Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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betteln

betteln,
mendicare, ahd. pëtalôn (Graff 3, 61), mhd. betelen (Ben. 1, 172ᵇ), nnl. bedelen, schw. betla, dän. betle, diese beiden von uns und sogar mit behaltnem t entlehnt. pëtalôn gründet sich (wie wëhsalôn nagalôn satalôn mangalôn hantalôn vogalôn auf wëhsal nagal satal mangal hantal vogal) auf pëtal, das vorhin erst im nhd. bettel nachgewiesen werden konnte, und pëtal supplicatio, mendicatio stammt wie pëta ab von pittan, goth. bidjan, welchem die grundbedeutung eines unterwürfigen niederfallens und liegens zukommt, was sich ganz für die vorstellung des bettelns schickt. bietet auch die goth. sprache kein einstimmendes bidlôn dar, so ist doch ein ihr eignes bidagva προσαίτης Joh. 9, 8 mit bida αἴτημα und bidjan ἐπαιτεῖν Luc. 16, 3 sichtbar verwandt. keine andere deutsche zunge gewährt es, die ahd. form würde sein pëtago. doch betteln selbst, προσαιτεῖν, αἰτεῖσθαι, προσεύχεσθαι pflegt der Gothe, auszer jenem bidjan, auszudrücken aihtrôn, προσευχή aihtrôns, welche merkwürdig an ἱκετεύειν, ἱκετήριος, ἱκετηρία mahnen, aber auch dem vielbesprochnen aibr δῶρον Matth. 5, 23 verwandt zu sein scheinen, wovon anderswo. denn die vorstellungen erbetner und empfangner gabe mischen sich, wie das lat. petere und impetrare, das ags. þicgan capere, alts. thiggian rogare und accipere, ahd. dikan, diccan bitten und empfangen, altn. þiggja gabe empfangen, schw. tigga, dän. tigge betteln auszer zweifel setzen. ags. ist vädla mendicus, vädlian mendicare, was nur scheinbar anklingt an bettler und betteln, in der that aber dem ahd. wadal vagabundus, egenus, wadalôn vagari (Graff 1, 776. 777) gleichsteht; zuletzt begegnet wädle noch im Ormulum, nicht mehr bei Plowman und Chaucer, und später tritt wieder das engl. beg und beggar in die lücke. es hat doch gröszern schein, dasz beg durch abweichende aussprache aus bede = bitten entsprungen sei, nachdem bid = bieten vorgedrungen war, als dasz, wie oben sp. 1295 vermutet wurde, begine und beghart einflusz darauf gehabt haben sollten, umgekehrt könnten sie aus beg erwachsen sein. Es gibt für betteln noch manche andere ausdrücke, meistens mit l gebildet, z. b. bair. fergeln (anhaltend fergen, bitten); nnl. troggelen, truggelen, dän. trygle, fries. tröggel bettler. Haupt 8, 350; in Pommern und Meklenburg gungeln (ambulare), mhd. gengelære bettler. GA. 2, 426; nnl. pragchen, anderwärts prachen, praken, prachern, heischen, fordern; bair. gnenken, bei Keisersberg nönen; geilen, nnl. gijlen u. s. w. Nach diesen erörterungen gelangen wir zu betteln, welches
1)
intransitiv steht, und oft noch mit bitten verbunden wird: betteln und bitten; es hilft kein bitten noch betteln; schwäbisch, hont beattelt und beata. Ernst Meier s. 201; man sagt im sprichwort, betteln ist besser als stehlen; besser betteln als borgen. Göthe 4, 331; betteln und brotheischen geht in einen sack; betteln viele in einen sack, so wird er bald voll; betteln heiszt armut verzetteln; es hat wol mehr denn ein könig gebettelt;
dô betelete der guote,
unz eʒ die liute muote.
gute frau 1681.
es heiszt betteln gehn, im eigentlichsten sinn, weil der bettler von thür zu thüre geht und im land herumzieht, O. III. 20, 37:
ih bin iʒ, wiʒit thaʒ, ther blint hiar betolônti saʒ,
ih io mit stabû nôtî giang weges greifônti
zi mannilîches wentî, io brôtes betolônti;
er gie beteln umbe brôt.
Trist. 96, 32;
(knappen) die dâ betelen giengen.
Amis 1293;
er fiel in solche armut, dasz er muste betteln gehn; er kann sich des bettelns nicht erwehren; er legt sich aufs betteln; mein kind, gib dich nicht aufs betteln, es ist besser sterben denn betteln. Sir. 40, 29; umb der kelte willen wil der faule nicht pflügen, so musz er in der erntin betteln und nichts kriegen. spr. Sal. 20, 4; ich schäme mich betteln zu gehen; seine kinder werden betteln gehen. Hiob 20, 10; seine kinder müssen in der irre gehen und betteln. ps. 109, 10; da sasz ein blinder am wege und bettelt. Marc. 10, 46; beinah wäre es eben so gut vor den thüren zu betteln. Göthe 18, 79;
es ist so elend betteln zu müssen,
und noch dazu mit bösem gewissen.
12, 244.
auf etwas betteln: er bettelt auf den brand, er ist abgebrannt und fleht um beistand; die frau bettelt auf ein kleines, krankes kind:
das ist dein eigenes kind nicht, worauf du bettelst und rührst mich.
Göthe 1, 356.
abstract, flehen, inständig, demütig bitten: ich bettle nicht um deine freundschaft, um seinen beifall; er hat um die stelle lange gebettelt; dasz die vernunft hier nicht bettele, sondern gebiete. Kant 2, 498; figürlich, die kunst geht betteln, geht nach brot; bei dem geht meine kunst, meine sonst so wol versuchte kunst betteln (kann meine geschicklichkeit nichts ausrichten, musz darben). Lessing 1, 228. auch von thieren, z. b. von zahmen vögeln, die heran geflogen kommen, dasz man ihnen körner hinwerfe, von hunden und katzen heiszt es betteln:
da säuselt vom dach mein mohrenköpfchen und bettelt.
Voss.
der aussätzige bettelt mit seiner klapper, der taubstumme mit der glocke: ein taubstummer machte mit seiner glocke an den thüren ein bettelndes geläute. J. Paul Tit. 2, 84.
2)
transitiv, fordern und erbetteln, impetrare:
sô gienc er beteln sîn brôt,
des er wart von schame rôt.
Marienleg. 223, 331;
und sie satzten in (den lahmen) vor des tempels thür, das er bettelte das almosen von denen, die in den tempel giengen. apost. gesch. 3, 2; dasz man brot von einer thüren zur andern bettlen gange. bienenk. 199ᵃ; das wasser bettlen. Fischarts spielverz. 254;
man sah die, welche fern ausz frembdem blut entsprungen,
zu bettlen meine gunst, zu leisten ihre trew gezwungen ungezwungen.
Weckherlin 72;
und hätte das brot für den thüren gebettelt, wie Lazarus. Schuppius 132; das büblein und mägdlein brot oder heller bettlen zur täglichen unterhaltung. 694;
hast du leidenschaften,
die von dem throne betteln? reizt dich gold?
Schiller 254ᵃ;
der ewigen weberin meisterstück,
das hat sie nicht zusammen gebettelt,
sie hats von ewigkeit angezettelt.
Göthe 3, 100.
3)
sich betteln, von einem ort zum andern fortbetteln, fortbringen: er hatte den feldzug in Spanien mitgemacht, wurde an der grenze entlassen und muste sich nach haus betteln;
ich gieng
als ein verwaistes armes mädchen
und bettelte mich bis ins nächste städtchen.
Bürger 106ᵇ.
vgl. sich anbetteln sp. 294, sich durchbetteln, sich einbetteln.
4)
im bretspiel ist betteln: stein um stein, ohne vortheil, nehmen.
5)
schweiz. aber bettelen nach dem bett riechen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1854), Bd. I (1854), Sp. 1729, Z. 37.

betteln, n.

betteln, n.
mendicatio: das betteln ist hier streng verbøten; die listige suchte einige einsame augenblicke mit Lianen durch das kühne betteln um deren begleitung nach Blumenbühl zu erhaschen. J. Paul Tit. 3, 84.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1854), Bd. I (1854), Sp. 1730, Z. 78.

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Zitationshilfe
„betteln“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/betteln>, abgerufen am 20.10.2021.

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