michel
Fundstelle: Lfg. 12 (1884), Bd. VI (1885), Sp. 2168, Z. 58
volksmäszige kürzung des namens Michaël, als bauernname häufig; an appellative verwendung streifend, wenn man einen dummen menschen dummer Michel nennt; ein narr heiszt Michel: er het ain narren, war ain lauters kindt, man nampt in unsern Michel. Zimm. chron. 2, 431, 9; vgl. schwäb. fürs Michele halten, analog mit hänseln, käsperlen. Schmid 306; salzburgische spottverse auf den namen Michel Fromm. 3, 316; in zusammensetzungen: quatschmichel, unklarer schwätzer Albrecht Leipziger mundart 170ᵇ; leuszmichel Zarncke univ. im mittelalt. 1, 124; klotzmichel in Nördlingen der letzte, derjenige der zuletzt in die schule kommt. Schm. 1, 1344 Fromm.; niederd. hûlmichel, schimpfname eines weinerlichen menschen. Schütze 3, 97; knullmichel, de grawe Michel Dähnert 305ᵇ, für einen groben menschen; es hat doch widerspruch abgesetzt, und einige von den dorfmicheln wollen durchaus diese grobheiten nicht fahren lassen. Immermann Münchh. 1, 195; auf dinge übertragen: kuchelmichel eine art gebäckes. Schm. 1, 1561 Fromm.; in Darmstadt kirschenmichel ein kirschpudding. Wackernagel kl. schr. 3, 62. Der deutsche Michel, bezeichnung eines biedern, gutmütigen, aber unbeholfenen, unwissenden, geistig beschränkten menschen, vgl. th. 2, 1046: wolt einen groben dölpel und fantasten damit anzeigen. wir brauchen die oberzelten (worte dafür), item, ein grober Algewer bauer, ein blinder Schwab, ein rechter dummer Jan, der teutsch Michel, ein teutscher baccalaureus. Frank sprichw. 2, 49ᵇ; ein pfarrherr, der wust weniger weder seine pfarrkinder, ja weniger dann der teutsche Michel. Frey garteng. 14; der beste deutsche poet ist in den augen der lateinischen welt weiter nichts, als ein deutscher Michel, oder höchstens ein leidlicher versmacher. Rabener sat. 2, 322; die seele eines deutschen Michels, der nur durch deutsche schriften hätte verführt werden können. Lessing 10, 187;
man wagts den Calderon dir auszupochen;
das liesz vom deutschen Michel sich erwarten!
Platen 103ᵇ;
lauter ordinäre leute,
deutsche Michel, gute christen!
A. v. Droste-Hülshoff ged. 156;
die formel auch freier gestellt: nun dächte ich wär es gut wenn unsre teutschen Michel und Michlinnen, etwas mehr als sie wissen, von der alten chevaliere zu wissen bekämen. Wieland in Mercks briefs. 2, 87; diese maxime lag zum grund allen unsern geselligen gelagen, bei welchen uns denn freilich manchen abend vetter Michel in seiner wohlbekannten deutschheit zu besuchen nicht verfehlte. Göthe 26, 57. Wattenbach im anz. des germ. mus. 1869 sp. 164 hat darauf hingewiesen, dasz die bezeichnung mit den wallfahrten, die im 15. jahrh. von Deutschen, namentlich auch von knaben, nach Mont-Saint-Michel in der Normandie unternommen wurde, zusammen hängen könnte, wallfahrten, die der kirche viel geld einbrachten, während man die waller verspottete; vielleicht habe man in Deutschland selbst die wallfahrer als deutsche Michel geneckt. dieselben hieszen sonst Michelsbrüder: er soll auch dheinem frembden Jakobs- oder Michelsbruder nit mer dann einen tag alhie zu samlen gestatten. ordnung des bettelvogts zu Baden um 1528, bei Mone zeitschr. 1, 158, 5; franz. ist miquelot, alt michelot 'ein betteljung der unter dem schein der wallfahrt auf St. Michel über meer fährt, dasz er daselbst bettele, item ein kopfhänger, heuchler'. Frisch dict. des pass. (1730) 1, 1107. die formel der deutsche Michel, die im 16. jh. durchaus erscheint und auf eine bestimmte einzelpersönlichkeit hinweist (erst später heiszt es ein deutscher Michel), läszt den zusammenhang der redensart mit jenen wallfahrern doch nicht klar erkennen.
michel adj
Fundstelle: Lfg. 12 (1884), Bd. VI (1885), Sp. 2169, Z. 42
grosz; einst über alle germanischen sprachen reichendes adjectiv: goth. mikils, altnord. mikill, ags. micel, mycel, alts. mikil, mnd. michel (Schiller-Lübben 3, 85ᵇ), ahd. mihhil, mhd. michel; mit urverwandtem lat. mag-nus, griech. μέγας zur seite und mit der grundbedeutung des erwachsenen, die auch in dem nicht éiner wurzel mit michel entstammenden comparativ mehr auftritt (sp. 1870 fg.). michel ist nach dem mittelalter, wie in den andern germ. sprachen, auch im hochdeutschen abgestorben, und lebt nur in oberdeutschen quellen des 15. und 16. jahrh. noch häufiger: und samleten auf in einen micheln haufen stein. bibel von 1483 103ᵃ (Jos. 7, 26); machten einen micheln haufen steine auf in. 103ᵇ (Jos. 8, 29); und huben auf die stym und begunden zu weinen mit michler klage. 122ᵇ (richter 21, 2); die siechen, die da bei disem teich lagen, der ain michel tail was. Tauler sermones (1508) 29ᵇ; und seine jünger .. seind mitt jm gangen, dozuͦ ein völlige, oder michele merkliche schar. Keisersberg post. 3, 83ᵇ; do schankt jm künig Soldan ein michlen schmaragden. Etterlin (1507) 70; diewil sie von groszen geschlechten, ouch iro ein michler teil was. Tschudi 1, 327ᵃ; si habend ouch derselben irer herrschaft Oesterrich ein michle barschaft gelts fürgesetzt. 333ᵃ;
groszes vich wil michel gras.
ring 20ᵈ, 27;
die Juden komen zuͦ sammen,
der was ein michel schar.
Uhland volksl. 885;
die gytigkeit der ander (fehler) heiszt,
derselb macht mir (dem teufel) den rodel feiszt,
ein michel theil bringt er mir zu.
Kolrosz betrachtnus (1532) E 1ᵇ,
und sei jr gar ein michel schar.
H. Sachs 3, 2, 98ᵃ;
ablasz der sünd wirf ich nit zuͦ ruck,
sunder ist im glauben ein michel stuck.
Schade sat. u. pasqu. 1, 36, 338;
als adv. sehr: sante zuͦm ersten gegen den cristen einen michel groszen harst die mit den cristen soltent striten. d. städtechron. 9, 855, 17; besammelten ein michel grosz volk. Schm. 1, 1562 Fromm.;
ir her was fast michel grosz.
Lenz Schwabenkr. 68ᵇ;
vor comparativen viel: michel mer. Lori bergr. bei Schm. a. a. o., wie mhd.:
swie schœne wære Hilde   des künic Hetelen wîp,
noch wart michel schœner   der Kûtrûnen lîp.
Gudr. 578, 2;
das wort ist schon vor mitte des 16. jahrh. im aussterben: etliche brauchen das wort michel für gros, vileicht a graeca voce μέγας. Alberus dict. (1540) kk 2ᵃ, wie es auch bereits vorher formelhaft mit grosz verbunden und dadurch erklärt erscheint: und gieng ein michel und ein grosze schar mit ym. Keisersberg evangel. (1517) 62ᵇ; wie mhd.:
dar ûʒ ein küeler brunne vlôʒ,
des kraft was michel unde grôʒ.
minnes. frühl. 23, 16.
in Deutschlothringen hört man michel als gegensatz von lützel noch heute; ebenso ostfries. michel gegenüber lütje Doornkaat-Koolman 2, 597ᵇ; auszerdem hat es sich in ortsnamen, wie Michelbach, Michelfeld, Michelstadt erhalten.
Zitationshilfe
„Michel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/Michel>, abgerufen am 16.10.2018.

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