Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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zister

zister,
(genus?), 'von frz. cistre, ist ein schon im mittelalter nachweisbares guitarreninstrument mit birnförmigem korpusumrisz, mit nach unten hin abnehmender zargenbreite und mit doppelten drahtsaiten' C. Sachs real-lex. d. musikinstrumente (1913) 82ᵇ; unter der konkurrenz dieses instruments (der guitarre) ging die cister am anfang des 19. jhs. ein ebda 84ᵃ; die mit metallsaiten bespannten zistern ... waren neben der viel vornehmeren laute als dilettanteninstrumente viel gebraucht J. Schlosser präludien (1927) 384. vgl. ²zither.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1956), Bd. XV (1956), Sp. 1652, Z. 53.

kiste, f.

kiste, f.
cista, ahd. kista cista gl. trev. 16, 10, mhd. kiste, mnl. nd. kiste, nnl. kist; altn. isl. schwed. kista, dän. kiste; ags. cist, cest, cyste, engl. chest, nordengl. schott. kist; auch kelt. cisde, cist, ciste, kest.
I.
Herkunft und formen.
a)
die entlehnung aus lat. cista (gr. κίστη, schon Odyss. 6, 76) ist bei völliger gleichheit der bedeutung und form an sich so glaubhaft als möglich; auch läszt sichs gut denken, dasz unsere vorfahren die römischen cistae (cistulae, cistellae) zum aufbewahren oder verpacken von kleidern u. dgl. als etwas neues kennen lernten; so ist arca kasten früh in alle germ. sprachen gekommen (s. arche). Und dennoch sind bedenken da, die es wie so oft (z. b. bei korb) schmerzlich empfinden lassen, dasz die sitten- und wortgeschichte da mit bloszen annahmen hantieren musz, wo ein geschichtlicher nachweis des vorgangs nötig wäre.
b)
zunächst das verhältnis zu kasten, kaste, das unzweifelhaft einheimisch ist und doch in sache und form dem kiste so nahe steht, wie es zwischen ablautenden schwesterwörtern nur vorkommen kann (s. besonders II, 3). Wackernagel umdeutschung 50 stellt das beispiel unter die seltene 'ablautende wortbildung aus fremden wurzeln' (vgl. sp. 782 unten), wie das bei verbis allerdings schreiben unzweifelhaft zeigt.
c)
aber auch in der sache zeigen sich bedenken. besonders in der bed. sarg II, 9, die übereinstimmend alle deutschen sprachen, wie die keltische, zeigen und die doch im lat. oder rom. gebrauch keinen anhalt hat, s. dort. die rom. sprachen haben vielmehr cista ganz anders gewendet; it. cesta, span. cesta bedeuten blosz korb (cestarolo, cestéro korbmacher), es gab nämlich röm. cistae auch von flechtwerk (vgl. mlat. cestus korb J. Grimm lat. ged. 319).
d)
geschichtlichen wert hat schwerlich eine form küste (selbst kust), die sich seit dem 15. jh. oft genug zeigt: küsten fastn. sp. 1040, 22 var.; die seel in die küst pfrengen. Garg. 191ᵇ (354 Sch.), geldkiste, von wucherern gesagt; etliche hatten den ihrigen (nebengott) in der küsten. Simpl. 1, 83, 28 Kurz, auch 1685 1, 85; als ein bauer eier in seiner küsten gen markt (trägt). Abele gerichtsh. 1684 1, 433; eine leichte küste, mit wachsleinewand wol verwahrt. Lessing 12, 170; setzte mich vorne an die spitze des schiffs auf eine küste. Bronner leben (1795) 3, 409. s. das gleiche ü unter kien, kipfel, kielkropf, kiel sp. 676, kickerling 5, kinn, kitz, kitze, es scheint gerade nach K besonders oft vorzukommen; dennoch ist allemal scharf darauf zu achten, da echte alte nebenformen dahinter stecken können, wie sicher z. b. bei kibitz 1, c, kitzeln, vermutlich bei kippen (1, d), kiffe, kiefen (3, a), kiepe, kirren sp. 841. kust gibt ein voc. d. 15. jh. in harnaschkust scaphium Dief. 516ᶜ; man wird das beispiel als beweis brauchen können, dasz mit u im 15. 16. jh. nicht immer u gemeint ist, oft auch ü, wie sp. 776 unter β. bemerkenswert kischte alem. schon im 15. jh. gedruckt: bracht ein kischten voller bücher und legt si für sant Jacob nider. heiligenleben Augsb. 1472 96ᵃ.
II.
Bedeutung und gebrauch. Noch die vocc. des 15. 16. jh. erklären, wie ältere, auch ags., lat. cista meist mit kiste (kisten), und umgekehrt, s. Dief. 123ᵃ. aber die bed. weicht vom lat. worte gerade früher wesentlich ab.
1)
auch die mhd. kiste diente zur aufbewahrung der kleider. Kriemhild z. b. weist ihre jungfrauen an,
die an dem antphange (Brünhilds) mit mir wellen sîn,
die suochen (conj.) ûʒ den kisten diu aller besten kleit (die staatskleider).
Nib. 529, 7;
si sluʒʒen ûf die kisten, die ê stuonden wol bespart.
1209, 4.
daher bricht eine dirn bei Neidhart 25, 2 (51, 6) ir kisten auf, da ihr die mutter den schlüssel zum schrîn, gadem verweigert, wie die kiste 24, 37. 38 heiszt; ebenso hat Nib. 1209, 4 die hs. J schrîn, D aber kasten, wie im Sachsensp. 1, 24, 3 kasten mit upgehavenen leden (deckeln) unter der frauengerade, es wird sein was man jetzt lade nennt. In einem fastnachtspiele 574, 17 gibt eine mutter ihrer tochter eine alte kisten mit unter der aussteuer. es ist die brautkiste, arca nuptialis Stieler 934, noch nd. brûtkiste, 'brautlade, die kiste mit dem brautzeuge' brem. wb. 5, 406, auch altdän. brudkiste (s. kistenfüllung). eine solche ist wol 'die kiste', in die ein überraschter buhler geschlossen wird:
die fraw wirtin war voller list,
sie stecket den knaben in die kist
und schub den schlüssel zwischen die brüst.
Uhland volksl. 735,
nachher s. 736 wieder auch kasten genannt, der knabe lag darin. vgl. kleiderkiste. auch lade von weiblichem gesinde, z. b. in einer Straszb. polizeiordn. wird bestimmt, die mägde sollen ihre kisten nicht auszer dem hause, sondern im diensthause haben. Frisch 1, 196ᵇ. die lade heiszt z. b. thür. noch auch kiste. wie es vorhin mhd. mit schrîn als gleich erschien, so noch im 17. jh.:
ein kisten und ein schrein,
eine sau und ein schwein,
ein ochs und ein rind
sind all geschwisterkind.
Lehmann floril. bei Hoffmann spenden zur d. lit. 1, 53.
2)
aber bei solcher gleichheit von kiste und schrein, kasten ist zu erwarten, dasz es wie diese auch für schrank gebraucht war. und so scheint es in folg. angegeben: kisten vel almerein, cista, increpta, est genus scrinii. voc. inc. teut. n 3ᵃ; almerein, vulgariter ein kisten, increpta, spinterium, almarium, idemque dicitur cista sursum erecta. a 7ᵃ (vgl. Dief. 293ᵇ). auch almerein (almer 1, 244) ist schrank, franz. armoire, d. i. armarium, eig. waffenschrank. dasselbe, als aufrechtstehender schrank, ist vermutlich harnischkiste scaphium Dief. 516ᶜ. so begreift sich wol auch die nd. bezeichnung einer lade als dragkiste Schütze 2, 260, denn unsere kisten sind ja alle tragbar. daher wol auch das sprichwort das.: 'he hett nig kisten noch kasten, gar nichts an meublen'. Ein schrank ist nach unserer redeweise auch folg.: kisten an der wend, ristus, est scrinium in pariete vel fenestra. voc. inc. teut. n 3ᵃ, wandschrank, ebenso kast in einer wand weisth. 4, 276; vgl. känsterlein ristus. s. auch kistner tischler, wie kästner.
3)
es scheint aber früher überhaupt mit kasten ganz gleich gebraucht zu sein, wie das Adelung aus dem nd. als noch für alle fälle gültig angibt. daher z. b. beutelkiste, beutelkasten bei Möser phant. (1820) 4, 151. aus einem kaufmännischen geschäfte etwa folg.: pin[ac]otheca, ein kist oder briefschrin. gemma Str. 1518 T 2ᶜ (vgl. kontor). vorratskasten im hause: was mag aber die ursach sein, das ihr also (wenig) wachsen, wie ein nusz in der kisten oder wie ein rub in die ründe? Garg. 41ᵃ (62). als reisekoffer: wenn er die reiseküsten aufschlieszen wird (wird es schon geschenke setzen). Chr. Weise polit. redner (1684) 320; noch im teutsch-engl. wb. Lpz. 1716 reisekiste, auch gewölbte kiste, coffer. selbst der meisenkasten hiesz so: excipula, ein falle oder meiskiste. Trochus R 3ᵇ.
4)
besonders auch für den geldkasten, casse (s. kasten 3), vgl. kistengötze: so man wein schenkt (aus dem kurfürstl. keller), sal er (der küchenschreiber) bi der kisten sitzen, gut gelt innehmen .. und darnoch .. das (eingegangene) gelt ausz der kisten nehmen und zelen. Michelsen der Mainzer hof zu Erfurt s. 29 (vgl. u. kistchen); item soll in ainem iegklichen stift, pfarrkirchen oder closter ain kist gesetzt werden, darinn daʒ gelt, so die .. cristenleüt ausz irer andacht mit freiem willen geben (für den Türkenkrieg), geworfen und verwart u. s. w. reichstagsabsch. von 1500 B 1ᵇ, ebenso 1427 ein gemein kisten gegen die Hussiten, s. Janssen Frankfurts reichscorr. 1, 809 ff.;
er weisz die grieff und rechte bossen
zu kisten die hie seind beschlossen,
und wie man leut umbs gelt sol bringen.
Fischart Domin. F 4ᵃ;
bisz si der ifer ind kilchen treit (ironisch),
so flüchend si zur kisten.
Soltau 2, 148 (1533),
eilen sie die kirchencasse auszuleeren. das hiesz kisten fegen:
kisten fägen thuon ich mich nit schämen,
eim biderman das sin zu nämen.
fastn. sp. 1040, 22;
her her, ir gsellen all mit mir!
zerschlagen wend wir schlosz und thür
und kisten fegen wie mans nent.
Wickram Tobias C 5ᵇ;
s. kistenfegen, kistenfeger. ebenso ausputzen:
es ist fein dasz ein frembdling sich
kan in ein gutes haus einnisten
und mit dem fuchsschwanz listiglich
ausbutzet förtiglich die kisten.
Weckherlin 417.
doch sind gewiss die kleiderkisten meist eingeschlossen, wie in folg. sprichwörtern: bei offener kiste mag auch der fromme ein schalk werden. Simrock 5699; bei einer offenen kiste sündigt auch wol ein gescheider. Adelung; eine offene kiste macht leichte finger. von der casse allein: die karge frau geht am meisten zur kiste. Simrock 2611, die wenig gibt, braucht selbst am meisten. eine eiserne geldkiste teutsch-engl. wb. Lpz. 1716.
5)
kisten und kasten treten in stabreimender und ablautender formel zusammen, schon mhd. (s. sp. 264), wahrscheinlich schon ahd.: kisten und kästen. Petr. 34ᵃ. 36ᵃ. 50ᵃ;
dem, der in (gott) bit   und bschlüszet nit
sin kist und kast vorm armen,
der ist ein christ   on trug und list,
got wird sich sin erbarmen.
Ambr. Blaarer ein schön lied wider weltl. geschmuek und watheit str. 11;
kisten und kasten voll haben. teutsch-engl. wb. Lpz. 1716, erbrechen Steinbach 1, 856; kaum hatten also die kisten und kasten (des grafen Thorane) das haus geräumt. Göthe 24, 176; die erben hingegen untersuchen kisten und kasten. 39, 276; (es) stehen euch kisten und kasten offen, bei uns ist mancherlei vorrath. 42, 293; sie habens kist und kasten voll. Fr. Müller 3, 384, beide wie éin wort behandelt (vgl. käsenbrot);
fahrt wol, ihr kisten und kasten.
Rückert 358;
lege dus (das ringlein) in kisten und kasten,
lasz es ruhn, lasz es risten und rasten
bis an den jüngsten tag.
volksl. bei Erk liederh. nr. 12, 11.
6)
der heutige eigentliche gebrauch von kiste ist zurückgegangen auf tragbare kasten, gewöhnlich mit losem deckel, einfach zum zuschieben oder zunageln wie schon Adelung bemerkt, meist von einfachster zimmerarbeit, während früher künstliche kisten vom kunsttischler gefertigt wurden. es gilt besonders im handelsleben für waarensendung; das glas wird in glashütten und glashandlungen nach kisten gemessen. im hausleben kaum anders als zur versendung oder bei reisen; so bei dem zuge der auswanderer in Hermann und Dorothea, kiste und kasten als gleich gebraucht:
später stürzten die kasten und fielen näher dem (umstürzenden) wagen.
wahrlich wer im fallen sie sah, der erwartete nun sie
unter der last der kisten und schränke zerschmettert zu schauen.
Göthe 40, 240.
7)
einstmals war es edel genug zu folg. bilde in einer Marienklage des 15. jh., da sagt David zum volke:
dar umb, ir werten christen,
tut auf eurs herzen kisten
und helft der jungfrau tragen
ir schmerz und leiden klagen.
A. Pichler drama des mitt. in Tirol s. 132,
wie mhd. herzen schrîn (z. b. Lichtenstein 551, 31. 612, 32), vgl. kasten 7 sp. 267.
8)
auch folgende redensart zeugt für edleren klang:
die welt wil han ein schimpflich (lustige) leer.
so blibt gott ligen in der kisten,
und kumpt herfür mit iren listen
der tüfel und die öde welt.
Murner geuchm. 1118 Scheible,
er entschuldigt damit, dasz er seine lehre nicht in geistlichem gewande bringt. ähnlich unglück in der kiste:
si kan niemant überlisten,
si haben unglück in der kisten.
fastn. sp. 510, 8,
ein teufel sagts zu seinem herrn von alten weibern, zauberinnen die ihn überlistet haben; gemeint ist wol 'sie haben das unheil, um es nach belieben loszulassen, in ihrer kiste verschlossen', wie sie wind und wetter in säcken und im verschlusz haben, s. myth. 1041.
9)
geschichtlich bedeutsam ist besonders kiste als sarg (wie lat. arca). so mhd. bei einem dichter tôdes kiste Kolm. meist. 116, 14 (s. 472); noch jetzt oberd. todtenkiste, schwerer sarg mit erhabnem deckel ( Adelung). auszer dem hd. aber ist das weitverbreitet und altvolksmäszig. so nd. rustkiste 'ruhekiste', ein groszer schwerer sarg brem. wb. 2, 776, ostfries. dodekiste Stürenburg 107ᵇ, nl. kist, dazu kisten einsargen; auch älter engl. kyste, schott. kist, deadkist, schon ags. cyste Luc. 7, 14, daher noch nordengl. schott. kisting leichenbegängnis (to kist einsargen). in Nordschleswig kistläg begräbnis, dän. lägge i kiste einsargen, liigkiste sarg, schw. likkista, schon altn. lîkkista, kista. ebenso bedeutet gaelisch ciste auch sarg, und diese weit und tief greifende übereinstimmung bezeugt einmal aufs neue den ursprünglichen adel des worts (die röm. cista diente auch für heilige gerätschaften), könnte aber auch die ableitung von cista erschweren helfen, falls nicht eine einführung von särgen statt der alten todtenbäume, und zwar mit mlat. benennung als cistae, etwa durch die kirche, nachgewiesen werden kann. übrigens mag auch kasten so gebraucht gewesen sein, darauf deutet nordfries. duadkast sarg Johansen 123, wol auch niederwend. kaschcż kasten, insbesondere sarg. entlehnt wol auch ehstn. kirst kasten, sarg (finn. kirstu und kistu, kasten).
10)
ganz wie kasten, ward auch kiste von gebäuden gebraucht, freilich nur von engen. so hiesz das narrenhäuschen nd. dorenkiste, dullkiste brem. wb. 2, 776, s. auch 1, 231; dän. daarekiste tollhaus, älter schwed. tyfkista diebsgefängnis Ihre 1, 1067, altdän. kiste gefängnis (wie lat. arca), alles verächtlich wie kasten. altengl. heiszt aber auch der 'kasten' Noah (sp. 267) chist, s. Tyrwhitt zu Chaucer Cant. t. 3539.
11)
im nordd. deichwesen kastenartiges pfahlwerk, das mit steinen u. a. gefüllt wird, s. Stürenburg 107ᵇ, brem. wb. 2, 776, daher kistdamm, kistendamm u. a., auch verkistung, einkistung eines gefährdeten deiches, s. Gutzeit 1, 235ᵇ.
12)
aber nicht hierher gehört ein bergmännisches kiste, das die neuern wbb. aufführen, s. kister.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1866), Bd. V (1873), Sp. 855, Z. 3.

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Zitationshilfe
„cister“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/cister>, abgerufen am 21.10.2021.

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