bestehen
Fundstelle: Lfg. 7 (1853), Bd. I (1854), Sp. 1666, Z. 32
goth. bistandan, ahd. pistantan (nicht pîstantan, wie bei Graff 6, 602), mhd. bestân und bestên, ags. bestandan, nnl. bestaan, schw. bestaͦ, dän. bestaae. die flexion, wie beim einfachen wort, wo nachzusehen ist. das part. praet. bestanden ist schon besonders aufgestellt. Unser bestehen entfaltet sowol die intransitive bedeutung des lat. consistere und constare, als die transitive von circumsistere, circumstare. jene pflegt das praet. mit sein, diese mit haben zu umschreiben.
I.
intransitives bestehen, stehen, stehen bleiben, stillstehen, ruhen, in der heutigen schriftsprache wenig gangbar und nur unterm volk lebendig, aber zu neuer verwendung empfehlenswerth. statt des bestehn gilt auch gestehn und beide partikeln offenbaren hier deutlich ihre gewalt vor dem verbum, das sie aber zu entbehren und für sich selbst intransitiv zu gelten vermag, stehn, rinnen = gestehn, gerinnen.
1)
von flüssigen dingen gebraucht, stocken, gerinnen, zu rinnen aufhören: die milch besteht, gerinnt; ist bestanden, geronnen; das wasser besteht, gefriert, doch 2 Petr. 3, 5 das die erde aus wasser und im wasser bestanden (γῆ ἐξ ὕδατος καὶ δι' ὕδατος συνεστῶσα) meint dasz sie aus dem wasser fest zusammen geronnen sei; das blut besteht, stockt, steht still: und alsobald bestund ir der blutgang (goth. gastôþ sa runs blôþis). Luc. 8, 44;
ich bin ohn herz und kraft, ach ich vergehe schier,
die glieder sinken hin, das blut bestehet mir.
Opitz 1, 230;
der wangen zier (die röthe)
erstirbt, der puls besteht, die augen werden blind.
Gryphius 2, 178;
der harn besteht, flieszt nicht mehr:
vielleicht wil euch der harm bestehen,
so wil ich gleich zum doctor gehen.
Alberus 150;
das fett besteht, stockt, gerinnt, erkaltet: speck klein zerschnitten und zerlassen in einer pfannen, und wann er zerlassen ist, so geusz ihn auf ein kaltes wasser, wann das faist bestanden, so lasz das wasser darvon. Seuter 269. das übliche: bestund wie butter an der sonnen. Simpl. 2, 490 besagt, er schmolz alsogleich, zerflosz, konnte nicht aushalten.
2)
von gliedern des leibs: das maul besteht ihm nicht, sein mund steht ihm nicht still. Schmeller 3, 596;
ich bin ganz lasz, so schrei ich in der noth,
die stimm ist rauh, die kehle bleibt bestehen.
Opitz ps. s. 129;
also auch die zunge, die rede, das wort besteht, stockt, doch für das natürlichste, der fusz besteht, hält ein zu gehen, finden sich keine beispiele.
3)
von geräth und werkzeug: die müle besteht, steht still; der wagen besteht, hält an; die uhr besteht, bleibt stehn, schweiz. s zitt ist bstanda, die uhr ist gestanden. Tobler 83ᵇ. mhd. daʒ swert bestât, hält ein:
daʒ swert daʒ er furte,
versuchte er alzu sêre ...
dô eʒ bestunt
dâ hette eʒ gespalden
den satel beidenthalben,
in dem rosse bleip der slac.
Herbort 6480.
nhd. vom fliegenden pfeil, der stecken bleibt:
Cupido zielte nechst und meint es würde glücken,
auf Polla herze zu. sie wandte sich, im rücken
bestund der heisze pfeil.
Logau 1, 10, 46.
4)
von laufenden thieren. mhd.
ich wünsch, daʒ im sîn ros bestê
ûf wîter heid und werd ze rêch (steif),
sô er allergernôst sêch,
daʒ eʒ in ûʒ nœten trüeg.
Ls. 2, 425. Schm. 3, 74;
da chomen die hund, da sie die frawen sachen, und bestuonden, und pullen sie an. erzählung hinter Bodmers Boner s. 265; und kein thier kund fur im bestehen (stand halten) noch von seiner hand errettet werden. Dan. 8, 4.
5)
von menschen, stehen bleiben, still stehen. mhd. heime bestân, daheim bleiben:
Benjamîn bestuont heime,
sîneme vater ze goumele.
fundgr. 2, 62;
eine bestân, allein bleiben; tôt bestân, todt bleiben, liegen:
die sint mit in bestanden
tôt in hiunischen landen.
klage 1826;
des muosens alle dâ hestân
unz an dise zwêne man.
1962;
daʒ ir deheiner hæte trôst,
ern mohte tôter dâ bestân.
Bit. 11242;
so uneigentlich es gesagt ist, todt stehn für todt liegen;
wan si enlât mich von ir scheiden,
noch bî ir bestên.
MS. 1, 65ᵇ,
noch bei ihr bleiben.
daʒ mîne vîende hie bî mir bestên.
Nib. 250, 2;
er bat in minneclîchen noch bî im bestân.
257, 3;
ouch wolden hinder im niht bestân
sîne burgære.
Er. 8668.
nhd. beispiele dieses sinnlichen bestehen, still stehen sind seltner, und pflegen es noch mit bleiben zu verbinden, welches für sich dasselbe ausdrückt:
denke, wenn er sich im zorn erregte,
über dir heunt das gerichte hegte,
würdest du nicht kahl bestehn?
Gryphius,
wie man sagt, er besteht kahl, hat alle haare, die ihn deckten, verloren; er besteht, besteckt, bleibt stecken, s.bestanden 6;
sie blieben aus schrecken bestehen.
froschmeus. II. 2, 14;
anstatt dasz Solande umb des mords willen fliehen solte, bliebe er bestehen, und erwartete den ausgang seiner gegenwehr. pol. stockf. 288.
6)
bestehen, stand halten, aushalten, ausdauern, constare, permanere, gegenüber dem niederfallen, stürzen, zuweilen noch sinnlich, meistens schon abstract verwandt: wer kan wider die kinder Enak bestehen? 5 Mos. 9, 2; aber nu wird dein reich nicht bestehen. 1 Sam. 13, 14; dein stuel sol ewiglich bestehen. 2 Sam. 7, 16; der gottlosen hütte wird nicht bestehen. Hiob 8, 22; der gerechte bestehet ewiglich. spr. Sal. 10, 25; anschlege bestehen, wenn man sie mit rat füret. 20, 18; wer from ist, des weg wird bestehen. 21, 29; des thron wird ewiglich bestehen. 29, 14; mein anschlag bestehet. Es. 46, 10; auf das sein bund gehalten würde und bestünde. Ez. 17, 14; und die bogenschützen sollen nicht bestehen. Amos 2, 15; und eine jegliche stadt oder haus, so es mit im selbs uneins wird, mag nicht bestehen. Matth. 12, 25; ist denn der satanas mit im selbs uneins, wie wil sein reich bestehen? Luc. 11, 18; aber der feste grund gottes bestehet. 2 Tim. 2, 19; o es bestehet nicht. Luther 3, 146ᵇ; wan also ketterecht sein und leichtfertig in geistlichen dingen, das mag nit beston, es nimpt ab. Keisersb. s. d. m. 51ᵇ; man ist wol und redlich bestanden, sustentatum est. Maaler 63ᶜ; disz bestund ein weil. Kirchhof wendunm. 145ᵃ; das bestund nicht lange. Wickram rollw. 63ᵇ; in summa es ist so klar, dasz der mess grund innerhalb der schrift bestande, wie ein kind, das aus seiner wiegen fält. bienenk. 77ᵇ; eine ansehnliche stadt, die sich auch wol hat königen widersetzen, auch wider sie lange bestanden ist. Micrälius 1, 106;
das dankbar ich besteh mit deinem volk für dir.
Weckherlin 19;
hingegen wir, des herren arme knecht,
bestehen nur durch gottes faust aufrecht.
81;
des höchsten höchste bäum, mit wisperendem lust,
mit erquickendem saft belebet, frisch bestehen.
225;
weh dem und ewig weh, der dort nicht wird bestehn,
den unser könig weit wird heiszen von sich gehn.
Gryphius 2, 423;
zu meiner zeit
bestand noch recht und billigkeit,
da wurden auch aus kindern leute.
Hagedorn 3, 72;
und wie der klang im ohr vergehet,
so lehre sie (die glocke) dasz nichts bestehet.
Schiller 80ᵃ;
millionen beschäftigen sich, dasz die gattung bestehe,
aber durch wenige nur pflanzet die menschheit sich fort.
90ᵃ;
da der frühling herbeikam und man ohne feuer bestehen konnte. Göthe 18, 26; die früher erwähnte gesellschaft war noch immer bestanden. 26, 346; das vieh ist so stark und hitzig, dasz kein ander ros dagegen bestehen kann. Tieck 3, 51; das bestehende, das dauernde in der natur; am bestehenden festhalten. Göthe 31, 46. Häufig geht solches bestehen auf einen kampf oder streit, auf eine prüfung, aus der man wol oder übel, mit ehre oder mit schande und lüge hervorgeht: doch weil ir habt angehaben, sehet auf mich, ob ich fur euch auf lügen bestehen werde. Hiob 6, 28; es werden mit schanden bestehen, die da gute garn wirken und netze stricken. Es. 19, 9; und der mond wird sich schemen und die sonne mit schande bestehen, wenn der herr Zebaoth könig sein wird auf dem berg Zion. 24, 23; darumb werden sie mit schanden bestehen, das sie solche grewel treiben. Jer. 6, 15; meine feindin wirds sehen müssen und mit aller schande bestehen. Micha 7, 10; da wird ein löbliche rechnung aus werden, und wirst ser wol bestehen, das du die liebe fallen lessest umb eines pfennigs, ja umb eines worts willen deinen zorn ausschüttest, und beide sack und seil aufbindest. Luther 6, 51ᵃ; mit schaam bestehen. pers. rosenth. 4, 3; oder es findet sich, dasz der ungenannte schon sonst wo übel bestanden. Lessing 10, 220; alle jene unbestellten feierlichen sachwalter der menschheit sind schlecht genug gegen die verfängliche beredsamkeit seines kummers bestanden. Schiller 311ᵇ; dieses mädchen ist sehr wol bestanden und hat ein herliches zeugnis davon getragen. Göthe 25, 7. diese belege zeigen im praet. ist, man sagt aber heute beides, er ist oder hat mit ehren, mit schande bestanden. die ältere sprache verband auch einen gen. der sache damit:
irs hoffens wärn sie nicht mit spot besteen.
Melissus ps. P 6ᵃ.
7)
selten erscheint bestehen mit gen. der sache im sinne von zugestehen, es gelten lassen, gleichsam dabei stehen bleiben:
herr richter ich musz der klag besten.
fastn. sp. 542, 29;
zart frewlein, der ding ich besteh,
das etwan in lieb auch sei leiden.
H. Sachs III. 3, 5ᵇ;
von welchem (worüber) der muraal ergrimmet ime des kampfs besteht. Forer fischb. 46ᵇ; und ich besteh, so dieser sach nicht recht geholfen werde, werd es mir schaden thun. Margr. Kufners bei Melanchth. 5, 287. vgl. II, 10 und beständig 6, beständnis 2.
8)
gleich selten kommt vor bestehen mit dem dat. der person im sinne von treu bleiben, alicui fidem servare, einem stand halten: den fieng an der bruͦder beim leiden Christi bald zuͦ beschwern, das er ihm bestuͦnd. Frank chron. 220ᵃ;
der in der höchsten lust
dem schwur bestanden, deiner ehre
nie, nie eroberer zu sein.
Gökingk 1, 82;
besteht mir dein wille,
will ich vermählen auf immer der liebenden ihren geliebten.
Bürger 246ᵃ.
vgl. beistehen.
9)
desto häufiger erscheint bestehen auf etwas, und zwar
a)
mit dem dat. der sache, wenn sie schon da ist, constare, perstare, permanere in aliqua re: ich bestehe auf meiner ansicht; er bestehet auf seinem kopfe, beharrt eigensinnig bei dem, was er sich in seinen kopf gesetzt hat; er bestand auf dem einmal ertheilten befehl; aber Heliodorus bestund auf dem befehl des königs. 2 Macc. 3, 13; auf das ewer glaube bestehe nicht auf menschen weisheit, sondern auf gottes kraft (vulg. ut fides vestra non sit in sapientia hominum, sed in virtute dei). 1 Cor. 2, 5; auf dem ist der ganze handel bestanden und beruget. Luther 1, 450ᵇ; dasz man allein auf dem wort gottes bestahn und beruhen solle. bienenk. 10ᵇ; und dasz ir fundament auf den exempeln Christi bestehe. 156ᵇ; und was vortheils diejenigen, so auf diser (auslegung) bestehn, haben. 157ᵃ; all unser thun bestehet auf bloszer einbildung. Philander 1, 164; weil sie (die hoffart) auf einem schlechten fundament bestünde. Simpl. 1, 294; so wie die wissenschaft von gutem geschmack gänzlich entfernt sein kann, ebenso kann die proportion, welche auf dem wissen bestehet, in einer figur ohne tadel sein. Winkelmann 4, 165; der stil war trocken und steif bis auf Michael Angelo und Raphael, auf diesen beiden männern bestehet die höhe der kunst in ihrer wiederherstellung. 5, 279; herr Basedow glaube ja nicht, dasz ich auf diesem einwurfe, den er sich selbst macht, und auch selbst beantwortet, bestehen werde. Lessing 6, 250.
b)
mit dem acc., wenn sie erst erstrebt wird, insistere in aliquam rem:
einmahl mein herz nur auf lieb,
einmahl nur auf krieg bestehet.
Weckherlin 468;
in ihren gebräuchen und dem gottesdienste bestanden die Aegypter auf eine strenge befolgung der uralten anordnung desselben. Winkelmann 3, 71; anfangs wollte ich die flügel weglassen, doch bestanden die frauenzimmer, die sie anputzten, auf ein paar groszer goldner schwingen. Göthe 20, 157.
c)
doch schiene auch in den fällen unter b der dat. zulässig, sofern man unter der sache sich den vorsatz, die forderung denken will: sie bestunden auf einem paar goldner schwingen, nemlich die sie anbringen wollten; und so sagt Schiller: auf dieser probe ihrer folgsamkeit musz ich durchaus bestehen. 346; verhetzte die gemüter, auf eigenen kirchen zu bestehen. 835. nicht selten läszt auch ein bloszes darauf, hierauf oder die mangelhaftigkeit unserer flexion den dat. oder acc. gar nicht erkennen: sie aber bestund drauf, es wäre also. apost. gesch. 12, 15;
und wer auf frümkeit will bestan,
dem mags hie selten wol ergan.
Schwarzenb. 156, 1;
dasz namlich aller schönheit blum
nur auf Elisa noch bestehet.
Weckherlin 341;
breit ist der weg zu des tods finsterm haus,
ohn thür das thor, da man stets hinein gehet,
sich aber wehrt zu ziehen noch daraus
hierauf die müh, hierauf das werk bestehet.
388;
hast du der welt bezeigt, dasz deiner reisen zeit
auf nichts bestanden sei als blosz auf eitelkeit?
Opitz 2, 19;
er wird von eitelkeit der dinge nicht verblendet,
die blosz auf wahn bestehn.
2, 104;
euer gnaden, derer gröszeste erquickung und trost auf lesung geistlicher sachen bestehet. 3, 67;
ein regiment besteht auf grund und nicht auf spitze,
betrug betreugt sich selbst, die redlichkeit ist nütze.
Logau 3, 10, 62;
darauf bestehet die hauptsache. Harnisch 55; der seine rede auf ja ja oder nein nein bestehen läszt. Weise kl. leute 316; die gröszte schwierigkeit in sachen, die auf gelehrsamkeit bestehen. Winkelmann 3, xxiii; wie oft bin ich nicht darauf bestanden? Lessing 1, 387; wenn die weiber darauf bestanden wären. Wieland 8, 197; sie bestand darauf, von ihm geschieden zu werden.
10)
bestehen in etwas: in dem mund zweier oder dreier zeugen sol die sache bestehen. 5 Mos. 19, 15; der gottlose bestehet nicht in seinem unglück. spr. Sal. 14, 32; komme ich zum dritten mal zu euch, so soll in zweier oder dreier mund bestehen allerlei sache (goth. ana munþa tvaddjê veitvôdê jah þrijê gastandai all vaurdê). 2 Cor. 13, 1; so bestehet nun in der freiheit (þammei freihalsa standaiþ nu). Gal. 5, 1; bestehet also in dem herrn (standiþ in fraujin). Phil. 4, 1; und er ist vor allen und es bestehet alles in im (alla in imma ussatida sind). Col. 1, 17; in welchem won und aberglauben si dann bestanden sein bisz anno MCCCCLXX. Frank weltb. 120ᵃ; und daraus schlieszt man, dasz die mess in der schrift bestehet. bienenk. 74ᵃ; dasz ich und meins gleichen niemals in der warheit bestanden. Ayrer proc. 1, 11;
ja wie mein glück und leben blosz in deiner faust bestand.
Hoffmannswaldau getr. schäf. 137;
das andere bestehet allein in der meinung. Schuppius 715; die moralische wissenschaft des menschen bestund darin. Liscov s. 733; weil es mit den augenzeugen, in deren mund die wahrheit besteht, mehr schwierigkeiten hat. Claudius 4, 111; christliche vollkommenheit bestehet in der liebe.
11)
bestehen aus etwas (constare, contineri): der mensch besteht aus leib und seele; die predigt hat aus vier theilen bestanden; das werk von Moses besteht aus fünf büchern; die ganze sammlung bestund aus 247 nummern. Göthe 49, 161. ahd. sagte Notker bestan fone (gramm. 4, 819).
12)
bestehen bei etwas: wie kann dieses beides bei einander (zusammen) bestehen? Lessing 7, 167; biblische erzählungen so auslegen, dasz die vernunft dabei bestehen kann. Kant 1, 239; bei dem hohen pachte, bei seiner verschwendung kann der mann nicht bestehen.
13)
für einen bestehen, praestare se aliquem: da bin ich für ein meister bestanden (habe mich als meister bewährt). Garg. 102ᵃ; für einen philosophum bestehen können (praestare se philosophum). Mich. Neander bedenken s. 3;
drumb sie sich auch verstellt und solchen weg auch funde
mit dem, der für das häupt der triegerei bestunde (galt).
Werders Ar. 4, 3.
II.
transitives bestehen. das intransitive setzte ruhe voraus, das transitive bewegung. bestehen ist umstehen, und circumstare, circumsistere gehn leicht über in aggredi, adoriri, anfallen und bekämpfen. zwar das goth. managei sô bistandandei, turba circumstans, Joh. 11, 42, liesze sich, weil ein acc. unausgedrückt ist, noch intransitiv fassen; aber bigraband fijands þeinai grabai þuk jah bistandand þuk jah bivaibjand þuk, περιβαλοῦσιν οἱ ἐχθροί σου χάρακά σοι καὶ περικυκλώσουσίν σε καὶ συνέξουσίν σε. Luc. 19, 43, bei Luther, deine feinde werden umb dich eine wagenburg schlagen, dich belagern und ängsten, meint unter bistandan feindliches umringen. nicht anders ahd.
thie judeon nan bistuantun.
O. III. 22, 9,
gerade wie
stôd ine werod umbi.
Hel. 115, 21,
so dasz bi in dieser wortbildung offenbares umbi ist.
1)
der jäger und seine hunde umstehen das wild, bestehen es.
einen eber grôʒen vant der spürhunt.
als er begunde vliehen, dô kom an der stunt
des gejeides meister, er bestuont in ûf der slâ.
Nib. 881.
so nhd. den bären, drachen bestehn, bekämpfen; da gedacht er (der jäger) im, nu bistu also grewlich gestalt, das ich dich nicht darf bestan, du möchtest mich leicht zerreiszen ... und nam gott zu einem helfer und bestund das thier allein. legende bei Luther 6, 502ᵇ; ich will die saw kecklich bestan. Teuerdank 19, 24.
2)
feinde stehn sich gegenüber, bestehn, greifen einander an:
jan dorften mich dîn zwelve mit strîte nimmer bestân.
Nib. 117, 4;
mit urliuge und mit drô
sô bestuont er si zehant.
Greg. 739;
daʒ er wolde bestân
den in dem boumgarten.
Er. 8664;
daʒ in der lewe wolde bestân.
Iw. 3867;
nhd. da kann ich meinen man bestan.
Murner schelmenz. 9ᵃ;
ein böser tod hol mich, wann ich dich nit noch, als alt ich bin, bsteen (es mit dir aufnehmen) wolt. Wirsung Cal. E 3ᵇ;
auf das, wenn dich der feind bestünd,
er dich nicht bald erwürgen künd.
Ringwald laut. w. 54;
wann du den mut nicht hast, es mit mir anzugehen,
und merkest, dasz du mich wirst können nicht bestehen.
Werders Ar. 30, 84;
ihren feind besteht.
Opitz kriegsg. 468;
gewohnt den feind zu bestehen.
Stolberg 11, 80;
die Danaer bestehen.
Bürger 170ᵃ;
ist einer, der meinet mich ... hinüberstoszen zu können, der komme. ich lebe noch und will ihn bestehen. Arndts erinnerungen s. iv.
3)
dies bestehen = ergreifen, treffen, war bei verwünschungen, wenn man unheil und plagen über einen senden wollte, hergebrachter ausdruck (so wie angehen sp. 340, ankommen sp. 385, anstoszen sp. 488, befallen sp. 1249): der bapst spricht, wer mir einen heller nimet, der sei des teufels mit leib und seel, ein ketzer, ein abtrünniger, und alles unglück bestehe in. Luther 2, 57ᵇ; es möcht eim (ein? oder gehörig zu I, 1?), mit urlaub, die stranguria bestehen über den groben narrenköpfen. 2, 152ᵃ; ah, das den buben die pestilenz, Veits tanz und alle flüche bestehen! 3, 298; und denken doch, das dich alle plage bestehe. 3, 298ᵇ; ich wolt, das den salzburgischen doeg, den Edomiter, alles unglück bestünde, das er euch so geplaget hat. Vitus Dietrich bei Luther 5, 117ᵃ; o das in dis und das bestehe! 8, 123ᵃ. tischr. 132ᵇ. 401ᵃ;
ihr lutherische müszt uns noch har lon,
und solt euch alles unglück beston.
gesprech der teufel. 1542 63ᵃ;
sie sol die drüse und peule bestehen!
Joh. Römold, fein christlich spil. C 3ᵃ;
euch sol die drüs und peule bestan!
C 7ᵃ;
im (für in) solln die rasen sturzen bstahn.
Strickers schlemmer 1584. E 2ᵃ;
pfaffe, wiltu nicht bald weg gehn
dir (für dich) solln itzt die rasen bestehn.
E 6ᵇ;
dasz sie die feifel bestand! Garg. 204ᵇ; dasz in die franzosen bestanden! 251ᵇ; ei dasz euch pfaffen alles unglück bestehe! Mich. Neander menschensp. 17; es bestehe solche leute s. Veltin, die da meinen, es gehe ihnen etwas abe, wenn ein ehrlicher kerl nach ehren strebet. Schuppius 548.
4)
leidenschaften und begierden (zumal persönlich gedachte) bestehn den menschen, überfallen, nehmen ihn ein: mhd.
dô liebe kom und mich bestuont.
MS. 1, 65ᵇ;
bestêt si (die minne) alsô mich.
Iw. 1632;
als in der hunger bestuont.
3267;
michn bestê grœʒer nôt.
6259;
nhd. so das dich dein rasender grim bestehen würde, das du etwas wider mich woltest fürnemen. Luther 1, 62ᵇ; sonst solt dich wol ein lachen bestehen (ankommen). 5, 163ᵇ; wenn sie die silbersucht und das güldenfiber bestehet. 8, 88ᵇ; hoffart und ehrgeiz sind der kirchen schedlichste gift, wenn sie einen prediger bestehen. tischr. 190ᵃ; wann der hunger und durst ein menschen bestehet. Agricola 82ᵇ;
new jammer, not und kümmernis
bestünde mich wider da gewis.
Hayneccius Hansofr. 1, 4;
mich besteht leibsnot. Garg. 286ᵇ.
5)
umgedreht besteht der mensch krankheit, noth und gefahren, übersteht sie, steht sie aus, tritt ihr entgegen, was sich mit 2 berührt, engl. stand: denke dran, was sie für gefahr bestanden hat, da sie dich unter irem herzen trug. Tob. 4, 4;
dasz der noch mut mir gibt, ein leiden zu bestehn,
der uns durch leiden prüft.
Gökingk 3, 209;
auf abenteuer zu gehn,
und wilde hünen zu bestehn.
Wielands Klelia 2, 249;
er hat euch bestanden, was keiner besteht.
Schiller 64ᵃ;
alle die das abenteuer mit bestanden hatten. Tieck ges. nov. 2, 239; der henker mag das bestehn; er hat eine schwere krankheit bestanden, hatte ein langwierigës krankenlager zu bestehn, auszuhalten; einen krieg bestehn. mhd.
ir minne der tiuvel bestê.
krone 17453.
6)
gerichtlich, die anklage bestehn, siegreich daraus hervorgehn (vgl. I, 6):
bestehst du diese malafitzanklag?
H. Sachs III. 2, 214ᶜ;
ich habe den process, die anschuldigung glücklich bestanden; ein gericht bestehen. Möser 1, 249; einen umb den andern, bisz die gerichtsordnung bestanden sei. Reutter kriegsordn. 69.
7)
ein werk bestân, opus aggredi, wie angehn (sp. 341). Tit. 2588; eine prüfung bestehn, gleichviel mit in der prüfung bestehn I, 6; dasz ich mich, wo nicht in das gespräch mischen, doch wenigstens einzelne fragen und antworten bestehen konnte. Göthe 24, 141 = auf einzelne fr. bestehen; mich trift keiner dieser vorwürfe, ich kann frei des edlen mannes blick bestehen, aushalten = vor seinem blick bestehn. Klinger 2, 335; er hat den letzten augenblick seines lebens, so bitter er auch war, nicht übel bestanden. 3, 291.
8)
sehr merkwürdig ist das mhd. einen bestân im sinne von angehören, auf verwandte und hörige bezogen. ohne zweifel walten ursprünglich dabei sinnliche vorstellungen ob. wie nemlich anhören und angehören auf hörige d. i. gehorchende leute gieng (vgl. sp. 671), die dem worte des herrn und vaters hören, ihm clientes, cluentes sind; ebenso bestehen sie ihn, stehen um ihn herum, sind seine leute und verwandte, umgeben seine seite, seinen rücken (vgl.amt, goth. andbahts), gehen ihn an (accedunt eum). man vergleiche Ssp. II. 16, 1 und III. 73, 2: vor sînen herren, dem he bestat, und vor sîne swertmâge. auch mnl. galt diese bedeutung von bestaen, z. b. minnenloop 3, 335. mhd.
wesser wie si mich bestêt
und mir ir leit ze herzen gêt.
Parz. 276, 29,
d. i. wie nah sie mir steht, sie ist meine schwester;
si bestât mich ze swester niht.
Flore 4044,
sie ist nicht meine schwester, geht mich nichts an;
er ist iuwer sun doch, als er giht?
'nein herre, er bestât mich niht
wan alse vil ich bin sîn man'.
Trist. 105, 24;
daʒ klage ich dem den er bestât,
derst unser beider voget.
Walth. 104, 9.
aus diesen persönlichen verhältnissen wurden die wörter allmälich gehoben und kälter auf sachen oder abstractionen angewandt (vgl.eʒ bestât mich. gramm. 4, 238). alle diese bedeutungen von bestehn, die sinnliche wie abstracte, sind der nhd. sprache beinahe fremd, doch sagt man noch 'einen im blute bestehen', mit ihm verwandt sein.
9)
dagegen kennt sie ein bestehen für miethen, pachten, aus dem das schon abgehandelte bestand für miethe herrührt: bestehen, vermieten. Frankf. ref. II. 14, 1; aber der wirt und sein fraw seumpten sich nicht lang, sondern hetten ein ander kammer bestanden und lärten ihm sein haus. Wickram rollw. 36ᵇ; sie hatten einen boden umb geld bestanden. Kirchhof wendunm. 296;
ich hab der zarten bestandn ein haus,
da niemand sonst geht ein noch aus.
H. Sachs III. 2, 167ᵇ;
es waren ein specht, ein maus und ein bratwurst in gesellschaft gerathen und (hatten) ein haus bestanden. Philand. 2, 927; vom verleihen und bestehen. Hohberg 3, 15; das bestandene haus. 3, 16; wir bestanden das fahrzeug. J. Paul paling. 2, 31; quartier für solchen bei einem freunde bestanden. flegelj. 1, 31. ist dies bestehen ein belegen, in beschlag nehmen? oder wie das lat. conducere domum ein congerere, cogere? man scheint früher auch gesagt zu haben 'einen zum mann, eine zur frau bestehn', gleichsam miethen oder kaufen, nehmen:
und wil sie mich darüber bestan,
so wil ich sie gern zu einem weib han.
fastn. sp. 576, 34.
10)
etwas bestehen = gestehen gleicht der intransitivbedeutung I, 7:
aus lieb er (Christus) setzet und bestet (oder bestetet?)
fünf wörter, die der priester pett (betet),
und sich dadurch gewandelt hat
als (alles) in verwandelt scheinlich brot.
Schwarzenberg 154, 2;
aber gott, der kein halbiert herz wil haben, wirt es nit besteen, sonder sagen, sie sind von der welt. Frank trunkenh. Bᵃ;
nein herr, dasselb besteh ich nit.
H. Sachs II. 2, 35ᵈ;
dabei wir dan ganz sonnenklar
des herren urtheil sehen,
und müssen es ganz recht und wahr
und ihn gerecht bestehen.
Weckherlin 33.
dies besten ein ding, es einbestehn kennt auch die heutige volkssprache in der Schweiz und Baiern. Schm. 3, 597. Tobler 83ᵇ.
11)
bestehen = verstehen: obgleich er weder latein noch deutsch bestehet. Liscov 518.
Zitationshilfe
„bestehen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/bestehen>, abgerufen am 15.10.2019.

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