Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

Es wurden mehrere Einträge zu Ihrer Abfrage gefunden:

komplexion, complexion, f.

komplexion, complexion, f.,
gewöhnlich gekürzt complex (auch f.), eig. complexie, dann complexe, welche formen Dief. 137ᶜ aus dem 15. jh. gibt, mhd. compléxie Frauenlob s. 96 (aus complexio), complexe wb. 1, 858ᵇ, nach Bracks erklärung 'art oder eigene natur usz der fier element eigenschaft' (Dief. 137ᶜ), es war einst ein wichtiges stück der geheimnisvollen naturlehre, gesundheits- und temperamentslehre, aus der noch unser humor herstammt; die weitere aufklärung s. unter kalt 3. das lat. wort bedeutet eig. verflechtung und scheint auf σύμπλεξις, συμπλοκή bei Galenus (9, 48 ff. ed. Kühn) zurückzugehn.
1)
hauptsächlich von menschen war es gebraucht, auch im leben, selbst in die liebesdichtung übergegangen: kalte complex. Haupt 3, 272, temperament; warm-feucht complex (ist) listig und bscheib (s. 1, 1550). Thurneisser archid. 81;
er wust, wie sie genaturt was,
ihr edle cómplex sagt im das.
Körners hist. volksl. 204;
want u (eure) complexie is sanguijn,
laet mi u dienaer wesen.
hor. belg. 11, 158,
in einem liebesliede (vgl. unter 2), nämlich 'sanguinea optima est complexio, sanguineus ad optima aptus, pulcer, amabilis, liberalis' Brack voc. rerum Lpz. 1491 10ᵇ. den begriff des wortes im 16. jh. bezeichnet z. b. Kilian 677ᵇ: complexie, natura et mores, constitutio corporis, crasis (d. i. mischung der elemente, 'temperament'), also zugleich auf gemüt und charakter erstreckt. mehr medicinisch bei Henisch 611: complexion, die naturliche vermischung und temperatur der vier humoren, das letztere doch auch schon mit aufs gemüt angewandt. noch bei Schiller:
junge wittwen, vierzigjährge zofen
feuriger komplexion.
Venuswagen (krit. ausg. 1, 192).
2)
man war so und so complexioniert, mlat. complexionatus, frz. complexionné: die gemeinlich leidenhaftige (leidenschaftliche) mönschen genant werden, die mögend leichtlicher .. weder (als) andre gesunde, wol geschickte (eingerichtete), wol complexioniert oder wol auferzogen mönschen vom bösen feind gefatzt (gereizt) .. werden. Keisersberg irrig schaf (4°) D 7ᵇ; wol compl. war der, in dem alle vier elemente oder humore gleichmäszig gemischt, 'temperiert' sind (vgl. jüng. Tit. 647), wie einer von seiner buhle rühmt:
der vier conplexen kraft
trägt si mit edler maisterschaft (vollendung)
zärtlich geformt an ir person.
Hätzl. 148ᵃ.
mlat. complexionari hiesz aber auch die compl. bilden oder erkennen, so und so arten, gedeihen, s. Dief. 137ᶜ.
3)
aber auch von naturdingen, wie ja die grundzüge jener lehre durch die ganze natur gezogen wurden (s. sp. 80 mitte), z. b.: so musz man den erzen nach gelegenheit irer complex oder temperatur allerlei zusatz geben ... Mathesius Sar. 108ᵇ.
4)
wegen des sprachgebrauchs ist eine freiere wendung zu er wähnen:
die zeitlichn wollüsten nachhenkn,
essen, trinken und nur feurn ....
seind podagracomplexion.
Ayrer 2587, 22,
d. i. sind von der complexion, die zum p. geneigt ist. diese geschäftlich klingende kürzung stammt gewiss aus dem munde der ärzte, sie findet aber ebenso bei art statt (das man als heimischen ausdruck für complexion gebraucht zu haben scheint), z. b. ihr seid eisenart Fleming (s. 1, 570 mitte), sie ist katzenart (s. d.), du bist der ratzen art Rachel 4, 199. auch die wendung bei Thurneisser unter 1 hängt damit zusammen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1868), Bd. V (1873), Sp. 1685, Z. 78.

komplexion, complexion, f.

komplexion, complexion, f.,
gewöhnlich gekürzt complex (auch f.), eig. complexie, dann complexe, welche formen Dief. 137ᶜ aus dem 15. jh. gibt, mhd. compléxie Frauenlob s. 96 (aus complexio), complexe wb. 1, 858ᵇ, nach Bracks erklärung 'art oder eigene natur usz der fier element eigenschaft' (Dief. 137ᶜ), es war einst ein wichtiges stück der geheimnisvollen naturlehre, gesundheits- und temperamentslehre, aus der noch unser humor herstammt; die weitere aufklärung s. unter kalt 3. das lat. wort bedeutet eig. verflechtung und scheint auf σύμπλεξις, συμπλοκή bei Galenus (9, 48 ff. ed. Kühn) zurückzugehn.
1)
hauptsächlich von menschen war es gebraucht, auch im leben, selbst in die liebesdichtung übergegangen: kalte complex. Haupt 3, 272, temperament; warm-feucht complex (ist) listig und bscheib (s. 1, 1550). Thurneisser archid. 81;
er wust, wie sie genaturt was,
ihr edle cómplex sagt im das.
Körners hist. volksl. 204;
want u (eure) complexie is sanguijn,
laet mi u dienaer wesen.
hor. belg. 11, 158,
in einem liebesliede (vgl. unter 2), nämlich 'sanguinea optima est complexio, sanguineus ad optima aptus, pulcer, amabilis, liberalis' Brack voc. rerum Lpz. 1491 10ᵇ. den begriff des wortes im 16. jh. bezeichnet z. b. Kilian 677ᵇ: complexie, natura et mores, constitutio corporis, crasis (d. i. mischung der elemente, 'temperament'), also zugleich auf gemüt und charakter erstreckt. mehr medicinisch bei Henisch 611: complexion, die naturliche vermischung und temperatur der vier humoren, das letztere doch auch schon mit aufs gemüt angewandt. noch bei Schiller:
junge wittwen, vierzigjährge zofen
feuriger komplexion.
Venuswagen (krit. ausg. 1, 192).
2)
man war so und so complexioniert, mlat. complexionatus, frz. complexionné: die gemeinlich leidenhaftige (leidenschaftliche) mönschen genant werden, die mögend leichtlicher .. weder (als) andre gesunde, wol geschickte (eingerichtete), wol complexioniert oder wol auferzogen mönschen vom bösen feind gefatzt (gereizt) .. werden. Keisersberg irrig schaf (4°) D 7ᵇ; wol compl. war der, in dem alle vier elemente oder humore gleichmäszig gemischt, 'temperiert' sind (vgl. jüng. Tit. 647), wie einer von seiner buhle rühmt:
der vier conplexen kraft
trägt si mit edler maisterschaft (vollendung)
zärtlich geformt an ir person.
Hätzl. 148ᵃ.
mlat. complexionari hiesz aber auch die compl. bilden oder erkennen, so und so arten, gedeihen, s. Dief. 137ᶜ.
3)
aber auch von naturdingen, wie ja die grundzüge jener lehre durch die ganze natur gezogen wurden (s. sp. 80 mitte), z. b.: so musz man den erzen nach gelegenheit irer complex oder temperatur allerlei zusatz geben ... Mathesius Sar. 108ᵇ.
4)
wegen des sprachgebrauchs ist eine freiere wendung zu er wähnen:
die zeitlichn wollüsten nachhenkn,
essen, trinken und nur feurn ....
seind podagracomplexion.
Ayrer 2587, 22,
d. i. sind von der complexion, die zum p. geneigt ist. diese geschäftlich klingende kürzung stammt gewiss aus dem munde der ärzte, sie findet aber ebenso bei art statt (das man als heimischen ausdruck für complexion gebraucht zu haben scheint), z. b. ihr seid eisenart Fleming (s. 1, 570 mitte), sie ist katzenart (s. d.), du bist der ratzen art Rachel 4, 199. auch die wendung bei Thurneisser unter 1 hängt damit zusammen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1868), Bd. V (1873), Sp. 1685, Z. 78.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
Zitationshilfe
„complexion“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/complexion>, abgerufen am 19.10.2021.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)