Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

stäubchen, n.

stäubchen, n.
pulvisculus. deminut. zu staub, zur bezeichnung des einzelnen staubkörnchens dienend. mndd. stoveken. s. unten stäublein und vgl.staub I, 3 (sp. 1070).
1)
im eigentlichen sinne.
a)
auf einen gegenstand gelagert (vgl.staub II, 1, h): die kleidergeiszel, womit der bediente wenige stäubchen im staatsrocke sitzen lassen J. Paul 23, 86 (Titan 3); er breitete ihn (den ehrenvollen militärabschied), nachdem er alle stäubchen weggeblasen, auf dem tische aus. Auerbach dorfgesch. 1, 83. im singular: ein stäubchen auf einem möbel Ludwig 2, 307 (aus dem regen in die traufe); besonders gern in der verneinung als äuszerster grad der sauberkeit: die stühle wohl abgekehrt — die fenster auch — dasz kein stäubchen zu finden ist! Iffland 2, 46 (jäger 2, 1); nicht ein stäubchen auf den kleidern Ludwig 1, 190 (zw. himmel u. erde);
der alte mann ...
aufs neu beginnt das kleid zu reiben,
als sollte nicht ein stäubchen bleiben.
A. v. Droste-Hülshoff 2, 79 (hospiz a. d. gr. St. Bernhard).
mit gleichem sinn: das letzte stäubchen entfernt. Heyse 5, 60. in scherzhaftem ausdruck: als wenn zu jedem stäubchen zween windmühlen ... nöthig wären Herder 3, 374 Suphan,
b)
sonnenstäubchen, wie sie einen ins dunkel fallenden strahl der sonne tanzend erfüllen; hier tritt denn, von der sache gefordert, auch der plural stärker hervor: auf welchen sonnenstäubchen fliegt oft dem menschen eine kleine sonne, ein himmelsgarten an und wurzelt ein! ein solches flatterndes stäubchen bewohnt' er jetzt, und sah davon herab J. Paul 54, 70 (leben Fibels); ein stäubchen, das im sonnenstrahle tanzt Ebner Eschenbach meine kinderjahre 242;
zart wie aus stäubchen der sonne.
Thümmel 8, 289;
aus sonnenstäubchen ist die sonne nicht entstanden;
die stäubchen sind nur, weil die sonne scheint, vorhanden.
Rückert 4, 110.
mit erklärendem adjectiv: das schmale gemach lag jetzt im halbdunkel, nur durch ein hochgelegenes rundfenster über der thür drang ein röthlicher von goldnen stäubchen durchspielter sonnenstrahl in seine tiefe C. F. Meyer Jürg Jenatsch 108.
c)
entsprechend staub II, 1, l (sp. 1076 f.):
α)
auf dem schmetterlingsflügel: schmetterlingsflügel zu fassen .., ohne dasz sich ein buntes stäubchen davon verliere Thümmel reise 7 (1800), 102;
und strich die guldnen stäubchen
von den gesprengten flügeln.
E. v. Kleist 1, 52, 9 Sauer.
β)
in der blüte: ein kleines blümchen, gleich einem goldkorn, mit so starkem dufte, dass ein stäubchen davon in das haar gelegt zehn schritte weit duftet Ritter erdkunde 4, 234.
γ)
fliegender punkt im auge, wie ihn nervöse schwäche einbildet, mouche volante; so von der gespenstigen erscheinung im Hamlet 1, 1:
ein stäubchen ist's, des geistes aug' zu trüben.
Shakespeare 4, 130.
d)
als das kleinste, unbedeutendste, nichtigste: gottes liebe vergisst kein stäubchen in seinem all Arndt 1, 4 (Rösch-Meisner); dieses geistliche sinnwerkzeug, welches durch die ganze natur hindurch alle geheiligte substanz auch in einem stäubchen verfolgte Brentano 4, 350;
'werde' hat er nur gesprochen,
und es ist hervorgebrochen
jedes stäubchen, jedes haar.
Gleim 7, 208.
in weiterer steigerung: der herr, der himel und erden aus geringerm dinge, denn ein steubigen ist, geschaffen hat Luther 6, 344ᵇ, d. h. aus nichts.
e)
als umschreibung des griech. ἄτομος, besonders ausgebildet in der philosophie des Democritos (vgl.staub I, 3, sp. 1070): was ist ein untheilbares, ewiges, nothwendiges, durch sich selbst bestehendes stäubchen? Wieland 1, 106 (Agathon 2, 5);
o hättst du von der welt, die du dem ungefähren,
der stäubchen tollem schwarm und dem verträumten leeren
zu bilden übergiebst, nur einen teil gekannt.
natur der dinge 1, 186.
2)
im vergleich zum ausdruck der nichtigkeit: und dieses ganze ungeheure firmament nur ein stäubchen gegen die unendlichkeit! Kleist 5, 326, 35 E. Schmidt (brief vom 31. aug. 1806);
ein stäubchen ist der lebensschmerz,
gesehn im sonnenschein.
Stolberg 2, 161 (lied).
ähnlichen sinn hat auch: aber alles dieses sind doch nur stäubchen aus der litterargeschichte, welchen mein ungenannter nur siebenmal siebenmal so viel andere stäubchen eben daher (aus Luthers bibelübersetzung) entgegen zu setzen haben dürfte, um mich nicht zum lügner zu machen Lessing 10, 217 (Anti-Goeze).
3)
entsprechend staub II, 6:
auf dem stäubchen erde
preiset dich, auch er dein kind, der mensch!
Stolberg 2, 354 (schwanengesang).
4)
mit einem noch weiter verkleinernden adjectiv: holzreste .., an welchen sich in zarten stäubchen ... kupfer, gold und kiesanflug angesetzt haben Ritter erdkunde 3, 335;
schatten eines knaben,
von dessen knochen nicht das kleinste stäubchen
mehr übrig ist.
Hebbel 6, 31 (Demetrius 1);
die ehre ist mein auge,
das kleinste stäubchen, das hineindringt,
macht mich blind und wild vor schmerz.
Grabbe 2, 22 (don Juan und Faust 1, 1);
das gewissen ist wie das auge, das kleinste stäubchen, das hineinfliegt, schmerzt und brennt wie eine grosze wunde Riehl geschichten u. novellen 1, 319 (gräfin Ursula).
5)
als bildlicher ausdruck einer verstärkten verneinung kein stäubchen, nicht das geringste: darf auch nicht ein stäubchen zwischen ihnen sein von verschweigen Immermann Münchhausen 4, 34;
kein stäubchen trübt der wahrheit licht.
Tieck Octavian 448.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1910), Bd. X,II,I (1919), Sp. 1095, Z. 38.

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Zitationshilfe
„Stäubchen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/St%C3%A4ubchen>, abgerufen am 16.04.2021.

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