Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

dutte, f.

dutte, f.
scheint ursprünglich eine röhre zu bezeichnen, ist aber in sehr verschiedene bedeutungen übergegangen, die in der volkssprache und in mundarten vorkommen, aber in der schriftsprache zurückgedrängt sind, wo man das wort nur für papierdute gebraucht. auch in der bedeutung von mamma, im gemeinen leben die häufigste, wird es dort gemieden; schon in Luthers bibel findet man es nicht. es wird (Gesch. der sprache 404) mit dem goth. daddjan säugen in verbindung gebracht.
1.
brustwarze, aber auch die ganze brust, zumal die weibliche, die mutterbrust; seltner bei thieren, wo man lieber euter sagt. zunächst sind die verschiedenen formen anzuführen.
a.
ahd. tutta tutti schw. f. tutto m. mamma, papilla Graff 3, 381. mhd. tutte tute schw. f. Ben. 3, 154ᵇ. tutti vocab. optim. 12ᵃ. dutte, mamma Dasypodius 106ᵇ. dütte, weibs dütte 317ᵈ. 483ᵃ. tutten pl. mammillae Voc. incip. teut. yᵃ. dutte mastos, papilla Serranus Synonym. 54ᵇ. die dutten oder warzen an den euteren Henisch 780. dütte mamma Schottel 1307ᵃ. dutte euter, brust Henisch 780. deute dütte uber Stieler 311. dutte uber Frisch 1, 313ᵇ, brustwarze Steinbach 1, 312. dutte brustwarze und weibliche brust Schmid Schwäb. wb. 148. mutterbrust Frommann Mundarten 2, 49. tutta totta weibliche brust Tobler 142ᵇ. dütte mamma Schütze Holstein. idiot. 1, 274. dutln pl. grosze weibliche brüste Castelli Östreich. wb. 118.
b.
dutten m. ein dutten mamma Dasypod 127, der daneben dutte dütte und dutt anführt. duthen mamma, uber, brust Eychmann Vocab. pred. P v. Diefenbach Gloss. lat. germ. 345ᶜ. duͦtten das. dutten Schönsleder L 5. Schmeller 1, 405.
c.
dutte n. das dutte, tutti brustwarze und weibliche brust Stalder Schweiz. idiot. 1, 333.
d.
gekürzt, tudt mamilla Vocab. theut. (1482). tutt mamma Vocabula rerum ex promptuario Joh. Piniciani (1521). mamma ein dutt brust, uber est pecudum Dasypod. 288ᶜ. dütt Frischlin Nomencl. 125.
e.
ahd. deddi mamma Graff 5, 382. titte mamma Voc. ex quo bei Diefenb. Gloss. lat. germ. 345ᶜ. Schottel 1307, titte papilla Brem. wb. 5, 57, Frommann Mundarten 2, 207. brustwarze und brust Outzen Ostfries. wb. 358. Stürenburg 283ᵃ. Bernd Sprache in Posen 316. dithen mamma Diefenb. 345ᶜ. diti niedliche frauenbrüste Castelli Östr. wb. 118. tit titt brustwarze und brust Stieler 2631. Schütze Holstein. idiot. 4, 262. Frommann Mundarten 4, 359. niederl. tuite Kilian. ags. tit, engl. teat tit. vergl. ahd. tila tili tilli Graff 5, 397. 398. im dänischen ist di, die die muttermilch.
f.
zitze f. zitz m. mit dem zischlaut erscheint zuerst im 15ten jahrhundert. ciczenwarz Vocab. ex quo (1414) Diefenb. 411ᵃ. czicze mamma das. 345ᶜ. czeczin Twingeri glossaria (15. jh.) Diefenb. 345ᶜ. brustzitze prustlein mamilla mamma Voc. theut. 1482 c 3ᵇ. z 8ᵃ. das weitere unter zitz zitze. In dieser bedeutung ist das wort alt und weit verbreitet, griech. τίτθη und τιτθός, span. portug. prov. teta, franz. tette tetin teton, ital. zitta cizza zezzolo, sard. deda ddedda, bask. titia ditia, bret. tez, kymr. titten didi, ungar. tsets, ehstn. tis, groszpoln. didi didek, poln. cyc, böhm. cecek cecyk
und maneger unliutsælic lîp
mit gerumpfen wange,
dutten weich und lange
Heinrich v. Neuenstadt Apollonius 18024.
ein munch on kutten,
ein jungfrau on dutten
Keller Alte schwänke nr. 6. s. 15. Fastnachtsp. 695, 7.
unmöglichkeiten werden aufgezählt,
diu wilt nachtigal
mit so langen tuten
Liedersaal 2, 385, 13.
und wolt alle schlupflocher auswaschen,
einer jeden umb die tutten naschen
Fastnachtsp. 144, 3.
die allergrost schweinsmutter pring,
darunter sie sich schmiegen all:
saug jeder ein tutten mit schall
184, 24.
was heuer von meiden ist uberblieben und verlegen,
die sein gespant in den pflug und in die egen,
das sie darinnen ziehen muszen
und darinnen offenlich pueszen
das sie sein kumen zu iren tagen,
fut ars tutten vergebens tragen
247, 11.
schlag auf (sagt eine alte) und lasz tanzen und springen,
so will ich zwen lang tutten her swingen,
die will ich noch heuer eim schäfer geben
738, 31.
die (ärzte) kunnen mit bewerten sachen
die langen tutten kürzer machen
751, 7.
zwen grosz tutten Steinhöwel 110 (1487). sphinx ist ein wunderthier in Morenland usz der affen geschlecht mit brunem hare und zweien dutten S. Brant bei Steinhöwel 157ᵇ. Eyering 3, 57. bi Hercule, erst ist sach das sie den ersten dutten geben hat Terentius tutsch 180ᵇ. wir fürchten der häut (der schläge), wöllen ehe ewig kinder sein und den dutten saugen S. Frank Trunkenheit B iijᵃ. feiste weiber mit groszen langen dutten seind hoch bei ihn geacht ders. Weltbuch 213ᵃ. dieweil sie im den ersten dutten geben hat, so ist dessen kein zweifel, es sei billig das sie frei geben wird Val. Boltz Terentii comedien 151ᵇ. die drachen haben ir tutten dargereicht und gesäugt ire wölfen (jungen) Reiszner Jerusalem 1, 123ᵃ. die gottin mit den vil dutten (Diana von Ephesus) Aventin Chronik. sie (die magd) war feist als ein schwein, niders leibs, ubel genug geformieret, mit zweien groszen dutten, dem mistkorb gleich Boccaccio 2, 21ᵇ. vor die langen hangenden dütten, nimm sinnaukraut und lege es über die brüst Tabernämont. 250. secht, mutter, der dütten wird bei Fischart ein spiel genannt Garg. 165. das weiblin hat dutten und milch die jungen zu säugen Forer Fischbuch 93ᵇ. die betrübte mutter legte das kind an die duten dieses wilds (der hirschkuh) und liesz es so lange saugen bis es wieder kraft bekam Genovefa von Simrock 406. der dutten schwindt descendit Schönsleder L 5. der dutten geht herfür schwillt an das.
mit dicken dutten stäts mildreich
Weckherlin 829.
wir (männer) werden nicht geboren
mit dutten als ein weib, darmit die brust uns frei
zum schild und beide hand im fechten leichter sei
Opitz 1, 100.
er segnet euch, ihr lämmerlein,
mit gleichen brustgenossen:
er quellet auf die dütten rund
Spee Trutznachtigal 195.
die erstgeborne saw saugt den ersten dutten und so fort die ander den andern Lehmann 210. ein alte schweinsmutter ferkelt, nach deme sie dutten hat, zwei oder wol drei mal Hohberg 3. 1, 65ᵇ. die groszen tutten melken Ehe eines mannes 22. dütte geben die brust reichen Rädlein 209ᵇ. dutte dütte vaccae uber Stieler 311. gesäuge heiszen die dütten oder zitzen einer hündin, luchsin und dergleichen raubwildpret C. v. Heppe Leithund 344. een swaren titt eine schlimme brust an der das kind nicht leicht saugen kann Schütze Holstein. idiot. 4, 263. upn titt uutdoon ein kind auszer haus zu säugen hin geben das. 262. vonn titt kamen entwöhnt werden das. dutte sauggefäsz, saugglas, das die mutterbrust ersetzen soll, künstliche brustwarze Schmeller 1, 405. zuzglas Reinwald Henneb. id. 2, 150. tittebusse (dutebüchse) Brem. wb. 5, 75. so auch schwäb. dützel m. saugbeutel Schmid 146. bildlich. selig ist der mensch der nicht an dem dütten der sünden sauget, sunder sich davon wendet, als Moyses thet. Moyses der wolt die amm nit sugen, die nit von siner art (eine heidin) was Keisersb. S. d. m. 32ᵇ. von den dütten und brüsten menschlicher weisheit S. Frank Baum des wissens 135.
2.
papierdutte, ein trichter- oder keilförmig gedrehtes, aber auch platt zusammen gelegtes, unten zugespitztes papier, um trockne, aus einzelnen stückchen bestehende sachen z. b. gewürz hinein zu thun, cucullus; s.deute. dütte ditte diete deite Steinbach 1, 276. 311. titte Bernd Sprache in Posen 316. tutte düte teute Hupel Liefl. id. 248. dott in der Wetterau. tute düte wie die kramer machen Schottelius 1436. tute ein papiernes unten spitz zusammen gedrehtes krämerhäuschen Brem. wb. 5, 134. dän. krämerhuus und tut. Fries 348ᶜ übersetzt cucullus ein papirinhörnle, wie es die pulferkrämer machend, pulferheusle, gscharnützte (bei Stieler scharmützel 1251), ebenso im niederl. papierhuisje papierhäuschen Kramer 59. Alberus Diction. novum (1540) yy führt an dott cucullus, sonst aber kommt das wort in dieser bedeutung erst im anfang des 17ten jh. vor und ist immer ein femininum; vergl. Schmeller 1, 405. da die papierdutte mit ihrer spitze einer vollen brust mit der brustwarze gleicht, so ist das wort vielleicht hier bildlich zu verstehen, auch nennt man im niederdeutschen falsche brüste papiertitten. Laurenberg sagt
eene van de jumfern moet sik schemen noch,
eere papiertitten seeten nig rechte fast (fest),
als se sik eenmal bögede mit der hast (eilig bückte),
klak! da fillen eer beide titten up der erde.
von einer gemeinen dirne,
dog, ik will noch meer verraden
wo't ju feelt und sitt,
falsche liever, falsche waden
un en pappen titt.
doch kann man auch, wie Stieler 311 und nach ihm Frisch (1, 213ᵃ) die papierdute von der gestalt eines düthorns ableiten, womit sie ähnlichkeit hat, zumal man im franz. cornet de papier sagt. man dreht, man leimt eine dute. etwas in eine ditte thun Steinbach 1, 276. man hat krämerduten, apothekerduten, pfefferduten, würz- gewürzdüten Frisch 1, 213ᵃ, gelddüten das. eine dutte gelts Henisch 780. Stieler 311.
wir wollen einen riesz des schönen buchs verschreiben,
denn an den tütten ist ein groszer mangel da
Günther 513.
so lasz die krämer nicht mein lied zu düten nehmen
Zachariä Renommist 1, 129.
auch Bukos (von Halberstadt) geist,
der stadtprophet,
der unsre guten
stadtkindelein
aus groszen tuten
voll mandeln speist
Kl. Schmidt Poet. briefe 50.
die aufgabe muste in bestimmter zeit fertig sein oder man trug zur strafe eine gewaltige tute als grenadiermüze auf dem haupte Voss Vorrede zu Höltys ged. 18. es wäre nicht zu lesen von menschen, wollt ich allen den seidenwurmsamen von nouvellen biographisch ausbrüten, grosz füttern und abhaspeln, den mir das gesandtencorpo posttäglich in festen düten schickt J. Paul Titan 1, 64. so hab ich oft gewünscht nur eine düte voll sonnenstäubchen aus der sonne vor mir auf dem tische zu haben 1, 136.
droguisten sah ich hier, materialisten,
die falsche düten auf der wagschal wogen
J. D. Falk Elysium u. Tartarus 1806, beil. 1.
bildlich. in Holstein tragen die mädchen das haar im nacken zum kopf hinauf in eine dute auf einen gespitzten berg zusammengedreht unter einer deshalb hochstehenden mütze, die haartüt heiszt Schütze Holstein. idiot. 4, 290, niederl. haartuit haarflechte. seine schwarzlederne beindüten hosen J. Paul Siebenkäs 1, 144. im niederdeutschen wird eine art spitzen, die so gezackt sind dasz sie einige ähnlichkeit mit dem euter der ziegen haben, zegetitten genannt Brem. wb. 5, 310.
3.
im allgemeinen, was spitzig ausläuft, kegelförmig ist.
ein bettziech hat vier dutten zipfel Ambras. liederb.
140, 68.
im braunschweigischen dute pflock, zapfen Brem. wb. 1, 277. tute tutenschnecke kegelschnecke conus, die kegelförmig eingerollt ist Nemnich 1, 1164. an der nase der kinder hangender rotz Schütze Holstein. idiot. 1, 274.
4.
in vergleichung mit der runden brust oder der angefüllten papierdute wird der mohnkopf öldute genannt, in der Wetterau oledute Weigand, bei Alberus im Diction. yy scapus ein olen dott. ein gleiches gilt von der gelben seeblume nymphaea lutea, seine blätter liegen oben auf dem wasser, haben eine gelbe blume, darausz wird ein grüne dotten, gleich dem magsat (mohn), darinnen ist sein same Lonicerus 213ᵃ, vergl. düttlein 2. eine art groszer trauben, kitzlin dutten bumastus Henisch 780. auch dotter gehört wol hierher.
5.
was ungeordnet in runden haufen liegt, wie zwirn, zeug, wäsche Schütze Holstein. idiot. 1, 274. Groth Quickborn 323. ein haus in ruinen liegt in dutt oder dutten das. in dutten sitten, liggen zusammengekauert das.
6.
röhre, zumal eine solche durch welche wasser oder flüssigkeiten sich ergieszen, wie im lateinischen mamilla auch eine kleine röhre bedeutet, nordfries. tütt Outzen 370, niederl. tuit röhre, pfeife, isl. tuda, schwed. tut spitze, schnauze, röhre, sprachröhre Frommann Mundarten 3, 544, dän. tud; vergl. dille oben 1150. dutte ein brunnenrör Dasypod. 106ᵇ, zeite in Niederhessen. vergl. dutlein 3. tute ein hölzerner trichter Brem. wb. 5, 134. in Ostfriesland tüt die gieszröhre an einem schenkgefäsz Frommann 4, 359. niederl. een kan, een pot met een tuit, tuitkan, dän. tudekande, teute die grosze kanne, womit die weinküper die fässer auffüllen Brem. wb. 5, 57. töte eine hölzerne bierkanne Strodtmann Idiot. osnabrug. 249. tote Kilian. was die form einer röhre annimmt, dutten f. geldrolle Schmeller 1, 405.
7.
im niederdeutschen auch die form des mundes beim küssen, ostfries. tût Frommann 4, 358. daher düt dütj düttj m. der kusz Groth Quickborn 322. dütjendans der tanz nach dessen ende der tänzer seiner tänzerin einen kusz zu geben verbunden ist Schütze 1, 274. s.dutten 2.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1858), Bd. II (1860), Sp. 1768, Z. 44.

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Zitationshilfe
„dutte“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/dutte>, abgerufen am 06.07.2020.

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