Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

austreten

austreten,
exculcare, nnl. uittreden.
1)
trauben, ähren austreten, den saft aus den trauben, die körner aus den ähren treten; dasz ich ihm nicht die zähne austreten soll. Lessing 1, 513; könnt ich ihnen doch all das gehirn austreten, die dafür oder dawider schreiben. Lenz 1, 182.
2)
calcando delere: ein funke fiel hier nieder, tritt ihn schnell aus!; man muste das feuer austreten (sofort ersticken). Göthe 18, 257; den speichel austreten: platsch, tritts aus! Garg. 154ᵇ; der pfütze das auge austreten (oben sp. 800); ein solchs honigswäffelin ihm auszutreten. Garg. 77ᵇ.
3)
calcando excavare: die stufen austreten; die treppe ist ganz ausgetreten.
4)
die schuhe austreten, sowol die engen weiter treten, als ganz vom fusz treten, ausziehen, ablegen: du hast nun die kinderschuhe ausgetreten; er meint immer, ich habe die kinderschuhe noch nicht ausgetreten. Bettine briefe 1, 310. einem andern die schuhe austreten, einem dicht nachtreten, nachfolgen, um seinen platz werben: Romanus so dem Stephano die schuch austrat (gegenpabst Romanus, der Stephan den 6 im j. 897 stürzte). bienenk. 213ᵇ; etlich tretten den einsiedlern die schuch aus und flechten korb. Garg. 185ᵇ; verleumbder die einem andern gern die schuh austreten. Kirchhof wendunm. 56ᵃ; besorgte, ich möchte ihm vielleicht die schuhe austretten, sahe mich derowegen mit neidigen augen an. Simpl. 1, 97; wer den ehrenberg erstiegen hat und die leiter nit nach sich zeucht, dem können die schuhe leicht ausgetreten werden. Lehmann 175. Fischart verzeichnet nᵒ 435 ein gesellschaftsspiel 'den schuch austretten'.
5)
austreten hiesz auch geradezu aufspüren, attraper: kann er in dann im läger nicht austretten oder finden. Fronsp. 1, 5ᵇ; ir vermeint, ich wölte euch ewer lebtag an die Elicia und Arreusa geschmitt haben und ich werd euch kein andere austretten. Wirsung Cal. Z 3ᵃ; man findet vil leut, die weit und breit gereiset haben, bis sie ein ort ausgetretten, da sie möchten stille haben. Petr. 193ᵃ; es war unmöglich gnug vermögliche säugammen für in auszutretten. Garg. 110ᵇ, vgl.ausgehen 8.
6)
intransitiv, excedere, secedere: tredet uz und nemet den lantman zu uch! (vgl.ausmahnen). weisth. 3, 488; der soldat muste austreten, aus dem glied treten; als Gotthart und Siegfrid an der hausthür stehend blieben, gieng eine compagnie studenten vorbei, unter denen zween waren, die unsere beide reisende kanten, dise traten aus (procedebant, traten aus dem haufen). unw. doct. 295; auf die an die mannschaft gerichtete frage, wer den gefahrvollen zug wagen wolle? traten alsbald drei kühne jünglinge aus (vor) und erklärten sich bereit; er ist ausgetreten, flüchtig geworden;
ich will gehn, austretten darmit.
H. Sachs III. 1, 22ᵇ;
aus dem zimmer, aus dem wagen treten: wann eine vornehme leiche sol begraben werden, so kompt ein mann endlich ins gemach, darin die trauerleute versamlet sind, und fragt, ob denen herrn und freunden geliebe auszutreten, dann es sei nunmehr zeit. Schuppius 633; woselbst der graf Carlsson aus dem wagen sprang und Eckarthen (am andern wagen zum aussteigen) die hand bot, der aber nach gemachter complimente selbst austrat (ausstieg). hebamme 10. es bedeutet dann auch entweichen, entfliehen (Haltaus 86. 87) und ausgetretene soldaten sind flüchtlinge, deserteurs. austreten, aus dem bund, aus der gesellschaft treten; ein ausgetretener mönch, der das kloster verlassen hat; dasz alle ordensgenosze, wann es ihnen geliebet, ungehindert möchten ab und austretten. Garg. 273ᵇ. austreten, im sinne von beiseits, über die schnur treten, bedeutet auch was auslatschen, auslecken, untreue begehn. Das wasser tritt aus, über sein bett; der flusz tritt aus aufs feld und auf die wiesen; läszt der regen nicht nach, so musz der strom austreten;
seht der Rhein ist ausgetreten,
reiszt zu sich dies unglücksland.
Arnim schaub. 1, 240;
die galle ist ausgetreten und hat das blut entzündet.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1853), Bd. I (1854), Sp. 1003, Z. 45.

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Zitationshilfe
„austreten“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/austreten>, abgerufen am 07.05.2021.

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