Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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civilisieren

civilisieren,
erudire, ad humanitatem informare: wir sind im hohen grade durch kunst und wissenschaft cultiviert, wir sind civilisiert bis zum überlästigen zu allerlei gesellschaftlicher artigkeit und anständigkeit. aber uns schon für moralisiert zu halten, daran fehlt viel. Kant 4, 304.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1855), Bd. II (1860), Sp. 628, Z. 23.

zivilisieren, vb.

zivilisieren, vb.,
'gesittet machen'; frz. civiliser; überwiegend als part. prät. in attributiver und adverbieller verwendung 'kultiviert, verfeinert, gesittet, gebildet, nicht barbarisch roh'. bezeugt seit der frühen aufklärungszeit; verdeutschungsvorschläge: entwilde(r)n, sittigen Campe verdeutschungswb. (1801) 228ᵇ.
1)
das zivilisierte als gesellig-bildungshafter wert: das schöne und civilisirte Leipzig erweckte alle zufriedenheit in mir Landcron merckw. reisen (1724) 61. von einzelnen menschen mit anschlusz an zivil, adj. 1 a: civilisiren einen die höfflichkeit lehren Wächtler hdb. (1703) 64; Sperander hdlex. (1728) 117ᵇ; er musz sich erstlich ein wenig civilisiren lassen; er ist noch nicht wohl civilisiret Wächtler a. a. o.; wir sind im hohen grade durch kunst und wissenschaft cultivirt. wir sind civilisirt, bis zum überlästigen, zu allerlei gesellschaftlicher artigkeit und anständigkeit. aber uns für schon moralisirt zu halten, daran fehlt noch sehr viel (1784) Kant w. 4, 304 H.; Fränzchen ist so jung und redselig geworden und Max so guter laune und zivilisiert, dasz alle leute davon reden (1843) A. v. Droste-Hülshoff br. 2, 149 Schulte-K.; unter leichteren, zivilisierteren menschen Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 116. abwertend: wir männer lernen allerhand originale kennen ... und ihr (frauen) habt immer dieselben glatten, zivilisierten zuckerwasser-charaktere um euch (1843) L. Schücking s. br. 175 Muschler.
2)
mit aufnahme des sinngehalts von zivilisation (s. d.) bezogen auf völkergemeinschaften und die von ihnen bewohnten räume; zivilisierte völker, nationen im unterschied zu den kulturell unentwickelten, am besitz der civilisationsgüter nicht teilhabenden kulturvölkern: (schätze der natur,) die dem ersten civilisirten volk zu theil und nützlich werden müssen, welches sich die mühe geben wird sie aufzusuchen (1778) J. G. Forster s. schr. (1843) 1, 173; 2, 226; 5, 329; es gibt drei hauptmenschenrassen: wilde, zivilisierte barbaren, Europäer Novalis schr. 3, 64 Minor; (1851) Marx-Engels briefw. (1949) 1, 251; (der kabinettskrieg) ist einer zivilisierten nation unwürdig Bebel a. m. leben (1946) 1, 132; man (versuchte) die Zigeuner durch ansiedlung zu 'zivilisieren' E. Keyser bevölkerungsgesch. Deutschlands (1938) 284. reflexiv: (diese völker) sind jetzt gefährlicher als je, seitdem sie sich zivilisieren und glaceehandschuh tragen (1830) Heine s. w. 7, 43 Elster. die gesamtheit der zivilisierten nationen bildet die zivilisierte welt: ein commercium nicht nur von waaren und manufacturen, sondern auch von licht und weisheit mit dieser gleichsam andern civilisirten welt (China) (1700) Leibniz dt. schr. 2, 277 Guhrauer; (1813) Göthe I 41, 1, 56 W.; die letzte schutzwehr der civilisirten welt Gentz schr. 3, 256 Schlesier; Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 102; der harmonische ausbau einer durch den französischen geist zivilisirten welt Werfel Bernadette (1948) 357. zivilisiertsein als zustand lediglich äuszerer gesittung (formwert) im ggs. zur einfalt und unschuld naturhaft lebender völker: lasterhafte gemüthsarten gibts unter allen völkern; aber einem bösewichte in diesen inseln (Societätsinseln) könnten wir in England oder andern civilisirten ländern funfzig entgegen stellen (1778) J. G. Forster s. schr. 1 (1843) 312; die verderbten sitten der civilisirtern völker (1778) J. G. Forster s. schr. 1 (1843) 252; unser civilisirtes jahrhundert ein jahrhundert der halbbarbarei Zschokke ährenlese 1 (1844) 1.
3)
allgemeiner: in einer feinen, späterfundnen metaphysischen sprache, die ... jahrhunderte ihres lebens hindurch verfeinert, civilisirt und humanisirt worden ..., das kind der vernunft und gesellschaft (ggs. die alten, die wilden sprachen) (1772) Herder 5, 9 S. auch: einem zivilisierten geschmacke könne die sache eigentlich nicht genügen Fontane ges. w. (1905) I 6, 202; Ratzel völkerkde (1885) 2, 256.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1956), Bd. XV (1956), Sp. 1735, Z. 8.

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Zitationshilfe
„civilisieren“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/civilisieren>, abgerufen am 18.10.2021.

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