiget Olearius pers. rosenthal (1696) 103; in der kirchen überwältigt das nieszen ... und räuspern sogar die ... orgeltöne Droste-Hülshoff br. 132 Sch.; gifte dienen dazu, andere gifte ... zu überwältigen Kant 3, 487 akad. ausg.; bis durch das übergewicht von hinzugethanen farben es (das grüne) überwältigt und in weisz ... verwandelt wird Göthe II 2, 226 W.; der hohe barometerstand überwältigte ... die nebel III 12, 232 W.; institutionen, die niemals eine die andere zu überwältigen vermögen Ranke s. w. 1, 4; Schubart ästh. d. tonkunst 72; wahrscheinlich wird ... eine mundart die andere überwältigen J. Grimm kl. schr. 4, 200.
5))
in der älteren spr. der phys. u. chem.: also kan man mit stahl ... alle andere metall überweltigen Mathesius Sarepta (1571) 78ᵇ; Thurneysser magna alchymia (1583) 3; derhalben ist die speisz weisser dann der schlackstein ... lest sich auch mit keinem bley überweldigen, sondern findet sich allwegen wider Ercker beschr. aller min. ertzt (1580) 19ᵇ; (der wismuth) lässet sich gerne im feuer überwältigen und unter das zien mengen Hertwig bergbuch (1734) 425ᵇ.
3)
der reflexive gebrauch bleibt ungewöhnlich: sich ü., sich überwinden, bezwingen, z. b. ich beschwöre dich ..., überwältige dich, ... verschiebe wenigstens die rache! Heinse Ardinghello (1787), 1, 146.
4)
part. überwältigend als adj., meist bei abstracten für bezwingend, auch einfach steigernd für auszerordentlich: eine ... hinreissende, überwältigende beredsamkeit Sulzer theorie d. schönen künste 4, 452; ü. grösze A. v. Humboldt kosmos 1, 9; mehrheit A. Ruge briefw. u. tageb. 2, 44 N.; zahl Moltke ges. schr. u. denkw. 7, 123; überwältigender eindruck C. F. Meyer Jürg Jenatsch (1901) 16; von überwältigendem einflusse Laube ges. schr. 1, 200; ein gedanke der überwältigend traf wie ein blitz O. Ludwig 1, 217; die dramatische macht Shakespeares wirkte ... überwältigend G. Freytag ges. w. 16, 47. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1925), Bd. XI,II (1936), Sp. 631, Z. 6.

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