Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

kontor, contor, n.

kontor, contor, n.
die ältere form für comptoir, das man nach der franz. schreibung wieder eingeführt hat, aber auch nur in der schrift, denn gesprochen wird nach wie vor kontór, und das ist natürlicher als komtór das von gewissenhaften befördert wird, entspricht auch allein der franz. aussprache; schrieben doch auch die Franzosen noch im vorigen jh. und früher lieber contoir (daher engl. counter). auch die franz. endung ist mit -ôr richtig verdeutscht, denn der franz. klang o͡a ist deutschem munde nicht zuzumuten. kontôr gitt auch schon seit dem anfang des 16. jh. oder länger: pinotheca, contoer (oe als zeichen für ô) in der Cölner gemma von 1507, s. Dief. 436ᵃ. doch gibt als nl. schon Kilian (1598) komptoor neben kontoor, Halma (1729) comptoir neben kantoor, wie es noch nl. heiszt In der bed. zeigen sich aber einige schwierigkeiten.
1)
contor, rechnungtisch, mensa, trapeza, quasi 'computatorium' (comptoir) Henisch 614, 32, nach Kilian. diese urspr. bed., die noch engl. counter hat, erscheint wol im folg.; im Eulenspiegel wird in der 62. hist. der held als tischlergesell von seinem meister angewiesen: thuͦ wol und arbeit fliszig, und bring die fier bretter uf das kontor uf das genawest zuͦsammen in den lim, er aber durchboret die köstlichen schönen krausen (maserigen) disch- oder kontorbretter, das fertige wird nachher der disch genannt, s. Lapp. s. 88. 89.
2)
die ersten angaben. geben es aber als pinotheca (für pinacotheca), kuntor eft (oder) breveschryn. gemma Leipz. 1503 (hor. belg. 7, 29ᵇ), vergl. vorhin. also schrank für wertvolle papiere, urkunden. etwa daher, weil ein solcher bei kaufleuten urspr. vielleicht gleich im rechentische, ladentische angebracht war, wie noch der schubkasten für die tagescasse.
3)
aber auch ein besonderes, namentlich geheimes zimmer zu gleichem zwecke (tablinum bei Kil., Henisch a. a. o.), und zwar nicht nur im geschäftsleben. so im folg., wo von pabst Alexander VI. erzählt wird, als er sich vergiftet fühlte, schicket er einen seiner getrewesten knecht .. in ein contor oder gewelb neben der kammer, darinn er zu bett lag, ein vergults büchlein von der schwarzen kunst zuholen, welchs er allzeit unter seinem grösten schatz verwart hat ... in des nun der knecht ins contor vermeint zutretten ... Fischart bien. 1588 243ᵇ, bei Marnix 238ᵃ nur contoor. hierher wol auch folg. dem. kontorchen: sie kamen über ein kleines kontorigen, darin funden sie ein trühlin, das war voller ducaten. buch der liebe cap. 38, das versteckte ist in dem kommen über .. angedeutet. also eigentlich vielleicht geheime geldkammer.
4)
geschäftszimmer, wo zugleich gelder und papiere aufbewahrt sind, so jetzt im kaufmännischen geschäftsleben:
madam, wie lassen sie das dutzend dieser tassen?
monsieur, der nächste (genaueste) preis der ist ein friedrichsdor.
madam, sie können sie für sieben gulden lassen.
monsieur, sie kosten acht, und mehr, auf dem kontor (der fabrik).
J. N. Götz ged. 1, 147, 'die porzellankrämerinn'.
Aber auch hier scheint die heutige beschränkung aufs kaufmännische nicht ursprünglich. Junius nom. 1577 142ᵃ erklärt tablinum, in quo rerum in magistratu gestarum monumenta et codices ponebantur (in Rom), πινακοθηκη, mit nl. een contoir oft schrijfcamer, hd. die schreibstuben, canzleistuben, franz. cabinet, estude, contoir. Es ist klar, dasz die immer als erste angenommene bed. 1 das nicht alles erklärt.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1868), Bd. V (1873), Sp. 1743, Z. 7.

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Zitationshilfe
„contor“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/contor>, abgerufen am 17.10.2021.

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