Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

-zig

-zig,
bildungssilbe der zahlen 20 bis 90, im ältesten ahd. nur bis 60; ahd. -zug, -zog, -zig, mhd. -zec; im aisl. entspricht tottogo 20 ˂ *tō-tugu, während das as. und ags. -tig besitzen. diese form eignet als ein selbständiges substantiv nur im pl. tigjus dem got. (twai tigjus bis saihs tigjus, dann folgt sibuntehund usw.), dem aisl. aber auch (mit dem ordinale) im sing. tiǫgr, tøgr, tegr, tigr, selten tugr, und 30 wird im got. mit *þreis tigjus, im aisl. mit þrír tiger wiedergegeben; das aisl., das die hunderterreihe erst mit dem groszhundert hundraþ 120 beginnt, zählt so bis ellefo tiger 110. die westgerm. zahlen und aisl. tottogo 20 haben beide wörter in ein substantiv zusammengezogen, wobei die form von 20 auffällt: deren -n- rührt vom dat. *twaim zwei her; die weitere entwicklung vom ahd. zweinzug bis zum nhd. zwanzig s. t. 16, 946. der unterschied von dreiszig und vierzig usw. erklärt sich aus dem umstande, dasz die hd. lautverschiebung erst eingetreten ist, als die zusammenziehung in ein wort erfolgt war, daher denn mit spirans ahd. drîʒʒug, drîʒug, dagegen mit affrikata zweinzug, fiorzug usw. für 70 bis 100 hat das älteste ahd. die formen sibunzo, ahtozo, niunzo und zehanzo (neben hunt); für sie treten schon zu beginn des 9. jahrh. sibunzug usw. ein, woraus unsere heutige reihe sieb(en)zig usw. wird; zehenzig stirbt im 12. jahrh. aus. für ahd. sibunzo hat das as. die vollere form antsiƀunta; deren urgestalt aber bewahrt das awsächs. hundsiofontiʒ, das nur im letzten wortteil seinerseits jüngere anlehnung zeigt. solche neubildung weist auch das jüngere as. siƀuntig auf. -zig gleich *tigus, urgerm. *teguz bedeutet zehner, dekade; aus lat. decuria, decuriō, umbr. tekvias und osk. dekkvíarím ergibt sich, dasz es vorgerm. ist, s. W. Schulze z. gesch. lat. eigennamen 546. das u von -zug erklärt man am besten mit Wilmanns 2, 595 durch assimilation an das u- der endung. während J. H. Voss zeitmess. d. dt. spr. 92 -zig, -zug noch in unrichtigen sprachlichen zusammenhang setzt, verknüpft es Adelung² 4, 1715 zutreffend mit zehn. ihrem subst. ursprung gemäsz fordert die zehnerreihe in alter zeit den gen. nach sich: sumaro enti wintro sehstic Hildebrandslied 49, finfzug jaro Tatian 131, 25, tuentig wintro Heliand 144; auch die zahlwörter auf -zo sind subst.: dhea sibunzo wehhono Isidor 26, 9; aber nach einer präpos. im dativ ist bereits adjektivischer gebrauch zu beobachten: aftar them fiwartig dagun Heliand 1061, after dhem sibunzo wehhom Isidor 27, 5; dieser setzt sich in der spätahd. zeit durch: sezzoch biderba gnehta Williram 51, 2, thritic muddi Freckenhorster heberolle 31; er ist im mhd. die regel: drizec jar minnesinger 2, 161ᵇ v. d. Hagen; doch noch drizic lande Rudolf v. Ems weltchron. 1856. die nhd. zeit gelangt wieder zum subst. gebrauch, indem in kürzender sprechweise ein aus dem sinnzusammenhange leicht zu ergänzendes subst. für eine zahl-, masz- oder gewichteinheit ungesagt bleibt; gemeinhin genügt die unflektierte form, doch nimmt der dativ und weniger häufig der akkusativ die endung an, welche sich an den niederen zahlen, wenn sie selbständig stehn, schon im ahd. ausgebildet hatte und im norddeutschen noch gilt (vgl. ahd. fiori fioriu; alle viere von sich strecken, alle neune werfen). die -zig bezeichnet so das mit dem -zigsten jahr beginnende jahrzehnt des lebens: er ist schon in die vierzig, in den vierzigen (t. 12, 2, 350), in den fünfzigen (t. 4, 1, 1, 587; s. auch unt.); selten für -zig (jahre): wenn einer, wie ich, über die achtzig hinaus ist Eckermann gespr. m. Göthe 2, 341, wozu die bemerkungen und beispiele ob. fünfzig (t. 4, 1, 1, 587) zu vergleichen sind; ungewöhnliche flexion des gen.: jenseit der dreiszige und vierzige E. M. Arndt erinnerungen (1840) 120; de verstand kümmt ni vör de föftig Mensing 2, 199. sehr geläufig wird bei einer jahreszahl die angabe des jahrhunderts unterlassen: anno vierzig (t. 12, 2, 351). tage wird unterdrückt bei benennung der seelenmesse nach 30 tagen: ein liche begen ader ein siebenden, ein driszigen ader ein jargezit (15. jahrh.) Mainz. chron. 1, 54; der seelenmesse überhaupt: auch schul wir aller iärchlichen dri drisik mit sele messen ... wegen (begehn), ain vor weihenachte, den andern in der vasten, den dritten zwischen den zwain messen unser frawen bei Schmeller-Fr. 1, 562. masz- und gewichteinheiten: ein dreiszig eine menge von 30 getreidemandeln:
dancke gott, dasz sich der acker
dieses jahr so wol geloͤst,
dasz du so viel dreiszig zehlest
(südl. Mark 1663) Nic. Peucker wolklingende paucke (1702) 265;
masz oder gewicht(?): ein dryszich stahl, die ackerpferde zu beschlagen (1445 Nassau) bei Brinckmeyer 1, 640; ein sechzig ein ganzes, das 60 teile hat, als mengen-, holz- und ackermasz s. t. 9, 2803; paternosterschnur: alse de brudegham der brud dat vifftich unde clenode bringet (1454) Lübeck. urkundenb. 9, 213; eine behörde von -zig mitgliedern: die vierzig (t. 12, 2, 351); die achzig (ausschusz der bürgerschaft) Rottweil. urkundenb. 1, 175; mitglied einer solchen behörde: ez ensol enhein vierundzweinzig sin, der under drizig jaren si (1293) urkundenb. Freiburg i. Br. 1, 125. als syntaktisches mittel, derlei gruppen abzugrenzen, dient gemeinhin die verbindung mit präpositionen, vornehmlich mit zu: das gekrächz hungriger raben, die an meinem halbfaulen antezessor zu dreysigen hiengen Schiller 2, 93 G. (räuber II 3); vgl. t. 4, 1, 1, 587; auch bei: er zählte sie bei fünfzigen (t. 4, 1, 1, 587); unter und über: Jesmaja der Gibeoniter, gewaltig unter dreiszigen und über dreiszige 1. chron. 13, 4. landschaftlich wird -zig hier und da verkürzt zu -zg, s. t. 9, 2801. in jüngster zeit kann -zig scherzhafterweise selbständig als adj. zahlwort, beliebige zehner andeutend, verwendet werden: ein neues klatschlexikon in zig bänden herauszugeben Jos. Buchhorn Mellmann nachfolger (1935) 187; im elementarrechenunterricht als oberbegriff für die zehnerreihe Albrecht Leipz. 241ᵃ. weit reicher entfaltet sich die anwendung der adjektiva und substantiva auf -ziger, die nach dem muster der ableitungen aus städtenamen, wie Kölner, entstanden sind; adj. vom jahrzehnt des lebensalters: ich alter kindernarr noch in meinen siebziger jahren J. J. Engel schr. (1801) 12, 300; er schien im anfang der zwanziger jahre zu sein Gutzkow ritt. v. geiste 1, 24; aus dieser wendung und der ob. angeführten in den -zigen gemischt: da er stark in den funfzigern steht Göthe w. 46 (1833) 234 ausg. l. hand (dagegen funfzigen 42, 2, 479 W.); üblicher vom jahrzehnt des laufenden jahrhunderts: in den zwanziger jahren in den jahren 1920 bis 1929; in den siebziger jahren des vorigen jahrhunderts; Fontane I 5, 157 (zit. t. 12, 2, 351); bezeichnet als subst. das lebensalter eines menschen nach dem erreichten jahrzehnt: einem betagten sechziger Hebel w. 3 (1832) 80; auch f.: sie ist eine würdige siebzigerin; s. t. 4, 1, 1, 589; 12, 2, 351; 16, 948; die in einem jahrgang geborenen unter dessen genauer angabe, aber mit fortlassung des jahrhunderts: er ist ein vierundzwanziger; geläufiger ein alter achtundvierziger ein revolutionär von 1848; besonders für den wein eines jahrganges:
und mütterchen bringt uns ein gläschen
dreiundachtziger her
Göthe I 50, 195 W. (Herm. u. Dor. I 163);
s. t. 4, 1, 1, 589; 9, 2803; 12, 2, 351; eine gesamtheit von -zig einheiten, z. b. eine behörde von -zig mitgliedern: die fünfziger (t. 4, 1, 1, 589); die vierziger (t. 12, 2, 351); ein mitglied dieser behörde: ein funfziger (t. 4, 1, 1, 589); ein vierziger (t. 12, 2, 351); ein zwanziger (t. 16, 948); ein befehlshaber von -zig leuten in alter sprache: do setzet er sie fürsten des volks, tausenter und hunderter und fünfziger und zehner (tribunos et centuriones et quinquagenarios et decanos) 2. Mos. 18, 25 erste dt. bib., s. t. 4, 1, 1, 588; ein dreisziger ein als dreiszigster ausgehobener soldat Unger-Khull steir. 170ᵃ; ungarischer zollbeamter: gefreit sein vor allen dreiszikern und mautnern (16. jahrh.) österr. weist. 7, 1034; eine münze von -zig kleineren münzsorten: ein dreisziger eine silberne 30 kreuzermünze Unger-Khull steir. 170ᵃ; drei silberne zwanziger aus kaiser Franzens zeit Rosegger schr. I 3, 109; s. t. 16, 948; längen-, flächen- und raummasze, s. sechziger (t. 9, 2803); dreisziger ein kleines mehlmasz Schmeller-Fr. 1, 562; H. Fischer 6, 2, 1772; fünfziger ein stamm von mindestens 50 fusz länge ebda 2, 1831; gewicht: föftiger, m., ein stück eisen von 50 pfund, das als ballast dient Mensing 2, 199; die zahl -zig: einen vierziger hinschreiben (t. 12, 2, 351); funfziger die zahl (ziffer) 50 H. Fischer 2, 1831; im pl. die zahlen einer dekade: unter den zwanzigern finde ich 21, 24 und 27 im gebrauch dt. rechtsalterth. 1, 300. die ableitung -zigst und verschiedene zusammensetzungen wie -zigfach u. a. s. in den artikeln der zahlen auf -zig.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1951), Bd. XV (1956), Sp. 1250, Z. 73.

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Zitationshilfe
„-zig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/-zig>, abgerufen am 14.05.2021.

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