überweisen v
Fundstelle: Lfg. 4,5 (1925,1932), Bd. XI,II (1936), Sp. 640, Z. 1
überzeugen, überführen, beweisen, anweisen, zutheilen. erst seit dem 15. jahrh. litterarisch belegt. die lautgesetzliche schwache flexion (prät. -weis[e]te, part. -weis[e]t) überwiegt noch im 16. jahrh. die Nürnberger fastnachtsp. (1, 474 K.) und polizeiordnungen (43 B.), Luther, Carlstadt, Mathesius, Vogelgesang-Cochläus, Rinckhart, Nigrinus und das buch der liebe (1587) kennen nur diese. die starke flexion (überwies, part. überwiesen) verwenden im 16. jahrh. E. Alberus, Frisius, Fischart u. a., vom 17. jahrh. an herrscht sie ausschlieszlich. bedeutung:
A.
die abgezogene bedeutung (überzeugen, überführen) dominiert, besonders in der älteren spr.; stets untrennb. verwendet.
1)
jemanden ü., überzeugen, von allen wbb. seit dem 16. jahrh. gebucht: convincere, revincere, arguere, coarguere, s. Frisius 330ᵇ; 1159ᵇ; Megiserus thes. (1613) 348ᵃ; Stör (1650) 503ᵇ; Wiederhold (1669) 352ᵃ; Stieler 2456; Steinbach 2, 1005. Hulsius (1605) 144ᵃ und Kramer (1702) 2, 1307ᵃ verweisen unter überweisen auf die artikel 'überzeugen', neuere wbb. versuchen zu scheiden: wenn ein anderer das daseyn eines dinges nicht glauben will und man weiset oder zeiget ihm solches, so überweiset man ihn. durch diesen umstand des augenscheins unterscheidet sich überweisen von überzeugen und überführen, obgleich alle drey häufig füreinander gebraucht werden Adelung 4, 783; ähnlich Heynatz antibarb. (1796) 2, 497; Eberhard synon. (1795—1802) 6, 183. heute nicht mehr üblich.
a)
aber auff das es werd erkent,
was solchs sey für ein argument,
wil ich sie auch so überweisen
aus iren lerern, die sie preisen
Fischart von s. Dom. artl. leben 176, 1705 K.;
um verdorbene herzen zu heilen, muss man sie durch ... beyspiele überweisen allgem. d. bibl. 91, 121; aber die verfinsterung des letztern (Orests) geht so weit, dasz er die ... freude der schwester ... einer strafbaren flamme zuschreibt, bis ihn endlich Iphigeniens reden ganz überweisen Schiller 6, 260 G.; Schleiermacher Platons werke (1804—28) 2, 199.
b)
mit gen. der sache: Steinbach a. a. o.; dasz ir euch niemals ... mühe gegeben habt, sie (die pfarrkinder) eines bessern zu überweisen Göthe 37, 160 W.
c)
von etwas; wer aus der geschichte der natur gelernet hat, wie oft die versuche uns von den begebenheiten überwiesen haben, die aller unsrer weisheit entgegenliefen, ... der wird ... A. v. Haller br. über die wicht. wahrh. der off. (1772) 43; jahrb. der Grillparzerges. 3, 101.
d)
sehr häufig mit folgendem dasz-satze: sintemal unsere zeugen ... sie überweisen, das die Francken unter Diocletiano in Germanien schon gewonet haben B. Faber Saxonia (1563) 11ᵃ; das gewissen ... dich überweist, dasz ein gott seye Harsdörfer secretarius (1656—59) 2, 207; Schupp schr. 683; Lohenstein Arminius 1, 107ᵇ; 2, 271ᵃ; er glaubte durch die erfahrung überwiesen zu seyn, dass ... Wieland Agathon (1766/7) 2, 62; beispiele ... haben mich überwiesen, dass die strenge kritik noch zur zeit ein zu heftiges mittel ist Sonnenfels ges. schr. 6, 8; Schiller 3, 540 G.; Jean Paul 7—10, 329; ich werde ihnen ... geld überschicken, um sie zu überweisen, dasz ich hier nicht darbe Mozart bei Jahn Mozart 3, 19.
die umständ überweisen mich,
ich sey zur noth gebohren
Günther 321;
e)
part. überwiesen, überzeugt, sodann 'seiner sache gewisz', s. Straszb. stud. 3, 144; ir werdt bey euch ... überzeuget und überweiset sein, das gott war ist Mathesius Sarepta (1571) 52ᵃ; der ist ... von der liebe gottes ... so gründlich überwiesen und überzeugt, dasz er ... Löhe evangelienpost. (1848), 2, 112ᵇ;
ist gott ein wesen, das uns liebet,
so wie ich überwiesen bin ...
Günther 150.
2)
verengt was überführen: überweisen scheint ... vorauszusetzen, dasz derjenige, den man ... zur erkenntnis einer wahrheit bringt, vorher diese wahrheit geleugnet ... hat allgem. dtsche bibl. 20, 222; mit gründen widerlegen, überführen, s. Crecelius und den beleg dort.
a)
Christus hat selbs seine phariseer ... nicht gar können ... bekeren, doch hat er sie so überweiset und eingetrieben, das sie nicht kondten dawidder etwas auffbringen Luther 34, 2, 378 W.; es gehört vil darzu, wenn man grosse leut ... für der welt überweysen solle Mathesius w. 3, 309 Lösche; es ist gemeinlich alles falsch ..., was er schreibt, wie man in klärlich überweisen kan Achatius chronika Sleidani (1557) a 6ᵃ.
b)
mit sachgen. einen ... einer sache überführen oder überweisen Rädlein (1711) 902ᵇ; herr pfarrherr, ir schelten mich einen lugner, desz müszt ir mich überweyssen Wickram w. 3, 63 B.; (die katholiken) sind der begangenen falschheit endlich überwisen Sleidanus reden 157 B.; und beut ihnen trotz über trotz, dass sie ihn der geringsten sünde ... zeihen und überweisen sollen Pomarius grosse postilla (1590) 1, 380ᵃ; Artomedes christl. auszlegung (1609) 1, 308; herr Klotz soll mich eines unverzeihlichen fehlers ... überwiesen haben Lessing 10, 232 M.; eine kurze erfahrung überwies mich meines irrthums Wieland 2, 27; Z. Werner M. Luther (1807) 228.
c)
einen mit etwas ü., z. b. mit beweisthümern Steinbach a. a. o.; (er) ward aber herrlich überweiset und geschweiget mit desz apostels worten G. Nigrinus anticalvinismus (1595) 113; auff das ja dieser spruch war bleibe und mit der that sie überweise, weil sie nicht wollen hören Luther 32, 445 W.
d)
meist mit folgendem dasz-satze: so wil ich sie mit yhren eygen buͦchern überweyssen, das sie ... schelcke sind Luther 8, 554 W.; Eppendorf Plinius (1543) 7, 20; ebenso Heyden Plinius (1565) 43; Nas das antipap. eins und hundert 1, 6ᵇ; die guldene zeit wird dich überweisen, dasz du ausz denen ... stunden desz jahrs die mehreste ... dem teuffel geschencket hast Abr. a s. Clara Judas (1686) 1, 561. heute gleichfalls nicht mehr im brauch.
3)
als term. der rechtsspr. (im streitverfahren) jem. ü., überführen.
a)
ob ainer wär, der ier auf ir ehr redet, und überweist sie in, so soll man ihm das haubt abschlahen (a. 1477—1494) österr. weisth. 11, 65; doch ward er selbst hernach in vollem concilio als ein ketzer überwisen Fischart binenkorb (1588) 229ᵃ.
b)
den thäter mit zeugen überweisen, coarguere reum testibus B. Faber thes. (1587) 78ᵃ; Corvinus fons lat. (1646) 76; den widersächer mit brieff und kundtschafft überweysen Maaler 447ᵇ.
c)
mit sachgen.: so einer gifft kaufft und dess vor der oberkeit in leugknen stunde und doch dess kauffs überwiesen wurde, ... Carolina 37; seitenmal niemandts ... verdammet wirdt, er seye dann zuvor in einem offentlichen gericht aller seiner missethat ... überwiesen worden Höniger narrenschiff (1574) 6ᵇ; wo sie (die hexe) dessen überwiesen und überzeugt würde, ... Fischart mag. daem. (1591) 117ᵇ; da ich doch mit meinen zeugen dich dess falschschwerens offentlich überweisen köndte J. Ayrer hist. processus juris (1600) 182; Rätel J. Curäi chr. (1607) 352; Chr. Thomasius gedanken u. erinn. (1720) 1, 59; er war bereits dreyer verbrechen wider das siebente gebot überwiesen worden Bode gesch. d. Th. Jones 1, 241; des hochverraths Lessing 9, 284 M.
d)
überwiesen, überführt: reus victus, under gelägen, überwisen, überzeugt oder der ein verschetzte ... sach hat Frisius 1382ᵇ; die menge der überwiesenen und straffälligen H. Steffens was ich erlebte 9, 94; sodann ward der überwiesene auf dem mercato enthauptet Platen 3, 25 Hempel; ein überweister lügner quelle bei Crecelius 2, 833; als ein überwiesener feind des menschlichen geschlechts ... hingerichtet werden Dannhawer catechismusmilch 2, 166; überwiesene personen ... sollen in arbeit nicht gefördert ... werden Hertwig bergb. (1734) 223ᵇ; Zimmermann über die einsamkeit 2, 496; W. v. Humboldt ges. schr. 1 (1903), 214; Göthe IV 18, 9 W.; der ausdruck überweister mann gilt im 16. jahrh. als gerichtlich strafbare ehrenkränkung, s. Vilmar 421. im scherz wird mit bedeutung 3 und 1 gespielt in folgendem beleg: du kanst ... nicht drein (in den schöffenrath) kommen, dann du bist ein überwiesener mann. weist du auch, wie du newlich gewettet hast und bist darnach überwiesen worden, das du unrecht hattest? grillenvertreiber (1605) 3, 73.
4)
mit sachobj., was beweisen (veraltet): dafern aber die hertzoge ... nicht wolten ein volkomenes recht wie sichs gebühret besetzen und sie das in der warheit überwiesen, ... so soll ... (a. 1498) lehnsurk. u. besitzurk. Schlesiens 2, 572; also heist nu falsch zeugnis alles, was man nicht ... uberweisen kan Luther 30, 1, 171 W.; hiemit ist nu ... gnug uberweiset, das ... 23, 142; ein rechte teuffelssunde ..., wenn sie gleich öffentlich überweiset ist, dennoch nicht wil uberweisset sein noch sunde heissen 28, 14; nun überweysz das durch schrift und gibe mir nit holtzschuge für haselhüner Carlstadt von vermügen des ablas (1520) B 4ᵃ; die ... Lutherischen, die stets schreien, dasz man mit keiner schrifft des papsts gewalt überweisen möge Fischart binenkorb (1588) 132ᵃ; flöhhatz 1862 ndr.; Schottel haubtspr. 53; indem aber dem beklagten nichts kan überwiesen werden, wird er ... losz gelassen A. Olearius persian. reisebeschr. (1696) 121. part. überweiset, überwiesen, bewiesen: (Ökolampad) merckt ... nicht, das er der man were, der solche uneinickeit der schrifft ... beweisen solte, sondern er ... trugs fur, als were es gewis und schon uberweiset Luther 23, 122 W.; überweyste miszhandlung Mathesius leichenreden 29 bibl. d. schr. aus B.; uberwissene abgötterei ... strafen Goltwurm die geistl. bedeut. d. 1. buchs Moysi (1552) 133ᵇ; überwiesene verletzung der ehehchen treue J. J. Schwabe belust. 5, 121; Hippel kreuz- u. querzüge 2, 37; sie verlieren ihr amt ... nur durch ein überwiesen ungerechtes erkenntnis Dahlmann gesch. von Dännemark 3, 38.
5)
part. überweisend, beweisend, überführend: überweisendes beweisthum, stringente, irrefragabile Kramer (1678) 1076ᵇ; die regeln sind hier zu allgemein oder doch nicht überweisend Herder 5, 392 S.; jene hand am bildnisz Alexanders ist ein ... überweisendes beispiel H. Meyer gesch. d. bild. künste (1824) 1, 190.
B.
in der bedeutung 'weisen', 'anweisen', 'zuweisen', sinnlich u. übertragen; theils trennbar, theils untrennbar gebraucht.
1)
die trennbare verbindung, vorwiegend im norden des sprachgebiets.
a)
(kaufmännisch) für assignieren: darto dem genanten Johan Schragen von dersulven vorlust halven overgewiset hundertviffundeachtentich gulden (Braunschweig a. 1504) städtechr. 16, 543; handelsrechn. d. dtschen ordens 72 Sattler; Adelung 4, 783, Heynatz antibarb. (1796) 2, 497 und Campe 5, 56 kennen in dieser verwendung nur die trennb. verbindung.
b)
im freien gebrauch für hinüberweisen (wenig üblich): einen in das rechte haus ü., s. Campe a. a. o.; Hilpert 2, 649ᵃ. in übertragenem sinne: endlich hat man die trunkenheit aus der moral in die medizin übergewiesen Börne ges. schr. (1829/34) 5, 86.
2)
in untrennb. verbindung
a)
zusenden; überweise das blatt an justizrat Erbkamm Fontane I 5, 104; übergeben: Mörike 1, 158. juristisch für transcribere: derenthalben wir an s. churfurstl. gn. überwiessen und übergeben worden seyn quelle (a. 1563) bei Haltaus 1826. kaufmännisch für assignieren: einen wechsel ü., endorse a bill Hilpert a. a. o.; der reichskasse drei viertel (des reingewinns) ü. bankgesetz (vom 14. märz 1875) § 24; Just. Möser s. w. 3, 103; Ranke s. w. 4, 30.
b)
land ü., zuweisen, zutheilen: das ackerland wird jährlich von den gau- ... behörden an die ... markgenossenschaften zur nutznieszung überwiesen Hoops waldbäume u. s. w. (1905) 523; Wimmer gesch. d. dtschen bodens (1905) 57; Ranke s. w. 25, 20; kinder dem verderben ü., preisgeben, s. dtsche volksb. 5, 13.
c)
ein geschäft, ein amt jemandem ü. zuweisen, übergeben: ist einmal ein theil des geschäfts bestimmten personen überwiesen, so ... Göthe IV 28, 198 W.; wie kam es, dasz die geschichte nicht angezeigt und den gerichten überwiesen wurde? Immermann 4, 29 B.; Jhering geist d. röm. rechts 2, 2, 524; Laube ges. schr. 2, 52; Mommsen röm. staatsrecht 1, 13; zunächst ... überwies der reichstag die entwürfe an eine ständige commission Bennigsen nationallib. partei 95; innerhalb des ihm überwiesenen wirkungskreises bürgerl. gesetzb. § 1797 abs. 2.
Zitationshilfe
„überweisen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/%C3%BCberweisen>, abgerufen am 20.11.2019.

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