Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

aufmutzen

aufmutzen
bei Maaler (Pictorius) 35ᵃ. 295ᵃ aufmützen. mhd. fast unerhört, während des 16 jh. in aller mund, später wieder selten werdend, musz doch schon im 14. 15 jh. entsprungen sein. man hat die sinnliche bedeutung von der abgezognen zu unterscheiden.
1)
aufmutzen, comere, ornare, parare, adornare, aufputzen, aufstutzen, bei Dasypodius mangonizare, feile waare aufschmücken; sich erlich aufmützen exornare, sich hübsch machen, wol aufgemutzter, wol gebutzter buͦl, culta amica. Maaler 33ᵃ. nit sihe an ain gezierte frawen, das du nit einfallest in ir strick, zemal wan si sich also raisig aufmutzen und zerzerren, busen offen stand, der hals, es ist als gefitzt und gefetzt, es seind lauter sünden strick. Eck pred. 5, 46 bei Oberlin 67; sich zum tanz mutzen. Keisersberg post. 131; mann oder frau, die sich aufmutzen. 132; sie zieren sich und mutzen sich auf. schimpf und ernst cap. 151; so lief der narr zum reiswagen und besicht, ob man in auch rüstet und aufmutzet. cap. 198; wie hat der teufel hie todte knochen, kleider und gerete für der heiligen beine und gerete aufgemutzt. Luther 5, 287ᵇ; da ward er zornig und kunds nicht leiden, das ich seiner kreien die pfauenfeddern ausrupft, darein er sich geschmückt hatte und für ein vicarius Christi aufgemutzt. 2, 147ᵇ; sich aufmutzen zum tanz. Frank spr. 289ᵇ; lär, schwelke, hangende brüst aufmutzen. 26; und hat ein jeder sein heiligen aufgemutzt, damit ein zuͦlauf gemacht. weltb. 129ᵇ; von gold, silber, edlem gestein, seidin gewand seind sie schon aufgemutzt. 193ᵃ; wann sie in den krieg ziehen, pflegen sie ire har hoch aufzumutzen (in altitudinem quandam et terrorem adituri bella compti, ut hostium oculis, ornantur). Micylls Tacitus 449ᵇ; dieweil wir der neuwen ding unfleiszig sein, mutzen nur das alte hoch auf. Aventin chron. 127;
darnach hebt man ein tanzen an,
do sich unser tochter und frauen
vor mutzen auf und lassen schauen
in perlein, rocken, guldin kronen.
fastn. sp. 380, 12;
und auch mit kleidung sich aufmutzt,
mit worten irem ehman trutzt.
H. Sachs III. 1, 179ᶜ;
mit kleidung sie sich schön aufmutzt.
III. 3, 96;
so rat ich das usz minen witzen,
wir thüeiend post also ufmützen,
in kleidind, rüstind seltzamlich.
Ruefs Adam 466;
das thier in apocalipsin ist so gewaltig von der huͦren aufgemutzet, das es die ganz welte anbettet. Wernstreit kriegbüchl. 25; reichlich gestaffiert, geschmuckt, aufgemutzt und gebutzt werden. Fischart bienenk. 4ᵃ; dasz man die kirch mit schönen bildern aufmutzen musz. 142ᵇ; man kann sich nit vil aufmutzen und pflänzlen, wann man traurig und in trübsal ist (immundas fortunas aequum est squalorem sequi. Plaut. Cist. 1, 2). Bernh. Heupold Plautus redivivus. Augsb. 1628 s. 35. hieraus ergibt sich
2)
ein abstractes erheben, hervorstreichen, übertreiben, meistens in schlimmer meinung. schon in der erweiterung eines gedichts von Suchenwirt, jedenfalls noch aus dem beginn des 15 jh. (bei Primisser s. 167ᵃ)
teten die herren nun ietzund daʒ
den schnœden und unnützen,
eʒ stuend in sicher drî stunt baʒ
denn daʒ sies herfür mützen.
wenn ein reicher nicht recht gethan hat, so sind viel, die ihm überhelfen, wenn aber ein armer nicht recht gethan hat, so kan mans aufmutzen. Sirach 23, 27; iglicher christ wolle wissen, das der teufel gerne wolte solche geringe stücke hoch aufmutzen. Luther 3, 37ᵇ; darumb brüstet und mutzt (der geist) solche grosze wort auf. 3, 83; das ist auch nicht der geringsten stück eins, das sie aufmutzen. 3, 146ᵇ; wie denn die gedenken, so nicht beten, sondern allein mit frevel urteilen und iren dünkl aufmutzen. 4, 373ᵃ. br. 3, 369; aber also hat man gottes gebot nicht müssen aufmutzen, sondern ligen lassen. 4, 395ᵇ; wie es Paulus Rom. i hoch aufmutzt. 4, 498ᵇ; in welchem (brief) ihr mir ewre arbeit, fahr, weinen so aufmutzet. 5, 40ᵃ; die schendlichen papisten und lesterer mutzen hoch auf, das die kirche sei heilig und müge nicht irren. 5, 292ᵇ; dis mutzet die epistel an die Ebreer hoch auf (hebt hervor). 5, 317ᵇ; umb des hohen rhums, den sie hatten, und treflichen scheins willen, den sie machen und grosz aufmutzen kundten. 5, 371ᵇ; welchs doch ein lauter falscher schein ist, damit sie herkomen und ir nichtig leben so aufmutzen, das alles andre verachtet wird. 5, 446ᵇ; aber weit uber und vor diesem allen hat er diesen dienst sonderlich gepreiset und aufgemutzt, beide dere, die sein wort hören und predigen. 6, 33ᵃ; wie er (der teufel) denn meister ist sunde zu machen und aufzumutzen und aus einem funklin ein grosz fewer blasen kan. 6, 62ᵇ; sihe, solches edles stuck der bejicht haben die papisten ganz gedempft und nichts daraus gemacht, denn die falsche untregliche marter mit sünde zelen, und das alles zum guten werk aufgemutzt, damit gott versünet solt werden. 6, 109ᵇ; trawen, hie solt ich mich wol selbs in die backen gehawen haben, dazu gefangen und geschlagen sein mit meinen eigen worten, sonderlich wo die scharfen antilogisten uber das buch kemen, die mich wie den öl (al) beim schwanz halten, und alle meine widerwertige rede wissen aufzumutzen. 6, 154ᵇ; also hat Paulus bei solchen mit seinem euangelio auch nichts mehr ausgericht, da er mit allen trewen gepredigt hatte, denn in verachten und taddeln, und sich so aufmutzen. lieben freunde, wir sind nicht aus einem stein gesprungen, ja so wol getauft und christen als s. Paulus. 6, 220ᵃ; sihe also kan s. Paulus den herrn Christum predigen, preisen und aufmutzen, das wir sehen was er sei und thu. 6, 241ᵇ; weil sie solchs mit prechtigen worten und groszem geschrei, das sie fürgeben, aufmutzen, als leren wir, das wasser die seele bade. 6, 278ᵇ; und weisz nit allein das böse hoch aufzumutzen, sondern auch die tugend. Luthers tischr. 8ᵇ; die ärgsten buben dringen hart und mutzen ir ding hoch auf. 25ᵃ; die sünde so hoch aufmutzen und grosz machen. 157ᵃ; das du mir volgend die lieb der einsamkeit so hoch lobest und aufmutzest. Melanchth. sendbr. an einen kartheuser. Wittenb. 1524. bl. 2; sunder fahen an sein leben als tugentreich aufzuͦmutzen und erzölen all sein kunst, redlicheit. Frank weltb. 11ᵇ; ein ufgemutzt, nichtig, vermeint fürbringen. Zöpfls Götz von B. 28;
mit worten loben und aufmutzen.
H. Sachs I, 258ᶜ;
was thuts helfen oder nutzen,
da nichts dahinder aufzumutzen?
Melissus O. Z. 163;
hette gern die sach grosz aufgemutzt. Kirchhof wendunm. 156ᵃ; und tröstet sich eines prechtigen juristens, der ihm den handel rechte wol aufmutzen und erlengern sol. Ringw. laut. warh. 272;
der schwager thut sein red aufmutzen,
die ich gleichwol nicht strafen kan.
Ayrer 362ᵇ;
man mutzt an ihnen alles haarklein auf.
Günther 487;
diesen punct weisz der pabst wiederum sehr hoch aufzumutzen. Hahn 4, 150.
3)
aus diesem aufmutzen, preisen, hervorheben, vorhalten, wenn ein persönlicher dat. dabei stand, flosz unmittelbar die neuste bedeutung des vorhaltens = zur last legens, vorwerfens. Ayrer fastn. sp. 27ᵃ sagt:
du mutzest mir hoch auf mein glück,
und seind doch lauter schlechte stück,
das kann heiszen, du preisest mir mein glück zu hoch, oder machst mir einen vorwurf daraus, ziehst nachtheilige folgen für mich aus diesem lob. sie schemten sich, das sie so viel kinder haben solten, der herr würde ihnen dies aufmutzen (tadelnd hervorheben). Widmanns Faust (Haupt 2, 263); diese rede ist mir so sehr aufgemutzt worden, dasz ich itzt drei tage in dem loche stecke. Weise kl. leute 93; mit vorbehalt, dasz er bei erster gelegenheit solches aufmutzen wolte. erzn. 435; als wolte man der jugend (juventuti) unverstand allzusehr aufmutzen. maulaffe 193; excusierte das mir so hoch aufgemutzte verbrechen. Felsenb. 2, 135; ein wolthäter, der den undank zu hoch aufmutzt. Liscov 26; so würden sie uns den mangel der vernunft, den sie in unsern schriften bemerken, nicht mehr so hoch aufmutzen. 511; dasz wir unsere thorheiten vor augen sehen und diejenigen, welche die alten begangen haben, entweder gar nicht wissen, oder doch aus ehrerbietung gegen das alterthum, nicht so hoch aufmutzen. 660; must du aus einer flüchtigen anmerkung, die du mir gar nicht hättest aufmutzen sollen, solche folgen ziehen? Lessing 1, 403; wegen des spöttischen tones habe ich nicht zeit dieses 'dein' nochmals aufzumutzen. 1, 572; denn je gröszer er sich selbst macht, desto unbarmherziger wird ihm der leser sein thörichtes unternehmen aufmutzen. 6, 4; ein fehler, den man so einem stümper kaum aufmutzen darf. 6, 115; denn ob er schon den Griechen sehr hoch aufgemutzt hatte, dasz sie glaubten der genusz des abendmals breche das fasten. 8, 409; daher mag ich dem nachbar seinen trumpf auch kaum aufmutzen. 10, 99; oder man findet es zugleich so viel sonderbarer und unrechter, dasz ich es in dem tone thue, den man mir so hoch aufmutzt. 10, 228; und in der that, seine feinde hatten unrecht, ihm solche kleinigkeit so hoch aufzumutzen. Wieland 8, 242; einem jeden armen menschen wird seine individualität, sein beschränkter zustand aufgemutzt. Göthe 45, 184; mutz mir doch den primas nicht auf. Bettine br. 1, 352. so hat, an diesem wort, allmälich die vorstellung des schmückens und lobens sich verwandelt in tadel und vorwurf, doch hieng gleich anfangs auch jenem putzen etwas flatterhaftes und sträfliches an. Fragt es sich endlich nach der urbedeutung des worts, so kann sie blosz für das sinnliche aufmutzen gesucht werden, und hat ihre schwierigkeit. wir werden unter mutz sehen, dasz auch dieses einfache wort putz ausdrückt, unthunlich aber wäre, in mutz und putz, aufmutzen und aufputzen einen wechsel zwischen m und p anzunehmen. vielmehr wurde schon bei abmutzen erkannt, dasz es entsprungen sei aus abmurzen, abmurzeln, abschneiden, folglich musz auch aufmutzen sein aufmurzen, aufschneiden, aufstutzen (was man sehe) und aus schnitt, zustutz der kleidertracht erklärt werden. nach der Limburger chron. §. 36 waren um 1350 die männerröcke um die brust oben gemützert und geflützert (Herp bei Senkenberg sel. 2, 11 schreibt gemotzert und gepflützert), vornen aufgeschlitzt bis an den gürtel. junge männer trugen kurze kleider, die waren abgeschnitten auf den lenden, gemützert (Herp 12 gemotzert) und gefalten mit engen armen. das ganze mittelalter trug zerhauene, zerschnittene, zerfetzte kleider, man sagte vestimenta incidere, cultellare (Caesar. heisterb. 4, 15) und tunica cultellata (5, 45), nun wird das vorhin aus Ecks predigen angeführte aufmutzen, zerzerren, fitzen und fetzen verständlich sein, aufmutzen ist aufschneiden, aufstutzen und dann aufschmücken. Da aber mützen ornare aus Suchenwirt nachgewiesen wurde und murzan, murzilôn bereits ahd. truncare, curtare, altn. murtr curtus, gestutzt ausdrückt, ein pferd mit gestutztem schweif gemutzt und mutz hiesz; so kann aufmutzen nicht vom it. mozzare, eher umgedreht dies von mutzen hergeleitet werden. mehr noch untermutzen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1852), Bd. I (1854), Sp. 692, Z. 45.
Zitationshilfe
„aufmutzen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/aufmutzen>, abgerufen am 17.02.2020.

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