aufbinden
Fundstelle: Lfg. 3 (1852), Bd. I (1854), Sp. 621, Z. 62
nnl. opbinden, in verschiednem, oft entgegengesetztem sinn:
1)
in die höhe binden: die haare aufbinden;
hett ich ein buͦlen als mancher hat,
ich wolt im aufbinden sein gelbes har
mit eitel brauner seiden.
Uhland 89;
die hosen aufbinden, in die höhe ziehen und nesteln. Fischart podagr. trostb.; eingenestelt, die stümpf (l. strümpf) aufgebunden. Garg. 173ᵇ. geschnittenes oder gehauenes getraide aufbinden und in garben aufstellen;
ein baurentochterlein wolt gersten aufbinden,
da stachen sie die distel in die finger.
Garg. 88ᵃ;
blumen, stengel aufbinden, dürres laub aufbinden, in bündel sammeln. die schwänze der pferde aufbinden; die pferde (mit dem kopf hoch) aufbinden: und solts aufbinden, das sie nicht mist oder kot aufnaschen. Seuter s. 13; ehe du den gaul wilt laufen lassen, so gib ime ein gaufen oder zwo mit geseubertem futter, darnach bind den gaul auf und decke ihn zu. s. 8; die nacht zuvor, wann es am andern tag zu morgens soll laufen, lasz es ungessen, steh aufgebunden. s. 11. den mantelsack aufbinden; gepäck und koffer aufbinden, auf die kutsche: der diener ersuchte ihn einzupacken, weil sie noch diese nacht aufbinden wollten, um mit anbruch des tages wegzufahren. Göthe 20, 148. er bindet bald auf. Eyring 2, 217 musz bedeuten, er ist jähzornig, reizbar, fängt schnell händel an; das du dorumb nit strackes mit inen ufbindest und glichs im harnisch seiest. Keisersb. post. 4, 37; damit ich nicht mit ihm bald aufbinde. Zinkgref 138, 4, in streit gerathe, vgl.anbinden, ↗kurz angebunden sein. Henisch 386 hat aufgebunden petulans, dissolutus.
2)
aufbinden mit dat. der person, alligare, imponere: soltu inen die hauben aufbinden. 2 Mos. 29, 9; darumb musz uns der bapst gesetze aufbinden. Luther 5, 219ᵇ; nachdem sie dem Xenophon von Athen ihrer heimfart sorg aufgebunden hetten. Fronsp. 3, 276ᵃ;
ist jemand hier zu finden,
dem man verräterei mit wahrheit könn aufbinden?
Gryphius 1, 66,
d. i. zur last legen, schuld geben. gegen das 18 jh. heiszt aber allgemein einem eins aufbinden, ihm etwas unwahres weis machen, ihm eine lüge aufheften, gleichsam auf den arm heften, auf die nase binden, dasz ers glaube. Stieler 157 hat schon dies inducere in falsam opinionem, auch Frisch 1, 98ᵇ, nicht der ältere Henisch. ja, ich war einsmals so verwegen eben dieses dem kaiser selbst, da er bei guter laune war, aufzubinden. Felsenb. 3, 120;
wer hat dir, Kunz, das aufgebunden? —
sei drum, so ward mir doch nichts aufgebunden.
Lessing 1, 21;
er hat ihr einen vater aufgebunden. 2, 357; ihr habt immer solche familiengeheimnisse, doch mir wird man in solchen fällen nichts aufbinden. Göthe 20, 293; indessen meine schöne diese worte ganz treuherzig vorbrachte, sah ich sie bedenklich an, weil es schien als ob sie lust habe mir etwas aufzubinden. 23, 92; unter uns jungen leuten hatte sich ein gewisser kitzel erhalten einander etwas aufzubinden und wechselsweise zu mystificieren. 25, 238; wo das versammelte concilium einer predigt des jesuitengenerals zuhört. ich möchte wol wissen, was er ihnen aufgebunden hat. 27, 37; so hat uns Lessing aufgebunden, dasz die alten nur das schöne gebildet. 38, 94; der verstand will sich nichts unechtes aufbinden lassen. 53, 115; dasz er sich abendlicht für morgenlicht aufbinden lassen. J. Paul komet 3, 122; schade, dasz dieser sich die vermeinten bedingungen, die hirngeburt eines der elendesten annalisten hat aufbinden lassen. Niebuhr 2, 279; auch hatte es keine gefahr, dasz sie, wenn die leiche des tribunen Genucius nicht gefunden worden wäre, sich hätten aufbinden lassen, dasz er gen himmel entrückt worden sei. 3, 204.
3)
endlich heiszt aufbinden auch losbinden, entbinden, den knoten aufbinden, aufknüpfen, lösen; die haare aufbinden, die verschlungnen locken und zöpfe lösen und der zusammenhang hat zu entscheiden, ob ein mädchen mit aufgebundnem haar ausdrücke mit zierlich aufgeputztem (nach 1) oder mit frei und los fliegendem (nach 3).
ich sag dir warlich, wiltu nit schweigen,
ich wil dir erst die rechten punt aufpinden.
fastn. sp. 36, 27,
das bündel deiner untugenden öfnen, aufmachen.
wo du (teufel) mit toller brunst die sinne kanst entzünden,
und ware lieb aufbinden (auflösen, dissolvere).
Gryphius 1, 60.
den sack aufbinden, öfnen, mhd. enbinden. myst. 293, 27. das nnl. opbinden hat blosz die bedeutung von 1, nicht von 2 und 3: het haar, de broek, de kousen, den wijnstok opbinden.
Zitationshilfe
„aufbinden“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/aufbinden>, abgerufen am 05.12.2019.

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