zain, zein m., n. u. f.
Fundstelle: Lfg. 2 (1925), Bd. XV (1956), Sp. 207, Z. 35
schöszling, reis, stange.
I.
formales. bezeugt ist got. tains, zweig; anord. teinn, schöszling, stange, norw. teinn, dasselbe, dän. ten, in älterer sprache gleicher bedeutung, heute spindel, schwed. ten, metallstange; ags. tân, m. neben tâ, gen. tân, f., zweig, engl. toe in mistletoe; nordfries. têne, zwerg; ndl. teen, f., zweig, weide; as. tên, stange, mnd. nnd. tên, tein, metallstange; ahd. zein, i-stamm, neben zein(n)i, ja-stamm, regula, arundo, lino, plur. sarmenta, virgulta Graff 5, 673. mhd. zein, m. n., und zeine, schw. m., in den unten verzeichneten hauptbedeutungen Lexer mhd. hdwb. 3, 1050, nhd. zain, zein, vereinzelt zen und mit anlehnung an zahn diesem gleichlautend (vgl. unten II, 3 und 4 und zahn 2, n oben sp. 148), bis heute in technischer sprache und mundartlich, auch n. Schmeller² 2, 1127, daneben zeine, schw. m.: nimme den regulum herausz und treib ihn durch den rohen antimonium, darnach lasz flieszen ... zu einem zeinen Paracelsus opera 1 (1616), 937 B und zain, zeine, f.: ein starcke zeine unscheinlichs doch rechtes goldes Mathesius Sar. 32ᵃ. dann gosz er das metall in eine zain Jung-Stilling 5, 111. das schw. m. und das f. sind wohl gleich dem n. secundär entwickelt, ebenso die augenscheinlich aus dem plur. zänn entstandene weibliche form zähe Müller-Fraureuth obersächs. wb. 2, 690ᵃ. vgl. zeine, f. unten. aus dem germ. entlehnt ist finnisch taina, pflanze Weigand-Hirth 2, 1301. sonstige etymologische beziehungen auszerhalb des germ. sind unsicher. erwähnt sei immerhin die zusammenstellung mit skr. diyati, schweben, fliegen, griech. δίεμαι, eile. auch griech. δόναξ (dor. δῶναξ), rohr, lett. dōnis, pl. dōni, schilf, binsen, wird in verbindung damit herangezogen, was nur bei annahme einer doppelten urform der wurzel möglich ist Fick-Torp vgl. wb.⁴ 3, 151.
II.
bedeutung und gebrauch.
1)
zweig, schöszling, zein, surculus Nemnich, reis Campe (als österreichisch bezeichnet): (im bilde:) all taine in mis unbairandane akran goþ, usnimiþ ita Joh. 15, 2;
der rebknecht vert hindan nach,
wan im zuo mir (dem teufel) ist gach.
er übersicht dik ain guoten zain
d. teufels netz 11379 Barack,
besonders, sofern als sie schwank und zäh zum binden und flechten geeignet sind: (der stuhl) ist mit wîden und mit zeinen zu samene gebunden myst. 1, 94, 37; zain zu den raiffen zu schneiden, mag unverwehrt seyn quelle bei Schmeller² 2, 1127;
der felbinger sprach: 'bin ich so fein,
ausz mir macht man die langen zein
wol umb das korn und umb den wein ...'
Uhland volksl.¹ 32.
so heiszen nach Adelung bei den böttchern einiger gegenden die weidenen bänder zaine. mundartlich in Baiern zain, m. n., ruthe, gerte, besonders von der weide, zum binden der reife und zum flechten von körben dienlich Schmeller² 2, 1127, kärntisch zân, in gleicher anwendung Lexer kärnt. wb. 264, ebenso steirisch zein, das im anschlusz daran auch den siebrand aus tannen- oder fichtenholz bezeichnet Unger-Khull 646ᵇ, thüringisch zain, deminitiv zenchen, weidenruthe Hertel Thür. sprachsch. 262, im erzgebirge zain, frische, ungeschälte weidenruthe zum korbflechten, neben zähe, f., weidenruthe Müller-Fraureuth 2, 690ᵃ. daher erscheint zain, zen in älterer sprache geradezu für die weide als gewächs, salix Pritzel-Jessen 352ᵇ. vgl. auch das nach Adelung in der Lausitz als bezeichnung der flechtweide übliche zenne, f. eine collectivbildung zu zein in diesem sinne ist bair. zainach, n., weidengebüsch, röhricht Schmeller² 2, 1127, schon ahd. rôrahi vel zeinahi Graff 2, 546.
2)
pfeilschaft: auch theilten sie dem hofe zu Diepurg. wann er will birsen, dasz er soll han ein ibenbogen mit einer seiden senewen, mit silberin stralen mit eim lorbaumen zein mit pfawenfedern gefidert rechtsalterth.⁴ 1, 361 (vgl. weisth. 1, 502, von 1338);
si erwarb eine strâle, ...
daʒ gevidere si abe bant,
den brief si umb den zein want
H. v. Veldeke Eneit 287, 6 Ettmüller;
sô was im durch sîne hût
beide durch fleisch und durch bein
der phîl getriben biʒ an daʒ zein
Herbort v. Fritzlar Troj. 7088.
dann auch im sinne von pfeil:
ime was wol ein scharpfer zein
durch die ougen geschoʒʒen
H. v. d. Türlin krone 14361;
im vergleich:
daʒ eʒ (das rosz) in fûrte
Hectori sô balde engein,
als von einem bogen ein zein
oder ein phîl dâ wêre gesant
Herbort v. Fritzlar Troj. 4975;
im bilde:
friuntlicher plick
wundet ser meins hertzen schrein,
mit ainer scharpffen zein
Hätzlerin 6.
übertragen auf die sonnenstrahlen, wie strahl ja auch eigentlich 'pfeil' bedeutet:
si (die frommen) sind luter, künsch und rain
als der claren sunnen zain
d. teufels netz 13631 Barack.
mundartlich auch im sinne von pfeil noch erhalten, so in Bistritz als zê, m., dazu zêschlecht, adj., pfeilgerade Fr. Kramer 144.
3)
allgemeiner stange, stab, langes glattes, zumal biegsames stück, zein, zain, m., een staaf Kramer-Moerbeek deutsch-holld. wb. (1768) 431ᵇ: so das du auff die einbiegung leyst ain zein von helffenbain Braunschweig chir. (1539) 101ᵃ;
manegen zentrinc unde zein
sluoc er ûʒ dem âle
H. v. Neustadt Apoll. 9986.
besonders von solchen metallstücken: wann ich sach under den rewben ein gar guͦten roten mantel und cc zickel des silbers und ein guldein zein (vulgata: regula, Luther: zunge) funfzig ziglich 1. deutsche bibel 4, 272 (Jos. 7, 21); da hiesz er in schlahen mit eissnin zeinen heiligenleben sommertheil (1472) 8ᵇ; da sihet man die silbern spangen, knöpf, zeinen, kuchen, streuszlein drinn Mathesius Sar. vorr. 2ᵃ. als zierath: ein gürtel von kettinen, zain, geflochten oder sonst quelle von 1574 bei Schmid schwäb. wb. 542;
ûʒ der liehten riuhe (des pelzes)   vil manic goldes zein
ze beiden sînen sîten   dem küenen jegermeister (Siegfried) schein
Nib. 895, 3;
der (gürtel) ist an beiden orten
geziert mit edelen steinen,
mit guldînen zeinen
ist er wol underslagen
gesamtabent. 1, 462;
darauf (auf dem halsband) da steet in goldes zain
vier der aller edelsten stain
fastnsp. 2, 763, 5 Keller.
zu weiterer verarbeitung hergestellt: zain, bei verschiedenen metallarbeiten ein stab oder zu einem langen stücke gegossenes metall Adelung; zain, zayn, stangen, welche aus geschmelztem metall in einen eingusz gegossen werden Jacobsson 4, 679ᵇ; zain, in formen gegossene flache stäbe von metallen und metalllegierungen Meyer gr. konv.-lex.⁶ 20 (1908), 846ᵇ, aber nicht nur von gegossenen stäben: der goldschmid soll das gold, das man ihm zu verarbeiten bringt, in einen zen gieszen und dem überbringer zur nachherigen vergleichung der arbeit ein stücklein davon abschroten quelle v. 1572 bei Schmeller² 2, 1128; du magst auch den gegosznen zäin, wo das kupffer nicht bleyig ... gewesen, ... ableschen Ercker 20ᵃ; alsdann setze es (gold) in einen tiegel und geusz es in zain 86ᵇ; eingusz ist ... eine rinne, darinnen die silber in zaine gegossen werden Schönberg berg-information (1693) 119; was aber unmöglich gewesen, wo nicht das gold vorher zu zain und schienen geschlagen Abraham a S. Clara etw. f. alle 2, 105; die kupffer-schmiede schmieden das kupffer in unterschiedliche zaine und formen 345. zum prägen von münzen verwandt, zein, zäin, f., eine gold-, silber- oder kupferstange, münze davon zu machen Ludwig teutsch-engl. lex. (1716) 2568, zaine, die blechartigen streifen des münzmetalls, woraus die schrötlinge, die metallstücke für die einzelnen münzen, hergestellt werden Halke wb. d. münzkunde 390ᵇ: alle zeinen dar usz man die pfennige machen sol quelle bei Lexer mhd. hdwb. 3, 1051; wan he (der münzer) al ghegoten heft, so schal he in jegenwardicheit der munteheren de tene gloyen, unde wan se ghegloyet sin, upwegen in der munteheren jegenwardicheyd unde de ghewichte schall he deme munteheren geven in schrifft quelle von 1432 bei Schiller-Lübben 4, 530ᵇ; das münzmetall ... wird ... in sogen. zaine von 40—45 cm länge, 6—10 mm dicke und einer breite gegossen, die dem 1-, 2- oder 3 fachen durchmesser der daraus zu fertigenden münze nahe kommt Meyers groszes konvers.-lex.⁶ 14 (1906), 275ᵇ. zain, gegossenes eisenstück von flacher oder stabartiger form zum verwalzen Unger-Khull 647ᵃ, zum drahtziehen gebraucht, zain, zahn, auf bergwerken ein langes stücklein silber, das man glüht und zu draht zieht Chomels öc. u. phys. lex. (1750—57) 8, 2376, entsprechend für messing Jacobsson 4, 679ᵇ. auch geradezu für
4)
draht: filum ferreum, zayn oder drat Corvinus fons latinit. (1646) 340, Steinbach 2, 1075, auch heute landschaftlich eiserner, messingner zain, draht von eisen, von messing Schmeller² 2, 1128.
5)
zain, zahn heiszen weiter die zacken gediegenen metalls, die auf dem erze herausstehn Jacobsson 4, 678ᵃ: zum Cuttenberg fande ein münch ein silbern zein, die zu tag auszgewachsen war Mathesius Sar. 16ᵃ.
6)
penis: die ding, die das zain steent machent quelle bei Schmeller 2, 1127; mansrut oder zein quelle von 1540 bei Lexer 3, 1050. weidmännisch beim hirsch der zein Heppe aufr. lehrprinz (1751) 206: der zain vom hirschen ist zuͦ etlicher artzney guͦt J. H. Meichszner hdb. d. orthogr. (1501) in d. zs. f. d. ph. 13, 369; lösen die haut von der drossel, bisz an den zain (beim hirsch) Fleming t. jäger (1719) 303. vgl.zen, virga virilis Schmeller² 2, 1131.
7)
weidmännisch ist zain ferner für steisz, schwanz üblich Kehrein waidmspr. 331, zumal für den schwanz des dachses Laube 42 (1909), 163 Houben; Brehm 1, 646 Pechuel-Lösche.
8)
Nemnich verzeichnet zain auch als namen des stempels der safranblüthe, pistillum floris crocini.
9)
bair. zain, m., auch collectivisch haufen, stosz, strues, scheiterzain, scheiterhaufen, knichtzain, widzain, stosz prügel, stosz reiswellen Schm.² 2, 1128. doch vgl. dazu zaine 2, d.
10)
über zain im sinne von reuse, korb sieh zaine 2 a.
zein m.
Fundstelle: Lfg. 4 (1931), Bd. XV (1956), Sp. 516, Z. 15
s. zain (sp. 207); zeine, f., s. zaine (sp. 210).
Zitationshilfe
„Zein“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/Zein>, abgerufen am 16.11.2018.

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