zoll m.
Fundstelle: Lfg. 1 (1914), Bd. XVI (1954), Sp. 32, Z. 5
mhd. zol mhd. wb. 3, 945ᵇ; Lexer 3, 1147. in obd. mundarten zoll Schmeller ² 2, 1115; Loritza 148; zollen Schmeller; Brenner Baierns mdaa. 1, 62; Martin-Lienhart 2, 902; nd. toll Woeste 273ᵃ; Schambach 232ᵃ; Danneil 147ᵇ; nl. tol; an. tollr Sveinbjörn Egilsson 819ᵇ. auch f. in mhd. îs zolle mhd. wb.; nd. tolle Woeste. haartolle nordd. umgangssprache. hierzu auch ahd. zello Graff 5, 656 (schreibfehler für zollo? Paul-Braune beitr. 20, 59). die vielfachen bedeutungen dieser gruppe gehen zurück auf 'abgeschnittenes stück eines astes oder zweiges, länglich-rundes stück holz'. dies paszt zu der erschlieszbaren vorgerm. form *dl̥nós 'der abgeschnittene, zurechtgeschnittene' zeitschr. f. d. altert. 42, 58, von dem in ai. daláyāmi, griech. δαιδάλλω, lat. dolare, ferner in an. telgja, s. bei zolch, in lat. dolium, dolabra, asl. dely 'fasz' und andern formen und bedeutungen weiterlebenden idg. verbum der wurzel *del- für 'schneiden, bearbeiten, zurechthauen', wohl in erster linie von holz Fick ⁴ 1, 456. 2, 150. 3, 158; Falk-Torp 1269; Walde 239; Kuhns ztschr. 19, 434. im germ. ging das wort neben der ursprünglichen in die bedeutung 'zweig' über und entwickelte sich von da aus, im obd. wurde es auf alles mögliche, was länglichrunde form hat, übertragen.
1)
mhd. zol ist 'knebel', der einem in den mund gesteckt wird; österr. zoll 'ein prügel von einem abgesägten block' Höfler 2, 339; im Chiemgau zollen 'ein baumklotz von drei scheiterlängen' Schmeller ² 2, 1115; 'geschnitztes oder gedrehtes spielzeug'; nl. tol kreisel; ahd. zello (zollo? s. o.) kreisel; elsäss. zollen Martin-Lienhart 2, 902 'ein 15 cm langes stück holz, an beiden enden zugespitzt, in der mitte ein einschnitt'. verzollen 'verprügeln' neue heidelberger jahrb. 17, 179, v. 418 (flugschr. aus d. zeit kaiser Maximilians I.). hierzu das f. zolle in mhd. îszolle und eine glossierung von zülle, wo dies nicht 'kahn' sein kann, vgl. elsäss. züllele Martin-Lienhart: zúlle s. ludus puerorum circensis; zúlle in des esels ars, crebersia (lignum quod est ante culum asini vel esels zúlle) Frische-Closener voc. 1383 nach zeitschr. f. d. wortf. eselszüli als schimpfwort N. Manuel 258. ferner auch zollholz pfropfen, schwimmholz, s. d. w.; vgl. schw. dial. tolle pfropfen Falk-Torp.
2)
'klotz, klumpen' im bair. wald Brenner Baierns mdaa. 2, 450; Unger-Khull 654:
der erden zol (der erdenklosz)
Frauenlob 47, 16 Ettmüller.
in diesem sinne obd. allgemein als schimpfwort.
3)
nahrungsmittel, die in bestimmter länglich-runder form dargeboten werden: a zollen wurst, tobak Schmeller; Höfer; zollwurst Fulda germ. wurzelwörter 271; zolle, f., in der Schweiz und südlichem Württemberg ein butterballen von üblicher form und schwere Stalder 2, 478; zollenbutter Ostschweiz Martiny wb. d. milchwirtsch. 141; zoll- sive quarkkäse Stieler 910; zol colostrum (schmalz) Diefenbach nov. gloss. 102ᵃ.
4)
koth von mensch und thier, Baiern und Elsasz Schmeller; Martin-Lienhart: ja sie haltens schnöder dann das brett hinden am gemeinen sprachhus (abtritt), da die buren die unsuberen zollen über ab werfend Nic. Manuel 219 Bächtold.
5)
nd. toll 'zweigspitze, zweig' Schambach; 'reis' Woeste; 'spitze, das äuszerste' Fulda vers. 604; 'federschopf auf dem kopf von hühnern' Danneil, und tolle, f., 'büschelartiger zweig, z. b. von heidelbeeren' Woeste. hierzu auch die früher bekannte tolle über der stirn, die haartolle.
6)
nicht unmittelbar belegt, aber zu erschlieszen ist zoll für 'knöchel, fingerglied', als voraussetzung der übertragung von lat. digitus, pollex als masz durch zoll. es hat den umgekehrten weg gemacht wie knebel und knübel th. 5, 1374 ff.; 1513f. vermuthet wurde diese bedeutung von Wackernagel ahd. wb. 397ᵃ. eine spur steckt im schweiz. zollig 'schlag mit der ruthe oder der flachen hand' Seiler 327; 'schlag, hieb auf die hand' Stalder 2, 478. manchmal, wo zolldicke oder zollbreite vorkommt, scheint es fast, als ob diese bedeutung empfunden würde: dasz ist, ... solch mäsz, eines werckeschuchs, dʒ ist 24 daumens oder zoll dicke in der lenge habe Paracelsus chirurg. bücher u. schr. 739 Huser. vielleicht bei Herder: nicht anders dachte der gemeine menschliche verstand, seit er mit seinen sinnen wahrnahm. fusz-, schritt-, mannes-, kopflänge, zoll-, hand- und armbreite, ellenlänge waren ihm zuerst ein hinreichendes masz, das dann ein anderer für sich genauer bestimmen mochte (zoll- bis ellenlänge nur in der hdschr., nicht im druck, kann also unwillkürlich aus der feder geflossen sein) 21, 109.
zoll m.
Fundstelle: Lfg. 1 (1914), Bd. XVI (1954), Sp. 33, Z. 19
ein kleines längenmasz, der zwölfte, früher auch der zehnte oder sechzehnte theil von einem fusz.
herkunft. es fehlt im mhd. und erscheint zuerst im 16. jh., in dessen verlauf es sich in ganz Deutschland eingebürgert hat, während es den andern germ. sprachen, auch dem nl., fehlt. belege aus dem 16. jh.: darumb sollen alle disse platte stein oder schalen .. dreier zol tieff einer in den andern verfeltzet werden Dürer etl. underricht zur befestigung der stett (1527) e iiii a;
ja, du hast in uberbaut wol
umb einen guten dicken zol
(mit der länge der nase)
H. Sachs 14, 67 Götze;
bergklachter, der eine bisz in 3 elen, 9 zöll lang ist Mathesius Sarepta 64ᵃ. wahrscheinlich auch aus dem 16. jh.: man sol auch werfen zwainzik zol zu dem lembrein tuch und nicht minner und an dem alten loden nicht wan ainer zol minner lodererbrief im Passauer stadtrechtsb. nach Schmeller ² 1, 1470 (vom mhd. wb. und Lexer übernommen); pes ... est etiam genus mensurae, duodecim pollices, vel sedecim digiti, ist ein mesz, namlich zwölff, oder sechzehen zöll Dasypodius 179ᵇ; zöll wie es d werckleüt nennend, pedis pollices vel unica ... zwen zöll eins schuͦchs, pedis sextans Maaler 523ᵃ; pes, ein werckschuch, 12 zoll, deunx eilf zoll u. s. w. Golius 529; unica pedis, ein zoll eines werckschuchs .. uncialis altitudo eines zolles oder daumens dicke 530. der ältere ausdruck ist daume, s. th. 2, 850, auch finger oder fingerbreite Diefenbach 181ᶜ, 445ᵇ: digitus fingerbreite pars minima agrestium mensurarum Brack (1487) b 8 b; pollicaris latitudo daumlige breite, oder eins daumens breite Frisius 1016ᵇ. während dies von haus aus natürliche, nicht scharf abgegrenzte masze sind, ist zoll von anfang an eine reine maszbezeichnung ohne eine sinnfällige beziehung. es musz in der sprache eines bestimmten handwerks, wahrscheinlich der bauhütten, als übersetzung von digitus, pollex aufgekommen sein, und durch dies handwerk seine verbreitung erhalten haben. die übertragung wird in einem vielleicht sehr engen gebiet aufgekommen sein, wo zoll die bedeutung fingerglied hatte, s. d. vor. w. 5. genaueres ist nur im zusammenhang der geschichte von fusz, werckschuh und anderer masze zu bestimmen. jedenfalls hat zoll die bedeutung 'pollex' auf einem gebiet mit verschobenenem z bekommen. es wurde beim übergang ins nd. in toll umgesetzt, aber im äuszersten osten, im Samlande, wird noch zoll 'masz' von toll 'abgabe' unterschieden Fischer 20. der plural hat in älterer zeit umlaut; zöll bei Mathesius, Dasypodius, Maaler: kaum 4 zöll, oder einer spannen lang Seb. Franck sprichw. (1545) a i 53ᵃ, ebenso auch das alte wort der mundarten (s. oben): das sind zölle! Höfer 3, 339; tölle Schambach, Woeste. bald hat sich zolle, wohl im gegensatz zu zölle abgaben, durchgesetzt, wird aber kaum noch gebraucht, wie bei anderen maszbezeichnungen, s.fusz th. 4, 1, I 1009; schuh th. 9, 1852. wenn es auf ein zahlwort gleichsam als nenner folgt, dann ist die unflectierte form heute allein üblich. Adelung macht die ausnahme, 'wenn eine präposition vorhergehet die den dativ erfordert, da man es auch wohl zu decliniren pfleget' 4, 1730, was Campe noch pedantischer faszt 5, 878ᵃ; dagegen: schon in einer entfernung von 10 zoll Nicolai reise durch Deutschland 1, 169.
bedeutung.
I.
zoll als masz.
1)
zoll ist ungefähr gleich der breite eines starken daumens Frisch 2, 850, vgl. 1, 187; Adelung; Campe, vgl. den beleg oben aus Paracelsus. von diesem als dem kleineren unterschied man gelegentlich einen gröszeren zoll: ein finger ein kleiner zoll, ein daumen ein groszer zoll Henisch, s. th. 2, 850, auch als 'länge des ersten gliedes am daumen' Röhling Deutschlands flora (1823) 1, 97. wahrscheinlich bezieht sich die letzte angabe auf den im 18. jh. in der technik und wissenschaft gebrauchten zehntheiligen fusz, decimaler oder geometrischer fusz genannt Fäsch kriegs-ingenieur-see-lex. (1735) 273ᵃ; Jacobsson 4, 417ᵃ, während die älteren der unterscheidung des Dasypodius entsprechen, bei dem 16 digiti oder 12 pollices auf den pes kommen. herrschend ist immer der fusz zu 12 zollen gewesen. neben fusz war früher schuh, noch älter werkschuh üblich, doch ist das zeitliche und geographische verhältnis der beiden bezeichnungen noch nicht genügend geklärt, nur dasz in den letzten zeiten amtlicher geltung fusz allein verwandt wurde. für Baiern nennt Schmeller als das alte schuh. die 12 theile des zolles (beim decimalfusz 10) hieszen linien Pomey indiculus (1698) 318; gran, körner, gerstenkörner, striche Jablonski 1838ᵇ; Leopold handwb. d. ökonomie (1805) 533ᵇ. diese zerfielen wieder in scrupel Fleming der vollk. teutsche soldat 44. bei genauen messungen wird das normalmasz, nach dem man sich richtet, als rheinländisch, französisch, Leipziger, Pariser u. s. w., von denen das erste in Deutschland am weitesten galt, dazu genannt, entweder umständlicher, schriftmäsziger als adj. vorher, oder kürzer, geschäftsmäsziger unflectiert nachher: deren bald zehn, bald nach rheinländischem masze, 12 auf einen fusz oder schuh gehen Campe 5, 878ᵃ; die grösze der blätter ist: hoch 91⁄2 zoll rheinisch, breit 67⁄12 zoll rheinisch Göthe 42, 1, 7 Weim. das flächenmasz hiesz quadrat-, flächen-, geviert-, auch kreuzzoll Adelung 2, 1780; riemenzoll 3, 1110; das cubische cubik-, würfel-, körperzoll; ein schachtzoll war eine körpergrösze von einem zoll länge und breite und 1⁄10 zoll dicke 3, 1316; ein balkenzoll einen zoll lang und eine linie breit und dick 1, 703, s. zollbalken. nach der einführung des metrischen systems in Deutschland wurde in der umgangssprache noch längere zeit nach fuszen und zollen gerechnet, im handwerk, z. b. der tischler und zimmerleute, noch heute. auch ist diese rechnung bei gewissen fabrikaten, z. b. eisernen röhren, fernglaslinsen u. a., infolge des alten englischen einflusses noch üblich.
2)
zoll hat in einzelnen gewerben eine besondere bedeutung bekommen.
a)
in der bergmannssprache ist zoll der 80. theil eines berglachters Mathesius Sarepta 64; Junghans gräublein ertz (1680) f iii d; Jacobsson 4, 717ᵃ.
b)
einen zoll wasser nannte man 'die quantität, welche bei (einer gewissen) höhe des wasserstandes aus einer röhre von 1 zoll durchmesser ausflieszt', auch brunnenzoll genannt, in 144 linien abgetheilt Prechtl 3, 200. ein bestimmtes technisches masz ist auch beim bau von wehren, bei mühlen der zehrzoll, an fachbäumen Sachs-Villatte 2, 2062ᵇ, vgl. zoller.
3)
beim messen der körpergrösze, besonders bei rekruten, zählte man nur die zolle über 5, 6 fusz oder ein anderes normalmasz Sanders II 2, 1776 c: der herr kammerrath .. (man denke sich eine maschine von zehn zoll und mit einem domherrn-bauch) Bahrdt gesch. meines lebens 2, 11; wir sind ja genöthigt, alles zu nehmen, jeden mann, der in das dienstfähige alter eingetreten, der gesund ist und so und so viel zoll miszt Moltke ges. schr. 7, 71.
4)
bei angaben von maszen ist der genetiv oder die präposition von alterthümlich oder literarisch:
die höh der andern schrift hielt eines zolles länge
Stoppe Parnasz 142;
ihr haar erreicht die länge etlicher zolle Peschel völkerkunde 504; einen krieger neuerer zeit mit schlanker taille von acht zollen Hauff 3, 207.
5)
die allgemein übliche form bei genauen maszangaben ist zoll, unflectiert mit vorangehendem zahlwort. in der regel folgt eine die richtung bestimmende ergänzung wie breit, lang, hoch, tief, im geviert, im durchschnitt, herunter, hinauf. die syntactische einfügung in den satz kann recht lose sein: da nun das ordentliche recrutenmasz bei den Römern 5 schuhe 7 zoll waren M. J. Schmidt gesch. d. Deutschen 1, 13; zu beiden seiten des umfanges wird der rasen 9 zoll breit ausgestochen Jahn werke 2, 25; es lassen ihnen auch etzliche nur höltzerne vögel schnitzeln, als wenn sie flögen, von einem holtz etwa neun oder zehen zoll lang Aitinger jagd- und weidbüchlein (1681) 126; in einem zimmer, .., habe man im laden eine öffnung, etwa drei zoll im durchmesser Göthe II 1, 16 Weim.; oftmals konnten wir auch an groszen eisinseln verschiedene arten von weisz unterscheiden, die in schichten von sechs zu zwölf zoll dick über einander lagen Forster 1, 100.
6)
zoll ist die bezeichnung auf dem maszstab: zoll m. am maasstabe Schottel haubtsprache ³ 1449; drei stäbchen .., welche in zolle und linien getheilt sind Lavater physiognom. fragm. 4, 238; der einen maaszstab in der hand hielt, dessen zolle er dann immer wieder von neuem überzählte Tieck schr. 17, 193.
II.
als das wort, welches in der allgemeinen sprache das kleinste masz bezeichnet, wird zoll vielfach in anschaulicher und bildlicher weise gebraucht. jede zunächst rein räumliche verwendung geht auch in geistige verhältnisse über.
1)
zoll soviel als 'das genaue masz': die schuh, umb den rieszen zu meszen wuste ich noch wohl, aber den zohl hatte ich vergeszen Elisabeth-Charlotte briefe 159 Holland.
2)
nach zollen messen ist ein kleinliches verfahren: (du) hältst dich für verwahrer der kunstgeheimnisse, weil du auf zoll und linie von riesengebäuden rechenschaft geben kannst Göthe 37, 141 Weim.; doch es widerstrebt mir weiter nach zollen und zahlen zu rechnen Brunn kl. schr. 3, 294;
und der liebt wenig nur, der nur nach zollen liebet
Bode Montaignes gedanken u. meinungen 2, 55.
3)
als besonders klein erscheint das, dessen masz in zollen angegeben wird: rosen ..., deren stämme sich aber nur wenige zoll hoch über den boden erheben Ritter erdkunde 2, 821;
hieraus wird sich nun aufs neue überzeuglich folgern lassen,
dasz ein millionster theil eines zolles stets in sich
auf die dreizehn tausend theilchen feuchtigkeit vermag zu fassen
Brockes irdisches vergnügen 4, 505;
man den mond biszweilen gantz nicht sihet, bissweilen nur etliche zoll und grad Dannhawer catechismusmilch 6, 378; man läszt die arbeit des einzelnen künstlich wachsen, damit die nation um einige zoll gröszer werde Riehl die deutsche arbeit 61. sprichwörtlich: unser leben ist kaum vier zöll, oder einer spannen lang schöne weise klugreden (1548) 150ᵃ;
das leben ist kaum ein handvoll,
helt kaum ein spann, oder vier zoll
Eyering proverbiorum copia 1, 509.
4)
nur wenige zoll, nur einen zoll weiter ist ein ganz geringer abstand: wenn du dem grafen nur einen zoll breit zum niederknien gegönnt hättest Fontane I 4, 43;
da zwischen tod und leben
nur wenig zoll
Brockes irdisch. vergn. 4, 188;
die wunderlichsten steingestalten,
um einen zoll breit nur vom rand
im gleichgewichte scharf gehalten
Droste 2, 63.
daher die beliebte wendung: einen, einige zoll weiter, tiefer u. s. w., und .., besonders von einem schusz, der haarscharf vorbeigegangen ist, und ähnlichem unglück: Carl. einen zoll höher, hätte sie (die kugel) ihnen den ganzen verstand mitgenommen Beck die schachmaschine 191 (IV 13); ein zoll breit tiefer, und mein kopf lag unter den füszen meines pferdes A. G. Meiszner Alcibiades 1, 113. ähnlich: einige zolle weniger holz am tische, hätten grosze dinge bewirken können Lichtenberg erklärung der Hogarthischen kupferstiche 3, 145.
5)
um keinen, nicht um einen zoll weicht etwas zur seite oder vorwärts, das ist so viel wie 'unverrückt': wie ein schiff .., das die stürme nicht irren, .., gerade aus und keinen zoll von der linie weichend, die es innehalten wollte H. Grimm Michelangelo 1, 96; man spürt nicht, dasz die zeit auch nur um einen zoll durch sie weiter fortrückte Eichendorff 2, 175. es ist auch ohne die vorstellung einer bewegung einfach 'gar nicht': Findelklee, obwohl sein ganzer leib nicht eines zolles länge an musikalischer ader in sich hatte, dankte gott, wenn er sie (die jungen) singen hörte Holtei erzähl. schr. 21, 79.
6)
eine ähnliche kräftige ausdrucksweise ist keinen, nicht (nur) um einen zoll breit weichen, gewinnen, verlieren: eine internationale unverschämtheit, die für uns nach meiner ansicht die unmöglichkeit involvirte, auch nur um einen zoll breit zurückzuweichen Bismarck gedanken u. erinnerungen 2, 105 volksausg.;
und geht's nach ihm, so soll auf deutscher erde
der fremdling keinen zoll breit sich gewinnen
Bauernfeld 5, 118;
eine nation, die sich verjüngen will, kann an hab und gut alles verlieren, aber nicht einen zoll breit an der achtung Laube ges. schr. 16, 149.
7)
der zoll ist der maszstab langsamen stetigen fortschreitens: wenn ich nur eine linie breit vortheil gewonnen habe, so will ich bald bei zollen und spannen weiter gehen S. v. Laroche gesch. d. frl. v. Sternheim 1, 216; bis auf die mittlere habsburgische geschichte, wo sie sich mehr entwickelt, aber auch mit jedem zolle der entwicklung rechtlicher und reichsurkundlicher wird Herder 3, 470; aber ach! jeder zoll, den die menschheit weiter rückt, kostet ströme blutes Heine 3, 277. so sind besonders beliebt zoll um zoll und zoll für zoll: wir saszen stumm in dem wagen, und zoll um zoll drehten sich die räder in dem morgenfeuchten staube der strasze Stifter 2, 149 Sauer; wir folgen dem anschwellen der volksbewegung mit wachsender spannung, wir sehen die schwarzen wasser zoll für zoll emporsteigen Treitschke histor. u. polit. aufsätze 1, 106;
man meint, am besten sei's so kurz und gut,
bevor uns krankheit zoll um zoll verzehrt
Droste 2, 98.
8)
an der menschlichen gestalt erscheint ein unterschied oder ein wachsthum von wenigen zollen meist als etwas bedeutendes: der beinahe zwei zoll höher als ich war Bräker sämmtl. schr. 1, 163. wer an geistiger kraft oder auch nur an selbstbewusztsein gewonnen hat, scheint plötzlich um mehrere zolle gewachsen zu sein: sie ... ware schon in ihren gedancken um einen gantzen zoll oder bauren-schuch gröszer geworden, weil ein graf mit ihr zu reden verlangte Riemer der politische hasenkopf (1689) 79; so werden sie den kopf um ein paar zolle höher gegen dich tragen Knigge umgang mit menschen 3, 71; er schien um mehrere zoll gewachsen zu sein über nacht, kurz er war der inbegriff der selbstzufriedenheit Keller 5, 88; er ist, seit der zeit er révolutions de la littérature geschrieben hat, nicht um zolle, sondern um köpfe gewachsen Herder 5, 431. matter, vom masz der werthschätzung, die man einer person oder sache zollt: der dichter des Hamlet steht uns um keinen zoll weniger hoch D. Strausz schr. 6, 31.
9)
Shakespeares jeder zoll ein könig (every inch a king king Lear IV 6) ist im deutschen ein geflügeltes wort geworden und wird, in ernst und scherz, vielfach umgewandelt: wenn er durch augenblickliche erregung seinem feinen gefühl für königliche würde und pflicht zu nahe getreten war, so fand er sich schnell wieder und blieb dabei 'jeder zoll ein könig' Bismarck gedanken u. erinnerungen 2, 318 volksausg.; der könig in jedem zoll, der geborene gebieter musz betteln Ludwig 5, 284; (Shakespeare) der für die kleinste rolle einen schauspieler verlangt, an dem jeder zoll ein künstler ist Gervinus gesch. d. d. dichtung 5, 511; dasz bei einer solchen persönlichkeit jeder zoll überzeugung gewesen sein musz D. F. Strausz ges. schr. 3, 290. parodierend: garde-oberst comme il faut, jeder zoll Fontane ges. w. I 4, 243; jeder zoll ein geschäftsreisender in baumwolle Vischer auch einer 1, 1.
zoll m.
Fundstelle: Lfg. 1 (1914), Bd. XVI (1954), Sp. 37, Z. 18

Unterbegriffe in diesem Artikel

'abgabe auf waren'.
herkunft und form. zoll abgabe kommt in allen germanischen sprachen aller perioden vor auszer im got., welches dafür môta hat, ahd. mhd. zol, gen. zolles, mnd. nd. ndl. ags. me. ne. toll, an. tollr Fritzner 3, 711ᶜ; dän. told, schw. tull, daneben fem. as. tolna Gallée 324, Hel. 1195, afries. tolen, tolne Richthofen 1091, mnd. tolne, toln Schiller-Lübben 4, 571, ags. toln Bosworth-Toller 1001ᵇ. weiteres über formen mit n im auslaut unten. es liegt daher nicht fern, das wort aus dem germ. abzuleiten, besonders da den romanischen sprachen ein entsprechendes wort fehlt (vgl. u.). doch befriedigen die versuche nicht (Skeat etym. dict. 648ᵇ; century dict. 6, 400ᶜ; Brugmann grundr. ² II 1, 263), vielmehr ist die allgemeiner anerkannte ableitung von lat. telonium, gr. τελώνιον festzuhalten. τελώνιον ist der sitz oder das haus des τελώνης (ὁ τὸ τέλος ὠνούμενος), des steuer- oder zollpächters, in hellenistischer zeit allgemein das steuerbureau, auch das fiscalische Rostowzew archäol. mitt. aus Österreich-Ungarn 19, 139; Wilcken-Mitteis papyrus-chrestomathie I 2, 257. 298. das wort ging auch in die provinzen mit lateinischer verwaltungssprache über, vielfach in der dem gr. τελωνεῖον entsprechenden form teloneum. so erscheint es in der literatur sehr selten, mehr auf inschriften. es war aber sicherlich ein weithin übliches wort, da es sich in der volkssprache, deren lautgesetzen folgend, zu tolonium (toloneum) umgestaltete, vgl. Förster Wiener studien 14, 282. 294. die beiden ältesten belege, aus der sog. appendix Probi, tolonium (l. telonium) non toloneum arch. f. lat. lexikographie 11, 302 und teleonarius melius quam tolonarius 303 gehören jedenfalls der zeit an, aus welcher die erste schicht lateinischer lehnwörter im deutschen stammt. mit dem zerfall des reiches ist telonium aus dem allgemeinen gebrauch und der vulgärsprache verschwunden. die romanischen sprachen haben lauter andere, neue wörter für zoll. dagegen blieb es den schriftkundigen aus den evangelien, bes. Matth. 9, 9 vertraut; so kam es, dasz es im mittelalter zur wiedergabe der betreffenden germanischen ausdrücke nicht nur in ländern germ. sprache, sondern auch dort, wo die rechtssprache auf germanischen einrichtungen beruhte, verwandt wurde. spielarten und ableitungen zeigen dabei das germ. o, tholoneum, tolnetum u. ä., die keine belege für das ausgestorbene vulgärlat. toloneum sind. die belege bei Ducange 8, 46ᶜ ff. stammen alle aus Deutschland, England oder Nord-Frankreich. auf ein fränkisches wort geht afr. tonliu, frz. tonlieu zurück, wie auch seine bedeutung 'abgabe an den herrn eines marktes' zeigt Ducange 8, 47; Godefroy 10, 775ᶜ; dict. de l'ac. 2, 860 a. auf lat. telonium läszt es sich lautgeschichtlich nicht zurückführen Meyer-Lübke 1, 279. beim übergang ins germ. wurde, wie auch sonst, das geschlecht geändert, das n. zum m., vgl. Wilmanns 2, 270. als n. erscheint es einmal im mhd., mhd. wb. 3, 943ᵇ, es ist aber ein offenbarer schreibfehler, s. die lesarten zu Heinrich v. Neustadt Apollonius 13942 Singer. das fem. im as. afries. ae. ist eine jüngere, räumlich beschränkte bildung, die aber noch den ursprünglichen stammauslaut auf n bewahrt. dieser ist im obd. am frühesten verloren, nur die ableitung nhd. mhd. zöllner, zollner, ahd. zollanari Graff 5, 659 hat es noch heute, auszerdem ahd. in der zusammensetzung zollantuom Graff. länger hat es sich im nd. gehalten, mnd. tollen, tollent, tolne, auch in schwacher flexion acc. tolnen, dazu das v. tolnen 'zoll zahlen', tolnie 'zollgrenze', und besonders in der zusammensetzung tolnekostum, tolnslach Schiller-Lübben 4, 571; tollenschriver chron. d. d. städte 16, 356 (schichtbuch); tollenbode 115. noch heute in ortsnamen mit verhochdeutschtem anlaut zollenspieker (Vierlande), zollenbrücke (Hamburg). in den belegen mit ausl. n erscheint vielfach noch einfaches l, was als alt angesehen werden darf. das doppelte ll erklärt sich am einfachsten als assimilation von ln Wilmanns gram. 1, 171. der äuszeren übernahme folgte, wohl in allmählichem geschichtlichen verlaufe, die innere aneignung. die Germanen bezeichneten zunächst mit dem fremden worte die abgaben, die an den ihnen so fremdartigen zollstätten (am limes, vgl. westd. zeitschr. 13, 20 oder an den inneren zolllinien des reiches, wie dem illyrischen zoll Hirschfeld die kaiserlichen verwaltungsbeamten 78; Rostowzew epigr. mitt. aus Österreich-Ungarn 19, 139) verlangt wurden und sagten telonium für vectigal, wie pondus für libra. dann aber haben auch ihre könige es für gut befunden, im interesse ihres schatzes etwas ähnliches einzuführen, aber es lag dem doch eine eigenthümlich germanische auffassung zu grunde, die in dem worte sich lange erhalten hat, nämlich an stelle der rein finanziellen leistung der gedanke von leistung und gegenleistung. der könig nimmt abgaben, aber gibt dafür, sei es die sicherheit der reise durch sein gebiet, das geleit, s. th. 4, 2, 2, 2994, sei es die öffnung oder unterhaltung eines natürlichen oder künstlichen weges, oder den schutz des marktes. mit dieser rechtsauffassung ist das leben des wortes zoll in seiner allgemeinen und vielfältigen verwendung im mittelalter eng verbunden, wenn auch die wirklichen verhältnisse das wort und die einrichtung in das reine finanzielle gebiet hinüberdrängten. in Deutschland, seiner heimat, hat es sich so bis in unsere zeit erhalten und sich den wandlungen der staatswirthschaft angepaszt. in England ist toll dagegen in der Normannenzeit durch wörter französischer herkunft, wie custom, revenue bei seite gedrängt und lebt nur noch abseits in resten ohne zusammenhang, zollalterthümern, besonders in den bezeichnungen, die sich auf das mahlgeld beziehen Galfrid promptuarium 496ᵃ Way; Muret-Sanders 2, 2214ᵇ; engl. dialect dict. 6, 180f. in den neunordischen sprachen haben told, tull denselben bereich wie hd. zoll, infolge der ständigen berührung mit deutschen verhältnissen. im hd. wird zoll von anfang an als starkes masc. flectiert Graff 5, 659. der ahd. nicht belegte plur. zeigt schon mhd. allgemein den umlaut zölle Lexer 3, 1147, der im nhd. im gegensatz zu zolle von ²zoll zur festen regel geworden ist. doch erscheint im anfang der nhd. zeit noch zolle (mitteld.?): und wart vorteydinget, das das capittel (von Köln) ettliche czolle solde also lange in neme, dy wile er (Rupertus) bischof were Stolle thür. chron. 60; das ist ein stuckle eyn mal, das er newe tzolle vorpeutt Luther 8, 708 Weim. vereinzelt erscheinen schwache formen (nd. den tolnen, s. o.) Weigand ⁵ 2, 1336: das ... über die alten gewönlichen zollen, kein newer zoll aufgesetzet werden solle Schütz hist. rer. pruss. 3 a a iᵃ;
was keinen zollen gibt, das läst man frey ausgehn
Rachel lat. ged. 91 neudr.
der stammvocal erscheint obd. vereinzelt als u, plur. ü, zull Diefenbach 575ᵃ; czülle 595ᵇ; zulle, zuller nov. gl. 360ᵃ: er mindert die züll Seb. Franck chron. Germ. 22. seltenes dehnungs-h in flectierten formen, z. b. zohle verhandl. d. schles. fürsten u. stände 1, 23 Palm, ist nur orthographisch.
bedeutung.
I.
zoll ist eine abgabe, die fällig wird, wenn irgend welche güter oder waren einen bestimmten ort oder linie passieren, 'von den kaufmannswaren im durchführen' Dentzler (1716) 364ᵇ; 'von den in versendung begriffenen waren' Bluntschli-Brater 11, 341. es ist enger als steuer, nach neuerer systematik gehören zölle zu den indirecten steuern. zoll glossiert seit den ältesten zeiten ahd. gl. 4, 218 (12. jh.) das lat. vectigal. der zollberechtigte fordert, nimmt, erhebt den zoll, der pflichtige gibt, zahlt, entrichtet ihn: er erzählte, wie die menschen sich damals (z. z. der geburt Jesu) in ihrer zeit eingerichtet hatten, wie zoll gefordert und gegeben wurde Raabe hungerpastor 199; zoll ward erhoben auf sehr mannigfache weise Raumer gesch. d. Hohenstaufen 5, 452; da sprachen die menschen die den zol ein namen zu sant Peter, euwer meister hat uns den czol nit geben das summerteil der heiligen leben (1472) lxixᵇ.
1)
mit der art der erhebung und dem zweck hat sich im laufe der geschichte die bedeutung von zoll geändert. im mittelalter und theilweise in neuerer zeit bis in das 19. jh. hinein ist zoll die abgabe, die bei berührung einer bestimmten stelle, der zollstätte, zu zahlen ist, hdwb. der staatswiss. 8, 1042ᵇ.
a)
auch hier ist begrifflich zu unterscheiden, wenn auch in der anwendung begriffe und worte sich mischen.
α)
zoll ist eine art von gebühr, z. b. für die benutzung einer strasze, einer brücke, für die erlaubnis, an einem bestimmten platze waren feilzuhalten. hierfür auch die zusammensetzungen
fuszzoll
pedagium voc. theut. von 1482 i viiᵇ; mhd. vuoʒzol Lexer 3, 853;
wagenzoll
redagium voc. theut. 1482 nn 7ᵃ:
brückenzoll
pflasterzoll
wegzoll
hierzu gehört auch zol im sinne von geleite, vectigal a negotiatoribus eorumque mercimoniis exactum, olim propter publicam defensionem a praedonibus Haltaus 2164 f., vgl. th. 4, 1, 2, 2994 ff.: und soltind och fryhait und gelait haben, an alle zöll und mut Richental chron. des Constanzer conzils 33. auch diese, im gegensatz zu den ersten, welche der grundherrschaft zukamen (Luschin von Ebengreuth münzkunde u. geldgesch. 80), landesherrliche abgabe schlieszt ursprünglich die voraussetzung der gegenleistung in sich. doch ist dies zu beginn des nhd. soweit geschwunden, dasz zoll nur dann so gebraucht wird, wenn der zusammenhang es klar macht, am längsten, wie es scheint, vom brückenzoll: wobey der stadt Stetin, zu erhaltung des dammes und der brücken, ein gewisser zoll gereichet wird Chemnitz schwed. krieg 1, 59; und ist (die Blackfriarsbrücke) erst seit wenig jahren vollendet, daher auch der zoll auf derselben noch fortdauert, der auf der Westminsterbrücke längst aufgehört hat Archenholz England u. Italien 1, 1, 155.
heute braucht man für solche abgaben -geld: wegegeld, chausseegeld, brückengeld; vgl. eintrittsgeld u. ä.
β)
zoll ist eine rein fiscalische abgabe, die, ohne den rechtsgrund der gegenleistung, besonders beim eintritt in die städte, bei der einfahrt in häfen, bei der vorüberfahrt an einer stadt oder burg zu wasser, also besonders von schiffen, als an den bequemsten stellen hdwb. f. staatswissensch. 8, 1042ᵇ, erhoben wurde. sie ist daher ein indebitum, ein ungelt, s. Lexer 2, 1845: wer nur im stande war, an dem Rhein ein schlosz zu bauen, sah sich auch als den herrn des flusses an, und nöthigte den vorbeifahrenden zölle ab Schmidt gesch. d. Deutschen 3, 93; schlüszlichen .. seindt die herren directores resoluiret, wegen der neuen zölle zu Budweisz solche vorsehung zu thun verhandl. der schles. fürsten u. stände 2, 113. dieser zoll, von wagen erhoben, hiesz auch fuhrlohn; furlon od' zol, vectigal furlon voc. theut. 1482 i viiᵛ; Diefenbach mlat. hd. böhm. wb. 279 portorium zoll, fuhr lohn Calepinus septem ³ ii, 187ᵃ, was allerdings th. 4, 1, 1, 468 als 'fuhrmannslohn' aufgefaszt wird. ähnlich fahr, f., worin zoll und fähre eins sind: fahr, ein zoll, portorium. ein faar oder zoll verleyhen und auch empfahn. locare et conducere portorium Henisch 972. von schiffen schifflohn: telonarius portitor der schiflohn oder zoll uffhebt Alberus nov. dict. genus 91ᵇ. werkzoll, nd. werktollen Koppmann hamburgische kämmereirechn. 5, 626 u. ö. (für Neuwerk an der Elbmündung). andere bezeichnungen sind fron-, flusz-, wasser-, haubt-, beizoll Stieler 2251; wehrzoll 'so man an gräntzen und engen pässen hält' Frisch 2, 481ᵃ: als yetzo allenthalben manigerlay zöll eingenommen, nämlich werden ettlich genennt dätz, meüt, wasserzoll, landzoll, bruckzoll, wegzoll, pflasterzoll, ungelt, judenzoll etc. Brant layenspiegel (1512) 33ᵇ. nach der art der berechnung hatte man den pfundzoll, s. th. 6, 1814, und den guldenzoll Schmeller ² 2, 1114. nach der rechtlichen herkunft grafenzoll Koppmann hamburg. kämmereirechn. 7, lxxvii. nach äuszeren kennzeichen rother zoll, de rode tollen, de rubeo signo lxxix u. ö. (seit 1500).
b)
die letzte bedeutung ist gegen ende des mittelalters immer mehr zur herrschaft gekommen. das wort bezeichnet diese abgaben daher
α)
als das vorrecht des königs oder fürsten, die ihm zustehende einnahme: in swelke stat des rikes de koning kumt binnen deme rike, dar is ime ledich monte unde toln Sachsenspiegel 35 Homeyer; und gott hat dem weisen könige grosze schätze geben, von bergkwerck und zöllen Mathesius Sarepta 63ᵃ; und soll sich der kriegszherr benügen lassen an den fiscalischen gütern .., das seind stätt, schlösser, först, zöll, land, leut Fronsperger kriegsb. 1, 83ᵇ; so gebet nu jederman, was ir schüldig seid, schos dem der schos gebürt, zol dem der zol gebürt, furcht dem die furcht gebürt, ehre dem die ehre gebürt Röm. 13, 7. der könig verleiht, verpfändet den zoll, befreit von ihm: denn dem einen schenkt er ein herrschaft .. etlichen andern zöll und dergleichen einkommen Kirchhof wendunmuth 2, 11 Österley.
β)
als die last und beschwerung des landes, der unterthanen, als unkosten und hemmnis des handels: das land mit neuen zöllen beschweren Stieler 2251; die zölle und contributionen ohne grosze beschwerung derer unterthanen oder hinderung der commercien anzulegen Thomasius kl. deutsche schr. 103;
drümb richtens new beschwerung an,
der ein (fürst) will ein zoll, der andern han
Hutten opera 3, 532 Böcking;
per unkost vor zoll, kran, wag, und fuhrgeld Harsdörffer teutsche secretarius 1, e ee iiiiᵇ; sie kundtn nicht mehr denn schinden und schaben, eyn zoll auff den andern, eyn zinsse uber die andern setzen Luther 11, 265 Weim. daher der wunsch nach minderung oder aufhebung der zölle: die zölle ... des landes soltu ringeren, ... so werden deine zöll, zinss und gülte gemeeret Albrecht von Eyb spiegel der sitten (1511) o v a;
ihr straszen öffnet euch!
wir wollen eure zölle brechen
Schenkendorf ged. (1815) 49.
c)
in der älteren sprache waren eine reihe von verben in verbindung mit zoll üblich, vgl. bei I. der zoll wurde aufgebracht: jener herr .., der zoll von einer walfahrt zu einer hexen aufgebracht Prätorius Blockesberges verrichtung 189; aufgelegt Dasypodius 466ᵇ; einen zoll auflegen allem so uf den markt kumpt Maaler 523ᵃ; auf etwas geschlagen Dentzler 364ᵇ; aufgesetzt: das .. über die alten gewönlichen zollen, kein newer zoll auffgesetzet .. werden solle Schütz hist. rerum pruss. 3, a a iᵃ; geheischet: ich verban sie all die mir oder von meinen platnern zoll heischen Hutten 5, 389 Böcking; aufgehoben: einen haller czu zoll ufheben und nemen Jellinek mhd. böhm. wb. 995; abgethan, abgeschafft:
thet ab etlich schwer zöll zu letz
H. Sachs 8, 410 Keller.
für erlegen hiesz es auch ablegen: den zoll, der sonst im Sunde abgeleget wird Weise d. drei ärgst. erznarren 25 neudr. zu hohe zölle wurden geringert, beleg unter 1 b, β; gemindert Maaler 523ᵃ. den zoll verfahren s. 4 c, α.
d)
in der älteren sprache sind ganz besonders beliebt die verbindungen mit gleichbedeutenden oder verwandten wörtern, wovon einiges noch fortlebt. zoll und maut:
zoll, maut, gleich geldt ist uberal
H. Sachs 17, 260 Keller-Götze;
Amor sich thut drein mischen
hat auch sein mauth und zoll
Zinkgref auserl. ged. 18 neudr.
zoll und geleite: sonst hält man dich denn doch einmal unterweges als juden an, und fordert zoll und geleite von dir Göthe 23, 136 Weim. zins und zoll, eine alte allitterierende formel:
tins endi tolna
Heliand 1195;
das ieglich amtman weste wol
wem er widerreiten sol zins oder zol
Lohengrin 7269;
so hat er ouch geben zins und zoll
N. Manuel 81 Bächtold;
und euch sei kund, das ir nicht macht habt, zins, zol, und jerliche rente zu legen auff irgent einen priester, leviten .. im haus dieses gottes Esra 7, 24. zehnten und zoll: das christliche priesterthum sollte bald, wie das jüdische, dem es do so ungleich war, zehenden, zoll, regiment, gottesansehen haben Herder 5, 677. zölle und gefälle: dann in derselbigen erkennt der hauszfürst seines tachtropffes reichsgrentzen, .., seines feldes järliche eintrag, zöll und gefell Fischart geschichtklitterung 92 neudr. ungelt und zoll: also ein her des landes thuͦt seinen armen lüten unglücks und plagen gnuͦg an mit fronen, stüren, schencken, ungelt und zol Pauli schimpf u. ernst 289 Österley; als wird er .. die leibeigenschaften samt allen zöllen, accisen, zinsen, gülten und umgelten .. auffheben Simpl. 211 neudr. zoll und schosz:
und begann schon zoll und schosz von den völkern einzutreiben
Schönaich Hermann 37.
andere verbindungen: ire landgericht zu Hiersperg, Höchstett, ..., mit iren lantschranen, zircklen und zugeherungen, .. ihr pfandschafft, halsgericht, mautt, zöll, wiltpenn, perkhwerch, münz Lori samml. d. bair. bergrechts xxiv;
also auch ein recht frummer christ
der obrigkeit gehorsam ist,
thut ihr willig an widerstreben
steuer, zol und gebürung geben
H. Sachs 1, 371 Keller.
2)
in der gegenwart ist zoll die abgabe, welche auf waren erhoben wird, wenn sie die grenze eines einheitlichen wirthschaftsgebietes, meist das eines staates, überschreiten. es ist also der grenzzoll, der als eingangs - oder einfuhr-, als ausgangs- oder ausfuhr -, als durchgangs- oder durchfuhrzoll erhoben werden kann. thatsächlich kommt fast nur der erste in betracht, so dasz für uns zoll schlechthin einfuhrzoll ist. der älteren zeit gegenüber ist aus dem wort alles geschwunden, was an eine persönliche abgabe an den einnehmer erinnert und damit ein gewisses gemüthliches verhältnis in sich schlieszt (vgl. Eichendorffs taugenichts) und ebenso die auffassung vom zoll als einer persönlichen einnahme des fürsten. vielmehr ist uns zoll eine einnahmequelle des staates im abstractesten sinne und erscheint gerade als ein muster bürokratischen wesens, s.zollcuriosum. ferner ist zoll ein element der volkswirthschaft und wirthschaftspolitik geworden und damit eins der wichtigsten und lebendigsten wörter der politischen sprache. das beginnt etwa mit dem 18. jh., wo der staatszoll nach französischem muster immer weiter in Deutschland eingeführt wurde: dasz alle zum luxu dienende, item leicht entbehrliche waren, sonderlich diejenige, welche in einem lande selbst können fabricieret werden, ..., mit höhern (!) zoll müssen beleget .. werden Marperger kaufmannsmagazin (1705) 1423; es war den folgenden zeiten aufgehoben, .. die einfuhr der waren mit zöllen zu beschweren Haller Alfred könig d. Angelsachsen 187; die herabgesetzten zölle auf den tee setzten die compagnie in stand, den schleichhandel an den küsten von England zu vernichten Forster 4, 90. seitdem hat sich eine reiche fachsprache mit zahllosen zusammensetzungen, die sich stetig mehren und mehren können, entwickelt. zu den alten ausdrücken, die sich mit den alten einrichtungen bis zur auflösung des alten reiches hielten, kamen besonders zwei schichten, zunächst im anschlusz an das französische muster eine mit französisch-lateinischen bestandtheilen, daneben und später, vor allem seit 1871, eine zunächst in der wissenschaft, dann im amtlichen gebrauch sich entfaltende, mit vorwiegend rein deutschen, sich immer weiter spaltenden bildungen. von der ersten sind einige wörter wie zolladministration, zollcommissar, zolldefraudation, zollvisitator wieder verschwunden, dafür hat sie sich in der bezeichnung der dienststellen und dienstgrade noch gehalten, von der generalzolldirection bis hinab zur zollassistentur, vom zollassistenten und zollrevisor hinauf zum oberzollinspector und generalzolldirector. die untersten stufen haben deutsche bezeichnungen; so ist der abstand vom zollaufseher zum zollinspector so weit, dasz ein einzelner ihn nicht überspringen kann. dazu auf diesem gebiete der zollrath (titel) und der zollbeirath (collegium), und die zollbootsleute, zollheizer, zollkranaufseher, zollmaschinisten. die wörter, welche die verwaltung und den betrieb des zollwesens, die zollpolitik und zollwissenschaft angehen, gehören zur mehrzahl der zweiten schicht an, wie folgende auswahl zeigen mag, sonst vgl. Bluntschli-Brater 11, 340—397; handwb. d. staatswiss. 8, 1036ff.: zollordnung, zollverordnung, zollanforderungen; zollpflicht, zollschuldigkeit, zollbetrag; zolldeclaration, zollrevision, zollabfertigung, zollentrichtung, zollerhebung; zollpapiere, zollscheine, zollbegleitscheine u. ä.; zollsatz, zollansatz, zollanschlag; zollgebühr, zollnebengebühr; zollvergütung, zollrückvergütung, zollerstattung, rückzoll; zollnachlasz; zolltarif, zollsystem, zollstatistik, zollpolizei; zollwachtschiff, zolljacht, zollkreuzer, zollkutter, zollflagge, zollstander; zollbetrug, zollstrafe, zollstrafrecht, zollstrafverfahren; zolletat, zollgesetz, zollgesetzgebung, zollvorlage, zolldebatte; zollbund, zollbündnis, zollverein, zollcartell, zollconferenz, zollcongresz, zollparlament; zweck-, finanz-, schutzzölle; zuschlag-, ausschlieszungs-, unterscheidungs-, kampfzölle; werth- und specifische zölle; waren-, vieh-, getreidezölle u. s. f. weiter unten für diejenigen, welche im allgemeinen gebrauch ein gewisses eigenes leben erhalten haben oder einer erklärung bedürfen, sowie für alle älteren zusammensetzungen besondere artikel.
3)
wie aus den bisherigen belegen ersichtlich, ist der plur. zölle sehr beliebt und bezeichnet die gesammtheit derartiger abgaben
a)
als einkünfte oder lasten: das system der verpachtung der öffentlichen einkünfte, der steuern, zehnten, zölle u. s. w. Jhering geist d. röm. rechts 2, 1, 84; das holz flöszte man, nicht ohne vortheil für die kaiserlichen zölle, die Etsch hinunter Ranke 42, 29; der lagerhalter hat anspruch auf .. erstattung der auslagen für fracht und zölle handelsgesetzbuch § 420. andere belege u. 1 b u. c.
b)
als einheitliches organ der volkswirthschaft, so besonders als titel oder als stichwort in encyclopädischen darstellungen: zölle auf waaren Marperger kaufmannsmagazin 1422 (stichwort); versuch einer abhandlung de jure vectigalium, oder von den zöllen (buchtitel) allg. d. bibliothek 16, 456. ähnlich Meyer konv.-lex. ⁶ 20, 977; Bluntschli-Brater 11, 340. weitere belege oben unter 2.
4)
die bedeutung von zoll verschiebt sich nach verschiedenen richtungen. gerade in diesen bedeutungen ist der sing. lebendig.
a)
zoll ist der im einzelnen falle zu zahlende betrag, der zollsatz: en idel wagen gift halven toln jegen enen geladenen Sachsenspiegel 256 Homeyer (II, 27 § 3); item ungeld hir uff die 4 stucke: czoll gegeben off die crude 27 gl. (lies gr.), item czoll off die czuw balen mandeln 14 gl.; item czoll off den ries 6 gl. Sattler handelsrechnungen d. deutschen ordens 517; es weyss ein yeder wol, welcher ist zu Bregytz gewesen, so einer uber die prugken geht, muss er ein pfenning zol geben nachtbüchlein (1559) 216 Bolte; die kaufleute geben noch von allen waaren, .., vom centner 2 xr. zoll Nicolai reise d. Deutschland 1, 234; der zollner solte ausgeben, ich hätte ihn .. umb den zoll betrogen Grimmelshausen 4, 885 Keller.
b)
die zollerhebung an einer bestimmten stelle als amtliche thätigkeit und ausübung eines verliehenen rechts. es gehört dies der älteren sprache an, vgl. oben 1 b α: ein zoll wird so von der landesherrschaft aufgerichtet, aufgesetzt, sie verkauft ihn oder tut ihn aus Stieler 2251 an den pächter, käufer. dieser besteht ihn Stieler, kauft ihn und hält ihn dann:
durch nutz sagete er mere,
recht und unwandelbere,
wie daʒ zeimal were
ein richer zolnere,
der durch gewin hielt den zol
passional 138, 55 Köpke;
item wir vorbannen und vormaledeyen alle, die in yhren eygen landenn new tzoll auffrichten odder die vorpottene foddern Luther 8, 696 Weim. (bulla coenae domini);
den adel hat er gfressen schon,
itzt wil er zu den stetten gon,
den setzt er auff ein newen czoll.
sag an du wolf, wan bistu voll?
Hutten opera 3, 535 Böcking;
do verkauft der margraff von Brandenburg .. die freiung und den walt und den zol, den er hie unter allen thoren hat gehabt chron. d. d. städte 2, 15; im sommer zog er (sein vater) nach dem städtchen Penzlin, wo er den zoll von den baronen Malzahn ... gekauft hatte Voss antisymb. 2, 176. ein solcher zoll gilt als reicher besitz:
ja hett ich allweg pare
ein gulden in der hand,
als offt die weiber fahren
nach flöhen unders gwand,
ich wirt ein reicher knabe.
hett ein köstlichen zoll
Fischart flöhhatz 69 neudr.
sprichwörtlich ist so der zoll am Rhein:
der schillinger wird nützer sein
und besser dann der zoll am Rhein
H. Sachs 7, 139 Keller.
besonders in der in volksliedern häufigen wendung hätt' ich den zoll am Rhein:
het ich das keiserthumb,
dazu den zol am Rein
und wer Venedig mein,
so wer es alles verloren:
es mus verschlemet sein
bergreihen 53 neudr.
c)
zoll ist zollstätte.
α)
die stelle, wo der zoll erhoben wird, das haus, in oder vor dem der zöllner sitzt. der übergang von dem, was an der stelle vorgeht, zur rein örtlichen auffassung ist natürlich flieszend: Theodosius war ein gegenschreiber am zoll S. Franck chron. Germ. 64ᵃ; do ... sach er einen menschen am zol sitzen (sedentem in telonio) Zür. bibel Matth. 9, 9, ebenso Luther 6, 19 Bindseil, entsprechend Luc. 5, 27; wie der Matheus ist gerufft worden von gott aus dem zoll erste deutsche bibel I 4 (vorrede) Kurrelmeyer; ein paar mädchen von zwölf bis vierzehn jahren saszen am zoll in einem artigen kabinette und nahmen das weggeld ein Göthe 34, 366;
statt guter pferde elende schindmähren;
überall zölle, schlagbäume und barrieren
Kortum Jobsiade 1, 90;
beim zoll zu Straszburg stiegen die meiste ans land Simpl. 322 Kögel; also kunte Clawert bis auff den zoll sein viehe ohn unkosten herausbringen Krüger Clawerts werckl. hist. 39 neudr. daher hiesz den zoll verführen oder verfahren, mhd. verfüeren, mnd. untvuren 'einen umweg um das zollhaus vorbei machen', um den zoll nicht zu bezahlen Adelung; oder auch einfach schmuggeln, paschen, vectigal non solvere Frisch 481ᵃ; sve so brücge toln oder water toln untvurt, die sal ine virvalt gelden Sachsenspiegel 256 (II 27 § 1) Homeyer. vgl.zollstrasze. diese verwendung von zoll ist auch heute durchaus geläufig: man geht auf den zoll, die beamten auf dem zoll sind freundlich oder unangenehm, der reisende bringt seine cigarren glücklich durch den zoll u. s. w. als bildliche wendungen schlieszen sich hier an durch den zoll kommen:
maniger wirt dahin gesant,
der nicht vor dem ende hat
schonen unde wisen rat
an deme der in bescheide wol,
wie er hin kume durch den zol (das fegefeuer)
passional 583, 44 Köpke.
aus dem evangelium bekannt am zolle sitzen:
indessen lasz (Jesus) mich hier am zoll der welt nicht sitzen,
wenn dir Matthäus folgt, so zeuch mich auch nach dir
Schmolcke trost- u. geistr. schr. 1, 410;
es sitzt der schlaf am zoll, hat einen guten handel,
sein ist der halbe theil von unsrem gantzen wandel
Logau sinnged. 118;
wer am zoll sitzt ohne reich zu werden, ist ein pinsel Göthe 11, 96 Weim. (Clavigo).
β)
rein räumlich das zollgebäude, auch ohne bezug auf die zollerhebung: wenn nun die kaufleut ir gut in dem zole haben (in der dogana, dem 'czollhausz der gemeine') Arigo decameron 533 Keller; namlich dasz der uber die brucken gehet, für den zoll söll ein vatter unser ... bätten Stumpf Schwytzerchron. 431ᵃ; nechst dem zoll am fahrthor ein kistlein abgestellt (anzeige vom 23. juni 1752) Belli leben in Frankfurt a. M. 4, 3; bawen auch ferner auff den zoll einen starcken newen thurn Micraelius altes Pommerland 3, 434; den zoll uber der brücken und die klausz, hat die stadt selbst abbrennen, und etzliche joch abwerffen lassen Merkel bericht v. d. altenstadt Magdeburg belagerung (1587) j 4ᵇ. der name zoll bleibt an einer solchen stelle haften, auch wenn längst kein zoll mehr dort erhoben wird, z. b. der ochsenzoll an der hamburgisch-holsteinischen grenze, besonders als wirthshausname wie der wasserzoll an der Ill bei Straszburg Martin-Lienhart 2, 902ᵇ.
d)
zoll geht auch ins abstracte hinüber, im sinne von zollverwaltung, zollwesen: so, wie diejenigen die besten zollbedienten sind, die den zoll am meisten betrogen haben, ehe sie bankrot wurden Rabener 4, 234;
ein drohender protest, zu wenig an procenten,
ein viel zu mildes jahr, der allzu schlaue zoll:
diesz alles füllt sein herz mit unmuth, gall' und groll
Ramler fabellese 2, 513.
auch heute in der umgangssprache in wendungen wie jemand ist beim zoll (angestellt), er kann beim zoll ankommen, beim zoll wird primareife verlangt.
5)
zoll wird auch gelegentlich für abgaben anderer art gebraucht.
a)
seltener für steuern dinglicher art: zoll, wölcher ausz den weyden oder sunst gemeiner allment auffgenommen wird. scriptura Maaler 523ᵃ; dann es zu Rom gewonheit ist, dasz so einer der fischen gefangen wirdt, pflägt man ihre köpf der oberkeit als ein zool zugäben Herold-Forer thierbuch 3, 28.
b)
für persönliche abgaben: tallia stúre bette zol ungelt Diefenbach nov. gl. 358ᵃ; die Egypter haben einen zoll auf die personen gesäzt, so ... bei den astrologis raht gefraget Butschky Pathmos 313; haben den huren zu Rom eine schwere straff angethan, dasz sie zoll geben müssen, und inn verdeckten wägen faren Fischart binenkorb 9ᵃ. die kopfsteuer der juden hiesz judenzoll Adelung 4, 1730, vgl. Campe 5, 878ᵇ.
c)
von abgaben unbilliger, schikanöser art, was auch in den belegen zu b zum theil enthalten ist: des groszen Alexander vater hätte dadurch seinen ruhm nicht wenig verkleinert, dasz er ... die erschlagenen Thebaner verkaufft, und auff ihre begräbnisse einen zoll erschlagen Lohenstein Armin. 1, 63ᵇ; Vespasianus hat ein zol auffs bruntzwasser geschlagen S. Franck sprichwörter a ii 34ᵇ; der teufel aber liesz alle jahre einen (der 12 Johannes) von der scheibe fallen und nahm ihn zum zoll Grimm d. sagen 1, 224.
d)
ganz unbestimmt für eine leistung, die von einem verlangt wird:
lieber trag' ich denn zu zeiten
leichte unbequemlichkeiten,
wenn ich mit so schwerem zoll
erst davon mich lösen soll (ordnung im hause schaffen und beobachten)
Rückert 2, 199.
II.
als wort des allgemeinen verkehrs ist zoll in allerlei andere verhältnisse eingedrungen, aber durchweg mit wahrung der ursprünglichen anschauung.
1)
im mhd. gehört zol nemen und zol geben zu den beliebten wendungen mhd. wb. 3, 946ᵃ, z. b. vom sieger und besiegten Wolfram Wilh. 43, 10; Neidhart 5, 2; ferner bei den minnesängern, z. b. von vröuden zol geben leid gewinnen. später wird es zu einem leeren füllwort: des versuchens zol versuchung Daniel 3462; der lugne zol 5514. die vorstellung des nehmens und gebens erscheint dagegen noch in älteren nhd. belegen:
von schulden musz y sorgen wol,
von froiden git min herze zol
Moscherosch gesichte 2, 274;
gebstu myr von deiner grobkeit zol,
so mechtig ward keyn her am Reyn
der mit myr legt gleich pfennig eyn
Murner schelmenzunft 36 neudr.
so auch alliterierend und alterthümelnd:
mit bösem zoll
zahlt' ich den bau
R. Wagner ges. schr. 5, 265.
2)
umgekehrt wird die neuere vorstellung des grenzzolles selten verwendet: gegen diese flüssigkeit (der romanliteratur) also ist kein damm erfunden, die manufakturware ist zu wohlfeil, sie ist für den hausbedarf zu nöthig, als dasz irgend ein zoll könnte bestimmt werden, den sie nicht überwände Gervinus gesch. der d. dichtung 5, 328.
3)
reich und vielseitig ist die weitergehende verwendung von zoll als der abgabe, welche dem herrn als einnahme zukommt.
a)
gewinn am handel: sollen wir (handelsleute) nicht .. durch unsere thätigkeit auch zoll von jenen artikeln nehmen, die theils das bedürfnis, theils der übermuth der menschen unentbehrlich machen? Göthe 21, 54 Weim.; im thale und an den bergen herum sind noch sehr viele zerstreute hütten, .. welche .. jenen handwerken, .. durch abnahme der erzeugnisse ihren zoll entrichten Stifter s. w. 5, 1, 200. schlieszlich einfach 'einkommen': wer aber den heller zu rathe helt, ... und teilet das mal fein ein, der ... hat teglich seinen zoll und einkommen zu gewarten Mathesius Syrach 116ᵇ.
b)
ertrag des bodens, der pflanzen:
er (der sommer) liefert feld und wald den angenehmsten zoll
Neukirch anfangsgründe d. teutschen poesie 75;
schlanke winzer bringen
goldner trauben zoll
Kind gedichte 3, 305;
heut' fiel mir schon die erste frucht vom baum,
den ich gepflanzt, als zoll für meinen gaum
Hebbel 6, 431.
häufig der honig, den die bienen sammeln:
gar starck und immer zahlen
die blümlein ihren zoll
Spee trutznachtigall (1649) 128.
c)
auch sonst von dem, was die natur aus einem theile hergibt, um einen andern zu bereichern:
giebts felsen, die aus salz bestehen,
dadurch die heiszen bäche gehen,
und deren zoll sie heilsam macht?
Gottsched neueste ged. 38.
d)
freier, von dem, was zu einem gröszern zusammenhang wird: von dort geht sie (die Siller) mündig mit groszen schlangen in die noch weitern, noch ebenern länder hinaus, während alle bäche .. fortfahren, ihren zoll zu ihr hinzutragen Stifter 2, 327.
4)
zoll ist, was die höhere gewalt, z. b. als gottheit, schicksal, zeit, auch teufel, von uns fordert:
die bösen götter fordern ihren zoll
Schiller 12, 381:
als auch Christus den unschuldigen zol gab Eberlin v. Günzburg 3, 276 neudr.; Hume bezahlte durch diese schicksale den zoll, den jeder berühmte mann an schiefe köpfe abzutragen hat Zimmermann über die einsamkeit 1, 82; wie sehr .. Winckelmann dem zeitalter der polymathie seinen zoll entrichtet hatte Justi Winckelmann 1, v; die hohen berge fordern zoll von unsrer kraft Rosegger schriften II 12, 193; er ist dem teuffel entronnen, wie wol er den leib hat mussen druber zu zoll geben und dem teuffel lassen Luther 23, 422 Weim.; (würden nicht) die teufel ires zolles mangeln? der höllisch schiff- und karrenmann Charon hungers sterben Fischart geschichtsklitt. 95 neudr.
5)
den zoll der natur, auch des lebens zahlen und ähnliches ist sterben: sterben ist der grosze, der natur schuldige zoll und tribut Bode Tristram Schandi 5, 32; sanft und dringend fordert die natur ihren zoll Göthe 8, 303 Weim. (Egmont);
wenn ich nun soll
des lebens zoll
durch meinen tod dir reichen
Simon Dach Fischer-Tümpel evang. kirchenlied 3, 63;
der kan
schreiben auf, was nach euch bleiben
und von euch stäts reden soll:
das den jahren keinen zoll,
die es trotzen darf, soll geben
Sigm. v. Birken ostländ. lorbeerhayn 341;
nur wenn dann ein groszer völkerordner .., der sterblichkeit seinen zoll entrichtet Jahn werke 1, 170.
6)
in der dichtersprache, bes. der Schlesier und Obersachsen, sind thränen ein zoll, den schmerz, wehmuth und jede gefühlserregung fordern:
die wehmuth fordert ihren zoll
Stoppe Parnasz 444;
sogleich erschien die Merope
uns thränen, als den zoll der menschlichkeit zu lehren
Gottsched neueste ged. 12;
zurück zu eurem quell, verkehrte thränen!
dem schmerz gebühret eurer tropfen zoll, (your tributary drops)
ihr bringt aus irrthum ihn der freude dar
Shakespeare 1, 99 Schlegel (Romeo u. Julie III 2).
so auch von ähnlichen äuszerungen des gefühls:
seufzer sind der theure zoll,
welchen wir der erde geben
Günther ged. (1735) 109;
dahingegen Orestes den zoll der menschlichkeit für seine gräuelthat bezahlt, und mit entsetzen flüchtet A. W. Schlegel Athenäum 2, 244.
7)
umgekehrt bringen wir andern personen gefühle als einen zoll dar, der ihnen gebührt, so dank, treue, verehrung, mitleid: vor allem aber habe ich den zoll der dankbarkeit dem finder dieser unschätzbaren denkmäler zu entrichten J. Grimm kl. schr. 2, 1; erhabene hingabe, wunderbarer zoll von treue und zärtlichkeit, ihr musztet helden erzeugen! Arndt schr. für u. an s. l. Deutschen 2, 298;
jetzt bist du meine schwester und dein mitleid
fodr' ich von dir als einen heil'gen zoll
Schiller 14, 116.
8)
ein zoll ist die bezeugung solcher gefühle, besonders die verschiedenartigen beweise der liebe:
hab' oft den kuss noch, den du raubtest, halb
zurück gehalten, und ihn gott geweiht,
als zoll des danks für unsern schönen bund
Hebbel 1, 94 (Genoveva I 2);
ich ... wuszte, dasz die fischhändlerinnen, ..., dem kaiser als ihrem patrone noch alljährlich am sonnabend vor pfingsten grüne maien als zoll der verehrung an das postament steckten Immermann 18, 40 Hempel;
das liebe kind giebt schon der liebe zol,
den lokke-kus, darauf
Zesen vermehrter Helikon 1, 257;
jenes (das jawort) ist ein zoll, den man nach der gewohnheit bringen musz, denn mein herz ist ihnen schon längst eigen Gottschedin briefe 1, 91;
Phaon hat die Venus zwar über einen strohm geführet,
aber keinen lohn begert, minder noch den zoll berühret
Grob dichter. versuchgabe 90.
als poetenwort wird es so von poetischen huldigungen gebraucht:
drum nimm diesz schlechte blatt als meiner treue zoll
Gottsched ged. 1, 364;
aber wem der götter bringen
wir des liedes ersten zoll?
Schiller 11, 359.
9)
etwas zu zolle lassen ist in älterer sprache 'hingeben, verlieren':
du singest übel oder wol,
du lâst hie dînes lîbes zoll
J. Grimm Reinhardt 391, 28;
wenn sie wandern ihre straszn (die vögelein),
müssen sie traun ohne maszn
manches kind zu zolle laszn
M. Ziegenspeck Fischer-Tümpel 2, 2.
10)
zoll musz man geben als fremder: wan ich ausz dem hertzen und ausz der seele kumme fur dye leuthe, bin ich inn eynnem andern landt, do ist meyn gelaydt ausz, hie mueszenn wir zcoll geben Luther 9, 567.
11)
sprichwörtlich: wie der markt ist, also ist der zol Seb. Franck sprichw. (1545) a i 83ᵃ;
wie es vogelt, so legt es eier,
wie der marckt, so ist der zoll
Eyering proverb. cop. 3, 554;
sparen ist ein groszer zoll und eintrag, doch soll man es bey zeit anfahen Seb. Franck a i 46ᵃ;
sparen und genau sein alle frist
der gröste zoll auf erden ist
Eyering 3, 313.
gedanken geben keinen zoll, vgl. zollfrei:
denn er könn thun in seinem lebn,
gedanken keinen zoll nicht gebn
Dedekind der christl. ritter c viiiᵇ;
abgewandelt: es giebt gedanken, für die man den zoll mit der herzensruh bezahlt Nestroy 2, 79. andere volksthümliche wendungen: die da stutzeten, und sich scheueten im reden, pflegt er (Geiler von Kaisersberg) zusagen: herausz mit, du darfst ja kein zoll darvon geben Zinkgref apophthegmata (1628) 222 (vgl. das derbgemeinte 'raus, was keinen hauszins zahlt!');
zu den der Eulenspiegel gieng,
verhiesz in gelt, wann man im bring
zwölf thonnen der matery voll,
darvon man sonst gibt keinen zoll
Fischart Eulenspiegel 225 Hauffen.
Zitationshilfe
„Zoll“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/Zoll>, abgerufen am 21.02.2019.

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