beiszen
Fundstelle: Lfg. 6 (1853), Bd. I (1854), Sp. 1401, Z. 67
dies schwache verbum tritt zwar noch in der flexion von dem vorausgehenden starken ab, da es sein praet. beiszte, part. gebeiszt, jenes aber bisz und gebissen bildet; durch die schädliche vermischung des mhd. î und ei in nhd. ei laufen aber die praesensformen beider verba zusammen, was zur folge hatte, dasz das schwache verbum entweder ganz aufgegeben oder in beizen geschärft wurde. alle übrigen sprachen stehn hier gegen uns im vortheil.
1)
beiszen, venari, aucupari, mhd. beiʒen (Ben. 1, 192ᵇ), altn. beita, schw. beta, dän. bede, engl. bait. die goth. gestalt würde sein baitjan. dies beiszen, beiʒen bedeutet nun eigentlich beiszen, bîʒen lassen, machen, den hund oder habicht auf das wild loslassen, es von ihm bîʒen lassen. man sagt darum altn. beita hundum, haukum, mit hunden, habichten jagen. im sprichwort: aber so eins falken nit hat, muͦsz es mit eulen beiszen. Bebel 20ᵇ; beisze mit eulen, hast keinen kauzen. Frank 1, 43ᵇ; baize mit eulen, wenn du keinen schuhu hast. Simrock 2224; ein edelman het ein sperber, mit dem er beiszet. sch. und ernst c. 207; lasset uns mit unsern falken beiszen reiten. Aimon C 3; der bapst mit diesen falken beiszt. Hutten 5, 67; vögel beiszen. Seb. Helber sylbenbüechlein 1593 s. 34; weder reitet noch jaget, weder hetzet noch baiszet. Philand. 2, 73; der nicht weisz was hetzen oder baiszen ist. 2, 147. altn. sagte man auch beita öngul, escam hamo imponere.
2)
inficere, macerare: item wie man bleiweisz und bleiasche daraus beisze und brenne. Mathesius 106ᵇ; die leber sampt der galle (des fisches) wirt gebraucht zu dem beiszen und räude. Forer fischb. 74ᵃ; so man diese schalen in essig beiszt, so wirt sie der öbern schalen beraubet. 140ᵃ;
wie die falkner mit falken beiszen.
Ayrer 179ᵃ;
in wein gebaisztes lavendelblühe wasser. Hohberg 1, 265ᵃ.
3)
beiszen, pastum agere pecus, gleich dem altn. beita, schw. beta, das vieh auf der weide beiszen lassen, vermögen wir nicht zu sagen, ein so gutes wort es wäre. doch s.erbeiszen, vom pferde niedersteigen, es fressen lassen.
beiszen
Fundstelle: Lfg. 6 (1853), Bd. I (1854), Sp. 1399, Z. 20
mordere, einstimmig in allen deutschen zungen, goth. beitan, ags. alts. bîtan, ahd. pîʒan, mhd. bîʒen, nnl. bijten, engl. bite, altn. bîta, schw. bita, dän. bide. den ablaut, welcher goth. bait bitun, ahd. peiʒ piʒun, mhd. beiʒ biʒʒen lautete, verderben wir in bisz bissen. urverwandt das skr. bhid findere, rumpere, perforare, lat. findere fidi, vielleicht gr. φείδομαι sparen, wenn ihm die bedeutung von abbrechen, abzwacken zum grund liegt, vgl. φιμός beiszkorb. zwar haben bhid und findere, nicht die besonderheit von mordere und δάκνειν, skr. das͗, dans͗; doch ist beiszen ein morsu dividere, dentibus findere, wird aber nicht auf zähne eingeschränkt, da auch z. b. das schwert beiszt, schneidet, spaltet, oder der keil beiszel genannt wird. vgl.bellen.
1)
intransitiv, morsu petere, morsum imprimere: das kind kann schon beiszen, der alte mann kann nicht mehr beiszen;
Flaccilla liesz ihr nechst den letzten zahn ausreiszen,
und gleichwol kan sie noch so unaussprechlich beiszen.
Gryphius 2, 466;
er beiszt wie ein wolf; das thier beiszt mörderlich; sie beiszen wie der teufel. Simpl. 1, 220; aber darnach beiszt er wie eine schlange und sticht wie eine ottern. spr. Sal. 23, 32; fein leise beiszen (beim küssen). Philand. ed. Leiden 5, 313; er bisz um sich nach allen seiten; mhd. diu frouwe beiʒ umbe als ein grusch (anserculus). Helbl. 1, 1216; wer schläft, beiszt nicht. Oft mit folgendem in: in den apfel, in den sauren apfel beiszen (sp. 533); obgleich e. k. gn. ein wenig hat müssen in einen sauren apfel beiszen. Luthers br. 4, 347; sich in (auf) die lippe beiszen, labra mordere, lachen unterdrücken, verbeiszen (vgl. 5); das er so dick ein helbling wöll geben umb gottes willen, oder sich in die lefzen beiszen und bei dem bart ropfen. Keisersb. sünden des munds 23ᵃ; Rente küste der fräulein hand und bisz ihr ein wenig an den finger, dasz sie schrie und die hand wegzog, sagende, dis war ein versicherungswort. das fräulein aber zwickte ihn bei den haaren. Ettners unw. doct. 479; sie aber antwortete: wo er nicht beiszen, und er: und sie nicht schlagen will. 480; er bisz ihr (oder sie) in die wange, in den arm;
man hat mir nicht den rock zerrissen,
es wär auch schade für das kleid,
noch in die wange mich gebissen
vor übergroszem herzeleid.
Uhlands ged. 82;
das beiszt mir (oder mich) in die augen; die hutnesseln bewegen (erregen) das brennen und beiszen in den henden und augen. Forer fischb. 115ᵃ; ein ros, das nicht auch in den zügel beiszt. Schiller 188ᵃ; darumb solt du nit in die ruͦten beiszen, als ein ber, der falt in ein spiesz, beiszet darin und vergisset des, der darhinder stot, und im das me thuͦt, weder der spiesz. Keisersb. sünd. d. m. 18ᵇ; und solt nit darin beiszen und murmlen. 20ᵃ; die schafe bissen gierig in das gras; mhd. der wolf beiʒ in diu geiʒ. Bon. 11, 6; in den kæse er vaste beiʒ. Ulr. Trist. 1975; er beiszt tapfer in das fleisch; beim kauen auf ein steinchen beiszen; in das gras, in die erde beiszen, mordre la poussière, von menschen gesagt, sterben müssen, wie kraut, erde und staub oft einander vertreten;
solt ich, o Marspiter, ins gras gebissen haben (todt sein).
Opitz 1, 101;
viel haben müssen in der frembde hungers halben ins gras beiszen (fame perire). pers. rosenth. 1, 18; wovon viele verwundet und etliche ins gras beiszen musten. Plesse 3, 350;
die beiszen alle mit verdrsuz
aufs musz als eine harte nusz.
Göthe 56. 44;
der fisch hat schon in die angel gebissen. Abstract, die welt gibt den predigern schuld, sie können nichts denn schelten und beiszen. Luther 5, 366ᵇ; es beiszt, faszt, greift an: denn ich mag nit sein ein cardinal allein vom titel oder vom buchstaben, es musz besser beiszen mit mir. Luther 2, 51ᵃ; aber gott hat angefangen, ir widerumb zu lachen, das wird basz beiszen, denn ir lachen. Luther 6, 86ᵇ.
2)
transitiv, morsu, dente laedere: dan wird ein schlange werden auf dem wege und das pferd in die fersen beiszen (cerastes in semita mordens ungulas equi). 1 Mos. 49, 17; da sandte der herr fewrige schlangen under das volk, die bissen das volk. 4 Mos. 21, 6; was sol ich mein fleisch mit meinen zenen beiszen? Hiob 13, 14; das brot mit dem maul vom tisch fassen oder aus dem backofen beiszen. Luther 3, 448ᵇ; da schreien sie denn und beiszen in in die fersen. 6, 541ᵃ; ich hab ein grosz loch in der papisten taschen gebissen. Luthers br. 2, 55; ein hunt wann der alle welt beiszet, so beiszet er doch seinen herren nicht. Keisersb. sünden des munds 20ᵃ; ein wütender hund, der beiszet den der im brot gibt, und mit gotslesterung beiszest du den der dir geben hat alles das du hast. 20ᵃ; dan es warent fast böse schlangen in der insel, welchen die beiszen, der muͦst sterben. 68ᵇ; wie die hund immermeder in einander fallen und einander beiszen, kein weiser man thuͦt das nit. als wan man ein hündlein imermeder bi den oren züpft, was thuͦt man anderst, weder das man in bewegt zu zorn, das er eins beiszen sol. 42ᵃ; es beiszt mich am kopf (die läuse beiszen mich); es beiszt mich, wann ich ein andern jucken sihe. Garg. 47ᵃ; die flöhe beiszen den hund, dasz er sich nicht helfen kann; nur sie hingericht, ... die toden beiszen niemands mehr. 13ᵃ; alte leute, die das brot nicht mehr beiszen können; arme leute, die kein brot zu beiszen haben; wenn man ins feld soll und nichts zu beiszen und zu brechen hat. Lenz 1, 92; vgl. mhd. beiʒ und brach. Iw. 6761; weder zu beiszen noch zu brocken. Felsenb. 1, 336. unw. doct. 359; es wollten manche feine leute gerochen haben, der landesvater thäte die sache, damit seine landeskinder etwas zu brocken und zu beiszen hätten. J. Paul uns. loge 2, 12. Statt mit den zähnen beiszen, heiszt es auch die zähne beiszen, die zähne zusammen, aufeinander beiszen: was beiszt er die zähne? was zieht er die faust zusammen? was wölkt sich seine stirne? Klinger 1, 22; und mit den worten bisz er die zen aufeinander von groszem zorn. Aimon V 4ᵇ; das wan sie sie nur ansehen, die zön uber inen zusammen beiszen. bienenk. 192ᵇ;
sinken nieder in staub und sterbend beiszen die erde.
Stolberg 11, 63.
mit 'alle beisz!' beisz zu! hetzt man hunde.
3)
beiszen von andern sinnlichen gegenständen. ahd. bî ʒanti suert; wola pîʒantaʒ scarasahs (Graff 3, 228. 229); mhd.
wanti si woldin wiʒʒin,
daʒ nigeini (suert) baʒ ni biʒʒin.
Anne 304.
nhd. der rauch beiszt die augen; der essich den gaumen;
drum beiszt uns auch der böse rauch.
Soltau 497.
4)
abstractionen. die sünde, die noth, die reue, die angst, das gewissen beiszt (quält, plagt); so ist gewis, das den freien, sichern geisten, die ire sünde nicht beiszet, die messe kein nütz ist. Luther 1, 339ᵃ; aber wenn du das wilt ansehen, wie from und rein du seiest, und darnach erbeiten, das dich nichts beisze. 4, 429ᵃ; die sünden, so das herz beiszen und unrügig machen. 5, 15ᵇ; dein herz wird dich beiszen und also sagen. 5, 234ᵇ; ich habe auch zur rechten braut eingestellet. aber es beiszet mich etwas und habe sorge für euch. 6, 357ᵃ; die conscienz beiszet in. Keisersb. sünden des munds 32ᵇ; das die selben wort den nicht ze fast beiszen, dem er es thuͦt. 36ᵇ; neuwe mer (neuigkeiten) ist nichts anderst, dann da ein mensch hat oren, die in beiszen, und hat ein zung, die in beiszet oder jucket, es (der mensch) muͦsz neuwe mer sagen und muͦsz sie hören. 69ᵃ; die angst beiszt ihn (vgl.angstläuse sp. 362); einen immerwärenden und beiszenden zank erregen. Kirchhof wendunm. 312ᵇ;
dasz ihn tag und nacht
müh, trübsal, arbeit, sorg zerreiszend stets gebissen.
Weckherlin 193;
der listige betrug bisz mich zwar immer noch am herzen. Felsenb. 2, 358;
und doch belebt auf seine tücke
kein beiszend lied den widerhall.
Lessing 1, 93;
beiszende spöttereien. Wieland 1, 76; beiszende strafpredigt. Wielands Horaz 2, 207; beiszender witz; beiszende bemerkungen; ein sehr angenehmer gesellschafter für die, denen er sich durch beiszende züge nicht furchtbar gemacht. Göthe 26, 95;
wenn wie nichts guts dich schilt ein wicht,
und soll es dich nicht beiszen,
so darf es dich auch kitzeln nicht,
wenn sie was rechts dich heiszen.
Rückert 234.
der narr beiszt ihn, hat ihn gebissen, er ist närrisch, eitel:
mancher, der ein doctor ist, wil nicht mehr ein doctor heiszen.
wie mich dünkt, so wil der narr einen solchen doctor beiszen,
der sich mehr auf eitelkeit wil als auf die witz befleiszen.
Logau 2, 6, 49.
man sagt auch: mich beiszt was nichts gutes; ich weisz nicht was mich beiszt; ich dachte, was mich bisse. J. Paul komet 2, 60. Schon das goth. andbeitan schelten, tadeln, drohen beruht auf einer solchen anwendung des sinnlichen beitan.
5)
wie etwas in sich fressen, hiesz es auch in sich beiszen: wenn ein prophet oder prediger so heftig von oder wider falsche lerer und böse regierer schriebe, solt er wol aufrürisch gescholten und verdampt werden. nu aber ist er (David) ein könig und thut solchs selber, er möcht doch der eren verschonet und zum wenigsten etliche stücke in sich gefressen und gebissen haben, wie on zweivel sonst manch könig und fürst gethan, vieleicht auch noch thun. Luther 6, 165ᵃ; Julia, ihre wuth in sich beiszend. Schiller 171ᵇ;
der arm ziehochs sagt zwar nicht vil
zu solchem prangen und schweig still,
er must die schmachwort in sich beiszen.
Alberus 89ᵇ (126);
es könnens wol jungfrawen am besten, wann sie das kittern in sich beiszen und vertrucken. Garg. 14; denn sie (die frau) weisz, das sie ihrs leibs nicht mächtig (schwach) ist, beiszt derhalben alles in sich. 71ᵃ. vgl. verbeiszen.
6)
sich beiszen, morsibus invicem se lacerare: die hunde, die rosse beiszen sich; auf dasz sie einander nit bissen, noch hinden ausschlügen. bienenk. 27ᵃ; es möchte zwischen pfarrherr, prediger und caplan ein teufel sich einmengen, das einer uber dem andern sein wolt und also sich für dem volk zanken und beiszen und ein iglicher der beste sein wolt. Luther 5, 494ᵇ;
in die welt wer vor soll gehn, musz der höchste heiszen,
in der welt, wer vor soll gehn, pflegt man sich zu beiszen,
aus der welt, wer vor soll gehn, will sich niemand reiszen.
Logau 2, 9, 86.
sich mit einem beiszen, herum beiszen: mit diesem nüszlin lasz sich die jüden beiszen. Luther 8, 49ᵇ; denn das du viel heulen und weinen wilt und dich lange mit dem trübsal wilt beiszen und fressen. 3, 211; du must in not nicht den kopf hengen und schütteln, und mit deinen gedanken dich beiszen und fressen. 5, 50ᵃ; wenn es an ein treffen gehet, das ich mit dem teufel, sünden, tod, not und welt mich sol beiszen. 5, 67ᵃ; da nu Jona nicht anruft seinen gott, sondern sitzt und zittert für gottes zorn und beiszet sich mit dem tod. 3, 206; der director bisz sich mit Schoppe herum. J. Paul Tit. 2, 97; wir würden uns täglich mit herum zu beiszen haben. uns. loge 1, 73. auch an etwas: er aber beiszt sich an jenen zu tode. Luther 3, 433ᵇ. er hat sich gut heraus gebissen; der hund hat sich los gebissen. verschieden ist: er beiszt sich an der harten nusz einen zahn aus, wo sich der dat. vgl.abbeiszen, ↗anbeiszen, ↗aufbeiszen, ausbeiszen, bebeiszen, durchbeiszen, einbeiszen, erbeiszen, nachbeiszen, verbeiszen, wegbeiszen, zerbeiszen, zubeiszen.
Zitationshilfe
„beiszen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/beiszen>, abgerufen am 21.11.2019.

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