Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

chen

chen.
von der diminution ist gramm. 3, 664—707 gehandelt, hierher gehört daraus eine kurze angabe des allgemeinen verhalts, doch mit einzelnen erweiterungen, dann musz die genauere darstellung des heutigen unterschieds zwischen den beiden hauptarten folgen.
1)
um diminutiva zu bilden stehn unserer sprache zwei hebel zu, die liquida L und ein kehllaut, der auf niederdeutsch als tenuis K, auf hochdeutsch als aspirata CH erscheint. das beiden nachtretende N ist erst allmälich durch die flexion entfaltet worden, also unwurzelhaft.
2)
ursprünglich änderte, wie im latein, die diminution nichts am geschlecht der wörter. aus filius entsprang filiolus, aus filia filiola, aus granum granulum. ebenso wurde von dem goth. magus puer geleitet magula puerulus, von mavi puera mavilô puerula = puella, von einem vorauszusetzenden f. vaira oder vairi die lippe vairilô f., von barn infans barnilô, vermutlich also von kaurnô κόκκος kaurnilô κοκκίον. alle solche diminutiva flectieren schwach, magula hat im gen. magulins, im pl. magulans, mavilô im gen. und pl. mavilôns, barnilô aber im gen. barnilins, im pl. barnilôna. doch geneigt Ulfilas nicht zur diminution, wir sehen ihn zwar τέκνον durch barn, τεκνίον, παιδίον durch barnilô, allein auch durch barn übertragen, κοράσιον gibt er mavilô, θυγάτριον dauhtar, nicht dauhtrilô, er gebraucht das diminutiv vorzugsweise zur kosenden anrede und mavilô ist ihm liebes mädchen! barnilô liebes kind! anredend würde er auch dauhtrilô setzen. Die schöne gothische regel erbleicht aber späterhin und zuckt nur hier und da nach; so zeugen die Angelsachsen aus magu kein magula, aus bearn kein bearnle, doch vom erloschnen meov, meove f. blieb ihnen meovle f., gen. meovlan, dem goth. mavilô mavilôns entsprechend. ahd. stammen aus scalh, drûpo, lîhhamo die männlichen scalhilo, lîhhamilo, drûpilo, aus purc, eih, snuoba die weiblichen purgilâ, eichilâ, snuobilâ; doch wird von parn kein parnilâ n., von chorn kein chornilâ n. geleitet; dagegen sprieszen, gleichförmig aus allen geschlechtern, neutrale diminutiva auf li (gramm. 3, 667. 668), aus prant m. prentili, aus prust f. prustili, aus chind, tal n. chindili, talili, aus chorn chornili oder churnili. diese durchgreifende neutralform aller diminutiva gleicht der griechischen παιδίον θυγάτριον τεκνίον, wie sie aus jedem der drei geschlechter hervorgeht und ist dem wesen des neutrums angemessen, in welchem ursprünglich die vorstellung des jungen, kleinen enthalten war. solche ahd. ili bilden aber den gen. ilînes, dat. ilîne: prentilînes prentilîne, chindilînes chindilîne und das kann aufschlusz über ihre art und weise gewähren. scheinen sie nicht entsprungen aus prentilin, chindilin d. h. dem gen. dat. von prendilo, chindilâ? sogar im auslautenden s des gen. liesze sich das volle ns der goth. schwachen form ahnen. der oblique gen. und dat. wirkten nun zurück und brachten einen neutralen nom. prentili chindili, endlich ein prentilîn chindilîn zu wege statt des alten prentilo m., chindilâ n., die feminina musten zuletzt dem strom auch folgen, obwol sich hentili, hentilîn schwerer aus hentilâ hentilûn (goth. handulô handulôns) verständigt. In der engen schranke goth. und ahd. denkmäler läszt sich diese entwicklung nicht vollständig darlegen und manches bleibt dabei unsicher; doch erbringen uns eigennamen, in welchen oft geschwundne sprachgesetze haften, willkommen bestätigung. Attila ist diminutiv von atta pater und bedeutet paterculus, hier hat aber auch das ahd. Ezilo, gen. Ezilin, welchem ein altes azo pater unterliegt, das mhd. Etzel, gen. Etzeln sein genus bewahrt, da natürlich mannsnamen der neutralisation widerstreben musten; dennoch treten wiederum die nebenformen Ezilîn, gen. Ezilînes auf an den platz des alten Ezilo, ganz wie scalchilîn an den von scalchilo servulus, nur dasz es neutral geworden ist. die boten sind gern bötlein (sp. 272. 276), die von Etzel heiszen Werbel und Werbelîn, Swemmel und Swemmelîn. in den urkunden des mittelalters begegnen allenthalben solche mannsnamen, z. b. Mannilîn bei Neugart nᵒ 153 a. 805, Chnehtilîn und Puolîn nᵒ 606 a. 894, welches letztere nach der sp. 501 vorgetragnen mutmaszung gleichviel ist mit Puopilîn, wie Puopo mit Puopilo. nicht anders als Attila verhalten sich die goth. mannsnamen Vulfila, Tôtila zu ahd. Wolfilo, Zuoʒilo neben Wulfilîn, Zuoʒilîn und ähnliches wird von der wandlung weiblicher namen wie Gundilâ, Hiltilâ in Gundilîn, Hiltilîn anzunehmen sein. Solchergestalt erklären sich unsere nhd. diminutiva auf lein aus schwachformigen subst. auf lo, lâ, lâ und das in den nom. vorgeschobne N liesze sich sogar mit der nhd. unart namen bogen braten brunnen für name boge brate brunne zu setzen zusammenhalten, von welcher doch unsere schwachen f. und n. verschont geblieben sind. man übersehe nicht, dasz in der oberdeutschen volkssprache eine menge richtig auf bloszes el, ele, le gebildeter diminutiva fortbestehen (gramm. 3, 673. 674), die denn auch meistens den vocal vor dem L hegen, während er uns im heutigen söhnlein knäblein fräulein kindlein, geschweige in mäntlein vöglein väterlein töchterlein geschwunden ist.
3)
Wie steht es nun um die diminutiva, deren kennzeichen ein kehllaut ist? scheinen sie nicht denselben oder einen sehr ähnlichen weg einzuschlagen? zwar goth. formen auf aka akô, ika ikô mangeln durchaus, könnten aber doch vorhanden gewesen sein, in den übrigen sprachen lassen sich die beispiele nicht verkennen. ahd. ist von ano avus geleitet anicho = it. avolo, sp. abuelo, franz. ayeul, von anâ avia anichâ groszmütterchen. fulichâ puledra läszt einfaches fuliâ, menichâ armilla einfaches meniâ f. voraussetzen. hinter den mannsnamen Kipicho, burgundisch Gibica, ags. Gifeca, altn. Giuki, Sipicho, ags. Sifeca, altn. Sifki liegt einfaches këpo, gifa, giafi largitor, sifa, sifi amicus; hinter Mannecho trad. lauresh. nᵒ 3817 einfaches mann. brachio wurde sp. 289 versucht zu deuten bëracho ursulus. gerade so geht bulluca vitulus zurück auf ein verlornes bulla taurus, und der alts. mannsname Bennuco, Hamuko auf einfaches Benno, Hamo. Allmälich aber pflegt CH in der hochdeutschen mundart seltner, K in der niederdeutschen häufiger zu werden, in beiden N, wie vorhin bei L einzudringen. älteste beglaubigung dafür liefern mir die um das jahr 980 geschriebenen gesta abbatum lobiensium von Folcuin bei Pertz 6, 62, wo die form bruoderchîn fraterculus ganz hochdeutsch ist und ein nl. broederkîn vermuten läszt. eine Wormser urkunde von 1208 (Böhmer fontes 2, 216) hat den mannsnamen Mennekîn. bei unsern mhd. dichtern haben die diminutiva auf kîn sächsischen anstrich, recht entschieden in Wernhers Helmbrecht susterkindekîn 717, gebûrekîn 764, blindekîn 1717; Parz. 131, 28 ist aus einer hs. pardrîsekîn aufgenommen; Lichtenstein im frauendienst hat ein wol höfisches plüemekîn 244, 21, blüemickîn 568, 10; schappellekîn Trist. 18, 38. 118, 2. 280, 18 statt schapellelîn empfahl sich von selbst, für neilkîn Geo. 4779 würde negellîn gesetzt werden dürfen, im passional bei Köpke 509, 2 ist negelkîn begreiflich. überall aber wäre chîn hochdeutscher als kîn, und myst. 107, 2 liest man auch glockichîn, vogelchîn, 177, 11 stubechîn, im Ludwig des Ködiz von Salfeld 53, 1 knechtchin, 53, 2 meidichin, 72, 5 kindichin, 96, 25 tochtirchin. Stolles Erf. chron. s. 129. 131 hat meidichen und knechtchen, s. 164 stebichen, s. 181 wibechen, kindichen, s. 186 fenchen und schelchen (fähnchen und schellchen), s. 190 brostchene (pectoralia), sterneche (sternlein), stobichen (stübchen), s. 193 lechtchene, krenzchen, s. 204 huschen. eine in den altd. bl. 1, 117 ff. gedruckte prosa des 15 jh. liefert 238ᵃ den pl. schellichinne, 244ᵃ. 246ᵇ hüschin, 247ᵇ wörzelchin und löbechin (würzelchen und läubchen), 250ᵇ die pl. kinderchinne, welferchinne, 252ᵇ ketchinne, 253ᵇ meidichein und ketchin, 256ᵇ jungfrowechen und dirnechen. diese letzten belege schwanken zwischen chin chein und chen, es ist schwer zu sagen, warum sich endlich unser chen festsetzte, nicht ein dem lein analoges chein, wie es auch nach mnl. kîn (gramm. 3, 678) zu erwarten gewesen wäre. nd. gilt gleichfalls ken (gramm. 3, 680) und nur zuweilen bloszes ke: immeke apicula. Was den vocal vor dem K oder CH anlangt, den fast alle älteren belege festhalten, auszer wo das zum grunde liegende wort mit el, er abgeleitet war (vogelkin, bruoderkin); so fällt er heute vor dem chen wie vor dem lein überall weg (söhnchen, fräuchen, kindchen, mäntelchen, vögelchen, mütterchen, schwesterchen). frühere mundarten pflegten gerade ein i vor dem chen auszudrücken: sönichen, mäulichen, stäbichen, mündichen (gramm. 3, 679. 680), bei Opitz 2, 145 steht häusichin, 2, 300 mein seelichin, Arg. 2, 415 wäldichin; bei Lohenstein Arm. 2, 513 kieselsteinichen, 2, 1118 mägdichen; bei Günther 999 liest man teuflichen (teufelchen), in der pol. colica 12 violichen (veilchen), bei Haupt 7, 556 aus Luther kaninichen (kaninchen) und salzirichen (saucierchen). schon vorhin sp. 610 ist bemerkt, dasz im 17. 18 jh. häufig gen für chen geschrieben wurde: ästgen bübgen leutgen mädgen rädgen u. s. w. auch die pluralbildung schwankt, jene ketehinne kinderchinne schellichinne sind längst veraltet, gewöhnlich pflegt nach ahd. mhd. weise beim neutrum überhaupt die form des sg. unverändert zu bleiben. einige aber erlauben sich bübchens leutchens mädchens, z. b. Lessing 1, 461 in der anrede: seht freundlich aus, mädchens! ich will euch etwas fröhliches melden. andere tadelhafter selbst bübcher mädcher:
und wenn das laub herunter fällt,
so trauren alle ästger.
Mittler 465ᵃ,
wofür man doch einen noch des N entbundnen sg. bübche mädche ästche anzusetzen hat. neutra und masculina, die des epenthetischen er fähig sind, vermögen es mit in die diminution zu ziehen, und von beinchen bretchen bildchen häuschen kindchen lämmchen würmchen läszt sich auszer dem gleichlautigen pl. in traulicher sprache bilden: beinerchen breterchen bilderchen häuserchen kinderchen lämmerchen männerchen (Lessing 1, 242) würmerchen. verschieden davon sind aber brüderchen jüngferchen mütterchen schwesterchen töchterchen väterchen fensterchen lederchen mauerchen wässerchen, deren er dem sg. wie dem pl. zusteht. ein fehler ist der pl. mäderchen oder gar mädercher von mädchen = mägdchen, da das f. magd keinen pl. mägder zu bilden vermag. breterchen häuserchen u. s. w. laufen den bildungen breterlein häuserlein parallel. beide diminutionsarten erscheinen combiniert in äugelchen bäuchelchen bächelchen bäckelchen dingelchen jüngelchen knöchelchen mädelchen sächelchen tüchelchen wägelchen u. a. m., welche doch nicht über die gebühr zu suchen sind, zumal gestatten frauennamen solche häufung: Bärbelchen (Göthe 12, 186) Gretelchen Gundelchen. wiederum verschieden ist aber der fall, wo das el des ersten gliedes kein diminutives war, z. b. in engelchen, flügelchen, vögelchen.
4)
Nachdem wir nun die form unseres heutigen lein und chen dargelegt haben, ist ihr gegenseitiges verhalten zu erörtern. kein zweifel, dasz beide im ganzen genommen dasselbe ausdrücken und wie nhd. männlein und männchen, knäblein und knäbchen gleichbedeutung sind, schon ahd. die angeführten namen Mannilo und Mannecho es waren. als nicht minder ausgemacht musz aber betrachtet werden, dasz bereits frühe die bildungen mit L überwiegend hochdeutsch, die mit K niederdeutsch waren. seit die hochdeutsche zunge ihr gebiet vorschreitend erweiterte, musten ihr auch viele K formen, die sie CH auszusprechen hatte, geläufiger werden, mit der nhd. niedersetzung im 15. 16 jh. trat der wendepunct ein: die chen mehren sich in der prosa des gemeinen lebens, ohne dasz sie die lein in der poesie oder dem höheren schwung der rede verdrängen könnten. Luther, dem chen und ichen, wie wir aus seinen briefen und andern schriften sehen, traulich waren, wandte sie gleichwol in der bibelverdeutschung nicht an, sondern behielt männlein und fräulein Marc. 10, 6 und sonst überall knäblein, kindlein, körnlein u. a. m. später und bis heute haben die chen noch mehr umfang gewonnen, wir dürfen eigentlich jedem subst. die diminution auf lein wie auf chen gestatten, nur klingt uns lein immer feierlicher, edler, chen aber traulicher, natürlicher; im lied mögen väterlein söhnlein blümlein härlein kämmerlein ihr volles recht behaupten, für den hausbedarf wären sie geziert und nur väterchen söhnchen blümchen harchen kämmerchen, denen an rechter stelle auch der eingang ins gedicht unverwehrt bleibt, scheinen angemessen. doch in Schwaben, in der Schweiz, in Baiern, Östreich und wo sonst die einfachen, lieblichen diminutiva auf le, li, el, al lebendig hafteten, dürfen sie auch der traulichen rede und prosa zustehn, ganz wie man mhd. brüstel lembel kindel müemel wihtel sagte. unbedenklich sind die bildungen mit L die wollautenderen und chen, seit ihm der vorausgehende vocal mangelt, wird hart oder unaussprechlich, wenn das einfache wort selbst auf g oder ch auslautet; wer möchte tag auge wiege könig diminuieren in tägchen äugchen wiegchen königchen oder bach dach knoche in bächchen dächchen knöchchen? in solchem fall musz täglein äuglein wieglein königlein bächlein dächlein knöchlein oder tägelchen wiegelchen u. s. w. eintreten; zulässig sind von fisch tisch hirsch und bursch fischchen tischchen hirschchen bürschchen (Lessing 1, 247), besser aber fischlein hirschlein bürschlein. bei dem L pflegt, wenn auslautendes L dem lein begegnet, das eine wegzufallen: vöglein tieglein für vögellein tiegellein, nur für spiellein thallein wäre spielchen thälchen vorzuziehen. Von jenem höheren ton des lein, dem zutraulichen des chen abgesehn, sind also beiderlei diminutiva an sich gleichbedeutig und dürfen einander vertreten. dies leidet nur in seltnen fällen ausnahme, wo die sprache für eine oder die andere einen bestimmten sinn hervorgehoben hat, wie uns namentlich heutzutage fräulein eine wolgeborne jungfrau, fräuchen aber soviel als weibchen (ehmals mütterchen) bedeutet. der ehmann kann nicht sagen mein fräulein, nur mein fräuchen, mein kleines, liebes weibchen; ebenso wenig ist ein mädchen guter herkunft anzureden fräuchen, blosz fräulein, fräule, sogar die Niederländer haben freule aufgenommen, wogegen nd. fröken, selbst schw. dän. fröken gilt. die frühere anrede lautete jungfrau, jungfer, nl. juffer; mhd. schœniu! nhd. mein schönes kind, schönes lieb! ehmals auch vollkommen anständig schönes mensch! siehe u. d. w. und vgl. frauenzimmerchen. characteristisch gebrauchen wir männchen und weibchen zur unterscheidung des geschlechts selbst der gröszten thiere, wofür, wie vorhin bemerkt ist, die bibel noch männlein und weiblein beibehielt. auch das aufbäumen der pferde und hasen heiszt uns männchen, männerchen machen, doch bair. mannel (1, 618). auch für bischen, biszchen, wenn es ein wenig bedeutet (sp. 42), steht kaum ein biszlein (sp. 50), oberdeutsch aber bissel.
5)
gehen wir auf den grund aller diminution überhaupt ein, so soll sie ursprünglich das junge, kleine, dann aber auch das liebe, hoch gehaltene, umgedreht das geringschätzige ausdrücken. vater, groszvater sind genannt attila, anicho, die geliebten, theuren, im kosenden sinn von väterchen, groszväterchen. gott heiszt uns der liebe gott, unterm volk hört man ach gottche! ach lieber gott! unserm lieber gott entspricht das litt. diminutivum von dẽwas dẽwaitis, welches aber vom donnergott gilt, dẽwaitis grauja ist so viel als väterchen brummt, murrt, bair. der tatl greint, sonst aber es naht ein donnerwetterchen; als ein liebs gwitter einschlug; das liebe gewitter hat eingeschlagen. Lichtenberg 4, 177, der, diesen wortgebrauch nicht kennend, darin sprachverwirrung findet. man sagt ebenso das liebe wetter, die liebe zeit, da sich wetter und zeit oft gleichbedeutend sind; da hätte ich die liebe zeit von; das ist ein wetterchen! solchen sinn darf man auch den mannsnamen Gibeche Gifeca, Sibeche Sifeca beimessen und die in groszer menge entsprungnen abgestumpften koseformen der anrede Heinz Kunz Seitz Fritz Utz sind nicht anders zu fassen, vgl. brüdsch sp. 422. einigen sprachen ist für manche wörter der diminutivbegrif so häufig, dasz die unverkleinerte gestalt dadurch verdrängt wurde, z. b. das lat. oculus, franz. oeil setzt ein ocus, sl. oko, goth. augô voraus und entspricht unserm äuglein, aus oculus ergab sich sogar ein wiederum verkleinerter ocellus; das franz. oiseau ist avicella, sl. ptitza, vöglein, wozu man bemerke, dasz viele kleine vögel auch bei uns immer die diminution erhalten: rothschwänzchen, rothkehlchen, zaunschlüpferlein u. s. w. das franz. soleil, sl. sl''n'tze, böhm. slunce, poln. słońce und nochmals diminuiert slońezko ist unser sönnelein, sönnchen, wofür wir die liebe sonne sagen. es heiszt das liebe getraide, das liebe korn, das liebe brot, die gabe gottes, brotkrümel, das liebe gut (sp. 400. 403); das herz nit hatte, nur das liebe trunkne (so) brot gnug zu essen. franz. Simpl. 2, 307;
bliebe sie doheim bei irem mann,
hülfe im das körnlein bawen.
Ambr. lb. s. 226;
und war eben ein schneelein gefallen uf dem Spessart. Götz von B. lebensb. 72, kann zwar dünnen, leichten schnee meinen, aber auch wie liebes gewitter zu nehmen sein oder an das weidmännische neu für neuen, frischen schnee gemahnen. auf das neue, junge geht die vorstellung der diminution allzumal, wir sagen daher auch die liebe jugend, das junge volk. Oft liegt im diminutivum das feine, zierliche, wogegen das einfache wort grob lauten würde: ein mäulchen, schmätzchen geben; ein pfötchen halten, schnippchen schlagen; ins fäustchen lachen. aber sein mütchen kühlen sagt weniger als seinen muth; er hat das fündchen ausgedacht. Simpl. 1, 244, wie sonst das fündlein, einen feinen, schlauen fund. die leutgen. ehe eines mannes 63. 147. 154; die leutchen. Lessing 1, 364; die leutelein. Mittler 160ᵇ; das sie iren leutlin das evangelium recht und rein predigen. Spangenb. jagteufel C 2ᵇ, dies leutlein, leutchen will sagen die guten leute (ach nein, ihr guten leute. unw. doct. 688) und ist doch geringer als leute allein. herrchen, menschlein haben den verächtlichen sinn eines kleinen herrn, geringen menschen homunculus; ebenso das arme kerlchen, arme thierchen; geringschätzig ist auch: du bist ein schönes, sauberes früchtchen. das war ein fütterchen für ihn, die süszeste kost; sollte das nicht ein schönes fütterchen für mich werden können. Felsenb. 3, 143. das pünctchen, pünctlein, punctulum trift genauer als punct, und fleckchen, kleckschen genauer als flecke, klecks; es fehlt nicht ein körnchen ist bezeichnender als korn. wenn schon deut, brocke, krume das geringste aussagen, so musz deutchen, bröckchen, krümchen und gar bröckelchen, krümelchen das allergeringste sein. wie aber mhd. ein geloubelîn nur ein aberglaube (bei Krolewitz 3753), ist nhd. ein geschmäcklin (franz. Simpl. 2, 312) ein bloszer angeschmack.
6)
wie unsere sprache nur adjectiva, keine substantiva compariert, pflegt sie umgekehrt substantiva, keine adjectiva zu diminuieren, und wörter wie liebchen, trautchen sind davon nicht auszunehmen, da sie ein substantivisches lieb und traut voraussetzen, das jüngelchen ein subst. der junge. doch gibt es andere wirkliche beispiele: frömchen (ein frömmler, frommer heuchler) bei Alberus praec. vitae ac mor. 1562 p. 90ᵃ; ein junges gelehrtchen. Lessing 1, 298; mein altchen, lieber alter!;
grauchen (der esel) wird bepackt.
Pfeffel 6, 123;
tausendschönchen ist name eines krauts, bellis perennis. Eher fügen sich adverbia der diminution, es heiszt stillchen, sachtchen, schönchen, gemächelchen (langsam); mnl. stillekine clanculum, sconkine; nnl. stilletjes, zoetjes, kleintjes; schwäb. bair. östr. a wengeli, a wengel, hess. e winkelche; franz. un petitet. die volkssprache wird aber kühner und macht diminutiva aus lebendiger wortfuge, z. b. ein gutenäbendchen, gutenmörgelchen, ein behütichen, ein schmeckewölchen (leckerbisse); geläufiger scheinen: ein vergiszmeinnichtchen, ein springinsfeldchen, das nicht aufzulösen ist spring ins feldchen, sondern als verkleinertes springinsfeld zu fassen. doch hinter bleibchen (sp. 89) steckt kein imperativ, sondern ein subst. bleib, verbleib. man hört auch: zusämmchen schlafen, mit einanderchen gehen, in Hessen vernahm ich dasz man kindern kosend sagte: was dennerchen? für was denn? Keisersb. im schif der pen. 106ᵃ hat ein vorauslin (kleines praecipuum) von einem substantivischen der voraus 125ᵇ. bemerkenswerth die sieke, diminutiv von die sie, das weibchen, gebildet wie die rieke, rehkuh, das rehweibchen, aber beide weiblich bleibend. aus der grammatik ist bekannt, dasz der form nach neutrale substantiva dem sinne nach weiblich genommen werden können: die fräulein, die Jettchen statt das fräulein, das Jettchen. männlich nicht, z. b. der Konrädchen wäre unverstattet.
7)
verba werden genug mit L diminuiert: fälteln lächeln schmeicheln streicheln schnitzeln witzeln spötteln grübeln stückeln u. s. w. mit K nur nd. eteken flenneken u. a. m. (gramm. 3, 689).
8)
die menge der einzelnen, in der alphabetischen ordnung aufgeführten diminutiva bestätigen und erläutern vielfach das hier im allgemeinen vorgetragne.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1855), Bd. II (1860), Sp. 612, Z. 65.

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Zitationshilfe
„chen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/chen>, abgerufen am 19.10.2021.

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