Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

befürchten

befürchten
timere, pertimescere.
1)
unsere alte sprache pflegt die verba des fürchtens, zur erhöhung des begrifs der innerlichkeit, reflexiv zu setzen, d. h. ihnen den dat. (nicht acc.) des persönlichen pronomens beizufügen. es heiszt also goth. ôgan sis, faurhtjan sis timere, ôg mis timeo; ahd. ih forhtu mir, mhd. ich vürhte mir (gramm. 4, 29. 33. 35). da aber ahd. und mhd. für die dritte person der unterschied zwischen dat. und acc. aufhört, vielmehr der acc. sich zugleich für den verlornen dat. sir gilt; so muste auch im nhd. sich fürchten der dativ ungefühlt werden, und man begreift, wie nicht nur sich fürchten, er fürchtet sich, sie fürchten sich gesagt wurde, sondern auch ich fürchte mich, du fürchtest dich statt ich fürchte mir, du fürchtest dir. man erwäge vereri, φοβεῖσθαι. Wie sich fürchten construiert nun auch sich befürchten und sich befahren. denn man sich befürchten musz. Luthers br. 5, 708; wir sollen nicht denken, dasz diese letzte fehrliche zeit weniger gefahr sich zu befürchten habe. Melanchth. im corp. doctr. chr. 974; er beforcht sich ergers. Aimon O 4; so musz ich mich befürchten, ich möchte ertichtete sachen herausgeben. Micrälius 1, 48; da sie sich befürchteten, der kaiser möchte sich mit dem könige von Dennemark verbinden. 2, 262; darumb befürchte ich mich, dasz nicht etwa mir selbst lebensgefahr zuwachsen möchte. pers. rosenth. 1, 10; dann ich befürchte mich, dasz ein starker feind mich überfallen wird. 1, 12; ich befürchte mich, dasz sie dann ursache nehmen möchten, mich etwas zu fragen. 4, 3; als nun der dieb sich seines lebens befürchtete. baumg. 4, 17; weil er sich des andern befürchtet. Lokman fab. 26; denn ich bin ein so freundlich schelmchen und befürchte mich, sie möchten einander wol gar umbringen. Schoch stud. H 2; vor einem vielschreienden hahn hastu dich nicht zu befürchten, der wird dir kein leid thun. Schuppius 292; der neidhart hasset und verachtet jedermann, die geringen, weil sie nicht seines gleichen sind, die höhern, weil er sich befürchtet, sie möchten ihn demütigen. Harsdörfer gespr. sp. nᵒ 288; hätten wir uns des übelsten zu befürchten genugsame ursach gehabt. Felsenb. 1, 90; der pabst befurchte sich, dasz auch die churfürsten wieder ihn aufstehen möchten. Hahn 5, 287; niemand hat sich zu befürchten, dasz ich. Bünau 1, 6; was befürchtet er sich denn von uns? Lessing 3, 38; welcher sich ganz und gar keines unglücks befürchtet. 7, 353. Die beispiele zeigen, dasz wie bei sich befahren und besorgen die sache im gen. steht, oft aber auch ein abhängiger satz folgt; dasz nicht für dasz ist dem lat. vereri ne nachgeahmt. Allmälich erlosch der gebrauch dieses sich befürchten (obschon das einfache sich fürchten fortdauert), und man setzt
2)
bloszes befürchten, ohne sich, und zwar mit dem acc. der sache, oder folgendem dasz: man befürchtet den ausbruch eines kriegs; ich befürchte strenge kälte diesen winter; es wird kalt werden, befürchte ich; das haben wir alle befürchtet; es ist nur zu befürchten, dasz das geld nicht ausreicht; das schlimmste steht zu befürchten; befürchte nichts.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1853), Bd. I (1854), Sp. 1275, Z. 26.
Zitationshilfe
„befürchten“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/bef%C3%BCrchten>, abgerufen am 24.02.2020.

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