Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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cigarre, f.

cigarre, f.
tabaci folia in tubulum convoluta, nach dem franz. cigarre f., sp. cigarro m.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1855), Bd. II (1860), Sp. 627, Z. 53.

zigarre, f.

zigarre, f.,
wickel aus tabakblättern, bestehend aus einlage, um- und deckblatt; solche rollen mit einem maisblatt als decke rauchten zur zeit der entdeckung Amerikas die eingeborenen auf Guanahani, während in Nordamerika die tabakpfeife in gebrauch war. nachdem diese auch in Europa anfangs die herrschaft innegehabt hatte, kamen durch die Spanier die zigarren in mode; den namen hatten sie nach Elise Richter dem verbum siqar gerollte tabakblätter rauchen der mayasprache entlehnt. die ersten zeugnisse für das wort finden sich in reisebeschreibungen Mittelamerikas und zeigen die spanische endung: es wird da (auf den caraibischen inseln) viel cigarr geraucht, eine art zu rauchen, die bey den Spaniern sehr beliebt ist C. G. A. Oldendorp gesch. d. mission d. ev. brüder auf d. caraib. inslen (1777) 190; cigarr ist eine von den zartesten und besten tabaksblättern vest zusammengerollte fingersdicke walze, etwa einen halben schuh lang, die der länge nach hohl ist, wie eine tabakpfeife ebda; cigarros P. S. Gilii nachricht. v. lande Guiana (1785) 145; so wie die Spanier ihre tabaksröhrchen, die sie cigarros nennen, aus angefeuchteten zusammengerollten tabaksblättern machen C. G. v. Murr reis. einig. missionarien d. ges. Jesu in Amerika (1785) 176. die spanische endung und das m. geschlecht hält sich auch in der folge: das gemeinste mittel (der reizung von sinnesempfindungen) derselben ist der tabak, es sey ihn zu schnupfen ... oder auch ihn durch pfeifenröhre, wie selbst das spanische frauenzimmer in Lima, durch einen angezündeten zigarro zu rauchen Kant anthropologie (1798) 57; cigárro, nennt man in Amerika und Spanien zusammengerollte tabacksblätter, die ein röllchen eines kleinen fingers dick und an beiden enden zugespitzt bilden, und ohne pfeife so geraucht werden, dasz man das eine ende in den mund nimmt, und das andere anzündet. man könnte spanisches tabacksröllchen dafür sagen (1813) Campe wb. z. erklärg. u. verdeutschg. 190; s. auch ob. glimmstengel (t. 4, 1, 5, 101) einen beleg von 1820 für Berlin; und zündete sich deshalb zum schein in unserer nähe einen cigarro an P. Haak bemerkung. auf einer reise (1829) 153; so schmauchten wir einige stangen cigaro Eichendorff tagebücher 128 Kosch. bis zum ende der 30 er jahre lockten fliegende zigarrenhändler vor den toren Berlins das publikum mit dem rufe zí-ga-ró mit avec die fö! richt. Berliner⁸ 195ᵇ; danach setzt sich das fem. zigarre, bis zum ende des jahrh. vielfach noch in der schreibung cigarre, durch; ebenso scheint im frz. nach ursprünglichem cigarro von 1770 an bis in den anfang des 19. jahrh. das fem. une cigare geherrscht zu haben, das sich mundartlich bis auf den heutigen tag bes. im südostfrz. erhalten hat, s. König überseeische wörter im frz. (1939) 68; v. Wartburg frz. etym. wb. 2, 670ᵇ. belege für zigarre: wir erwiederten es (das geschenk) mit einem dutzend ciggaren Chr. A. Fischer reise (1799) 337; der junge Planta war sehr munter und liesz es den ganzen tag an den schönsten Havannazigarren nicht fehlen W. Alberti kriegsbriefe (1814) 129. die literarischen zeugnisse verraten nur wenig von der bedeutung, welche der genusz einer zigarre für den modernen menschen hat; anfänglich wird er sogar von einem teil der gesellschaft als ungehörig verurteilt, schlieszlich überwiegt die schätzung als eines mittels zur behaglichkeit und entspannung; schon das anzünden der zigarre wird als der übergang in eine solche gemütslage der mitteilung wert erachtet, vgl.: er zündete seine zigarre ... an A. v. Arnim w. (1853) 8, 230; die cigarre zwischen seinen zähnen Carl Spindler d. jesuit (1829) 3, 107; wenn sie ... eine cigarre nehmen Charles Sealsfield ges. w. (1833) 3, 56; nachträgliche mittheilungen über Tschech. als er unerschrocken auf dem schafott erschien, nahm ein Berliner, der dicht daran stand, die zigarre aus dem mund und rief 'bravo, Tschech!' Varnhagen v. Ense tageb. (1861) 2, 419; bald konnten sie deutlich unterscheiden, dasz es eine frauengestalt und die sternschnuppe eine glimmende cigarre war, die sie im munde hielt Eichendorff s. w. (1864) 3, 460; der doktor nickte und zündete still lächelnd eine cigarre an der pfeife des soldaten an W. Hauff s. w. (1890) 2, 349; nach unten hin sind sie ... despoten, besonders wenn sie schlecht verdaut oder eine cigarre erwischt haben, die nicht ordentlich brennen will Holtei erz. schr. 23, 21;
zigarren tragen sie im maul
und in der hosentasch die händ
H. Heine w. 1, 271 Elster;
rauchte vornehm seine zigarre Gaudy s. w. (1844) 3, 162; auf einem ... sofa lag ... der lange zeichner, die zigarre, die grosze trostspenderin des neunzehnten jahrhunderts, im munde W. Raabe s. w. I 1, 27; eine zigarre, die der lohn dieser auskunft war, wurde von Lehnert dankend ... angenommen Fontane I 6, 100; nachher saszen wir behaglich um den tisch und plauderten bei einer zigarre H. Seidel Leberecht Hühnchen (1899) 16; ein unbehagen schlich ihm über den rücken in diesem zimmer, in dem er früher so oft behaglich bei der zigarre gesessen hatte Clara Viebig d. schlaf. heer (1904) 2, 440; tabak ..., den sie (die Papua) aber nur rauchen (im innern aus holzpfeifen, an den küsten als zigarren) und nicht kauen Ratzel völkerkde (1885) 2, 258. da in den volksschichten, welche sich mundartlicher sprache bedienen, manche berufe, wie die land- und forstwirtschaftlichen, auf das zigarrenrauchen, um der gefahr eines brandes zu entgehen, verzichten müssen und sich daher an die tabakpfeife halten und einige landschaften, wie der Bayerische wald, gar das noch ältere schnupfen des tabaks vorziehen, ist in ihnen die schätzung der zigarre als eines vornehmen genuszmittels verbreitet; davon zeugen folgende äuszerungen: der rainbur ... het do (im Welschland) ... voⁿ sīⁿᵉr dochter neⁿ sigareⁿ müesˢeⁿ rauken statt der pfeife schweiz. idiot. 7, 490; herrn un narren smökt sigarn (1840) Mensing 4, 491. man ist auch nicht gewohnt, viel geld für sie auszugeben: för fif penn sigarn, ni so väl slechte mank ebda, weshalb es nicht wunder nehmen kann, dasz sie nicht zug haben, und so kommt es dann zum spott: 's is ne dreimännerzegarre, zwee ziehn un enner schercht Rother d. schles. sprichwörter 67ᵃ; a dar zegarre muss ma ziehn, dos 's emm hindr a uhrn knackt ebda; auch beobachtet man mit schadenfreude, wie ungeschickt ein neuling mit dem zigarrenrauchen fertig wird: dam stiht de zegarre wie m offa de klanette ebda. bei der ... herstellung der cigarre arbeiten in der regel zwei personen zusammen, der roller und der wickelmacher handwb. d. staatswissensch. (1898) 7, 9. das alte m. geschlecht bewahrt die mda. Berlins aus span. erbe: der ziehjarre Trachsel (1873) 67; der ziehjarren Brendicke 195ᵇ; von ihrem ziehjarren Glaszbrenner bunt. Berlin 14, 17; Ag. Lasch berlinisch 220; 293. dem franz. entstammt das schweiz. der siggareⁿ, doch herrscht das fem. vor schweiz. id. 7, 490; das gleiche trifft für lux. zigar zu lux. wb. 504ᵃ, dort auch stellenweise n. die anfangssilbe trägt den ton längs der Rheinstrasze: schweiz. id. 7, 490; H. Fischer 6, 1, 1194 (neben der gewöhnlichen betonung); Christa Trier 223; lux. wb. 504ᵃ; Heinzerling-Reuter Siegerl. wb. 339; aber auch aus Königsberg wird diese aussprache gemeldet durch Betcke Königsb. mda. 66. wo dadurch dehnung des i eintritt, spielt der volkswitz gern auf zieh(en) an, damit den schlechten zug billiger sorten verspottend, so in Berlin, auch im schweiz. der ziehkarren schweiz. id. 3, 425; der ziechare Seiler Basl. mda. 325ᵃ. j-aussprache begegnet im Rheinland, vgl. Rovenhagen Aachen 168, und in der Mark Brandenburg. eine scherzhafte umbildung zu ziegeröhrel bei K. G. Anton Oberlaus. 15, 19; zu ziejalie, f., bei Brendicke 195ᵇ; ein dim. zigarrche bei Ph. Laven ged. in Trier mda. 290. in der soldatensprache des ersten weltkrieges kam die redensart auf er hat eine zigarre bekommen einen rüffel von einem höheren vorgesetzten Th. Imme soldatenspr. 88; sie ist im zweiten weiter bekannt geworden; sie erwähnt Mensing 5, 759. als verdeutschung erscheint in der biedermeiersprache Berlins der glimmstengel (t. 4, 1, 5, 101), ein nur noch im scherz gebrauchtes wort; niedrige ausdrücke ohne groszen geltungsbereich erzeugt der volkswitz ständig; gäkwurzel, sargnagel, stinkbolzen nennt davon z. b. Müller-Fr. 2, 705ᵇ; häufig hört man die zigarre eine giftnudel nennen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1951), Bd. XV (1956), Sp. 1253, Z. 64.

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Zitationshilfe
„cigarre“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/cigarre>, abgerufen am 19.10.2021.

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