Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

durchschauern

durchschauern,
wie durchschaudern.
1.
innerlich bewegen, zumal freudig. das gefühl das mich beim anschauen ihrer himmlischen schönheit durchschauerte Wieland 8, 384.
als du von wonneleben
durchschauert, mich umfiengst
und fest an mir, wie reben,
am ulmenstocke hiengst
Blumauer Gedichte (Wien 1782) 54.
gottes nähe durchschauert mich
Schubart.
o gott, an meiner Mira brust
durchschauert mich die fromme lust
Bürger 12ᵃ.
und vorgefühl des bessern lebens
durchschaur ihn, sanft herabgethaut,
wer durch die nacht voll heiszes strebens
empor zu unserm (der sterne) reigen schaut
Voss 4, 145.
ewig bräutlich keuscher kusz!
wenn jeder augenblick mich durchschauert,
was soll ich fragen wie lang es gedauert!
Göthe 5, 265.
das wetter ist recht zu mir gestimmt, und ich fange an zu glauben dasz die witterung in der ich immer lebe auch so den immediatsten einflusz auf mich hat und die grosze welt meine kleine immer mit ihrer stimmung durchschauert ders. an frau v. Stein 1, 96.
lasz bergeslüfte froh dein herz durchschauern,
und sie verwehn dein ungerechtes trauern
Lenau Faust 7.
2.
mit schrecken, mit grauen erfüllen. in einzelnen stellen erstrebte sie (die schauspielerin) kraft, ja zuweilen durchschauerte sie das herz durch züge der leidenden natur Sturz 1, 95.
wenn ihr, von dem gefühl des elends noch durchschauert,
mit einem leidenden getrauert
Gotter 1, 24.
sie, bei dem anblick,
starreten auf, und alle durchschauerte bleiches entsetzen
Voss Ilias 8, 77.
jener sprachs, und den greis durchschauerte banges entsetzen
24, 358.
die glocke tönt, die fürchterliche,
durchschauert die beruszten mauern
Göthe 41, 103.
jetzt flammenroth, jetzt, vom nahenden geschick
durchschauert, bleich wie eine büste,
stürzt in den innern hof, und, wahnsinn in dem blick,
besteigt sie das entsetzliche gerüste
Schiller 45ᵇ.
geschreckt durch den zusammenlauf der menge,
durchschauert von dem gräszlichen gerücht,
stürzt Anna halb entseelt durch das gedränge
46ᵇ.
sammeln sie
erst ihre geister, dasz sie ruhiger,
nicht in so grauenvollen bildern die
mein innerstes durchschauern, mir erzählen
293ᵃ.
will mich reue nun zu spät durchschauern?
Rückert Ged. 349.
unpersönlich. es durchschauerte mich stäts so etwas von erhabenem dichter- und landstreicherfieber v. Holtei Vierzig jahre 2, 132.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1858), Bd. II (1860), Sp. 1663, Z. 72.

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Zitationshilfe
„durchschauern“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/durchschauern>, abgerufen am 17.01.2022.

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