angehen n
Fundstelle: Lfg. 2 (1852), Bd. I (1854), Sp. 343, Z. 26
invasio, in allen bedeutungen des verbums, angehen der noth, des kampfs und werks, des feuers, des jahrs, der pflanze: solcher helden gibt es viele .. die im schnarchen und groszsprechen rittermäszige leute, im angehen (an den feind) aber hasenherzig sich erweisen. Simpl. 1, 256.
angehen
Fundstelle: Lfg. 2 (1852), Bd. I (1854), Sp. 339, Z. 75
invadere, aggredi, adoriri, nnl. aangaan, die bedeutungen werden verständlich, wenn man sich die partikel als praeposition denkt, was
1)
am leichtesten geschieht bei transitiven wörtern, deren acc. ursprünglich von der praep. abhängig erscheint, einen angehen will sagen an einen gehen, auf einen losgehen, mhd.
sô rechet mich und gêt ir alten hût mit sumerlaten an!
Walth. 73, 22,
macht euch an ihre haut mit stöcken. wenn dem kreisenden jäger kein wild aufstöszt, sagt er: mich ist nichts angegangen. dem alterthum waren fieber und seuchen lebendige, den menschen peinigend anfallende wesen, sie gehn ihn an, kommen über ihn, und wenn sie angeflucht werden, heiszt es, dasz sie ihn angehn sollen:
ei das dichs faldubel ange und der rit!
fastn. sp. 36, 14;
das dich der rit selbs musz angen!
524, 13;
das dich nit drus und beulen anget.
173, 1;
das si der falleten (fallende) siechtag angieng.
geschichtsfreund 7, 248;
pfu, das euch dis und jenes angehe, warum weiset ir mir ein solch bild? Luther 4, 502ᵇ; wahrscheinlich ist danach folgende stelle zu deuten: wann ein gaul angangen (von der seuche angefallen) ist, oder angehn (erkranken) wil, das ist wann es (ihm) anfangt zu schlagen und blasen im bauch. Seuter rosarznei 22 (siehe 2, e). Von jedem thier, dessen angang gefahr droht, könnte gesagt sein, dasz es uns zu unheil angehe. Aber auch bei andern zuständen, die wir heute abstract auffassen, scheint eine ähnliche sinnliche vorstellung im hintergrund liegend, mhd.
daʒ weinden sîne mâge, des gie sie wærlîche nôt.
Nib. 2002, 4;
alles wird deutlich, sobald man ein ausgelassenes an hinzu denkt, nôt gie sie an, nôt gie ane sie, eine lebendige, personificierte noth, und andere mal steht wirklich:
der hæte unmuot und michel leit
und gieng in (eum) ouch des nôt an.
Trist. 181, 3;
wo statt des persönlichen acc. ein dat. eintrat, ist der ausdruck unlebendiger geworden. Nib. 2175, 3. 2251, 2 (gramm. 4, 249). nicht anders bei zorn, kumber, râche gât mich an (Ben. 1, 467ᵃ) und das ahd. mih ist wuntar (gramm. 4, 142) läszt sich ergänzen: mih ist wuntar ana gigangan. nhd. was mag wol den evangelisten noth angehen? Luther 4, 451ᵇ; was gehet in not an? 4, 537ᵇ; und was gienge mich noth an in eins andern sachen? Luthers br. 4, 186; vgl. Jer. 2, 27 wenn die not her gehet. mit adjectivischem not (gramm. 4, 244)
mich gieng klagens nöter an dan dich.
fastn. sp. 610, 6,
wo der ursprüngliche sinn der redensart ganz ungefühlt ist. das in (eum) kein entlich rew ange. Schwarzenb. 151ᵃ. wir sagen noch heute: noth geht uns an, die höchste noth hat uns angegangen. In vielen andern fällen hat angehn diesen transitiven sinn mit dem acc. der sache, meistentheils der person: unsere schif möchten angeen etwa an einen schrofen und felsen. Frank weltb. 222ᵃ, wo sich die praep. neben der partikel wiederholt; ir habt mir mein lebentag noch nie angezeigt, worinne ich streflich gewest oder geirret hab, habt alles mit gewalt (wie vorhin mit sumerlaten) angangen. Luther 2, 464ᵇ; er gieng ihn mit dem degen in der faust an; er geht uns mit baren lügen an; es angehn, unternehmen, versuchen, heiszt deutlich an etwas gehn, an die gefahr des kampfs gehn: er geht es tapfer an; laszt es uns beherzt angehen; die liebe zu ihrem vaterlande hat etliche eine gefährliche sache anzugehen erkühnet. pers. reiseb. 3, 4; sie giengen ein geisz an, die ein schleier auf hat. Garg. 259ᵇ;
da war gar keine furcht bei heiden mehr zu sehen,
der schlimste wolt es wol mit hundert an itzt gehen.
Werders Ariost 26, 22;
wann du den mut nicht hast es mit mir an zu gehen.
30, 84;
einen angehn, einen kampflich bestehn, auf einen los gehn: der hund geht die schweine an, greift, faszt sie an; was soll man mit den alten sachen angehen? Opitz Arg. 1, 424;
denn es gieng ein loser mann
ofters einen beszren an.
Logau 2, 244;
und fordert ihn heraus, den zweikampf anzugehn.
Hagedorn;
rief er hervor die tapfersten aller Achaier
gegen ihn anzugehn den hochgefährlichen zweikampf.
Bürger 206ᵃ;
gerades oder krummes weges wider einen angehn. Klopst 12, 96; da ich sie doch nun kenne, die übel, gegen welche die freimäurerei angehet (ankämpft). Lessing 10, 276;
es däucht ihn grosz und schön
das schwerste abenteur der tugend anzugehn.
Wieland 22, 255.
ein ding, ein werk angehn, aggredi: der barbierer aber verstehet, er solte ihm einen zahn ausbrechen, sucht derowegen seine instrumenten hervor, das werk anzugehen. Simpl. 1, 687; die alten wissen ihre sachen klüglicher anzugehen als die jungen. pers. rosenth. 6, 2; man soll nicht ein ding angehen, man habe es denn zuvor wol betrachtet. Lokman fab. 6; sie mögen es angehen (angreifen), wie sie wollen. Wieland 2, 162; dasz man es ungeschickt angehen müste, wenn man sie nicht dahin bringen könnte. 15, 319. einen angehen meint auch blosz sich an einen wenden, ihn befragen, ersuchen, auffordern: dorfte deren keiner mehr mich ichtwas angehen oder fragen. Philander 2, 38; er ist so vielfältig angegangen worden, diese geschichte den freunden seiner muse mitzutheilen. Wieland 1, vorr. s. v; den richter bittend angehen; am meisten aber bespricht er sich mit unserer edlen tante, die er von zeit zu zeit besuchend angeht. Göthe 21, 124; des morgens gieng Lucidor festen entschlusses hinab, mit dem vater zu sprechen und ihn deshalb in bekannten freien stunden unverzüglich anzugehen. 21, 137; es bleibt nichts übrig, als Lucinden selbst anzugehen, sie musz es wissen, sie zuerst. 21, 144. Die gelindeste bedeutung empfängt aber dieses angehen, wenn es attinere, pertinere, betreffen aussagt, und dazu findet sich früher fehlerhaft ein dat., heute nur ein acc. der person gefügt: was gehen dir die cameele an? pers. rosenth. 1, 18; hörestu etwas neues, das einem andern angehet? 8, 35; wen gat es an? Brant narrensch. 174;
was nicht mir, das geht auch dir nicht an.
Brockes 1, 444;
es gehn der sanften braut verrauchte herzensschwächen
dem klugen bräutigam nichts an.
Gotter 3, 303;
was geht der (huic) die mutter an,
die selbst mutter werden kann?
Lessing 1, 73;
aber was gehen dem christen dieses mannes hypothesen und erklärungen und beweise an? 10, 10. doch setzte Lessing anderemal den acc.: was geht dich meine unschuld an? 2, 29; Xylander hat die worte, welche den Sophocles angehen, folgendergestalt verbessert. 6, 309. was gehet es dich an? Joh. 21, 25; was gehen mich die drauszen an? 1 Cor. 5, 12 (goth. blosz hva mik?); der handel geht mich nicht an. Weise kl. leute 256; der mensch geht uns gar nichts an; er geht uns in etwas an, ist uns einigermaszen verwandt;
der streit, versichert er, gieng eine wahrheit an,
die er so sonnenklar, so scharf beweisen kann.
Wieland 9, 48;
wie Virgils Aeneide mehr den glanz Roms angieng, als die sitten desselben. Herder 16, 248; der einst werth befunden worden einen namen zu führen, der mich mehr angieng. Schiller 287; nein, was mich angeht, ich bin von nun an der abgesagte feind des hauses Österreich. 977; nichts, was blosz die sinnliche natur angeht, ist der darstellung würdig. 1126; und wenn ich dich lieb habe, was gehts dich an? (quid ad te?) Göthe 19, 57; dasz alles dir noch ebenso theuer ist, dasz ich dich noch ebenso angehe. Tieck Sternb. 1, 19. schon mhd. waʒ gât mich und dich daʒ an? (Ben. 1, 467ᵃ). man verbindet damit auch adverbia: es geht mich schwer, hart an, es musz ihn nahe angehn; dieser fall geht mich selbst zu nahe an. Gotter 3, 77;
der knaben schicksal lasz
den göttern. mich und dich gehn sie nichts an.
— ihr blut geht nah dich an, sehr nah.
Klopst. 9, 65;
o weisheit des herrn und o güte! wie nahe geht alles den menschen an. 11, 150, was wieder jenem alten noth geht an und nöther geht an begegnet.
2)
Schwieriger sind die fälle anscheinender intransition, ihr an kann sich auf keinen ausgedrückten, wol aber auf einen ausgelassenen und zu ergänzenden acc. beziehen. es sind lauter schöne redensarten, voll innerer kraft.
a)
das feuer geht an, accenditur. es galt für ein wildes, ausgebrochnes, holz und häuser anfallendes, verzehrendes thier, warum sollte es hier anders zu fassen sein als jenes thier des fiebers? das feuer geht an hiesze demnach, es springt an das holz, an die balken, greift sie an, invadit, das haus ist angegangen, invasum, correptum est. dann aber, als die lebhaftigkeit des ausdrucks sich minderte: das holz geht an, das zimmer, der stall geht mit an. keine ahd. mhd. belege sind aufgezeichnet, der ausdruck musz doch bestanden haben wie heute. denn das fewr ist angangen durch meinen zorn. 5 Mos. 32, 22; und fewr gieng an. ps. 78, 21; denn es ist das fewr in meinem zorn uber euch angangen. Jer. 15, 14; darumb wil ich ein fewr aus dir angehen lassen. Ez. 28, 18; wenn das haus von fewr angehet. Baruch 6, 54; dasz der wald bei Werda auch angangen sei und viel orten mehr, hilft kein löschen. Luthers br. 5, 200; die bruck gieng an von fewr. Münster 702; dasz im nachts vom athem das bett angangen. Fischart Garg. 105ᵃ; aus dem rauch des herzens der inbrünstig seufzenden armen ist diese brunst angangen. pers. rosenth. 1, 29; dasz wir sorgten das zimmer möchte angehen. Simpl. 2, 486; da gieng das feuer erst recht an. maulaffe 9; als einesmals zu Augspurg die pulvermühl angegangen. Hohberg 1, 306ᵇ; der tisch wollte eben angehen. Schiller 121; mann und frau sahen zu, wie die fünklein bald angiengen, bald auslöschten. Hebel s. 14. vgl.ausgehen undaufgehen.
b)
gleich der feuersnoth sind andere nöthen. das wasser geht an heiszt steigt an, tritt an das ufer: das wasser was von groszem regen angangen und gewachsen. Plut. 68; durch das regnen sind alle wasser grausam angegangen (angelaufen). Stumpf Schweiz. chron. 728ᵇ. hier geht dich der wind nicht so an, ist deutlich: geht nicht so an dich, und es könnte auch ohne acc. gesagt werden: der wind geht heute stark an. in andern fällen angehender noth sahen wir vorhin den acc. hinzugefügt, heute sagen wir oft ohne ihn: nun geht die noth an, nun wird der jammer angehen! nun geht das unglück an. Göthe 14, 294. warum wäre nicht in gedanken beizusetzen: an uns, an die leute, und die phrase wird bedeutsamer. Logau sagt 1, 8, 25:
er steht viel fester noch als feste cedern stehn,
die regen, thaw, reif, schnee, frost, hitze wird angehn.
c)
statt der noth und des übels kann aber auch heil, glück und frohe zeit angehn: nunmehr gieng eine selige zeit im lande an (die menschen, leute);
an wird gehen alle lust, auf wird hören alles klagen.
Logau 2, 10, 57;
das neue jahr, der tag, der abend geht an (das land, die welt); die heuernte, weinlese ist angegangen. freilich hat sich hier überall die abgezogne vorstellung des anhebens, beginnens entfaltet: wecke mich, wenn es angehn (los gehn) soll;
schauspiel, ball und schmausereien
gehen nun von neuem an.
Gotter 1, 49;
vor alters aber dachte man sich das jahr, den mai einziehend ins land, den tag heran reitend, ihre annäherung wurde als solche empfunden. auch erscheinen wirklich begleitende accusative: der schône sumer gêt uns an. MS. 1, 21ᵃ, und dann fällt der ausdruck zu den offenbar transitiven. gleich dem unheil wurde heil angewünscht: so müsse dich auch ein gut jar angehen! Luther 4, 457ᵃ; daselbst sol einen ein glück angehen. Agricola spr. 111ᵃ;
mich solt ein glück angan.
fastn. sp. 827, 7;
kein glück gieng dich sonst niemer an.
883, 16. 884, 7;
ihr bequemt euch nach der zeit
und geht an die süsze freude.
Fleming 362.
d)
angehen drückt uns ferner aus wachsthum und gedeihen: die pflanze, der baum geht an, sollte das ursprünglich nicht meinen geht an die erde, schlägt wurzel, schlägt an, wie es auch heiszt? drückte es blosz aus gedeiht, wächst in die höhe, so würde auch vom aufwachsenden thier gesagt werden, dasz es an gehe (doch s.angehend). von einem solchen vegetabilischen angehn und gerathen scheint sich aber einfach die häufige und vielfach abgestufte vorstellung des glückens, gelingens, fortgangs und halben anwachsens abzuleiten: es gehet ihm glücklich an nach seinem fürnehmen. Luther 4, 137ᵇ, prośpere succedit, bene cedit; wenn die lügen geraten und angehen (so spricht man vom kraut), wie des bapsts lügen geschehen ist. 2, 62ᵃ;
dasz allen er gefallen kan,
geht schwerlich, glaub ich, jedem an.
Logau 1, 8, 38;
Cotta wer ein reicher mann,
wann sein anschlag nur gieng an.
2, 9, 12;
sie dachte, wie sie mich doch bringen möcht durch list
von den gefährten ab: solchs ihr angangen ist.
Werders Ariost 6, 38;
und dieser bosz gieng mir bei diesem närrischen volk frei (schön) an. Ayrer proc. 2, 5; es wäre ihm auch wol angegangen (gerathen, gelungen). Opitz Argen. 2, 60. das fortgehn grenzt an hingehn, passieren, gestattet sein:
in Spanien geht dieser fuszzwang an.
Hagedorn 2, 158;
das geht nicht an, versetzt ihm Majens sohn,
du kommst hier nicht so leicht davon.
Wieland 10, 163;
das gienge schon noch an.
Gellert 3, 403;
'zeig her'. der knabe reichts. 'geht wol an,
aber es fehlt noch manches dran'.
Göthe 2, 215;
die schmerzen gehn noch an, sind leidlich, mäszig; die hitze geht diesen sommer noch an, ist nicht allzu heftig.
e)
endlich bezeichnet angehen auch putrescere: das fleisch geht schon an, über in fäulnis, geht über. zu kühn wäre die ergänzung: es geht schon an oder vor die würmer, bemerkenswerth aber ist, dasz auch anbrechen gesagt wird, gerade wie angehen und anbrechen beide vom anfang des tags gelten. angegangnes obst, anbrüchiges, von anbrüchigen speisen bildet man niederd. das verbum anganern. vielleicht hierher die stelle vom angehenden gaul (oben unter 1). Wer nun die unter a)—e) versuchten deutungen, welche das transitive und intransitive angehn ausgleichen, misbilligt, musz sich damit begnügen in dem an ein unpraepositionelles d. h. auf keinen andern gegenstand bezognes voran, oder ein abstractes beginnen zu suchen, das auf die meisten fälle von 1) nicht past und auch bei 2) zu andern ellipsen zwingt. denn man hätte der tag, das feuer, das obst geht an immer verschieden auszulegen, und wenn wir sagen: der fisch geht. an, meint das doch sicher: beiszt an die angel, an den köder. in einzelnen fällen bleibt freilich die deutung durch beginnen letzte zuflucht, z. b. wenn Fischart Garg. 93ᵇ sagt: da giengen die glocken an prim pram, da huben sie an zu läuten.
Zitationshilfe
„angehen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/angehen>, abgerufen am 16.10.2019.

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