Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

E

E,
ein unursprünglicher, darum auch schwankender, unbestimmter vocal, der in unsrer sprache allzusehr um sich gegriffen und ihren wollaut beeinträchtigt hat. wenn im gothischen sechs, zehn, zwölf silben hintereinander das reine, kräftige a zeigen, z. b. afar tvans dagans; vas manna habands ahman; ahak atgaggandan ana ina, drängt bei uns in eben so viele sich das dünne, blasse e. schon mhd. sind wörter wie edele, betelete, begegenen, gemegenet, erdenete unselten, phrasen wie dem lebene ergeben; der werlde gewerldet wesen; des engels bete entwerte; regenender nebel; eʒ enwelle denne der engel beʒʒer wesen; allere dere ende dere erde und in dem mere verrene häufen den mageren laut. heute aber findet sich ohne mühe zusammen: recht eben gelegene stelle; er segnete den genesenen elenden menschen; eben erst errettete er den edlen, den rechten erben Eberhart; dem nebenmenschen ehre geben; des engen weges gelegenes ende entnehmen; des menschengeschlechtes ende erleben; vergebens, er endete erst den letzten jenner. solche eintönigkeit ist kaum in andern zungen möglich, war auch der deutschen ehmals fremd. wahr ist, gemindert und ermäszigt wird sie durch tonfall und durch vielfach abweichende färbung der verschiednen elaute, was dem auge zu verschwimmen scheint, scheidet sich in der aussprache. umgekehrt hat die schrift häufig zu viel unterscheidungsmittel unfolgerichtig angewandt, wodurch schreibung und aussprache noch verworrener geworden sind. einen undeutschen erkennen wir vor allem daran, dasz er der abstufungen unseres e selten mächtig ist. hinzutritt, dasz der abstand des mhd. î von ei uns verloren gieng und beide in einförmiges ei verschwommen. Ickelsamer A 6ᵃ lehrt das e, wie das a, mit dem athem und niedergedruckter zunge aussprechen, er sagt, disen laut geben die geisz und schaf in irem geschrei; das kann aber blosz auf ein breites ä bezogen werden, wie die gr. βληχή weist, wenn schon wir das geblök mit ö ausdrücken. Unbetontem e können alle möglichen vocale, kurze wie lange zu grunde liegen, ohne dasz ihr unterschied irgend nachklingt; die folgende betrachtung hat es nur mit dem betonten laut zu thun. Er ist wesentlich aus zwei alten lauten, dem a oder i entsprungen und darauf beruht seine hauptverschiedenheit. beiden e müssen vermittelnde diphthongische laute vorangegangen sein, die sich durch ai und ia ausdrücken: nachtretendes i lautete den vocal a in e um, nachtretendes a brach das i in ë, folglich stehen e und ë einander gerade entgegen, was auf die aussprache einwirken muste. in der des e ist ein nachhall von dünnem a, in der des ë einer von dünnem i, deshalb habe ich für letzteres den doppelpunct eingeführt, er zeigt den gebrochnen ilaut an, seinen gegensatz durch etwas anderes als das blosze e hervorzuheben wäre unnöthig. *) Diesen unterschied zwischen e und ë erkennen alle mhd. dichter an, indem sie beide nicht aufeinander reimen, ein paar ausnahmen abgerechnet; gramm. 1, 132—140 steht die ausführung des ganzen verhalts. aus unsrer heutigen, die reinheit der reime wenig beachtenden dichtkunst kann für den richtigen laut nichts entnommen werden, die aussprache hat jedoch den unterschied vielfach bewahrt. man halte wörter wie heben, legen, überlegen perpendere, regen movere, bewegen incitare zu andern wie eben, geben, gelegen positus, überlegen superior, regen pluvia, wegen viis; jene sind umgelautet, diese gebrochen, kein mund, kein ohr wird sie hochdeutsch vermischen. alle der reihe heben sind aus a, alle der reihe eben aus i entsprossen, legen ist das goth. lagjan, gelegen ist galigan. Es fällt schwer das lautverhältnis anders als durch vergleichung auszudrücken, beide vocale klingen dünn und kurz, das erste e gedämpft, das zweite etwas kräftiger, im umlaut erscheint die macht des vocals geschwächt, die brechung hat sie ihm mehr gelassen; da laut und farbe einander innig berühren, liesze sich sagen, dasz in e blau dem weisz, in ë weisz dem gelb zutrete. den ganzen unterschied wird die reinere mhd. sicherer als die oft verdorbne nhd. aussprache bewähren. Gefährdet hat diese vor allem verunstaltender schreibgebrauch; auszer dem einfachen e sehen wir das dehnzeichen eh, die verdoppelung ee und die umlautbezeichnung ä, ja ö angewandt, wiederum dem ä zuweilen gedehntes äh verliehen.
1)
einfaches e haben
α)
für mhd. e: hebe tollo; flegel tribula; frevel protervia; fege mundo; gegen contra; lege pono; rege incito; bewege moveo; schlegel tudes; hechel pecten lini; edel nobilis; rede sermo; esel asinus; elle ulna; geselle socius; schnellen protrudere; schwelle limen; schwellen inflare; stellen ponere; schwemme diluo; henne gallina; kenne nosco; nenne nomino; renne cursito; tenne area; becker panificus; blecke nudo; decke tego; hecke sepes; ecke angulus; lecke lambo; recke extendo; schrecke terreo; schmecke gusto; schnecke cochlea; stecke figo; wecke evigilo; steppe acu pingo; bette lectus; kette catena; klette lappa; lette argilla; rette servo; vetter patruus; wette sponsio; betzel calantica; bletze sarcio; ergetze rependo; hetze venor; letze laedo; netze rete; netze rigo; pfetze vellico; quetsche quasso; setze pono; wetze acuo; besser melior; essich acetum; Hesse Chattus; elb genius; Elbe n. fl.; held heros; eltern parentes; schmelze liquefacio; stelze fulcrum; welsch gallicus; gerbe paro corium; verderbe perdo; erbe heres; herbst autumnus; werbe exsequor; mergel argilla; merke noto; werder insula; merz martius; kerze lucerna; fremde peregrinus; hemde indusium; emsig assiduus; enge angustus; engel angelus; hengst equus; menge multitudo; menge misceo; senge aduro; sprenge spargo; stengel caulis; enkel nepos; schenke pincerna; schenkel femur; senke mergo; schlenkere motito; bendel ligamen; behende agilis; ellend exsul, miser; sende mitto; verschwende perdo; wende verto; mensch homo; lenz ver; hecht lucius; beste optimus; nestel vitta; fest firmus.
β)
für mhd. ë: schel strabus; her huc; schere tondeo; bebe tremo; eben planus; eber aper; gebe dono; lebe vivo; leber hepar; nebel nebula; rebe vitis; strebe nitor; schwebe vagor; schwefel sulphur; tref ictus; degen gladius; gelegen positus; pflege soleo; regen pluvia; segel velum; steg via; weg via; fleck macula; zweck cuneus; becher poculum; blech bractea; breche frango; Lech n. fl.; pech pix; spreche loquor; steche pungo; frech protervus; zeche ordo; heher pica glandaria; geschehen fieri; sehen videre; zehen decem; leder corium; ledig vacuus; feder penna; gebet oratio; bret asser; meth mulsum; trete calco; wetter tempestas; des, dessen; es id; wes, wessen cujus; besen scopa; lese lego; genese sanor; wesen essentia; belle latro; fell cutis; hell clarus; quelle fons; quelle scaturio; schnell celer; schwelle turgeo; welle unda; ebbe recessus maris; neffe nepos; treffe ferio; schmer adeps; sper hasta; queck vivus; speck lardum; esse edo; esse fumarium; vergesse obliviscor; messe metior; gesessen sede locatus; sessel sella; helm galea; schelm nequam; selb ipse; gelb flavus; helfe juvo; welf catulus; befehle für befelche jubeo; feld campus; geld pecunia; vergelte rependo; selten rarus; schelte increpo; welt mundus; zelt tentorium; pelz pellis; schmelze liquefio; fels saxum; perle margarita; Bern n. urbis; fern longinquus; gern lubenter; stern stella; verderbe pereo; kerbe incisura; scherbe testa; werbe operor; werfe jacio; berg mons; berge celo; zwerg nanus; werk opus; zwerch obliquus; erde terra; herde grex; herd focus; werde fio; Berta n. pr.; schwert ensis; werth dignus; herz cor; schmerz dolor; ferse calx; gerste hordeum; senf sinapi; knecht servus; recht jus, justus; schlecht pravus; specht picus; fechte pugno; flechte plecto; sechs sex; wechsel vices; gestern heri; nest nidus; schwester soror.
γ)
für mhd. æ in schere forfex; schwer gravis; selig beatus.
δ)
für mhd. ê in echt = êhaft.
2)
dehnendes eh ist von beschränktem umfang und erscheint (auszer in weh malum, ehe conjugium und sehen videre) lediglich vor liquiden,
α)
für mhd. e: sehe video; dehne tendo; sehne desidero; wehre defendo; zehre consumo.
β)
für mhd. ë: hehle celo; kehle gula; mehl farina; stehle furor; nehme capio; entbehre careo.
γ)
für mhd. æ in fehlen, genehm und mehr libenter. s. untereben adv. 9.
δ)
für mhd. ê in eh, ehe, weh, ehre, hehr, kehren, lehren und sehr, mehr magis.
3)
ä wird geschrieben
α)
für mhd. e: quäle crucio; schälen cutem exuere; schälchen scutella; gräme maerorem offero; grämlich morosus; dänisch danicus; stäbe baculi; schläge ictus; nägel ungues; mägde ancillae; täglich diurnus; erträglich ferendus; bäche rivi; dächer tecta; lächle subrideo; lächerlich ridiculus; schwäche debilito; ähre spica; fädmen filum immittere; pfäde semitae; schädel cranium; blätter folia; glätte laevitas; stätte locus; gläser vitra; hämmern malleare; kämmen pectere; schwämme fungi; tännen abiegnus; äffe ludibrio habeo; äpfel poma; näpfe patellae; donnerkläpfe tonitrua; säcke sacci; geschmäcke gustus; sächelchen recula; ätze cibo, rodo; plätze loci; schätze thesauri; älter senior, fälteln plicare, bälge folles; schälke veteratores; bänke scamna; schwänke nugae; tränke potu reficio; brände titiones; hände manus; wände parietes; kränze serta; tänze choreae; kräfte vires; schäfte scapi; wächsern cereus; wächst crescit; sächsisch saxonicus; gäste hospites. schon 1, 4 wurde angemerkt, dasz fühlbarer umlaut die schreibung ä erlangte, ungefühlter dem alten e treu blieb.
β)
seltner für mhd. ë: bär ursus; gebären parere; schämen pudore affici; rächen ulcisci; erwägen perpendere; dämmern dilucescere; käfer scarabaeus. die Schweizer, zumal Maaler verwenden dies ä weit häufiger und schreiben äber aper, läben, läsen, wäsen u. s. w.
4)
äh nur einigemal, wie eh vor liquiden.
α)
für mhd. e: wählen eligere; zählen numerare; fährt proficiscitur; nähren nutrire; lähmen debilitare; zähmen domare; zähne dentes.
β)
für mhd. ë: gähren fermentescere; währen praestare, durare; gewähren concedere.
5)
ö nur für mhd. e, nicht für ë: schwören jurare; zwölf duodecim; hölle inferi, orcus; schöpfer creator; schöffe scabinus; löffel cochlear; blöken balare; blöcken nudare; kröte bufo; göttling = mhd. getelinc, alts. gaduling; löschen exstinguere; ergötzen oblectare. im 16. 17 jh. häufiger, man schrieb auch böck pistor, böre bacca, mör mare, mönsch homo, doch ist erlöschen exstingui = lëschen.
6)
doppelt ee, gleichfalls selten: klee, see, schnee; beere bacca; heer exercitus; meer mare; beet area. dies ee wurde dem für mhd. langes æ in leer, scheere gebrauchten nachgeahmt. schweer wich bald der schreibung schwer, obschon hier das ee erträglicher wäre als in heer und meer. neben heer dauert die alte einfache kürze in herberge und herzog. vgl. EE. Jedem sprachkenner leuchtet ein, dasz die unter 2—6 aufgeführten schreibweisen fehler waren und wo möglich zu verwerfen sind, nur die erste bleiben darf, woraus wieder einstimmung mit dem mhd. und ursprünglichen lautverhalt entspringen und dann die klarheit vieler wortformen nicht länger schmählich getrübt erscheinen würde. denn so widrig die schwankende, unsichere schreibung selbst ist, verwöhnt sie auch das auge und wirkt schädlich auf die aussprache. vom ö in hölle werden glaubenseifrige theologen nimmer lassen wollen, und doch schrieb Luther durchgehends helle; gewöhnte man sich helle und hëlle (concentus, claritas), wie mhd. geschah, zu schreiben und zu sprechen, so wäre hier alles in ordnung und der anklang an die heidnische todesgöttin offenbar. wozu nutzt heer oder hör von her zu sondern, da sich her und hër (huc) auf dieselbe weise scheiden? ä würde noch eher für ë als für e taugen; statt e geschrieben hat es geradezu die echte aussprache verderbt, unzählichemal sieht man händen, wänden: wenden, enden gereimt, Schiller sagt von Tells pfeil 544ᵇ
entränn er jetzo kraftlos meinen händen,
ich habe keinen zweiten zu versenden,
und manche leser werden sich anstrengen senden anders zu sprechen als händen, das doch ganz denselben vocal hören lassen musz. hier ist der reim nicht falsch, sondern die schreibung. In schlecht (vgl. schlicht) und geschlecht (ahd. gislahti) war schon die mhd. aussprache verdorben, aber einem groszen haufen von unsern ä kam die gute aussprache des rechten e abhanden, z. b. älter sollte nicht anders lauten als eltern, wächst nicht wie wechsel, ja zuweilen verkehren sich beide laute, z. b. wenn sechs ein e, sächsisch ë erhält. Wie ahd. einigemal ei für e vorkommt (gramm. 1, 107) z. b. steiphim passibus, eincho agricola, einti finis, pflegt die schwäbische mundart e und i vor ng, nd oft gleich auszusprechen, selbst Schiller hat 217ᵃ menge : dinge; 1ᵇ menschen : wünschen (für winschen) gereimt. ganz aber widerstrebt es dem hochdeutschen e = ë in a überzugehen, wie plattdeutsch bare ursus, garste hordeum begegnen. Von der betonung ist hier keine ausführliche rede, doch zu sagen
1)
das mhd. gefühl der quantität in vorletzter silbe hat sich verloren, also auch jeder unterschied zwischen schwinden und haften des e der letzten silbe. statt des mhd. weln, wërn, finden, wërfen heiszt es mit überall bleibendem e: wählen, währen, finden, werfen, nur die dritte person des sg. und zweite des pl. pflegt das e aufzugeben, dem mhd. stil stilst stilt pl. stëln stëlt stëlnt entgegen steht nhd. stehle stiehlst stiehlt stehlen stehlt stehlen; in nehme nimmst nimmt nehmen nehmt nehmen sicherte die überladne schreibung mindestens den kurzen vocal i der zweiten und dritten sg. schlieszt die wurzel auf d oder t, so haftet auch in 3 sg., 2 pl. das e der letzten silbe: meidet, findet, waltet, schaltet, doch heiszt es gilt, hält für giltet, hältet, aber in 2 pl. geltet, haltet.
2)
die schwachen praeterita stoszen das e vor dem te aus, erscheinen also zweisilbig: dehnte, zähmte, nannte, heilte, salbte; nur wurzeln auf d oder t hegen es: ladete, schadete, hütete, flutete, röthete.
3)
verba auf el und er weichen ab von denen auf em und en. wandle wandelst wandelt pl. wandeln wandelt wandeln; wandre wanderst wandert wandern wandert wandern; widme widmest widmet widmen widmet widmen; ebne ebnest ebnet ebnen ebnet ebnen; d. h. erstere werfen das e vor dem l und r nur in 1 sg. ab, letztere aber vor m und l durchgehends. jene behalten es in allen übrigen personen und unterdrücken dann das e der flexion, während vor m und n das e der ableitung nirgends, das der flexion immer dauert. Hiernach sind flexionen der subst. und adj. auf el er em en nicht zu beurtheilen, denn wir sagen sowol hügel hügels dat. pl. hügeln; acker ackers äckern, als athem athems, segen segens, auch lieber ebene planities als ebne. adjectiva schwacher form setzen überall der edle, magre, ebne; des edlen magren ebnen u. s. w.
4)
dennoch ist unsre poesie und selbst prosa so unfrei nicht geworden, dasz sie nicht den umständen nach das ausgefallne e oft herstellen, das haftende, wo es ihr besonders zusagt, ausstoszen dürfte. die mhd. verhältnisse wirken vielfach nach, kein stiehlest, nimmest, gibest wäre statthaft, eher schon fährest und unbedenklich dehnest, nennest, heilest, liebest, salbest; schwerer dehnete, nährete als tobete, salbete. der conjunctivflexion wohnt noch neigung bei, das e der flexion zu hegen, dem liebst amas steht entgegen liebest ames, wie dem liebt amat nothwendig liebe amet. wer wird nicht im reim auf den andren auch setzen wandren und in gleichem fall wandlen statt wandern wandeln? wer nicht zwischen magren und magern, üblen und übeln können abwechseln? wiederum kann die volle form mit beiden e: begegenen, segenen, wo es noth thäte, zulässig sein. man hat nur zu beachten was regel sei und was ausnahme.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1859), Bd. III (1862), Sp. 1, Z. 1.

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Zitationshilfe
„e“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/e>, abgerufen am 02.04.2020.

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