Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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dummeln

dummeln,
ahd. tûmilôn und tûmôn tiumôn rotari Graff 5, 424, mhd. tûmeln und tûmen, sich im kreise drehen Ben. 3, 128. taumeln ist dasselbe wort, nur hat durch die gemination mm der vocal seine länge verloren, niederd. tümelen tummeln sich wälzen Brem. wörterb. 5, 128, gleiche bedeutung hat das niederländ. tuimelen, ags. tumbian tanzen, engl. tumble in vielfacher bedeutung, fallen, hinstürzen, fallen machen, taumeln, sich wälzen, tanzen, springen, herumtreiben, umrühren, durchsuchen, zerknittern, in unordnung bringen, isl. tumba fallen, schwed. tumla mit dem kopf vorwärts hinstürzen, sich umwälzen, dän. dumpe plötzlich fallen, und tumle umstürzen, schwanken, mittellat. tombare tanzen, wie ein gaukler springen, ital. tombolare mit dem kopf voran fallen, ebenso span. und provenz. tumbar, portug. tombar, altfranz. tumber, franz. tomber; auch die zweite form ital. tomare, altfranz. tumer Diez 346. 347, welches letztere nach Ducange (6, 603ᵇ Henschel), wie das englische tumble, zugleich fallen machen bedeutet. auch das lat. domare zähmen gehört hierher. man sieht wie das wort, dessen wurzel noch bedeckt ist, sich ausgebreitet und in verschiedenartige bedeutungen getheilt hat. ursprünglich heiszt es mit heftigkeit sich bewegen, daher sprünge machen, tanzen wie ein possenmacher, wobei das mhd. tûmerschin tänzerin (Herbort 9303 musz spranc und trat gelesen werden) und dummeler 4 zu bemerken ist. ferner, im kreis sich drehen, im schwindel, in der betäubung hin und her wanken, niederstürzen, auf den boden sich wälzen, dann das active fallen machen, pferde bändigen und zureiten. s. durchdummeln.
1.
intransitiv.
a.
taumeln,
dasz die welt sich verwundert,
wan Bacchus dumlend dundert.
Weckherlin 778.
b.
unruhig sich hin und her bewegen.
warum, meine sele, tümmelest in mir?
Melissus S 5ᵇ.
unt warüm tümelstuͦ in mir?
S 7ᵇ.
wies tummelt auf der ehrenbahn!
Göthe 13, 4.
2.
transitiv, forttreiben, fortdrängen. einen dumlen Schönsleder L 4. vexare, exagitare aliquem Stieler 2361. ich aber dummelt ihn höflich fort Tieck 15, 339. im dänischen sagt man som stormen tumler havets bölger wie der sturm die meereswellen treibt; vergl. dumpeln.
wie wenn Zefyros oft die gewölk auseinander getummelt.
Voss Ilias 11, 305.
da erhuben sich jene
mit graunvollem getös und tummelten rege gewölk her
23, 213.
gewöhnlich wird es von dem starken reiten, spornen, zureiten und zähmen eines pferdes gebraucht: dumlen domare, condocefacere equos Schönsleder L 4. dummeln equum hac illac circumducere Henisch 765. Rädlein 204ᵇ. ein pferd tummeln, herumtummeln in gyrum agere equum calcaribus Stieler 2361. Frisch 2, 394ᶜ. Steinbach 2, 881. du findest (in dem wunderbuch) dasz einer auf eim halben pferd, welches ein fallender schuszgatter entzwei getheilet, noch etlich meilen sei geritten, unvermerkt bisz ers gedummelt Fischart Garg. 105ᵃ. da muszt sie (die pferde) der jung reutersknab anführen und üben mit sprengen, dummeln, umbwerfen, springen, denzelen, hupfelen, stutzen, luftspringen, alles zugleich 132ᵃ. sein pferd wol dummeln können Amadis 114. 425. seinen gaul nach aller notturft dummeln und mustern Galmy 120. gaul in den schranken dummeln 136. mein pferdchen das lernte ich nach aller herzenslust tummeln Chr. Weise Erznarren 75. da dummelte ich meinen bock (auf dem ich ritt) Simpliciss. 2, 1033 Keller.
er hat sein pferd gewaltig gedummelt und dem
frawenzimmer hofiert.
Henisch 765. Rädlein 204ᵇ.
wohl zu hemmen die ross und nicht durcheinander zu tummeln.
Voss Ilias 4, 302.
reiter die ihre pferde tummelten.
Arnim 1, 69.
3.
reflexiv.
a.
sich hin und her werfen, heftig bewegen, auch im kampf, eilen. denn sie wolt die thorheit nit von im leiden, das er sich dumelte also auf dem seil Eulensp. 5. gienge aber unden, da der (schwebend aufgehängte) sack am schwersten war, eine kugel darwider, uberwarf und dummelt sich herumb und hieng wider wie vor Kirchhof Milit. discipl. 172. wenn ich mich denn zur Liegnitz aus sonderer freude sehr tummelte und den rappen aus Dänemark unter mir hatte Schweinichen 1, 292. dummel dich, gut pärchen Fischart Garg. 88ᵃ. dummel dich, mutz 93ᵇ. dummel dich eia age, rumpe moras Schönsleder L 4. da nun dem ritter auch der preis zugetheilt ward und er sich so ritterlich dummelt (auf dem pferd), war keiner mehr so des ritters begeret Galmy 138.
ich mein der diltap dumlet sich,
fuhr über sich, als wenn er flüg,
ja wie ein bolze von armbrust.
Fuchs Mückenkr. 2, 163.
und wann du nun in deinem stand (als soldat)
dich dummelst in der feinde land.
Philander 2, 748.
er dummelt sich tapfer impiger ad labores belli Schönsleder L 4. sich tummeln sich fortmachen Rädlein 204ᵇ. sich herum tummelen circumvolitare Steinbach 2, 881. wir zohen fast zu gleicher zeit vom leder und tummelten uns vor der hütte weidlich mit einander herum Felsenburg 1, 47. Warbrecht war mit nicht wenigen reitern schon da. er tummelte sich hinter den Marsen so lebhaft dasz sie sich oft umsehn muszten Klopstock 10, 211. gleichwohl währte es lang, dasz du dich im strome tummeltest, und du kamst sehr froh an das ufer 10, 221.
und ihre borstge majestät sah zur belohnung
mich hausfrau für einen arkadischen schwan,
mein ehebett für einen rasen an
sich drauf zu tummeln.
Göthe 13, 99.
dort tummle dich auf rosenbetten
mit deinen grazien.
Wieland 10, 135.
b.
uneigentlich, mit eifer, fleisz sich zu etwas anstrengen. dummelen, sich uben, brauchen, studere, vires vel nervos in aliqua re adhibere, conari manibus, pedibus, noctesque et dies, conferre sua omnia studia Henisch 765. tummelt und befleist sich manniglich etwas im lager zu holen Kirchhof Milit. discip. 130.
krumbschnabel frech, krumbschnabel frech,
dummelt sich dapfer bei der zech.
Uhland Volkslieder 40.
mit spielen solt du dich auch dapfer dummeln, nicht acht ob dir an gut oder gelt zerrinnen will Galmy 227. dummel dich, mein sohn, dasz du deine grammatik verstehst Henisch 765. sich dummeln fleiszig sein Rädlein 204ᵇ. sich tummeln festinanter agere Frisch 2, 394ᶜ. sich in einer sache tummeln in re aliqua multum esse das. er tummelt sich darinnen omnem diligentiam in hanc rem confert das. er tummelt sich damit herum enixe elaborat in hac re das. so musz ich mich nur kurz und eilig tummeln Möser Vermischte schr. 2, 141.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1858), Bd. II (1860), Sp. 1516, Z. 72.

dummeln, n.

dummeln, n.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1858), Bd. II (1860), Sp. 1518, Z. 37.

dummel, tummel, m.

dummel tummel, m.
rausch, taumel von wein oder bier, schwindel, tummel Schmid Schwäb. wörterb. 147, niederd. tümel, tumel Brem. wörterb. 5, 128. Strodtmann Idiot. osnabr. 253; s. dummeln, dümmelich.
du prahlst 'ich saufe viel, krieg aber keinen dummel,
und söff ich auch das bier bei halb und ganzen ein,
so werd ich doch nicht voll'.
Neumark Lustwäldchen 224.
als ich den tummel davon (vom wein) im kopf empfand Simpliciss. 1, 281. demnach man aber abgessen und ich einen zimlichen tummel hatte 1, 314. mein man wird den dummel wohl ausgeschlafen haben Gespenst 211. das bier macht einen tummel Stieler 2361. er hat einen dummel bekommen Rädlein 204ᵃ. dummel, wenn einem der kopf vom trinken schwer ist Nieremberger Deutsch-lat. wörterb. Kk 2. vom gestrigen schmaus noch einen dummel haben das. sobald ich einen halben tummel bei ihm verspürete Felsenburg 2, 134. in der meinung dasz wenn ich etwa eine kleine halbe stunde in der freien luft herum gienge, sich der dummel wohl verlieren würde Cavalier im irrgarten 106. den tummel ausschlafen edormiscere crapulam Frisch 2, 394. Steinbach 2, 880. Frommann Mundarten 3. 274, 23.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1858), Bd. II (1860), Sp. 1515, Z. 42.

tummel1, m.

¹tummel, m.,
sonus, tumultus.
herkunft und form. postverbale zu ²tummeln (s. d.); vgl. ferner gedümmel teil 4, 1, sp. 2051; getümmel ebda 4, 1, 3, sp. 4570; getümmer ebda 4588 sowie tümmer unten sp. 1750 zu präfixlosen neutralen kurzformen von getümmel s. teil 4, 1, 3, 4575, 3 a. im vergleich mit dem verb überwiegen die umgelauteten formen, wohl unter einwirkung der kollektivbildung getümmel: (1483/89) dok. z. gesch. d. bürgermeisters Hans Waldmann 2, 447; Keisersberg schiff d. penitentz (1514) 83ᶜ; Petri bibelglossar (Basel 1523) sowie die von ihm abhängigen glossare von Knoblouch (Straszburg), Steiner (Augsburg) und Farkall (Hagenau), vgl. Dauner d. obdt. bibelglossare d. 16. jhs. 9; 135; (1529) Kessler Sabbata 311; trunkenmette A 3ᵃ; (um 1550) Kaspar Scheit frölich heimfart v. 449 Strauch; (1535) Binder Acolastus in: schweiz. schausp. d. 16. jhs. 1, 259 v. 2065 Bächt.; Pinicianus Scanderbeg (1561) 165ᵇ; Endinger judenspiel (1616) 685; Rebmann naturae magnalia (1620) 171. — umlautlose formen: (anf. 12. jh.) Rolandslied 6058; (12. jh.) spec. eccl. 80 Kelle (tumil); (1523) Zwingli 1, 324 Schuler-Sch.; (1534) Schmidel reisen 33 lit. ver.; (1644) S. Bürster schwed. krieg 123 Weech; wunderhorn, s. A. v. Arnim s. w. 14 (1846) 80; G. Keller w. (1889) 9, 125; nd. nur bei Th. Kantzow chron. v. Pommern 43 Böhmer (um 1540); Voss ged. (1803) 6, 43; lexikalisch Campe 4, 909; mundartlich Fulda allg. dt. idiot. (1788) 559; Schmid schwäb. 147; Fischer schwäb. 2, 451; Reiser Allgäu 2, 742; Pennsylvania-wb. 46; Müller-Fraureuth obersächs. 1, 261; Jensen nordfries. 646. — umlautlose neben umgelauteten formen Montanus schwankbücher 11 (u); 51 (ü); Schmeller cimbrisch 179; neben umgelauteten und entrundeten formen Aventin 1, 190 (u); 4, 178; 320 (ü); 4, 59; 61 (i). — entrundung (1564) S. Schertlin briefe 167 Herberger; Autenrieth pfälz. 33. — eingeschobenes b bairisch (s. Weinhold bair. gramm. § 126) Aventin 1, 190; 4, 59; 61.
bedeutung und gebrauch. tummel ist schon in einem der frühesten belege unmittelbar neben und gleichbedeutend mit getumel als sonus bezeugt (s. u. 1 a). beide worte haben ihren bedeutungsbereich erweitert zu 'tumultus', vielleicht unter einwirkung des lat. worts, doch vgl. die entsprechende entwicklung von geschälle 3, teil 4, 1, 2, sp. 3832. ein bedeutungsunterschied zwischen simplex und kollektivbildung (so Petri bibelglossar [1523]: 'tümmel gethön, geschrey; getümmel ungestimb, auffrur' s. Frommanns zs. f. dt. maa. 6, 42 u. 44; vgl. auch Schütt Petris bibelglossar 47; Dauner d. obdt. bibelglossare d. 16. jhs. 135; 9) ergibt sich nicht aus den literarischen zeugnissen. in der schriftsprache hat sich durch und seit Luther die kollektivbildung durchgesetzt, vgl. teil 4, 1, 3, sp. 4572 getümmel I b. tummel und tümmel ist fast nur obd. bis zur mitte des 17. jhs. bezeugt (vgl. jedoch Th. Kantzow unten 1 b; J. H. Voss unten 2; schweizer. 19. jh. G. Keller s. u. 1 c; vgl. auch tummelgetose).
1)
sonus.
a)
von elementaren geräuschen, 'sausen', 'rauschen', auch 'donnern': alin gahis wart ein tumil und ein chradim von himele. do chom der heilige geist, und erschein den herin botin mit viwerinin zungin (12. jh.) specul. ecclesiae 80 Kelle (et factus est repente de caelo sonus, tamquam advenientis spiritus vehementis), vgl.getumele als übersetzung d. gleichen stelle ebda 86;
davon (von einem see) man allzeit wunderbar
ein tümmel höret rauschen har
J. R. Rebmann naturae magnalia (1620) 171;
mundartlich 'donner' Autenrieth pfälz. 33; Schmeller cimbrisch 179, s. u. tummelschlag.
b)
von geräuschen, die durch instrumente, durch menschliche oder tierische stimmen, durch ungestüme bewegung von mensch oder tier hervorgerufen sind, oft von 2 'tumultus' schwer zu scheiden:
(Roland bläst sein horn)
ther scal wart sô grôz,
ther tumel unter thie heithenen thôz,
thaz niemen then anderen mahte gehôren
(anf. 12. jhs.) Rolandslied 6058 Bartsch;
so hebt sich in der stuben ein dümmel,
von stülen und bencken ein grosz gerümmel
(16. jh.) trunkenmette A 3;
on underlasz ... eileten die Teutschen der stat Rom zue, liessen ander stet underwegs unpekümmert unangefochten, ruckten für und für mit einem groszen geschrai, g'rümpl und tüml, schriern nur schlecht Rom zue Aventin 4, 320 Lexer; (überfall des Gideon) da ein solchs gerümel und tümel war, rumpleten die feind urbering (plötzlich) im schlaf auf, hörten ein solchs pusaunen und plasen und geschrai, sahen die liechter ebda 4, 178;
losz, heb still, ich ghör ein tümmel!
(1535) G. Binder Acolastus, s. schweiz. schauspiele d. 16. jhs. 1, 259 v. 2066 Bächtold:
nachdem nun das eisen genugsam gelitten,
kömmt wagner Franz vor die schmiede geritten,
er bringt mit sich der räder drei:
'die müssen flugs beschlagen sein!'
giebt wieder ein rummel, gemummel und tummel
wunderhorn, s. A. v. Arnim s. w. 14 (1846) 80.
im niederdt. einmal bezeugt: alse die lude nhu den tummel und wrinschent der perde horeden, wusten se nicht anders, jd weren ere hern hertoch Bugslaff und hertoch Casemir gekhamen (um 1540) Th. Kantzow chron. v. Pommern 43 Böhmer.
c)
vom leeren äuszeren schall, dem eine innere beteiligung nicht entspricht (vgl. geschälle 1, teil 4, 1, 2, 3832): disz volk êret mich mit den lefzen und maul, aber ir herz ist weit von mir, si êren mich vergebens mit menschentand, und nur weit von mir mit irem grumpel und tumpel. ir geigen und pfeifen will ich nit mêr hören Aventin s. w. 1, 190; nur weit hindan von mir mit dem grimpl und timpl deines plerren ebda 4, 61; damit wir uns selbs nit triegen mit unsern ... aufgeplasnen unnützen titl und nämen, lieblosem gefert, lären plossen worten, unandächtigem grimpl und timpl, ungotsforchtigem prangen und angenumer weis, welchs alles wir uns selbs fürgenomen und aufgesetzt haben ebda. 4, 59. 'leerer lärm und betriebsamkeit': sich hie, was ist der tummel aller örden anders, weder dasz sy anders leerend, weder gott geleert hat Zwingli dt. schr. 1, 324 Schuler-Sch.; hierher wohl im gedicht 'die zweifellosen', d. i. 'von sich überzeugten':
bei euch ist nichts als lärmendes geschiebe,
in wildem tummel trollt ihr euch herbei,
meszt aus und schlieszt den zirkel sonder scheu,
als ob zu hoffen kein Kolumb mehr bliebe
G. Keller ges. w. (1889) 9, 125.
2)
tumultus. lärmende bewegung, verwirrung, menschenauflauf, auch gefecht. das moment der bewegung ist mit dieser bedeutung des substanivs enger verbunden als mit der entsprechenden des verbs.: ich sihe wie der guͤtig her Jesus also gewaltigklich und graussamklich von den juden ist angefallen worden, mit so groszem geschray, tümmel und ungestümigkait jn angriffen, strick geworffen an seinen hayligen halsz, gebunden sein hayligen hend, also auff jn gefallen und getobt Keisersberg schiff d. penitentz (1514) 83ᶜ; iederman fiel in die götzen. man reisz sy ab den altär, wenden und sülen; die altär wurden zerschlagen, die götzen mit den axen zerschitet oder mit hämern zerschmettert; du hettest gemaint es geschech ain feldschlacht. wie war ein thümmel! wie ain gebrecht, wie ain tosen in dem hochen gwelb (1529) Kessler Sabbata 311 Egli u. Schoch; darzu verprenten sie unnsz auch 4 grosze schieff, welche auf ein halbe meil vonn unnsz auff dem wasser stunden. das folckh, so drauf gewesen unnd kein geschiz hette, als es solchen groszen tumeln der Inndianer sahen, flôch es aus diesen 4 schieffen in anndere 3, so nit weit darvon stunden und darinen geschiz war (um 1550) Ulr. Schmidel reisen 33 lit. ver.;
in solchem tümmel sich bereit
zur newen fart fraw Adelheit
(um 1550) Kasp. Scheit frölich heimfart v. 449 Strauch;
die braut iren breütigam fraget, was doch den morgen vor der kirchen für ein geschrey und tummel gewesen were (streit, hader) (1557/66) Montanus schwankbücher 11 lit. ver.; (bei einem tanz entsteht streit) yederman von läder gezuckt und frid gemacht. als solchs die mädlin gesehen, allsamen geflohen; dann sie geforcht, sie in solchem tümmel sterben müssen ebda 51; es seind schier mehr zertretten in selbem thümmel und zanck ... von jren eigen leüten und waffen, dann von feinden Pinicianus Scanderbeg (1561) 105ᵇ; (überfall des klosters durch soldaten) indeme würd man desz tummels in dem closter gewahr, schluog sturmb Seb. Bürster schwed. krieg 123 Weech. anders, 'gefecht': (1564) wir haben heut mer erfarn, weder (als) jch gestern im timel gewist, sonst het jchs dem statschreiber auch anzaigt Seb. Schertlin briefe an d. stadt Augsburg 167 Herberger. vereinzelt 'lärmende geselligkeit': (gedicht 'die häusliche')
mir freude des lebens
ist garten und haus.
man lockt mich vergebens,
ich gehe nicht aus.
im tummel da zwing ich
so dumm mich und stumm;
hier sing ich und spring ich
im garten herum
J. H. Voss s. gedichte (1802) 6, 43.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1952), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 1717, Z. 49.

tummel1, m.

¹tummel, m.,
sonus, tumultus.
herkunft und form. postverbale zu ²tummeln (s. d.); vgl. ferner gedümmel teil 4, 1, sp. 2051; getümmel ebda 4, 1, 3, sp. 4570; getümmer ebda 4588 sowie tümmer unten sp. 1750 zu präfixlosen neutralen kurzformen von getümmel s. teil 4, 1, 3, 4575, 3 a. im vergleich mit dem verb überwiegen die umgelauteten formen, wohl unter einwirkung der kollektivbildung getümmel: (1483/89) dok. z. gesch. d. bürgermeisters Hans Waldmann 2, 447; Keisersberg schiff d. penitentz (1514) 83ᶜ; Petri bibelglossar (Basel 1523) sowie die von ihm abhängigen glossare von Knoblouch (Straszburg), Steiner (Augsburg) und Farkall (Hagenau), vgl. Dauner d. obdt. bibelglossare d. 16. jhs. 9; 135; (1529) Kessler Sabbata 311; trunkenmette A 3ᵃ; (um 1550) Kaspar Scheit frölich heimfart v. 449 Strauch; (1535) Binder Acolastus in: schweiz. schausp. d. 16. jhs. 1, 259 v. 2065 Bächt.; Pinicianus Scanderbeg (1561) 165ᵇ; Endinger judenspiel (1616) 685; Rebmann naturae magnalia (1620) 171. — umlautlose formen: (anf. 12. jh.) Rolandslied 6058; (12. jh.) spec. eccl. 80 Kelle (tumil); (1523) Zwingli 1, 324 Schuler-Sch.; (1534) Schmidel reisen 33 lit. ver.; (1644) S. Bürster schwed. krieg 123 Weech; wunderhorn, s. A. v. Arnim s. w. 14 (1846) 80; G. Keller w. (1889) 9, 125; nd. nur bei Th. Kantzow chron. v. Pommern 43 Böhmer (um 1540); Voss ged. (1803) 6, 43; lexikalisch Campe 4, 909; mundartlich Fulda allg. dt. idiot. (1788) 559; Schmid schwäb. 147; Fischer schwäb. 2, 451; Reiser Allgäu 2, 742; Pennsylvania-wb. 46; Müller-Fraureuth obersächs. 1, 261; Jensen nordfries. 646. — umlautlose neben umgelauteten formen Montanus schwankbücher 11 (u); 51 (ü); Schmeller cimbrisch 179; neben umgelauteten und entrundeten formen Aventin 1, 190 (u); 4, 178; 320 (ü); 4, 59; 61 (i). — entrundung (1564) S. Schertlin briefe 167 Herberger; Autenrieth pfälz. 33. — eingeschobenes b bairisch (s. Weinhold bair. gramm. § 126) Aventin 1, 190; 4, 59; 61.
bedeutung und gebrauch. tummel ist schon in einem der frühesten belege unmittelbar neben und gleichbedeutend mit getumel als sonus bezeugt (s. u. 1 a). beide worte haben ihren bedeutungsbereich erweitert zu 'tumultus', vielleicht unter einwirkung des lat. worts, doch vgl. die entsprechende entwicklung von geschälle 3, teil 4, 1, 2, sp. 3832. ein bedeutungsunterschied zwischen simplex und kollektivbildung (so Petri bibelglossar [1523]: 'tümmel gethön, geschrey; getümmel ungestimb, auffrur' s. Frommanns zs. f. dt. maa. 6, 42 u. 44; vgl. auch Schütt Petris bibelglossar 47; Dauner d. obdt. bibelglossare d. 16. jhs. 135; 9) ergibt sich nicht aus den literarischen zeugnissen. in der schriftsprache hat sich durch und seit Luther die kollektivbildung durchgesetzt, vgl. teil 4, 1, 3, sp. 4572 getümmel I b. tummel und tümmel ist fast nur obd. bis zur mitte des 17. jhs. bezeugt (vgl. jedoch Th. Kantzow unten 1 b; J. H. Voss unten 2; schweizer. 19. jh. G. Keller s. u. 1 c; vgl. auch tummelgetose).
1)
sonus.
a)
von elementaren geräuschen, 'sausen', 'rauschen', auch 'donnern': alin gahis wart ein tumil und ein chradim von himele. do chom der heilige geist, und erschein den herin botin mit viwerinin zungin (12. jh.) specul. ecclesiae 80 Kelle (et factus est repente de caelo sonus, tamquam advenientis spiritus vehementis), vgl.getumele als übersetzung d. gleichen stelle ebda 86;
davon (von einem see) man allzeit wunderbar
ein tümmel höret rauschen har
J. R. Rebmann naturae magnalia (1620) 171;
mundartlich 'donner' Autenrieth pfälz. 33; Schmeller cimbrisch 179, s. u. tummelschlag.
b)
von geräuschen, die durch instrumente, durch menschliche oder tierische stimmen, durch ungestüme bewegung von mensch oder tier hervorgerufen sind, oft von 2 'tumultus' schwer zu scheiden:
(Roland bläst sein horn)
ther scal wart sô grôz,
ther tumel unter thie heithenen thôz,
thaz niemen then anderen mahte gehôren
(anf. 12. jhs.) Rolandslied 6058 Bartsch;
so hebt sich in der stuben ein dümmel,
von stülen und bencken ein grosz gerümmel
(16. jh.) trunkenmette A 3;
on underlasz ... eileten die Teutschen der stat Rom zue, liessen ander stet underwegs unpekümmert unangefochten, ruckten für und für mit einem groszen geschrai, g'rümpl und tüml, schriern nur schlecht Rom zue Aventin 4, 320 Lexer; (überfall des Gideon) da ein solchs gerümel und tümel war, rumpleten die feind urbering (plötzlich) im schlaf auf, hörten ein solchs pusaunen und plasen und geschrai, sahen die liechter ebda 4, 178;
losz, heb still, ich ghör ein tümmel!
(1535) G. Binder Acolastus, s. schweiz. schauspiele d. 16. jhs. 1, 259 v. 2066 Bächtold:
nachdem nun das eisen genugsam gelitten,
kömmt wagner Franz vor die schmiede geritten,
er bringt mit sich der räder drei:
'die müssen flugs beschlagen sein!'
giebt wieder ein rummel, gemummel und tummel
wunderhorn, s. A. v. Arnim s. w. 14 (1846) 80.
im niederdt. einmal bezeugt: alse die lude nhu den tummel und wrinschent der perde horeden, wusten se nicht anders, jd weren ere hern hertoch Bugslaff und hertoch Casemir gekhamen (um 1540) Th. Kantzow chron. v. Pommern 43 Böhmer.
c)
vom leeren äuszeren schall, dem eine innere beteiligung nicht entspricht (vgl. geschälle 1, teil 4, 1, 2, 3832): disz volk êret mich mit den lefzen und maul, aber ir herz ist weit von mir, si êren mich vergebens mit menschentand, und nur weit von mir mit irem grumpel und tumpel. ir geigen und pfeifen will ich nit mêr hören Aventin s. w. 1, 190; nur weit hindan von mir mit dem grimpl und timpl deines plerren ebda 4, 61; damit wir uns selbs nit triegen mit unsern ... aufgeplasnen unnützen titl und nämen, lieblosem gefert, lären plossen worten, unandächtigem grimpl und timpl, ungotsforchtigem prangen und angenumer weis, welchs alles wir uns selbs fürgenomen und aufgesetzt haben ebda. 4, 59. 'leerer lärm und betriebsamkeit': sich hie, was ist der tummel aller örden anders, weder dasz sy anders leerend, weder gott geleert hat Zwingli dt. schr. 1, 324 Schuler-Sch.; hierher wohl im gedicht 'die zweifellosen', d. i. 'von sich überzeugten':
bei euch ist nichts als lärmendes geschiebe,
in wildem tummel trollt ihr euch herbei,
meszt aus und schlieszt den zirkel sonder scheu,
als ob zu hoffen kein Kolumb mehr bliebe
G. Keller ges. w. (1889) 9, 125.
2)
tumultus. lärmende bewegung, verwirrung, menschenauflauf, auch gefecht. das moment der bewegung ist mit dieser bedeutung des substanivs enger verbunden als mit der entsprechenden des verbs.: ich sihe wie der guͤtig her Jesus also gewaltigklich und graussamklich von den juden ist angefallen worden, mit so groszem geschray, tümmel und ungestümigkait jn angriffen, strick geworffen an seinen hayligen halsz, gebunden sein hayligen hend, also auff jn gefallen und getobt Keisersberg schiff d. penitentz (1514) 83ᶜ; iederman fiel in die götzen. man reisz sy ab den altär, wenden und sülen; die altär wurden zerschlagen, die götzen mit den axen zerschitet oder mit hämern zerschmettert; du hettest gemaint es geschech ain feldschlacht. wie war ein thümmel! wie ain gebrecht, wie ain tosen in dem hochen gwelb (1529) Kessler Sabbata 311 Egli u. Schoch; darzu verprenten sie unnsz auch 4 grosze schieff, welche auf ein halbe meil vonn unnsz auff dem wasser stunden. das folckh, so drauf gewesen unnd kein geschiz hette, als es solchen groszen tumeln der Inndianer sahen, flôch es aus diesen 4 schieffen in anndere 3, so nit weit darvon stunden und darinen geschiz war (um 1550) Ulr. Schmidel reisen 33 lit. ver.;
in solchem tümmel sich bereit
zur newen fart fraw Adelheit
(um 1550) Kasp. Scheit frölich heimfart v. 449 Strauch;
die braut iren breütigam fraget, was doch den morgen vor der kirchen für ein geschrey und tummel gewesen were (streit, hader) (1557/66) Montanus schwankbücher 11 lit. ver.; (bei einem tanz entsteht streit) yederman von läder gezuckt und frid gemacht. als solchs die mädlin gesehen, allsamen geflohen; dann sie geforcht, sie in solchem tümmel sterben müssen ebda 51; es seind schier mehr zertretten in selbem thümmel und zanck ... von jren eigen leüten und waffen, dann von feinden Pinicianus Scanderbeg (1561) 105ᵇ; (überfall des klosters durch soldaten) indeme würd man desz tummels in dem closter gewahr, schluog sturmb Seb. Bürster schwed. krieg 123 Weech. anders, 'gefecht': (1564) wir haben heut mer erfarn, weder (als) jch gestern im timel gewist, sonst het jchs dem statschreiber auch anzaigt Seb. Schertlin briefe an d. stadt Augsburg 167 Herberger. vereinzelt 'lärmende geselligkeit': (gedicht 'die häusliche')
mir freude des lebens
ist garten und haus.
man lockt mich vergebens,
ich gehe nicht aus.
im tummel da zwing ich
so dumm mich und stumm;
hier sing ich und spring ich
im garten herum
J. H. Voss s. gedichte (1802) 6, 43.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1952), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 1717, Z. 49.

tummel2, m.

²tummel, m.,
'rausch'. s. a. dummel teil 2, 1515; junges postverbale zu ³tummeln. lexikalisch bezeugt von Stieler (1691) 2361 bis Adelung 4 (1780) 1101 und Campe 4 (1810) 909; heute auf mundartlichen gebrauch beschränkt: Martin-Lienhart elsäss. 2, 684; Fischer schwäb. 2, 452; Strodtmann Osnabrück 253; brem.-nieders. 5, 128; Müller-Fraur. obers. 1, 261. literarisch: im 17. jh. zuerst und sehr häufig belegt, auch im 18. noch lebendig; 'rausch' (vgl. tummelchen (3) und tummelein): sind wir früh vor 4 uhr aufgestanden, da uns dann die köpfe von dem vergangenen tummel schwer und unlustig gewesen (1627) Z. Allert tagebuch (1887) 15; Grimmelshausen 2, 216; 406 Keller; bei vollem sadtem bauch und halben tummel gibts schlechte meditationes Joh. Schmidt christl. gott wolgefäll. busz (1671) 206; er bekam einen tummel im kopff und schlieff sanfft darauff F. F. v. Troilo oriental. reisebeschr. (1676) 564; sie sein von dem gestrigen tummel so eingenommen, dasz sie nicht eher ein auge aufthun können, bis die nacht wieder heran kommet S. v. Butschky rosenthal (1679) 1101; della Valle gestehet, dasz er so bezecht gewest ... dasz er auf keinem fusz stehen können, also, dasz er sich an die stricke desz zelts anhalten müssen. endlich vergieng ihm der tummel ein wenig, dasz er wieder gehen und auf sein pferd steigen können E. Francisci lufft-kreis (1680) 248; soldaten, die lieber haben tummel als trummel, sind nichts nutz (1680) Abraham a s. Clara w. 1, 155 Strigl; vgl. Judas der ertzschelm (1686) 1, 88; 4 (1691) 306; etwas für alle 2 (1711) 735; frantzös. Simplicissimus (1683) 1, 79; Michael Kautzsch d. polit. u. lust. tobacksbruder (1684) 177; Lolivetta das teutsche gespenst (1684) 211;
steh auf und komm ins haus
da schlaff den tummel aus
Chr. Weise überfl. gedancken (1692) 2, 204; liebesalliance (1708) 57;
Tranio trunck seiner Sorellen so offte zu gefallen, dasz er einen halben tummel bekahm Celander verliebter student (1713) 1, 129; neue schauspiele (1771) 12, stück 4, s. 35; spukereien des teufels (1788) 22; redensarten, womit die Deutschen die trunkenheit einer person andeuten ... er hat einen tummel Lichtenberg verm. schr. (1800) 3, 38; Körte sprichw. (1837) 529. vereinzelt mit erotischer färbung:
haben wir uns nicht zuletzt
erst ergetzt,
und den tummel ausgelassen?
als wir neulich, weiszt du wo?
auf dem stroh
adams-äpfel aszen
Günther gedichte (1746) 913;
von Stefan George wohl aus der ma. übernommen:
ihr fahrt in hitzigem tummel ohne ziel
ihr fahrt im sturm ihr fahrt durch see und land
stern des bundes 36. —
offenbar gelehrte konstruktion nach tummeln B 3 ist die nur von Stieler bezeugte bedeutung vexatio, exagitatio, insectatio, vexamen stammbaum (1691) 2361, vgl. u. tummelung.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1952), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 1720, Z. 1.

tummel3, m.

³tummel, m.,
bergmännisch: runde, gewölbeartige erweiterung der strecken bei dem sogenannten tummelbau, s. d.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1952), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 1720, Z. 59.

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Zitationshilfe
„dummeln“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/dummeln>, abgerufen am 01.08.2021.

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