gral m.
Fundstelle: Lfg. 11 (1957), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 1737, Z. 68
ein neutraler gebrauch das graal Lancelot 1, 151, 9 Kluge, dat grael Veldenaer (unter 3 c αα) bleibt vereinzelt. mhd. grâl, nhd. gral; orthographische abweichungen sind selten: garal Heinrich v. Neustadt Apollonius 19 679 Singer; in anlehnung an die frz. lautform gelegentlich graal Lancelot a. a. o.; Lessing 18, 144 L.-M.; Fr. Schlegel s. w. (1846) 1, 220. von Wolfram v. Eschenbach übernommen aus franz. graal (nebenformen: greal, greail, graial, greel, greil; prov. grasal, grazal, grazaus), das, zunächst (und bis in jüngere mundarten hinein) appellativ für gefäsze verwendet, im 12. jh. seine spezielle bedeutung gewinnt (s. 1 a). die für die geschichte der gralssage wichtige herkunft des frz. wortes ist umstritten. einigermaszen überzeugend ist die schon 1216 in Helinands chron., lib. 45 aus der kenntnis der gralssage heraus versuchte herleitung aus mlat. gradalis 'schüssel, in die stück für stück stufenweise die speisen hineingestellt werden', das du Cange gloss. 4, 91 auch sonst in der beziehung auf gefäsze belegt: (eine vision) de catino illo sive paropside, in quo dominus cœnavit cum discipulis suis; de quo ab eodem eremita descripta est historia, quæ dicitur de gradali. gradalis autem sive gradale gallice dicitur scutella lata, et aliquantulum profunda; in qua pretiosæ dapes cum suo jure divitibus solent apponi gradatim, unus morsellus post alium in diversis ordinibus; et dicitur vulgari nomine graalz bei Migne patrol. lat. 212, 814 f. weitere roman. entsprechungen von gradalis bei Meyer-Lübke nr. 3830ᵃ. erwogen wird ferner die herleitung aus mlat. garalis 'schüssel, gefäsz' (belege bei du Cange gloss. 4, 26ᵃ), das man auf hebr. gōrāl 'losstein' zurückführen möchte, wodurch freilich mehr Wolframs gral als stein (s. 1 b) erklärt wäre als das auf gefäsze bezogene franz. graal (s. 1 a). weniger wahrscheinlichkeit für sich hat die ableitung aus mlat. cratalis (für gr. κρατήρ, lat. crater), das dann an ein verständliches wort wie gradalis angeglichen worden wäre. näheres bei Burdach d. gral (1938) 469 ff. das wort gral gehört in spezifischer weise der mittelalterlichen dichtung an. es gewinnt poetische bedeutsamkeit, als es, zuerst in franz. dichtung des 12. jhs., die benennung eines in beziehung zur eucharistie gesetzten sakralen gegenstandes wird, der, im mittelpunkt der mittelalterlichen gralsdichtungen stehend, verschiedene poetische deutungen erfährt. durch Chrestien von Troyes bereits mit der Artusdichtung verknüpft, gewinnt der gral in deutschen dichtungen, zuerst und vor allem in Wolfram s v. Eschenbach Parzival, besonderen symbol- und funktionswert als das stets zu erstrebende und doch nur durch göttliche gnade zu erlangende 'heilige ding', das ziel ritterlichen lebens versinnbildlichend: durchdringung und verschmelzung von himmlischem und irdischem. diesem tieferen sinn des grals kann die folgende, zwangsläufig am wort orientierte darstellung in keiner weise gerecht werden, er kann nur in einer jeweils die ganze dichtung berücksichtigenden interpretation einsichtig gemacht werden. dazu und zur sache selbst sei auf einige der wichtigsten jüngeren untersuchungen verwiesen: W. Golther Parzival u. d. gral i. d. dicht. d. mittelalters u. d. neuzeit (1925); K. Burdach d. gral (1938); G. Weber Parzival, ringen u. vollendung (1948); B. Mergell d. gral in Wolframs Parzival (1952. sonderdruck aus PBB 73 [1951] 1ff.; 74 [1952] 77ff.); ders., Wolfram u. d. gral im neuen licht in: Euphorion 47 (1953) 431ff. die poetische wirklichkeit der mittelalterlichen gralsdichtungen war mächtig genug, dem wort in abgeleiteten bedeutungen und anwendungen (s. 1 e; f; 2; 3) ein nachleben im späten mittelalter zu sichern, auch als die ursprünglichen gralsvorstellungen bereits weitgehend verdunkelt waren. die neubelebung des wortes seit dem 18. jh. (s. 4) dagegen hat keine breitenwirkung.
1)
der gral als 'das heilige ding' in mittelalterlicher dichtung.
a)
in der franz. literatur des späten 12. jhs. bezeichnet graal ein eucharistisches gefäsz. das als kelch gedachte gefäsz, mit dem Christus die spendung des sakraments vollzog und in dem Joseph von Arimathia das blut Christi sammelte:
qui a droit le (das abendmahlsgefäsz) vourra nummer
par droit graal l'apelera;
car nus le graal ne verra,
ce croi je, qu'il ne li agree
Robert de Boron le roman de l'estoire dou graal 2659 Nitze.
Chrestien verknüpft die legende vom gral mit der Artusdichtung, er schafft damit voraussetzung und grundlage auch der dt. gralsdichtungen des mittelalters. das auch appellativ gebrauchte wort bezeichnet speziell das mit edelsteinen besetzte gefäsz, in dem dem alten gralskönig die ihn am leben erhaltende hostie gebracht wird, also das ciborium (nach Burdach a. a. o. den kelch):
un graal antre ses deus mains
une damaisele tenoit
qui avuec les vaslez venoit,
bele et jante et bien acesmee
Christian v. Troyes Percevalroman 3220 Hilka;
d'une sole oiste li sainz hon,
que l'an an cest graal li porte,
sa vie sostient et conforte;
tant sainte chose est li graaus,
et il est si esperitaus
qu'a sa vie plus ne covient
que l'oiste qui el graal vient
ebda 6423.
b)
Wolfram v. Eschenbach, dessen Parzivaldichtung die gralsvorstellungen der deutschen dichtungen wesentlich bestimmt, bezeichnet mit dem von Chrestien übernommenen wort grâl in abwandlung und überhöhung der frz. gralsvorstellungen einen stein, den er bewuszt in ein geheimnisvolles dunkel hüllt und der symbolwert erhält u. a. durch nur leicht angedeutete beziehungen zur biblisch-liturgischen steinssymbolik (altarstein), zum paradiesstein der Alexandersage und zur Phönixsage.
α)
der durch eine hostie in beziehung zur eucharistie gesetzte gralstein, seine eigenschaften, seine kräfte und sein geheimnis:
ûf einem grüenen achmardî
truoc si (Repanse de Schoye) den wunsch von pardîs,
bêde wurzeln unde rîs.
daz was ein dinc, daz hiez der grâl,
erden wunsches überwal
Wolfram v. Eschenbach Parzival 235, 23;
si (die gralsritter) lebent von einem steine:
des geslähte ist vil reine ...
er heizet lapsit exillîs.
von des steines kraft der fênîs (der vogel Phönix)
verbrinnet, daz er zaschen wirt:
diu asche im aber leben birt ...
der stein ist ouch genant der grâl.
dar ûf kumt hiute ein botschaft,
dar an doch lît sîn hôhste kraft ...
ein tûb von himel swinget:
ûf den stein diu bringet
ein kleine wîze oblât
ebda 469, 28.
der gral ist lebenerhaltend und speisespendend:
dô der künec den grâl gesach,
daz was sîn ander ungemach,
daz er niht sterben mohte,
wand im sterben dô niht dohte
ebda 480, 27;
sîne varwe er (Titurel) iedoch nie verlôs,
wand er den grâl sô dicke siht:
dâ von mager ersterben niht
ebda 501, 29;
man sagte mir, diz sag ouch ich ...,
daz vorem grâle wære bereit ...
swâ nâch jener bôt die hant,
daz er al bereite vant
spîse warm, spîse kalt,
spîse niwe unt dar zuo alt,
daz zam unt daz wilde
ebda 238, 10;
der rîterlîchen bruoderschaft,
die pfrüende in gît des grâles kraft
ebda 470, 20.
voraussetzung für den dienst am gral ist reinheit:
der grâl was von sölher art:
wol muoser kiusche sîn bewart,
die sîn ze rehte solde pflegn:
die muose valsches sich bewegn
ebda 235, 27.
das den gral umgebende geheimnis wird angedeutet:
an dem ervert nu Parzivâl
diu verholnen mære umben grâl
ebda 452, 30;
wer sol schirmer sîn
über des grâles tougen?
ebda 480, 23.
β)
der gral in der obhut der gralsgemeinschaft und als ihr mittelpunkt auf der gralsburg Munsalvœsche:
daz der grâl ist unerkennet,
wan die dar sint benennet
ze Munsalvæsche ans grâles schar
Wolfram v. Eschenbach Parzival 473, 11;
dô Frimutel den lîp verlôs,
mîn vater, nâch im man dô kôs
sînen eltsten sun ze künege dar,
ze vogte dem grâl unts grâles schar.
daz was mîn bruoder Anfortas
ebda 478, 4;
des grâles hêrre muoz sîn kiusche unde reine
ders., Titurel 7, 1;
nu enpfâch (Frimutel) des grâles krône und den grâl, mîn sun der lieht gemâle
ebda 7, 4.
c)
in der literatur des späten mittelalters wandelt sich die gralsvorstellung, teils in absichtlicher veränderung oder weiterbildung, zuweilen unter dem einflusz französischer gralsdichtungen, teils in verkennung oder unter nichtbeachtung der konzeption Wolframs. bezeichnend ist vielfach der verlust an symbolwert und beziehungsreicher funktion des grals in den jeweiligen dichtungen.
α)
hinsichtlich der gegenständlichen form des grals, der gelegentlich, wie etwa im Wartburgkrieg (vgl. bes. str. 143ff.), im anschlusz an Wolfram als stein gedacht wird, bestehen unterschiedliche vorstellungen. ein stein, aus dem die abendmahlschüssel geschnitten wurde:
ein schar der gral vf erde bi alten ziten brahte,
ein stein in hohem werde, man ein schvzzel dar vz zv wuͤrken dahte,
iaspis vnd silix ist er genennet ...
die selbe schvzzel gehevre was Jhesv Cristo gebere
d. jüng. Titurel 6172, 1 Hahn.
der sakramentskelch:
den kelch nenndt man den fronen gral ye syder
Albrecht v. Scharfenberg Merlin 153 Panzer.
der hostienbehälter:
ez ist der grâl, den du (Gawein) sihest
Heinrich v. d. Türlin diu crône 29 469 lit. ver.,
vgl. vorher:
einer kefsen was ez glîch,
diu ûf einem alter stêt
ebda 29 385.
β)
der dem gral eignende charakter des geheimnisvollheiligen wird mehr und mehr durch den nimbus des nur wunderbaren ersetzt. mystifizierende tendenz zeigt sich im jüngeren Titurel:
e daz sie (die gralsritter) bowes pflagen, do lagens uf dem berge mit gezelden.
und was der gral in gebende, swaz man haben solde,
enbor uf halden swebende, also daz er sich nieman lazen wolde,
der da lebte, weder tragen noch ruͤren;
danne von gotes krefte kunde er sich selben werdiclichen fuͤren
d. jüngere Titurel 312, 1 W. Wolf;
ob sich nu tovfft der heidenschefte menige,
vnd ob si da stet daran beliben wolten,
daz sie von gotes creften ir stetikeit am grale vinden solten
d. jüngere Titurel 6001, 4 Hahn.
als wunderbarer gegenstand ist der gral ziel ritterlicher 'aventiure':
daz ich (Gawein) ervüere
mit alle gar besunder
daz manicvalt wunder
von dem wunderlîchen grâl
Heinrich v. d. Türlin diu crône 22 776 lit. ver.;
man sagt uns furware, welch man den sarck off mag geheben von dem grab das also da brinnet ... das er die abenture von dem gral zu ende bringen sol Lancelot 1, 616 Kluge. in der mit der Lohengrinsage verknüpften literarischen tradition wird der gral zum geheimnisvollen helfer der bedrängten. gewöhnlich in der form, dasz einer der den gral hütenden ritter zur hilfe ausgesandt wird:
iu ist noch unbekant
wie mich (Lohengrin) von dem grâle hab got her gesant
Lohengrin 7119 Rückert.
in stark veräuszerlichter auffassung wird der gral selbst zu einem 'siegstein':
hets Parzefal nit widerwant
(der furt zu hilf den hosten gral in seiner hant),
er (Etzel) het verderbt die ganzen cristenheite
Lorengel 78, 9 in: zs. f. dt. altertum 15, 199.
γ)
äuszere schicksale des grals. dem über der gralsritterschaft schwebenden gral wird ein tempel errichtet, in den er sich niederläszt (vgl. dazu Albrechts von Scharfenberg jüngerer Titurel, hg. von W. Wolf [1955] bes. s. xxxv bis xliii):
wie Titurel der reine
in gotes ere dem grale ein tempel stifte uz edelm liecht gesteine
und anders niht wan uzer rotem golde
d. jüngere Titurel 329, 2 W. Wolf;
dem gral ein tempel zv eren die bvrger nv bowten
d. jüngere Titurel 5994, 1 Hahn
die gralsritter ziehen mit dem gral aus dem sündigen Spanien, wo der jüngere Titurel den gral lokalisierte, nach Indien:
dise kint des grales ovch foren gein Oriente
ebda 5976 1;
hôch ein gebirge lît
in der innern Indîâ, daz ist niht wît,
den grâl mit al den helden ez besliuzet
die Artûs prâht mit im dar
Lohengrin 7143 Rückert.
d)
ordnung, gesetz des grals, im hinblick auf die durch das gralsmysterium bestimmte innere und äuszere ordnung, der die gralsgemeinschaft verpflichtet ist. in eigentlicher anwendung:
glich Antefortes qual
nach Orgenlusen minn,
die usserhalb der sinn
des grales ordenung lieff
meister Altswert 132, 34 lit. ver.
uneigentlich, auf die abendmahlshandlung Christi bezogen:
an dem tisch des lesten nachtmals,
da er (Christus) by den bruͦdern sasz,
die gesetzt er begieng des grals,
des lambs als gebotten was,
den zwoͤlff iüngern mit syn henden,
sich selbs gab er in zu mas
bei Kehrein kath. kirchenl. 3 (1863) 7.
e)
häufig in der wendung den gral erwerben, erfechten u. ä. im eigentlichen sinne:
jane mac den grâl nieman bejagn,
wan der ze himel ist sô bekant
daz er zem grâle sî benant
Wolfram v. Eschenbach Parzival 468, 12;
er twanc mich des daz ich den grâl
gelobte im zerwerben
ebda 424, 22;
daz den grâl ze keinen zîten
iemen möhte erstrîten
ebda 798, 25;
daz si den gral zunrechte wolden erstriten
d. jüngere Titurel 499, 3 W. Wolf.
in einem vergleich wie unter f:
Eraclius von Persia
strayt so kreffticlichen da
das der kune Protefal (Parzival)
nie so gestrait umb den garal (var. gral)
Heinrich v. Neustadt Apollonius 19 679 Singer.
an der grenze zum folgenden:
ich waisz wol, daz nicht jeder ist
her Gabein noch her Parzifal,
ob du erfochten hettest den gral
darzu des aubenteir stain,
das hilf mich also klain,
waͤr falsch gen mir das herze dein
in: altdt. wälder 2, 13 Grimm.
unter aufgabe ihres konkreten sinnes wird die wendung, auch mit ironisierendem nebenton, auf das vollbringen groszer taten bezogen:
der phfeffer hat so grozziu chraft,
wenn er (der ritter) darnach getrunchen hat
und tzu den frawen tantzen gat,
daz er went, er hab den gral
erfohten als her Partzival
Peter Suchenwirt 31, 189 Primisser.
ruhm und sieg erkämpfen: die rannten nun mit grossem neid und grimmen auff die feind, und meinten den gral (var. 16. jh.: rhuͦm) zuͦerfechten (Augsburg 1498) Tristrant u. Isalde 128 Pfaff. in ähnlichem sinne:
nachtigal,
dieselb mit irem gesang behüeb den gral
Oswald v. Wolkenstein 124 Schatz;
bistuz (Frauenlob) her Gâwîn, so bin ichz (Regenbogen) her Parzifâl.
lâ sehen wer under uns ersinge hie den grâl,
und wer mit kunst behalte hie daz in die merker prîsen
meisterlieder 353 Bartsch.
f)
unter voraussetzung einer mehr oder weniger gründlichen kenntnis der gralsdichtungen werden der gral, im sinne eines kostbaren gegenstandes und hohen zieles, und das ihn betreffende gern als vergleichs- und wertmaszstab genannt:
der palas was behangen
mit vil richen ummehangen.
vil goldes drabe glaste ...
iz enwas dar uffe niender gaden,
ez enwær von golde gemal.
und ob da solte sin der gral,
dem man vil heilikeite giht,
ern hete sich ez geshemet niht
Ulrich v. Türheim Rennewart 7878 Hübner;
man mac sî (die geliebte) wol nennen zuo dem wunsche gen dem grâle
Ulrich v. Winterstetten in: dt. liederdichter d. 13. jhs. 513 Kraus;
si (die geliebte) ist sô gar nâch wunsche ein wîp,
swenne ich schouwe ir werden lîp,
des grâles herre wæne ich sîn
Steinmar 13, 15 in: d. Schweizer minnesänger 187 Bartsch;
wann do (auf der minneburg) waz freude glentzer
und auch der wunsch vil gentzer
in aller mosze zum mole
wann by dem edeln grole
die minneburg 3168 Pyritz;
du freies bursenleben!
ich lob dich für den gral
(15. jh.) Uhland hoch- u. niederdt. volkslieder (1881) 530;
ich weis kein zeit die mich erfreuwt,
und leben in sorgen als Partzefal,
die er mit strenger wee erleid
da im von erst verswandt der groll
volks- u. gesellschaftslieder d. 15. u. 16. jhs. 167 Kopp.
2)
in metaphorischem gebrauch bezeichnet gral etwas überaus hohes, kostbares, herrliches.
a)
die gegenständliche bedeutung eines kostbaren, heiligen gegenstandes ist noch spürbar.
α)
das höchste, heiligste und kostbarste. als metapher für gott, Christus und Maria:
ich (Maria) binz der grâl
dâ mit der êren künc den leiden übervaht
Frauenlob Marienleich 11, 28 Pfannmüller;
bobn der archen (der bundeslade, metapher für Maria) sunder
val
swebet der gnaden gral ...
bi dem swebnden gral vornym
got in vleische sunder schym
Tilo v. Kulm v. d. siben ingesigeln 1644; 1653 K.;
der edele gral (von Christus) ebda 3994;
bringt umer komer qual,
durch gott den hœhsten gral
lat uch ein teil gestillen
meister Altswert 135, 13 lit. ver.
in der beziehung auf die geliebte als den kostbarsten besitz. im ersten beleg deutlich aus dem vergleich mit dem eigentlichen gral hergeleitet:
dem grâl ich wol gelîchen wil
ein reinez wîp, der kiusche reichet wol des grâles zil,
diu sich vor valsche vrîet, diu wirt gezieret nâch der wîsen lobe.
wil ieman nâch dem niuwen grâle strîten,
der sol sîn kiusche, milte zallen zîten,
als alle die des grâles phlâgen
Reinmar von Zweter 432 Roethe;
nu begunde diu minne
des marcgraven sinne
jagen hin gein Provenzal:
wan da was sins hertzen gral,
Kyburg diu wol gesuͤzte
Ulrich v. Türheim Rennewart 20 080 Hübner;
ich hoff, du (die geliebte) last mich nicht allain,
seit du nu pist mein höchster gral,
der alles laid verdecket
Oswald v. Wolkenstein 75 Schatz.
β)
von der vorstellung des grals als eines spendenden gefäszes her (vgl. ob. 1 a und c α):
mit tøtlicher sunden stral,
di si (die sünder) durch mins herczen gral
so bitterlichen schizen
Tilo v. Kulm v. d. siben ingesigeln 4294 K.;
wunder vil und ane zal
beslozzen hat sins (gottes) herzen gral
md. Hiob 3212 Karsten;
der milde minnencliche gral
disem verliet den gesunt
und jenem tut er suzen munt,
disem gibt er wisheit kunst,
andern gibt er ander gunst
ebda 46.
blasser:
er (der mensch) sol got dancken zum andern mal
aus seines herczen ynderst gral,
das er in hat zü menschen beschaffen,
und nit zü einem tier noch affen
(Nürnberg 15. jh.) kl. mhd. erz. 2, nr. 773, 6 Euling.
anders, gottes thron (?), wenn nicht zu b:
ouch gotes ritter uz irlesen,
dy stetlich swebn vur sinem gral,
der ist vil und ane zal
md. Hiob 9949 Karsten.
b)
abstrakter im sinne von herrlichkeit, glanz. Christi herrlichkeit oder gnade (?) im rahmen der erlösungsvorstellung:
das er den val von Adams qual mit seinem gral
löbleichen widerprächte
Oswald v. Wolkenstein 239 Schatz.
in elativer funktion; in der beziehung auf Christus:
zem dritten mâl des lobes grâl
ist benant mit dem gal,
so man sprichet 'juden kunic'
Johannes von Frankenstein d. kreuziger 8949 Khull.
auf innerweltliche werte bezogen:
damit deins zarten leibes sal
an schuld nicht flur der eren gral
Oswald v. Wolkenstein 67 Schatz; ebda 302.
hierher vielleicht auch, wenn nicht zu a α:
nun will fraw mynn, du solst den tron (der ehre) erheben
hin zu der selden graele
mhd. minnereden nr. 12, 20 Thiele.
wieder konkretisiert vom glanz des lichtes:
de (edelstein) luchtet ouer berch vnde dal,
he leschet aller kertzen graͤl
Marien rosenkranz 349 in: jahrb. d. ver. f. nds. sprachf. 6 (1880) 110;
die veter in der vorhell all
beraubet warn des lichten glastez grall
Hans Folz meisterlieder nr. 55, 110 Mayer.
mehr im sinne von 'geheimnis':
der Regenbog was er genant
der tet mir solche lere tu,
von Mainz ein schmid gar wol erkant.
des hab er preis und ere
das er mir öfnet disen gral,
das ich hub an zu dichten
(um 1600?; hs. 17. jh.) in: Germania 28, 42ᵇ.
3)
die verwendung des wortes gral für eine festliche lustbarkeit und den ort eines freudenvollen treibens ist dem älteren nd. eigentümlich und nur selten über dessen grenzen hinaus bezeugt.
a)
diesem gebrauch liegt die im nd. raum schon früh bezeugte übertragung des wortes auf die gralsburg zugrunde:
ich wene, Kundrye uz dhem grale
icht so wunderlich gereyte reyt (wie diese ritter)
(um 1300) braunschweig. reimchron. 8974 Weiland;
ze hant sloz man vff daz tor
mich tucht ich kaͤm vff den gral
ich hoͤrt da froͤden richen schal
liedersaal 3, 588 Laszberg.
b)
fest, lustbarkeit, lärm. die von Golther a. a. o. 259 ff. angezweifelte zuordnung dieses bedeutungskomplexes zu mhd. grâl wird gesichert durch Götze in: neuphilolog. mitteil. 25 (1924) 118ff.; Wolff in: nd. zs. f. volkskunde 5 (1927) 202ff.
α)
das in nd. städten (bezeugt für Magdeburg, Braunschweig, Celle) bis zum ende des 15. jhs. wiederholt veranstaltete gralsfest, das seinem ursprung nach eine bürgerliche nachbildung ritterlicher turnierspiele war.
αα)
gral bezeichnet zunächst einen auf dem festplatz errichteten bau, wohl die 'gralsburg', die eine der turnierparteien besetzt hält: ein kunstabel, ... den beden sine gesellen ..., dat he on dichte und bedechte ein vroeidich spel. des makede he einen gral und dichte hovesche breve (Magdeburg 14. jh.) städtechron. 7, 168; de wile was de grale bereit up dem Mersche (einer Elbinsel) und vele telt und pawelune up geslagen; und dar was ein bom gesat up der Mersche, dar hangeden der kunstabelen schilde an, de in dem grale weren ebda 169; des anderen dages do de gesten missen hadden gehort und gegeten, se togen vor den gral und beschauweden den ebda (wiederholt bei M. Dresser sächsisch chron. [1596] 303).
ββ)
die bezeichnung gral wird auf das ganze fest ausgedehnt: in diesem jare war der gral zu Braunschwig (Magdeburg 15. jh.) städtechron. 7, 417; in dussem iare (1481) was de grall to Brunszwick Conrad Botho chr. d. Sassen (1492) M 3ᵃ; hujus enim urbis (Braunschweigs) cives qvolibet septimo anno vicissim revoluto, pro suæ civitatis gloria ac splendore, ... sanctis currentibus diebus pentecostes quoddam magna jucunditate agunt spectaculum, qvos gralum appellant Telemonius bei Leibniz scriptores rerum Brunsvic. 2 (1710) 91; die stadt Zelle ... (hat) a. c. 1470 in der gegend, da jetzund der kreis und blumenlage liegen, auch den grall angestellet, weil aber der succesz nicht nach wunsch hinausgeschlagen, als ist derselbe nachgehends nicht wieder weder zu Braunschweig noch Zelle gehalten worden (aus Korns chron. d. st. Zelle) in: neues vaterl. archiv (1824) 2, 365. in jüngeren erwähnungen des nd. gralsfestes dominiert die vorstellung des lustigen und lärmenden treibens. im ersten beleg mit dem versuch einer die tatsächliche entwicklung freilich umkehrenden etymologischen bestimmung (vgl. s. v. gralen, vb. 2): es ist vor Braunschweig auf dem Lindenberg ... ein gros spiel gehalten, das von vieler menschen unhelliger stimme und tumultus grael nach art der alten sächsischen sprache hiesz, sonst auch wohl groel genant wurde Rehtmeier braunschweig-lüneburg. chron. (1722) 2, 752; gral war eine art eines spiel-festes, worauf es fein lustig und liederlich herzugehen pflegte Caspar Abel slg. etl. noch nicht gedruckten alten chron. (1732) 56 anm.; vgl.gral, m., ein altes spiel, so mit tantzen und schreien gehalten wurde Frisch t.-lat. (1741) 1, 365; graal ein rauschendes lärmen, getümmel brem.-nds. wb. 2 (1767) 532; graal, s., ein getümmel verbunden mit lärmen und geschrei Berghaus sprachschatz d. Sassen (1880) 1, 602.
γγ)
der u. a. auch von Lexer mhd. hdwb. 1, 1066 (vgl. den beleg aus Aschbach) auf das nd. gralsfest bezogene personen-, orts- und flurname Gral, der auf nd., vereinzelt auch auf md. boden begegnet, ist mit Golther a. a. o. 257 ff. eher auf slawischen ursprung zurückzuführen.
β)
verallgemeinert zu der bedeutung 'fest, lustbarkeit, höchste freuden'. im ersten beleg erinnert die formulierung an die unter α αα, freilich in speziellem sinne, gegebene vorstellung:
an der sülven schüren sal
slogen se (die mäuse) up enen gral
van manniger leie walvar
Gerhard v. Minden fabeln 10, 44 Leitzmann;
de ape hadde merket vil
ernstes unde schimpes spil
in des sülven köninges sale
und des gelik in mannigem grale
ebda 70, 8;
eyn deel dantzeden, eyn deel de sungen,
dar sachmen pypen vnde bungen (am königshof).
de konnynck sach van syneme sael,
eme haghede seer wol de grote grael
Reinke de vos 122 Prien.
auf die freuden des himmlischen paradieses bezogen:
god helpe, dat gy (die elftausend jungfrauen) my darhenne voren,
dar ick schouwe iuwen schonen glans
und mote ock komen an iuwen dans, ...
dar iuw vore hoveret alto male
Maria in dem hemelgrale, ...
in de vrouwede helpet my varen,
alle gy elven dusent scharen,
unde also dar ynne werde geleydet,
dat ick nummer gescheydet
werde van iuweme grale
(15. jh.) bei Schiller-Lübben mnd. ged. (1868) 38;
here, gyf in dyneme sale
rauwe den selen vmme glast
in des paradyses grale
(Lübeck 1485) bei Schiller-Lübben mnd. wb. 2, 138ᵇ.
γ)
an der aus β mit flieszendem übergang hervorgehenden bedeutung 'lärm' haftet die vorstellung des festlichen, freudigen, ausgelassenen:
gral und vröude hof sik dar
van der poggen (frösche) groten schar,
dat se mit so godem heren
van erem gode begavet weren
Gerhard v. Minden fabeln 18, 21 Leitzmann;
drosseln unde nachtegal
mit sange stichten mannigen gral
ebda 68, 20.
dann schlechthin 'lärm, geschrei'. die möglichkeit einer vermischung mit dem regional allerdings begrenzten ¹grall, m. 1 (auch mit langem vokal) ist zu erwägen:
do repen de jodden alto male
mit einem mycheliken grale:
he (Jesus) heft dat lant al dore toghen
vnde hat al dat volk be droghen
Anselmus, v. leiden Christi 628 Lübben.
δ)
ein später nachfahre des wortes in diesem anwendungsbereich könnte nd. grö͏̂l in einer für Lübeck bezeugten wendung sein: dat geit in'n grö͏̂l mit hen 'das wird nicht besonders berechnet beim handel, es hat nur geringen wert' korrespondenzbl. d. ver. f. nd. sprachf. 28, 86; auch geringschätzig von menschen: he geit in'n grö͏̂l mit hen ebda. allerdings musz mit jüngerem einflusz von grölen, vb., gerechnet werden; dieses aber setzt nd. gralen, vb. (s. d.) fort, das seinerseits zu gral 3 b gebildet wurde.
ε)
gral als benennung einer der für Rostock bezeugten geistlichen brüderschaften dürfte wohl, im hinblick auf deren feste und gelage, eher in diesem anwendungsbereich beheimatet als unmittelbar aus zügen der mittelalterlichen gralsdichtungen hergeleitet sein: quod multi eorum ciues (von Rostock) ... a longis retroactis temporibus diuersa conuenticula binis anni temporibus cum obseruancia spiritualium rituum et statutorum obseruare et facere hactenus consueuerunt, quorum quedam wlgari vocabulo broderscop, quedam susterscop, quedam ghilde, quedam kaland, quedam graal ab eisdem sunt et fuerunt nuncupata (Rostock 1367) mecklenb. urkundenb. 16, 220.
c)
das irdische paradies, ein ort sündhafter lustbarkeit. aus dem gebrauch unter b β hergeleitet.
α)
gral bezeichnet einen schon im 15. jh. mit dem Venusberg (s. teil 12, 1, sp. 48) identifizierten sagenhaften berg, in dem ein freudenvolles, meist als sündhaft verurteiltes treiben herrscht. die voraussetzung für diesen gebrauch ist in der in England durch Gervasius von Tilbury (13. jh.) ausgebildeten sage von Artus als dem bergentrückten könig gegeben, die in Deutschland im anschlusz an Wolframs Parzival mit der grals- und schwanenrittersage verbunden wird; vgl.:
Feliciâ, Sibillen kint,
und Jûnô, die mit Artûs in dem berge sint,
die habent vleisch sam wir und ouch gebeine.
die vrâgt ich wie der küninc lebe,
Artûs, und wer der massenîe spîse gebe,
wer ir dâ pflege mit dem tranke reine,
harnasch, kleider unde ros? si lebent noch in vreche
d. Wartburgkrieg 83 Simrock;
vgl. Lohengrin 231ff. Rückert;
kanst uns mit singen tuon bekant,
wie Loherangrîn von Artûs wart ûz gesant
d. Wartburgkrieg 87 Simrock.
dasz sich die Artusritter mit dem gral in einem berg aufhalten, meint vielleicht auch Frauenlob:
ach got, nu wiste ich gerne,
war komen sint die starken man,
Wolfhart, Witeche unde Heime,
Hilbrant und ouch der herre Ilsân,
war kam her Îwein unt Gawîn ...
si kêrten zuo dem grâle:
der tôt hât sî erslichen
spr. 281, 15 Ettm.
αα)
die schon von Konrad v. Würzburg schwanritter 1314 ff. bezeugte clevische stammsage (dazu Blöte in: zs. f. dt. altert. 42, 1 ff.) bewahrt die vorstellung von der herkunft des schwanritters aus einem berg, den sie im 15./16. jh. in nl. und nd. quellen im anschlusz an andere auf nd. boden verbreitete anschauungen (s.ββ) gral nennt und schlieszlich mit dem Venusberg und seinem schlechten ruf identifiziert: (der schwanritter, ahnherr des clevischen grafengeschlechts) was geheyten Elyas, kommende vyt den ertschen paradijse, dat somighen den grail nu̇emen Gert v. d. Schuren clev. chron. 43 Scholten; sommige cronijcken segghen dat dese ridder Helyas quam wt dat grael, dat eerehande paradijs hiet op eertrijcke. mer ten is dat heylighe paradijs nijt. mer het is een sond'linghe plaetze, ende hiet grael, daer men mit groter aventuren in coemt, ende mit groter aventueren ende ghelucke weder wt coemt Veldenaer bei Oudemans bijdrage tot een middel- en oudnederl. wb. 2, 727; so meynen de historien-schriver, duͤsse jungling Helias sy gekomen uthe dem berghe, dar Venus in den grale isz (ende 15. jhs.) Halberstädter Sachsenchron. bei C. Abel slg. etl. noch nicht gedr. alt. chron. (1732) 56; annales quosdam veteres volunt prodidisse, Heliam istum e paradysi terrestris loco quodam fortunatissimo, cui graële nomen esset, nauigio tali venisse Phigius Hercvles prodicivs (1587) 99.
ββ)
gral als bezeichnung eines in der berühmten traum- und zaubersphäre bei Pozzuoli in der Nähe Neapels liegenden berges (wohl des Monte Barbaro [Gauro], nicht des erst 1538 entstandenen Monte Nuovo, wie Golther a. a. o. 252 f. meint); ebenfalls zuerst bei einem nd. autor: mons sancte Barbare ..., quem delusi multi Almanni in eorum vulgari appellant der gral asserentes, prout eciam in illis partibus plerique auctumant, quod in illo multi sunt homines vivi et victuri usque ad diem iudicii, qui nisi tripudiis et deliciis sunt dediti et ludibriis diabolicis perpetuo irretiti (1410) Theodericus de Nyem de schismate 156 Erler (im druck von 1532 mit der randbemerkung: mons, quem Veneris uulgus appelitat 39ᵇ); darauff ... (wollen wir) noch ein ander loch neben dem das Filius Vergilius durch den fallabferrnischen berg hat gezaubert, durchfluchen: da muͤszt ir bey dem hoͤllment mit fluchen das best thun, auch zur andern seit den gral oder Venusberg besuchen, vnd die guten tropffen besehen, die das feuer im Vesuuio auffblasen Fischart Garg. 351 ndr.; wird S. Barbara berg gesehen, welcher ... von vielen bethoͤreten Deutschen ingemein der grall geheissen wird Prätorius anthrop. Pluton. (1666) 1, 395; gral, mons Veneris in Italia Schilter thes. (1728) 3, 402ᵇ. darauf bezieht sich wohl auch, die vorstellung des (bergentrückten?) königs bewahrend, der folgende beleg: gral ys eyn ghelogen dynck dat eyn koning sy dar de lude leven in vrolicheyt wente an den jungesten dach (nd. 1425) Diefenbach gl. 268ᵃ s. v. gralus; (nd. 15. jh.) ders., nov. gl. 196ᵇ.
β)
auch unabhängig von der bindung an einen sagenhaften berg und ohne abwertenden nebenton kann gral ein irdisches paradies bezeichnen. in einem bildgebrauch, der zwar im nd. vorstellungsbereich des wortes bleibt, aber einen flüchtigen literarischen einflusz durch den metaphorischen gebrauch unter 2 erfährt:
frouwe, ...
du bist eyn gral der wunne io,
eyn paradys in froyden vro
Eberhard v. Cersne d. minne regel, lieder 10, 4 Wöber.
daer op rusten sy (die liebenden) alte wael,
ende elken donct, dat hi een grael
van grote salde ghewonnen heeft,
so dat hi lieflic ende vrolic leeft
(nl. 15. jh.) Dirc Potter d. minnen loep 2, v. 1204 Leendertz.
in einer hd. quelle des 15. jhs. prägnant von dem prächtigen zeltlager der frau Minne, in dem ein freudenvolles leben herrscht:
dasz dort her schint, dasz sind zelt.
nun (d. i. neun) sind ir in der zal,
da man von seit, und haiszt der gral.
dar inn sind froͤd aller geschicht
mhd. minnereden nr. 1, 738 Matthaei;
den ganzen gral tetten sie (edelsteine) ziern
von iren froͤden richen gloͤsten
ebda 1, 790.
4)
in der literatur der neuzeit erfährt gral im rückgriff auf mittelalterliche gralsdichtungen (s. 1) seit der mitte des 18. jhs. eine gewisse neubelebung.
a)
überaus häufig in der wissenschaftlichen literatur, in historisch referierender oder interpretierender darstellung: und so sind auch die deutschen heldengedichte des Eschilbachs nicht eigentlich romane vom graal: sondern nur von helden, die es sich um den graal auch einmal sauer werden lassen Lessing 18, 114 L.-M.; unter dem namen des heiligen graal ward eine ganze reihe von solchen ganz allegorischen ritterdichtungen ersonnen (1812) Fr. Schlegel s. w. (1846) 1, 220; vom sinn des gralsgeschehnisses erfährt Parzival (bei seinem ersten aufenthalt auf der gralsburg) nichts; erst der gereifte held wird ... durch Trevrizent über den gral belehrt de Boor-Newald gesch. d. dt. lit. 2 (1953) 99.
b)
in der nachbildung und neubelebung mittelalterlicher gralsdichtungen:
wenn ich nicht hofft, ihn würde die kraft des grals und der liebe
retten
Bodmer Calliope (1767) 2, 72;
was soll's, dasz unsre besten sich entfernt?
der eine schmachtet in der minne fesseln, ...
ein andrer sucht den wundervollen gral,
durchstreift gebirg und wald auf fremden boden,
vergiszt die drangsal unsrer tafelrunde
Tieck schr. (1828) 5, 529;
der gral ist ein geheimnisz, eine schickung
Immermann w. 15, 135 Hempel;
drinn (im graltempel) ein gefäsz von wunderthät'gem segen
wird dort als höchstes heiligthum bewacht, ...
es heiszt der gral, und selig reinster glaube
ertheilt durch ihn sich seiner ritterschaft
R. Wagner ges. schr. u. dicht. (1897) 2, 110;
schon sendet nach dem säumigen (Lohengrin) der gral
ebda 2, 112;
alles wisz er nicht, doch sagt er so viel:
dasz der gral sei eine reine schüssel
Albrecht Schaeffer Parzival (1922) 280.
c)
als poetisches modewort in einem jüngeren, von dem mittelalterlichen metaphorischen gebrauch unter 2 unberührten bildgebrauch.
α)
gral und ihm zugehörige wendungen und verbindungen umschreiben in einer art von vergleichung idealisiert gesehene moderne verhältnisse: als sie (die deutschen träumer) aber erwachten und die welt noch immer nicht ihren dichteridealen entsprach, und die genossen die ritter vom heiligen gral nicht waren, die sie in ihnen gesehen hatten, da versanken sie wieder in politische gleichgültigkeit Lily Braun mem. einer sozialistin 2 (1911) 571;
ich zieh in einen heiligen krieg,
frag nicht nach lohn, frag nicht nach sieg,
ich bin ein heiliger reiter.
kein kreuz such ich und keinen gral
und bin doch heilig tausendmal
als meiner sache streiter
Binding erlebtes leben (1928) 245;
wann werden an des grales tafelrunde
in frieden sich Europas völker finden?
E. Leibl zelt unterm stern (1931) 37.
β)
in der nicht immer glücklichen unmittelbaren beziehung des wortes auf geistige mächte und kräfte bekundet sich meist mystifizierende tendenz. in den ersten beiden belegen liegt die vorstellung vom gral als einem heiligen gefäsz zugrunde:
dort findest du ein mahl
so ganz für dein bedürfen,
dort darfst du aus dem heil'gen gral
des glaubens milde labung schlürfen,
so wie sie einem wesen recht,
das noch des ird'schen leibes knecht
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 3, 115;
das wissen, dieser heilge gral,
ich griff nach ihm mit kecker hand,
und trank ihn, der gefüllt zum rand,
in karger, nächtger stunden zahl
G. Renner ged. (1904) 35;
die stirnen hoch, die züge fein,
der gral will ernst gehütet sein.
mit stolz bekennt sich zur vernunft,
zur macht des geistes unsre (der gelehrten) zunft
Weinheber o mensch, gib acht (1937) 85;
wie das geflecht der gurten und rippen, das laubwerk der knäufe und sockel die lateinische messe mit gotischer inbrunst umfing, so wuchs in der nordischen seele (meister Eckharts) der gral der christlichen sendung W. Schäfer d. 13 bücher d. dt. seele (1925) 199.
gral n.
Fundstelle: Lfg. 11 (1957), Bd. IV,I,V (1958), Sp. 1748, Z. 29
auch kral, in der Zigeuner- und gaunersprache 'korn, frucht, obst'; seit dem anfang des 18. jhs. bezeugt bei Kluge rotwelsch (1901) 188ᵃ; 229ᵇ; 321; in der form greal ebda 298ᵇ. vgl. ferner Train chochemer loschen (1832) 48ᵇ mit zahlreichen zusammensetzungen.
Zitationshilfe
„Gral“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/Gral>, abgerufen am 24.05.2018.

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