Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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genist, f., subst.

genist, f. subst.
zu genesen, mhd. genist, noch um 1400: do er gewinnen muͦst sein genist mit arbait und in sways. gesta Rom. 4, lebensunterhalt. hierher wol auch noch im 16. jh. zu genist kommen, zum ziele, bei einem gefährlichen unternehmen, z. b. von zwei dieben, die sich verabreden: es begab sich, als es ganz finster worden was, das die zwen dieb ieder nach seiner wahr gieng. der mit den nüssen was mit ersten fertig .. der ander aber, weisz nicht was in verhindert, kont nit zuͦ genist kommen. Wickram rollwagen 105, 20 Kurz; in einer spätern ausg. (1590) 72ᵇ geändert zu geniesz kommen, zum genusz, aber eben genies (s. d.), mhd. genis, galt auch noch im 16. jh. als subst. zu genesen, rettung, sicherheit u. ä. noch schweiz. gnist f. niederkunft Stalder 1, 460, mhd. genist.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1886), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3470, Z. 70.

genist, geniste, n.

genist, geniste, n.
coll. zu nest, mhd. geniste.
1)
das nest selber:
si lesent an Tristande,
daʒ ein swalwe ze Îrlande
von Kurnewâle kæme,
ein frouwen hâr dâ næme
ze ir bûwe und zir geniste.
Trist. 8609;
(der storch) der kleinen sperling thut verschonen,
in seim genist umsonst leszt wohnen.
Wolgemut Es. 1, 135;
ein storch, der kröten in sein geniste trägt. Wiedemann jul. 12; die schwalbe, die, wenn sie abzieht, nichts hinterläst, als ein von koth und erde verfertigtes geniste. Chr. Gryphius poet. wälder 2, anh. 25; man sol auch zu dieser zeit (im februar) allem geflügel das geniste zurichten. Colerus calend. 11, auf dem viehhofe; wer kann der flamme befehlen, dasz sie nicht auch durch die gesegneten saaten wüthe, wenn sie das genist der hornissel zerstören soll? Schiller II, 96, 17. schwäb. übrigens genischt: wir haben erfahren, dasz der happich (habichte) und blawfüsz geständ und genischt von den mutwilligen verderbt, umbgehawen und die eyer ausgenommen, also dasz dergleichen federspiel je länger je weniger befunden wird u. s. w. würtemb. forstordnung 1651 s. 95.
2)
aber auch von der brut im neste, z. b. im 16. jh. bildlich von menschen, geringschätzig oder gehässig, wie brut, auch sippschaft u. ä.: haben .. die befestigungen am städtle gebrochen, damit sie hinfüro sich keines solchen genistes besorgen müszten. Stumpf Schweizerchron. 622ᵇ, schädlicher leute, die da sich einnisten könnten, denn dieses wird ebenso gebraucht, vgl. besonders einnister. man spricht wol auch von mäusegeniste u. ä., wo man die brut mit meint.
3)
verächtlich oder spöttisch auch von einem winkligen u. ä. gebäu, altes geniste, z. b. von dem sog. Burglehnhaus in der stadt Meiszen: eine andere seltsamkeit des alten genistes war auch, dasz es zu jener zeit eigene gerichtsbarkeit besasz. L. Richter lebenserinnerungen (1886) 313, es heiszt vorher eigentlich ein complex von drei oder vier aus verschiedenen zeiten stammenden gebäuden. es ist wie nest von kleinen alten städten, burgen u. ä.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1886), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3471, Z. 5.

genist, geniste, n.

genist, geniste, n.
abfälle aller art: purgamenta, quisquiliae, gnist Schönsleder (1618) X 4ᵃ, im 16. jahrh. gnist, peripsema, scobs Dief. 427ᵇ. 519ᵇ aus Altenstaig, schon mhd. im 14. jh. genist (s. u. 1, b). es ist aber nichts als das vorige in weiterer anwendung, wie schon Adelung vermutete. nebenformen unter 3.
1)
a)
es ist eigentlich das, was der vogel für den bau seines nestes oder genistes braucht und nimmt, abfälle von stroh u. dergl., wie sie in feldern und gärten, besonders in den höfen herumliegen bleiben, wie denn ein storch erzählt: derhalben hab ich lenger denn vor dreiszig jarn, wie auch vorhin meine vorderen, auf ewerer eltern dach mein nest und wohnung gehalten, dasselbig mit allerley rütlein und genist zu bessern .. mein zeit vertriben. Kirchhof wendunm. 1, 555 Öst. (nr. 105); ein groszer ameisenhaufen .. dessen innwohner überaus geschäftig waren, allerhand materialia und sonderlich das genist von dem zerrissenen vogelnest einzutragen. Simpl. 3, 431, 25 Kurz (vogeln. 1, 20); auch vom igel: der igel stecket in zusammengetragenen geniste in seinem lager. Heppe leithund 107, und geniste der ameisen, nidificia formicarum Aler 896ᵃ. es heiszt darum auch genistwerk (s. d.) und noch deutlicher nestwerk (s. u. b), eigentlich zeug zum nestbau, der auch genisten hiesz.
b)
daher überhaupt von solchem zeug, 'allerhand aus kurzen strohhalmen, ähren, kleinem reisig u. s. f. bestehender abgang' Adelung, bair. gnist, auch gnistwerch und nestwerch, abfall von flachs, stroh, kurzen reisern u. s. w. Schm. 2, 713. die hühner legen ihre eier ins geniste, in einer ecke des hofes, des stalles u. ä. schon im 14. jahrh., mit mist zusammen (vergl. gnist und mist bei S. Frank u. 2, a a. e.): do sasz Job in dem mist vor der tür und was gar unrain und schub (statt des waschens) daʒ genist mit einem spon (spahn) von sinem lib. historienbibel 529 M., in einer hs. ist dafür den aiter (von seinen schwären) gesetzt, aber genist ist darum wol noch nicht eiter, wie Lexer nachtr. 194 ansetzt (vergl. Hiob 2, 8). im 16. 17. jahrh.: ihre hütten fast mit stroh, rohr und anderen dürren genist bedeckt waren. Rihels Livius 347, wol reisig; auf dem heuboden: das geniste, so nach abräumung des heues unten auf dem boden, sonst heusamen genennet, sich befindet. Hohberg 3, 2, 8ᵃ.
c)
im hause aber als feuergefährlich: würde aber jemand ungewahrlich (wahrlos) und nicht rechtschaffen befunden, das stroh, holz oder geniste in häusern um den heerd liegen lassen. statuten von Berka bei Weimar vom j. 1674. daher auch feuergenist, von überflüssiger weltpracht als nahrung für einen künftigen groszen brand: warlich es ist nicht alles gülden was da gleiszen thut u. s. w. darumb ist und bleibt es meus und fewer genist, und musz alles wie ein spinweben (die feuer fängt) verlodern und das grosze sonnewendfewer helfen fördern (das die welt reinigen wird, vom Türken angezündet gedacht). Mathes. Sar. 54ᵃ, mit meusgenist zugleich ins vorige überschlagend, es ist an prachtgebäude der groszen gedacht.
d)
genist, gesträuch, gestrüpp, gebüsch u. ä., vielleicht zugleich weil darin vögel gern nisten:
da kam ein weidman her gezogen ..
verbarg sich heimlich ins geniszt,
das in daselb kein thier nit wiszt (merkte),
schosz viel pfeil aus derselben hecken.
Waldis Esop II, 2, 7,
s. auch II, 26, 13 ähnlich geniszt (dann v. 41 einfach nist genannt); das geniste, das den dürren sandhügel hinunter wächst. Göthe 16, 74; was raschelt im genist? da! sa sa! musz immer gefaszt auf bär und wolf — Fr. Müller 3, 236; einen berg, dessen mit fichten, mandelbäumen und geniste bunt untereinander bewachsenen gipfel ich mir zum ziel meiner morgengänge ausersehen habe. Thümmel 2, 251; die brücke (die sich vorher hoch durch die bäume hingewunden hatte) senkte sich mit ihm wieder ins duftende dämmernde geniste. J. Paul 22, 50, vorher buschwerk genannt, es ist voller singvögel;
siehst du sie (die bergmaid) brechen durchs genist
der brombeerranken, frisch gedrungen ..
Ann. v. Droste ged. 320.
e)
auch ein baumwipfel als dürres geniste (vergl. u. b): ein blitz des himmels hat in die teutsche eiche hineingeschlagen, ihre krone ist zum dürren geniste geworden, nur die wurzel in der erde und der stamm in seinem marke grünt stark und kräftig fort und musz neue triebe auswerfen in die höhe. Görres Teutschland u. die revolution 124.
2)
der begriff in weiterer anwendung.
a)
das geniste, den vögeln unentbehrlich und wohlwollend nach ihrem bedürfnis benannt, ist doch in hof und haus zugleich im wege, gilt als kehrich, was man auskehrt: das genüst oder die feget, die man ganz auswürft und auskert. Keisersberg geistl. spinn. 7, gnüst 1510 e 2ᵇ; der andere berg (bei Alexandrien) soll allein von dem unrat oder gnischt, so man aus den heüsern kert, gemacht und zusamengetragen sein worden .. wie dann underschiedlich gesehen wirt, das es anders nichts dann gnischt ist, wie dann täglich cleinfüege sachen, so in heüsern mit ausgekert, werden gefunden. S. Kiechel reisen 338; wann er (der adler) an den hirsch hin will, welzet er sich in dem gniszt oder kerich umb. S. Frank chron. (1531) 121ᵃ, also auch in den wald versetzt; ich wirk buͦsz in dem gnischt und aschen. dess. verbütschiert buch 165ᵇ; bildlich: aller welt fuͦszhader, greüel, geniszt, schabab an allen enden. S. Frank parad. 9, von allen verächtlich behandelt; der welt auswurf, abgang, spielech und geniszt. 144 (284ᵃ); es ist gnist und mist, wo die welt am besten ist. sprichw. 1, 121ᵃ, vergl. schon mhd. mist und genist u. 1, b. dazu genistschutt m., kehrschutt, everrimenta Stieler 1944.
b)
auch in form von staub und moder u. ä., die ja auch kehrich sind: der luft ist fol böser geist, als in dem summer der sonnenschein foller stöblin (sonnenstäubchen) und genisch ist. Keisersberg emeis 56; scobs, segmel, seggnist. Altenstaig bei Dief. 519ᵇ. Frisch 2, 16ᵃ erklärt geniste überhaupt: allerley staub und unreinigkeit, so sich sammlet, wie in den vogelnestern, quisquiliae. daher wol auch folg. weiden geniest (so), zur aufbesserung des ackerbodens gebraucht: im feld, so guten grund hat, oder der mit schorerden, holzmist oder weidengeniest verbessert ist. Hohberg 3, 1, 530ᵃ, moderartige stauberde, wie sie sich in hohlen weiden sammelt, die an den bächen und wegen stehen.
c)
bildlich auch von unreinem in seele und leben:
o! reisz mir aus der brust der büberei geniste.
Andr. Scultetus bei Lessing 8, 289;
ich lege meine sünden-küste,
mein schnödes üppigkeits-geniste
und was mir sonst mehr (weiter) schädlich war,
auf deinen heil'gen söhn-altar.
Chr. Gryphius poet. wälder 1, 16.
d)
von anderem untauglichen oder was untauglich geworden und auszufegen ist, z. b. papiernes geniste, alte vergilbte, verknitterte papiere: er (Siebenkäs) konnte doch ... mit schreibfedern den streusand und den staubpuder vom tische fegen, das papierne geniste hinter dem spiegel ausreuten u. s. w. (bei der tempelreinigung seiner stube). J. Paul 11, 24, hinter dem spiegel aufgehobene rechnungen, geburtstagswünsche u. dergl., die nun gleichsam kehrich geworden sind; aber ... das heilige römische reich ist ewig ... und der kaiser stirbt nicht. ich komme zurück (aus langem gefängnis), jedoch da ist alles in unordnung, da hat sich genist aller orten eingehängt, da musz ich ordnung stiften und reine bahn machen. Immermann Münchh. 3, 205 (6, 16).
e)
bildlich auch geniste, narrenpossen, quisquiliae, burra Aler 896ᵃ, gleichsam geistiger kehrich.
f)
ob folg. bergm. gniest im 16. jahrh. hierher gehört, was nach der form geniest u. b und nach der nachbarschaft von gerölle wol möglich scheint, weisz ich nicht: wenn die bergleut das gebirge des schwebenden ganges .. und das rote gebirge, rotenklee, gerülle, gniest, schwelm u. s. w. durchsinken. Mathes. Sar. 71ᵇ (7. pred.). es erinnert doch zugleich an das im ursprung dunkle gneis m., früher geneis, das sich mit seiner bedeutung in den begriffskreis von geniste aber nicht fügt, es ist ein hartes gestein.
3)
nebenformen, die zugleich andeuten, dasz sich das wort im sprachbewusztsein doch auch von dem vorigen geniste, seinem ursprung löste, schon im 16. jahrh.
a)
oben kommen vor geniest (2, b), genüst, gnüst Keisersberg (2, a), vergl.genüstwerk unter genistwerk; auch genisch bei Keisersberg u. 2, b, d. h. nur bequeme aussprache des alem. genischt bei Kiechel, Frank; auch bei Henisch 1036, 59 genischt, kersel, feget, purgamenta; vergl. gniesz u. c.
b)
weiter entfernt sich genister n., wie noch jetzt bair. Schm. 2, 713, so im 16. jahrh.: ihre hütten ... mit stroh, rohr und anderm dürrem genister bedecket. Kirchhof milit. disc. 190, vergl. genist in derselben stelle aus Livius u. 1, b. ähnlich ist nd. im Göttingischen genissele, genist, kurzes, zertretenes stroh, wie es die vögel zu ihren nestern gebrauchen. Schambach 62ᵇ, auch strâgenissele, eigentlich genistele, das zeigt das gleichbed. nistelig strâ 145ᵇ. vergl. übrigens genüssel.
c)
auch weiter entstellt geniesz: hennebergisch geniesz und selbst geneusz n., kleines reisholz oder abfall davon. Reinwald 2, 49 (im Grabfeld gniest, fügt er hinzu), vielleicht weil das die armen leute sammeln und zum geniesz, genusz haben (also auch geneusz genannt, was denn sp. 3392 fehlt). und so wol schon im 16. jahrh.: (kaiser Max auf der gemsenjagd) meint, der fels sei wäsig, da weich das gniesz, dasz nit mehr dann ein zink vom eisen (am schuh) haftet. Franks clavis zum Teuerdank 62, freilich mit misverständnis des textes 62, 37 (s. die stelle unter genies), gemeint scheint aber, das genist auf dem boden gab nach.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1886), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3471, Z. 44.

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Zitationshilfe
„Genist“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/Genist>, abgerufen am 22.04.2021.

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