aufstehen
Fundstelle: Lfg. 4 (1852), Bd. I (1854), Sp. 746, Z. 48
surgere, stare, nnl. opstaan, sich erheben.
1)
aufstehen von, aus dem bett, lager:
so stehet ir morgens früe auf und ziehet ewr strasze.
1 Mos. 19, 2;
da stund Abimelech des morgens früe auf und rief allen seinen knechten.
20, 8;
und stund auf in der nacht und zoch an den furt.
32, 22.
das wild steht auf vom lager, erhebt sich.
episch verbunden mit essen:
stehe auf, setze dich und isz von meinem wildbret.
1 Mos. 27, 19;
stehe auf mein vater und isz von dem wildbret deines sons.
27, 31;
legt sich und schlief unter der wacholdern, und sihe, der engel rüret in und sprach zu im, stehe auf und isz.
1 kön. 19, 5. 7;
und er stund auf und asz und trank.
19, 8.
so wird auch einem bären zugerufen: stehe auf und frisz viel fleisch. Dan. 7, 5 und dem entzückten Petrus: stehe auf, schlachte und isz. apost. gesch. 10, 13. gleich häufig folgt dem aufstehn ein gehn, wandeln, ziehen nach, als die eigentliche durch das aufstehn bedingte handlung: des morgens aber stund Laban früe auf, küsset seine kinder und zoch hin. 1 Mos. 31, 55; sprach der herr zuͦ im, stand auf und gang in die statt. Frank weltb. 149ᵃ;
wenn der pfaf aufstehet und gehet zur metten
und der edle hirsch gen holz gehet und thut ihm selber betten.
weidspr. 8.
ich steh aber erst auf, derhalben ein guten morgen. Garg. 56ᵇ;
frü aufstehen ist nicht gut,
frü trinken noch das best thut.
160ᵇ.
man sagt aber einem sich verspätenden, des erfolgs verlustigen: da hättest du früher aufstehen müssen.
2)
aufstehen vom boden, von der erde, vom stul, von der bank:
da stunden die männer auf von dannen und wandten sich.
1 Mos. 18, 16;
steht auf, nim den knaben.
21, 18;
und stunden auf und neigten sich.
2 Mos. 33, 10;
da stund er auf von seinem stuel.
richt. 3, 20;
da stund David auf von der erden und wusch sich.
2 Sam. 12, 20;
weiber, die zum evangeli (in der kirche) aufstunden.
Garg. 151ᵇ.
mit diesem aufstehn verknüpft sich wiederum episch das sprechen, weil der redende, um gehör zu erlangen, vorher sich erhebt: da stund Paulus auf und winket mit der hand und sprach. apost. gesch. 13, 16; da man sich aber lang gezanket hatte, stund Petrus auf und sprach zu inen. 15, 7; und etliche stunden auf und sprachen. Marc. 14, 57.
3)
aufstehen vom mahl, vom tische:
und er asz und trank und stund auf und gieng davon.
1 Mos. 25, 34;
stund er vom abendmahl auf.
Joh. 13, 4;
und der könig stund auf vom mahl und vom wein.
Esther 7, 7;
die entsetzliche mahlzeit, woran diese gepriesenen glücklichen schwelgen, von der sie betrunken aufstehen.
Schiller 187ᵃ;
sie sind noch nicht von tische aufgestanden;
aufstund der könig und sein adel,
ein (l. eim) ritterspil zusehen wolten.
H. Sachs I, 426ᵃ.
4)
entgegen einem aufstehen, sich ihm zu ehren erheben, assurgere (s. aufspringen 2): und da er die engel sahe, stund er auf inen entgegen und bücket sich mit seinem angesicht auf die erden. 1 Mos. 19, 1; fur eim grawen heubt soltu aufstehen. 3 Mos. 19, 32. auch mit dem dativ:
für zeiten stunden junge den alten höflich auf,
jetzt heiszts, junger sitze, und alter greiner lauf!
Logau 2, 7, 22;
dem neuen, der hereintrat, wenn er würdig genug war, standen sie auf und neigten ihm einen willkommen. Göthe 17, 224; bis endlich die freunde kämen, denen du aufstündest. das.
5)
aufstehen vom tode, wie vom schlafe, resurgere, auferstehen: weichet, denn das mägdlein ist nicht tod, sondern schläft, und sie verlachten in. als aber das volk ausgetrieben war, gieng er hinein und ergreif sie bei der hand, da stund das mägdlein auf (goth. urrais sô mavi, ahd. arstuont daʒ magatîn). Matth. 9, 25; die todten stehen auf. 11, 5; die gräber thäten sich auf und stunden auf viel leibe der heiligen, die da schliefen. 27, 52; mägdlein ich sage dir, stehe auf (goth. mavilô urreis). Marc. 5, 41; so werden sie auch nicht gleuben, ob jeman von den todten aufstünde. Luc. 16, 31;
aufzustehn zu jenem leben,
wirst du, gott mein gott, mir geben.
Klopstock 7, 199;
staub du ruhest, steh auf in das leben!
Mess. 11, 903;
ach, dasz ich ihn nur seh, wenn er aufsteht.
13, 494.
6)
aufstehn von der krankheit, aus der ohnmacht, sich erheben: da nun der hirsch von seiner krankheit wieder aufstund. Lokmans fab. 3; er ist schon aufgestanden, genesen.
7)
aufstehn, oriri, surgere, existere, aufkommen, entstehn, entspringen: aber das sind fehrliche sachen, wo irrunge, zwitracht und secten unter den christen aufstehen. Luther 3, 103ᵇ. br. 2, 575; aufstehen, sich erheben, empören, insurgere, einen aufstand machen; wie oft einem ein glück aufstehet. Agricola spr. 111ᵃ; da frawen nemmen meister zu machen aufstund, da kame die arznei in das ellend. Paracelsus chir. schr. s. 1; da sind sie nach der hand auf ein andere art aufgestanden (hervorgekommen). Fischart bienenk. 236ᵇ; man vernimmt teglich, wie umb ein jedes kloster bald ein statt aufstehet, dann der has ist gern, da er geheckt wird. Garg. 260ᵃ;
die häuser stehen auf, die mawren seind beschlossen.
Weckherlin 253;
wann aber ein solcher practicant aufstehet und ein groszes unglück auf einen gewissen tag verkündiget. Schuppius 614; dasz nit alle jahr Aristoteles aufstehen, das kompt daher, weil keine Alexandri magni leben. 795; weil mir eine gelegenheit in Italien zu reisen aufgestanden. maulaffe 109; sobald diese einen gesang zu spielen anfieng, so stunden die begierden auf. Wieland 34, 33; indem nun das deutsche theater sich völlig zur verweichlichung hinneigte, stand Schröder als schriftsteller und schauspieler auf. Göthe 26, 194;
und gedächte jeder wie ich, so stünde die macht auf
gegen die macht, und wir erfreuten uns alle des friedens.
40, 337;
wie, wenn nun ein neuer Luther aufstände? Lichtenberg 1, 48; er glich langsam aufsteigenden gebirgen, die stets mehr ausbeute abwerfen als schnell aufstehende (sich erhebende). J. Paul Tit. 1, 163; in der schwülen stille stand gegen vier uhr ein fächelnder abendwind auf (erhob sich). Hesp. 4, 47; im düstern haine stand ein wilder fels auf. Tit. 2, 67; und es ist der verwegene gedanke in mir aufgestanden. Göthe an Schiller 289.
8)
weidmännisch, die vögel stehn vor dem hunde auf, erheben sich, fliegen auf. die fische stehn auf, tauchen unter dem eis hervor an die luftlöcher. bergmännisch, der schwaden steht auf, steigt in die höhe.
9)
aufstehen, offenstehen: die thür steht auf; das fenster stand die ganze nacht auf; als ich hörte, einem sei durch zufall das maul aufstehn geblieben. Tieck 3, 19. während alle unter 1—8 verzeichneten aufstehen mit sein, bildet dieses das praet. mit haben: das thor hat aufgestanden.
10)
aufstehen, feststehen: das schif steht auf; der wagen steht auf, hält still; das eine tischbein steht nicht auf; ich stehe fest mit dem fusz auf. die Frankf. ref. II. 24, 10 verbindet fallieren und aufstehen von einem kaufmann der seine zahlungen einstellt, heiszt dies festsitzen?
11)
aufstehen vom wein gebraucht bedeutet trüb oder schal, anzick werden, einen stich bekommen, was sonst abstehen, abständig heiszt. so sie mit einem wein umbgehn, derselbig bald aufstehet und seiger wird. Paracelsus 1, 883ᵃ.
12)
ähnlich ist das aufstehen, stumpf werden der zähne, nach genossener herber und saurer speise, was sonst ilgern, eilen oder auch lang werden heiszt.
aufstehen n
Fundstelle: Lfg. 4 (1852), Bd. I (1854), Sp. 748, Z. 22
nach verschiednen bedeutungen des vorausgehenden verbums: das frühe oder späte aufstehn; das aufstehn vom stuhl, vom tische; das aufstehen (sich erheben) des zur erde gedrückten wilds; da die gemeine zu Rom ein aufstehen machet, beredt ein kluger mann die aufgewigelten, dasz sie wider einzogen. Schuppius 831; gröszere freiheit begünstigt das aufstehen aller ideen; das aufstehen des weines, wenn er, nachdem er hell war, wieder in gährung kommt; das aufstehen der wolle an den thieren im frühjahr.
Zitationshilfe
„aufstehen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/aufstehen>, abgerufen am 16.10.2019.

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